Heiko Mell

Stellungnahme aus Arbeitgebersicht

Als Bewerbungsempfänger (-bearbeiter) teile ich Ihre Einschätzung zum formalen Aufbau der Bewerbungsunterlagen. Besonders teile ich Ihre Einschätzung in folgenden Einzelpunkten:

– Anschreiben 1 – 2 Seiten, fehlerfrei, lose beigelegt, einfacher Schrifttyp- im Anschreiben keine Bemerkung „Ich entspreche voll Ihren Anforderungen“

– Plastikmappe (mit durchsichtigem Deckblatt) in dezenter Farbe, keine dreiteiligen Pappmappen- kein zusätzliches Deckblatt

– Lebenslauf mit hervorragendem Foto, kein Computerbild

– Abiturzeugnis mit den Einzelnoten

– Lebenslauf, chronologisch, klar gegliedert

– Gehaltswunsch oder aktuelles Gehalt

– Noten aller bisher bewerteten Studienergebnisse

Für völlig verfehlt halte ich folgende Trends:

– CD

– Verweis auf Homepage, außer dort sind erstklassige Arbeitsproben hinterlegt

– 5 Schriftarten

– bunte Schriften

– handschriftliche Lebensläufe

– Anrufe

Weiter so.

Antwort:

Danke für die Klarstellung. Jetzt sind wir also schon zu zweit mit unseren Vorlieben.

Aber ganz im Ernst: Wenn man oft bis ständig Bewerbungen liest, dann kommt man früher oder später zu derartigen Einschätzungen.

Und: Mir wäre ja schon geholfen, wenn die Leute wenigstens die Anzeigen sorgfältiger – oder überhaupt – läsen, bevor sie sich bewerben.

Jeder neue Trend auf diesem Gebiet ist völlig sinn- und nutzlos. Ob das neumodische Papp-Falt-Klemm-Kreationen oder CDs sind, ob man sich eines Tages per Videoclip oder sonst wie bewirbt: Taugt das Neue, setzt es sich durch, alle machen es, wieder gilt: Man ist einer unter hundert anderen und muss von den Fakten her besser sein. Da die Stellen nicht vermehrt werden, steigen die Chancen des einzelnen Bewerbers absolut nicht. Und in der Sache gelten immer noch dieselben Auswahlkriterien.

Fazit: Wer etwas für seine Bewerbungs-Erfolge tun will, kümmere sich beizeiten um die Fakten. Ein gutes Examen hat seinen Wert, ein schlechtes wird nicht besser, wenn die Mappe auch noch Musik macht, in der die Geschichte präsentiert wird. Im Gegenteil: Ein „Ausreichend“ mit Beethoven ist eher doppelt peinlich – ein „Sehr gut“ mit den Beatles würde zwar dadurch kaum schlechter, aber auch nicht besser. Man bloß: „Gute“ Leute neigen nicht zu solchem Unfug. Sie sind einfach erstklassig, das reicht ihnen ebenso wie dem Leser.

Was der „Rest“ machen soll: Auch ständig danach streben, erstklassig zu sein. Oder sich um Positionen bewerben, zu deren Ansprüchen er (der Rest) wiederum erstklassig passt. Man kann halt nicht im ersten berufsrelevanten Drittel seines „Lebens“ beispielsweise faul und desinteressiert sein und dann im zweiten plötzlich zur Elite zählen wollen.

Frage-Nr.: 1695
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-13

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