Heiko Mell

Schneller Wechsel wegen Personalabbaus

Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Maschinenbaustudium (TU) war ich mehr als acht Jahre lang bei meinem ersten Arbeitgeber, einem bedeutenden, großen Mittelstandsunternehmen. Zuletzt war ich Leiter … Mit meiner Karriere war ich sehr zufrieden, es gab aber keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten mehr.

Ich bin jetzt als …-Leiter beim zweiten Arbeitgeber, der derselben Branche angehört (mittelständisch, weltweit tätig).

Momentan befinde ich mich noch in der Probezeit. Aufgrund von – während der Bewerbungsgespräche für mich und die vermittelnde Personalberatung nicht absehbaren – wirtschaftlichen Problemen des Unternehmens wurden aktuell Maßnahmen zum Personalabbau angekündigt. Diese Maßnahmen, die mit Umstrukturierungen einhergehen, sind meines Erachtens sinnvoll.

Auf meine Anfrage hin wurde mir von meinem Vorgesetzten mitgeteilt, dass weder unsere Abteilung noch ich betroffen sein würden (was soll er auch anderes sagen, selbst wenn es anders wäre). Nach Diskussionen mit dienstälteren Kollegen in leitenden Funktionen mehren sich jedoch allgemein die Zweifel, ob das Unternehmen die anstehenden Probleme überhaupt bewältigen kann.

Im Moment bin ich hin- und hergerissen zwischen den Alternativen „bleiben und hoffen“ und „schnellstmöglich wechseln“. Meine Aufgaben sind interessant, andererseits kann ich nicht bis zur Entlassung in der Probezeit bzw. später warten.

a) Wie wird diese Situation von möglichen Bewerbungsempfängern eingeschätzt?

b) Sind Initiativ-/Blindbewerbungen in meiner Situation mit dem Ziel einer Leitungsfunktion empfehlenswert?

c) Wie argumentiere ich bei eventuellen Bewerbungen beim Wettbewerb oder bei Kunden, ohne meinen Arbeitgeber zu kompromittieren?

d) Wie kann ich sicherstellen, dass ich nicht vom Regen in die Traufe gerate, wenn ich wechsele? Schließlich präsentierte sich auch mein derzeitiges Unternehmen bei der Bewerbung als gesund und dynamisch.

e) Wie beurteilen Sie die beigefügten Bewerbungsunterlagen?

Antwort:

1. Sie haben bisher nichts falsch gemacht – was Sie da gerade erleben, ist Teil des systemimmanenten Risikos eines Angestellten. Das kann Ihnen auch im 15. Dienstjahr im vertrauten Umfeld geschehen – Umstrukturierungen, garniert mit Personalreduzierungen sind heute an der Tagesordnung. Es gibt also, dies an die anderen Leser gerichtet, keinen Grund zu sagen: „Das hat man nun vom Firmenwechsel.“ Mir sitzen oft genug Menschen gegenüber, die sich beim langjährigen Arbeitgeber aus eben diesen Gründen bedroht fühlen.

Außerdem würde der Verzicht auf Firmenwechsel auch den Verzicht auf viele Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung bedeuten. In diesem System aber gilt: Keine Chance ohne Risiko.

2. Es gibt leider kaum eine Möglichkeit, das Risiko einer solchen Entwicklung beim nächsten Wechsel auszuschließen. Ich muss Sie sogar vor einer Gefahr warnen, die der – ohnehin vergebliche – intensive Versuch zur Vermeidung einer Wiederholung heraufbeschwört: Wenn Sie zu eindringlich „bohren“ im Bewerbungsprozess, zu nachdrücklich unbequeme Fragen zu beabsichtigten Umstrukturierungen, rückläufigen Umsatzentwicklungen, möglichen Personalabbaumaßnahmen stellen – bekommen Sie den neuen Job gar nicht erst. Weil Sie, je nach Temperament des Bewerbungsempfängers/Gesprächspartners, als risikofeindlich, „gestört“ oder „merkwürdig“ eingestuft werden.

Ein Beispiel: Der Straßenverkehr funktioniert nur, weil wir alle ein bestehendes Unfallrisiko schulterzuckend als unvermeidbar hinnehmen – andererseits aber darauf bauen, dass es gerade uns nicht erwischt, schon gar nicht hier und heute. Hat jetzt jemand einen Unfall, muss er danach trachten, möglichst bald unbefangen weiterzufahren wie bisher – und wie die anderen auch. Er kann einfach nicht an jeder „grün“ zeigenden Ampel anhalten, aussteigen und vorsichtig spähen, ob nicht doch wieder jemand aus der Querstraße kommt, obwohl dessen Lichtsignal „rot“ zeigt (wie damals der Unfallgegner). Gelingt unserem Beispielfahrer das nicht, ist er weitgehend draußen aus diesem „Spiel“ und bleibt besser zu Hause.

3. Vergessen Sie nicht: Noch ist nichts passiert! Sie hören Donnergrollen, aber noch schlagen keine Blitze um Sie herum ein – Ihr Chef könnte letztlich doch Recht haben und weder Sie noch irgendjemand aus der Abteilung sind ernsthaft bedroht. Vielleicht hat man Ihrem Vorgesetzten das „von oben“ signalisiert.

Natürlich haben Sie keine Sicherheit, dass dies so ist und dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken. Hinzu kommt, dass neue Mitarbeiter, die noch in der Probezeit sind, fast immer zuerst entlassen werden. Eingeschränkt gilt das auch für die ersten paar Jahre danach (kurze Betriebszugehörigkeit).

Also müssen Sie etwas tun! Schön wäre es natürlich, Sie könnten Ihrem Lebenslauf die Auffälligkeit eines allzu schnellen Wechsels ersparen – denn Sie haben eben nicht die geringste Sicherheit, dass Ihnen so etwas beim mühsam zu findenden neuen Arbeitgeber nicht wieder geschieht.

Also bereiten Sie etwas vor, warten aber mit dem Vollzug der Maßnahme möglichst so lange, bis Sie halbwegs wissen, was an Ihrem heutigen Arbeitsplatz tatsächlich auf Sie zukommt. Bewerben Sie sich, halten Sie möglichst mehrere Eisen im Feuer, seien Sie aber zunächst zurückhaltend mit einer Vertragsunterzeichnung.Gegebenenfalls (das ist nicht ganz einfach) könnten Sie auch – mit einem konkreten fremden Vertragsangebot in der Tasche – Ihren Chef oder sogar (mit seinem Einverständnis) dessen Chef um eine klare, verbindliche Aussage bitten. Danach müssten Sie dann entscheiden, ob Sie darauf „Häuser bauen“ möchten.

4. Zu den konkreten Fragen:

Zu a) Mögliche Bewerbungsempfänger verstehen und akzeptieren die Situation und Ihre Motivation für den angestrebten schnellen Wechsel. Es gilt als absolut „erlaubt“, unter diesen Umständen „vorsichtshalber“ nach einem neuen Arbeitgeber Ausschau zu halten. Im Gegenteil: So mancher würde Ihnen Vorwürfe machen, ließen Sie sich von einer Entlassungswelle überraschen.

Erfreulicherweise haben Sie sich mit Ihrer langen Dienstzeit beim ersten Arbeitgeber ein „Polster“ geschaffen, das Sie jetzt nutzen können; niemand verdächtigt Sie, ein „Häufigwechsler“ zu sein.

Zu b) Die großen Nachteile von Initiativbewerbungen sind:

– Sie wissen nicht, ob beim Empfänger überhaupt Bedarf besteht (vorherige Anrufe sind nur bedingt empfehlenswert – man prüft eine konkrete Bewerbung gewissenhafter als eine telefonische Anfrage). Der „Streuverlust“ ist ungeheuer groß.

– Sie liefern mit Ihrer Bewerbung einen „Schlüssel“, der perfekt in ein „Schloss“ (zu besetzende Position) passen soll – von dem Sie nichts wissen (technisch gesehen wäre das unmöglich!).

– Bei Berufsanfängern ist das erlaubt. Bei Führungskräften ist dieses „Sich Anbieten“ ohne erkennbare Nachfrage nicht unproblematisch. In jedem Fall signalisiert es: „Ich stehe unter enormem Druck, brauche dringend einen Job.“ Gebrauchtwagen-Verkaufsprofis beispielsweise raten davon ab, an ein Auto ein Schild zu hängen „Notverkauf“.

Ich empfehle diesen Schritt erst, wenn die Notsituation konkret besteht, man Ihnen also beispielsweise gekündigt hätte.

Zu c) Argumentieren Sie durchaus offen in der Sache, halten Sie sich aber im Ton zurück. Also nicht: „Der Laden ist fast pleite. Niemand weiß, wie es weitergeht. Überall hört man Gerüchte, verbindliche Aussagen fehlen, alle sind verunsichert. Außerdem hat man mich bei der Einstellung hereingelegt, indem man die Situation falsch dargestellt hat.“

Sondern beispielsweise so:

„Offenbar bedingt durch besondere wirtschaftliche Gegebenheiten, die im Vorfeld für mich nicht erkennbar waren, werden jetzt im Hause Restrukturierungsplanungen verfolgt. Dabei ist auch von Personalreduzierungen die Rede. Eine verbindliche Aussage, ob ich betroffen bin, ist dem Unternehmen derzeit aus verständlichen Gründen nicht möglich. Da für mich mit meinen wenigen Monaten Dienstzeit bei diesem Arbeitgeber aber in jedem Fall ein erhöhtes Risiko besteht, suche ich eine neue Position.“

Sie müssen die (Vertraulichkeits-)Interessen Ihres Arbeitgebers gegen Ihre ebenso berechtigten (existenziellen) Interessen abwägen. Die vorgeschlagene Formulierung schädigt niemanden – bei Ihrem Arbeitgeber kann danach ja auch die Umsatzrendite von 8 auf 7 Prozent gefallen sein, was allgemeine Panik ausgelöst hat. Lassen Sie sich bei späteren Vorstellungsgesprächen zu diesem Punkt nicht auf Details ein und berufen Sie sich ruhig auf Ihre Verpflichtung zu Vertraulichkeit und Loyalität – das imponiert sogar.

Zu d) Es gibt keine Sicherheit, siehe auch Punkt 2.

Zu e) Sie haben, liest man Ihren Lebenslauf, gerade einen ziemlichen fachlichen Sprung gemacht von der stark AV-bezogenen Ausrichtung Ihrer letzten Position(en) beim früheren Arbeitgeber zur produktbezogenen Konstruktions-Ausrichtung jetzt. Für letztere fehlt Ihnen die Erfahrungsbasis, so dass nicht sicher ist, ob Sie einen neuen Arbeitgeber auf diesem Sektor finden. Am besten „verkaufen“ Sie sich in Ihrem alten Metier – dann aber fehlt Ihnen der berufliche „Fortschritt“, den Sie gerade erreicht hatten.

Es spricht also viel dafür, den heutigen Job nicht ohne Not aufzugeben, so lange wie möglich dort zu bleiben und auf einen guten Ausgang der Geschichte zu hoffen (unter Aufbau eines Sicherheitsnetzes gemäß Antwortpunkt 3.).

Kurzantwort:

Man kann nach einem Arbeitgeberwechsel sehr schnell (und durchaus ohne eigene Schuld) zu einem neuen Wechsel gezwungen werden. Dann zahlt sich ein vorher aufgebautes „Dienstzeitpolster“ aus, während man andernfalls schnell zum „Häufigwechsler“ werden kann.

Frage-Nr.: 1669
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-05-10

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