Heiko Mell

Anruf, Mappe, was Sie sonst noch …

Meine Doktorarbeit ist fast fertig, der Bewerbungsprozess hat begonnen, und ich habe aus verschiedenen Quellen Informationen zusammengetragen, wie eine Bewerbung auszusehen hat. Dafür gibt es Seminare (kostenlose von einem Finanzdienstleister oder hier an der Uni), Bücher, das Internet und nicht zuletzt auch Ihre Rubrik.

Unter „Notizen aus der Praxis“ schrieben Sie dort kürzlich über unmotivierte Anrufe von Bewerbern (die denken, wenn dort eine Telefonnummer steht, muss ich auch anrufen) und über die sogenannte „Dritte Seite“ („Was Sie sonst noch von mir wissen sollten …“).

Beide Male dachte ich bei mir: „Kaufen Sie sich doch mal ein gutes Bewerbungsbuch!“ Gut, das ist nicht ganz ernst gemeint, aber in den Büchern von z. B. Hesse und Schrader, die offenbar auch die Grundlage zahlreicher Seminare sind, werden u. a. genau diese Dinge wärmstens empfohlen (des Weiteren werden auch die schicken, mehrfach aufklappbaren Bewerbungsmappen gelobt, über die Sie sich an anderer Stelle bereits lustig gemacht haben).

Angerufen und mit nichtigen Fragen belästigt werden Sie, weil es so in den Büchern steht bzw. in den Seminaren vermittelt wird. Denn so wird bereits ein persönlicher Kontakt zum Bewerbungsleser aufgebaut und (wichtig!) das Anschreiben beginnt dann mit der Grußformel: „Sehr geehrter Herr Mell, vielen Dank für das freundliche Telefonat am …“ – und Sie werden sich dann doch sicherlich an mich erinnern!

Warum erhalten Sie auf der „Dritten Seite“ tiefgründige Informationen über den absolvierten Töpferkurs und den zielorientierten, entscheidungsstarken Führungscharakter des Bewerbers? Die Tische der Personalabteilungen sind voll mit Bewerbungen – und man muss aus der Masse herausstechen. So steht es geschrieben …

Was ich nun von Ihnen will? Zum einen möchte ich mich bei Ihnen für den Einblick in die Ansichten eines routinierten Bewerbungslesers bedanken, zum anderen aber auch Ihr Verständnis für die Beweggründe der Bewerber wecken. Als erfahrenem Personaler sind Ihnen sicher die menschlichen Verhaltensweisen bekannt – und das Verhalten, es so zu machen wie alle bzw. wie es im Buche steht, gehört dazu.

Und jetzt denken Sie bitte nicht, gerade Akademiker sollten …, wir machen es ja doch nicht, das wissen Sie!

Gerade Bewerber in meiner Situation, zwar nicht vorbestraft, aber doch mit Fehlern im Lebenslauf (zu lange an der Uni gewesen), die sich zudem aus dem Mittelfeld des Leistungsspektrums heraus bewerben, wollen hier nichts falsch machen. Die „Dritte Seite“ hat mir auch Zahnschmerzen bereitet – aber einen Anruf mache ich eigentlich immer. Die Entscheidungsträger sind meist ohnehin nicht da, aber nun gut. Schließlich steht da eine Telefonnummer und dann wollen die auch angerufen werden (das hat man mir ernsthaft in einem Seminar so gesagt!).

Ihr Beitrag hat nun dazu geführt, dass ich darüber nachdenke, mein Bewerbungsverhalten zu überdenken. Keine Sorge, ich werde Sie nicht anrufen.

PS. Drucken Sie doch bitte eine Telefonnummer unter Ihre Beiträge.

Antwort:

Das – mit der Telefonnummer – fehlte mir noch. Dann hätte ich den ganzen Tag lang Anrufer mit kostenlosen Karriereberatungen oder „nur mal eine kurze Frage“-Auskünften zufrieden zu stellen. Leider ist es wie bei Ärzten, Rechtsanwälten und Steuerberatern auch: Jemand muss die fachliche Leistung und den zeitlichen Aufwand honorieren. Nicht einmal mein Installateur oder mein Anstreicher machen etwas „umsonst“.

Ich verstehe ja, dass bei einer gewissen Popularität des Fachmannes die Versuchung groß ist, den „nur mal eben“ am Telefon zu befragen. Meine schließlich gefundene Lösung hat sich hier als absolut praktikabel erwiesen: Solche Anrufe von privaten Interessenten sind möglich, aber auch telefonische Beratungen sind kostenpflichtig. Dafür gibt es vorher einen Termin und nachher eine Rechnung. Das funktioniert tadellos – und reduziert eine eventuell überbordende Nachfrage wirksam. Aber auch in diesem Beitrag, in dem ich ausnahmsweise einmal an der Grenze zur Eigenreklame entlangschramme, bleibt die Telefonnummer ungedruckt. Wer sie – im angerissenen Sinne – wirklich sucht, wird sie schon finden.

Zum Thema: Sie erleben hier – vielleicht erstmals im Leben – eine Spezialität, die es sonst gerade im ingenieurwissenschaftlichen Bereich nicht so oft gibt: Es existiert nicht nur eine Lösung eines fachlichen Problems, ja es gibt nicht einmal ein klares „Richtig“ oder „Falsch“. Noch schlimmer: Wir bewegen uns oft im Bereich der individuellen Geschmacksache – was dem einen Leser gefällt, erzürnt den nächsten.

Letzteres gilt für die Aufbereitung des Bewerbungsanliegens ebenso wie für die Fakten des Werdeganges. Dieses Prinzip allein sichert vielen, sehr vielen Bewerbern Arbeit und Brot: Gäbe es nur ein Entscheidungsraster, wären zahlreiche Jobs unbesetzt und zahlreiche Akademiker arbeitslos (weit mehr als es heute schon sind!).

Also gilt hier: Fünf Fachleute – sechs Bücher – sieben Meinungen. Und keiner hat allein Recht, keiner liegt nur falsch.

Beispiel „Was Sie sonst noch …“. Ich halte das Grundkonzept für totalen Unfug und bin sicher, viele Entscheidungsträger stimmen mir zu. Aber selbst mir ist klar, dass es jederzeit denkbar ist, dass Sie auf einen Bewerbungsempfänger treffen, der so etwas mag. Wenn ich auch nicht verstehe, warum.

Profilierung in der Masse der Bewerber ist gut, sehr gut. Aber bitte durch Fakten, Resultate, durch Beweise für Intelligenz (gute Noten), Fleiß (auch gute Noten), Effizienz (kurzes Studium), Bereitschaft zum Engagement (Außeruniversitäres), Interessen über den „Tellerrand“ hinaus (Hobbys, sonstige Aktivitäten), anforderungsgerechtes Verhalten (Sprachen, Auslandstouch). Aber wer ist als Entscheidungsträger eigentlich so beschränkt, das Fehlen aller dieser Aspekte hinzunehmen, weil ein Blatt beiliegt, auf dem es heißt „Was Sie sonst noch …“, wobei alles abgeschrieben, fremdformuliert oder schlicht aus Seminaren von Finanzdienstleistern stammen kann?

Jetzt fragt gleich wieder jemand, was man denn dann tun soll, wenn man sich aus dem „Mittelfeld des Leistungsspektrums“ heraus bewirbt (eine tolle Formulierung, Hut ab). Meine Empfehlung: einen Ausgleich bieten, kleine Brötchen backen! Zum Engagement im Erzgebirge oder in Ostfriesland (beides sind nur Beispiele für Regionen abseits der Metropolen, in die alle wollen) bereit sein, weniger Gehalt fordern, Japanisch können oder seltene Programmiersprachen beherrschen oder besonders viele Praktika haben oder in „ungeliebte“ Branchen oder Jobs gehen, Außendienst-Aufgaben akzeptieren etc. Mit Äußerlichkeiten bei der Bewerbung erreicht man dagegen bei Profis gar nichts.

Bewerbungs-Ratgeber-Bücher muss ich nicht lesen – dafür lese ich ständig Bewerbungen (das reicht völlig). Für anderer Leute Bücher kann ich nichts. Und Seminare? Es gibt gar keine theoretische Möglichkeit dazu! „Normal“ ist ein Bewerber, der ungekündigt irgendwo tätig ist und sich heimlich(!) bewirbt. Der hütet sich, an Massenveranstaltungen teilzunehmen! Zwei winzige Ausnahmen sind denkbar: Arbeitslose und Berufsanfänger. Beides sind jedoch Phasen, die in den vierzig Berufsjahren üblicher Angestellter statistisch nicht ins Gewicht fallen. Also kann gar nicht von allgemeiner Relevanz für „die Bewerbung“ sein, was auf solchen Seminaren gelehrt wird.

Als Ausblick: Wir wollen hier keinen Kleinkrieg wegen Formalien anfangen. Im übrigen gilt: Wegen dieser oder jener Mappe allein werden Bewerber nicht eingeladen und nicht abgelehnt. Schön finde ich Ihre Aussage zum Anrufen: Sie tun es, weil man es Ihnen gesagt hat, aber „die Entscheidungsträger sind meist ohnehin nicht da“. Natürlich nicht, wenn sie klug sind. Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass es ja denkbar wäre, ich könnte Recht haben mit dem, was ich hier sage? Wenn Sie lesen, dass man mich hier seit einigen Jahren in ununterbrochener Folge schreiben lässt, sollten Sie dem Verdacht einfach einmal Raum geben.

Frage-Nr.: 1681
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-06-28

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