Heiko Mell

Bewerbung / Vorsicht: E-Mail!

(Anmerkung des Autors: Unter dieser Überschrift war in den „Notizen aus der Praxis“ der Beitrag 099 am 21.12.2001 erschienen, auf den sich der Einsender bezieht. Ich hatte gewarnt: Viele Unternehmen wollen keine E-Mail-Bewerbungen mehr.)

Ich bin bei der XY AG im Bereich der …-Entwicklung beschäftigt. Bei uns wurde vor einigen Wochen vom Personalbereich ein neues Konzept vorgestellt, nach dem in Zukunft nur noch per E-Mail eingesandte Bewerbungen akzeptiert werden sollen. Bewerber, die sich per Post beworben haben, sollen gebeten werden, ihre Bewerbung noch einmal per E-Mail einzureichen.

Von unserem Bereich aus haben wir uns heftig gegen das Konzept ausgesprochen. Ich glaube nicht, dass die Firma angesichts des Mangels an Ingenieuren gut beraten ist; aber es zeigt doch, dass Ihre Aussage, die Bereitschaft der Industrie zur Akzeptanz von E-Mail-Bewerbungen sinke, zweifelhaft ist. In meinen Augen wird hier das Thema „E-Business“ überzogen, aber für die Personalabteilung ist die gleichzeitige Verteilung an interessierte Bereiche natürlich deutlich einfacher. Bisher laufen die Bewerbungsmappen um und bleiben womöglich liegen – und der Bewerber wundert sich, dass gerade große Betriebe so lange brauchen, um zu antworten.

Die Probleme mit E-Mail-Bewerbungen habe ich am eigenen Leibe erfahren: Wir haben neun Monate gebraucht, um eine Stelle als Versuchsingenieur in der … zu besetzen. In dieser Zeit habe ich viele Bewerbungen auf den Tisch bekommen, viele davon per E-Mail. Für mich als Empfänger der Bewerbung bedeutete das immer wieder, dass ich die Bewerbermappe selbst erstellen musste – eine lästige Aufgabe. Der Ersteller hatte sicher einen anderen Drucker, und dann gibt es Leute, die ihre besondere Note mit bestimmten Schriftarten darstellen wollen, die wir womöglich gar nicht auf unseren Rechnern haben. Das Ergebnis sieht dann entsprechend aus.

Antwort:

Ihre Zuschrift ist in mehrfacher Hinsicht interessant:

1. Im Original Ihres Briefes steht der Name eines Unternehmens, das nun wirklich ganz oben in der Auflistung deutscher Top-Konzerne steht. Was dieses Unternehmen will oder schon tut, hat zweifelsfrei eine besondere Bedeutung – und wer wie ich das Gegenteil als Trend ausmacht, hat keinen leichten Stand. Zum Glück fällt mir ja meistens noch etwas ein. Sehen wir einmal weiter.

2. Die Aussagekraft von Regelungen, die Top-Konzerne getroffen haben (oder von Verhältnissen, die in solchen Großunternehmen herrschen), für die gesamte Industrie darf nicht überschätzt werden. Es sind deutlich mehr Arbeitnehmer in kleineren Häusern beschäftigt. Der gesamte Mittelstand überlebt vor allem, weil er vieles eben nicht wie die Großen macht, sondern bewusst anders.

3. Die von Ihnen vorgestellte beabsichtigte Regelung ist aus der Sicht des Personalwesens logisch, effizient und sinnvoll. Ich habe meine Laufbahn als Referent für Grundsatzfragen des Personalwesens eines Konzerns begonnen und verstehe absolut, welche nahezu zwingenden Überlegungen zu einem solchen Konzept führen – in diesem speziellen Unternehmen, wohlgemerkt.

4. Die zentrale Besonderheit liegt in Ihrer Formulierung, „… ist die gleichzeitige Verteilung an interessierte Bereiche …; bisher laufen die Bewerbungsmappen um und bleiben womöglich liegen …“ Da stutzt man zunächst: Wovon ist da die Rede?Standard ist doch, dass eine bestimmte Abteilung einen bestimmten Arbeitsplatz besetzt. Dieser ist genau definiert, führt zu einem exakt beschriebenen Anforderungsprofil („Erfahrungen in der Führung einer mechanischen Fertigung“ oder „mehrjährige Praxis im Kfz-Versuch, Schwerpunkt Fahrwerk“). Die eingehenden Bewerbungen werden an den Vorgesetzten weitergeleitet, der wählt aus, entscheidet über die Einstellung, Ende des Prozesses. Da läuft nichts um (interne Weiterleitung von einer Abteilung an die andere), da bleibt nichts liegen (außer auf dem Tisch eben dieses suchenden Vorgesetzten).

Dieses gezielte Suchen nun, das Sie im Stellenteil der Zeitungen nachlesen können, ist ausgerechnet in Ihrem Hause gar nicht Standard, ganz im Gegenteil. Führungskräfte sucht man dort so gut wie nie „draußen“, klassische berufserfahrene Sachbearbeiter mit langjähriger Praxis eigentlich auch kaum. Nein, wovon Sie sprechen, das ist mit Sicherheit die „Einstellung von Berufsanfängern“, für andere Firmen ein absoluter Sonderfall.

Diese Anfänger werden von Konzernen pauschal gesucht und später intern „sortiert“, dazu werden die Unterlagen weitergeleitet von Abteilung zu Abteilung etc. Die Kandidaten haben sich entweder auf allgemein gehaltene Anzeigen im Hochschulführer o. ä. oder völlig ohne konkreten Bezug „initiativ“ bei dem berühmten Konzern beworben und müssen nun von vielen Stellen auf eine mögliche Eignung hin geprüft werden.

Die Sache ist ganz einfach: Dieses Problem haben sehr viele der zahlreichen mittelgroßen Betriebe überhaupt nicht! Die stellen Anfänger weniger häufig und – falls doch – weniger pauschal ein, dort bewerben sich auch deutlich weniger Einsteiger ohne konkrete Werbemaßnahme. Die Firmen schlagen sich überwiegend mit einzelnen, ganz konkret auf eine Stelle bezogenen Personalbeschaffungsmaßnahmen herum. Das betrifft insgesamt ein sehr viel größeres Stück vom Kuchen des Arbeitsmarktes als der Sonderfall „Weltkonzern sortiert die auf ihn einströmenden Berufsanfänger“.

5. Zu irgendwelchen Fehlern bei Bewerbern kann meine seinerzeitige Empfehlung (Vorsicht vor E-Mail-Bewerbungen) nicht geführt haben. Denn wenn Ihr Konzern (oder ein anderer) ein bestimmtes Verfahren will, wird er es schon laut und deutlich sagen und in allen Anzeigen, in jedem Hochschulblatt o. ä. zum Ausdruck bringen. Und dort lesen es dann die potenziellen Bewerber und handeln entsprechend. Obwohl das mit dem Lesen so eine Sache ist, aber lassen wir das hier einmal so stehen.

6. Ich nehme Ihren Hinweis, der insbesondere für einen bestimmten Personenkreis sehr wertvoll ist, zum Anlass, hiermit meine Empfehlung an Bewerber in Sachen E-Mail zu präzisieren:

– Lesen Sie Anzeigen o. ä. sehr aufmerksam und versuchen Sie herauszufinden, welche Form der Bewerbung das Unternehmen bevorzugt oder zwingend vorschreibt (man liest auch schon sehr deutlich „Bitte per Post“!). Gehen Sie nicht „automatisch“ davon aus, E-Mail-Bewerbungen wären besonders interessant für den Empfänger oder auch nur gleichermaßen willkommen. Die Angabe einer E-Mail-Adresse allein beweist nichts (auch der Abdruck einer Telefonnummer heißt nicht: „Sie müssen anrufen.“).

– In jedem Fall sind E-Mail-Bewerbungen mit der gleichen liebevollen Sorgfalt und Systematik zu gestalten wie klassische Bewerbungsmappen! Die Zuschrift ist ebenso individuell auf die einzelne Zielposition (sofern bekannt) auszurichten. Der Job ist das Schloss, Ihre Bewerbung soll auch hier der passende(!) Schlüssel sein.

– Auch die E-Mail-Bewerbung muss den Charakter eines seriösen, in erster Linie informativen Geschäftsbriefes haben. Vermeiden Sie deshalb, aber auch aus praktischen Gründen (evtl. Ausdrucken beim Empfänger, dessen Ausrüstung Sie nicht kennen) die Spielerei mit optischen Mätzchen (Schatten, Grauunterlegung, Farben, Spezialschriften etc.). Ein Profi sieht Inhalte und lässt sich zwar von einer Verpackung eventuell abschrecken, aber so gut wie nie positiv beeinflussen.

Frage-Nr.: 1650
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-07

Top Stellenangebote

Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems Ulm
HBC Hochschule Biberach-Firmenlogo
HBC Hochschule Biberach Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik" Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik Hof
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Montanuniversität Leoben-Firmenlogo
Montanuniversität Leoben Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik Dresden
Fachhochschule Südwestfalen-Firmenlogo
Fachhochschule Südwestfalen Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung Iserlohn
HSR Hochschule für Technik Rapperswil-Firmenlogo
HSR Hochschule für Technik Rapperswil Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff Rapperswil (Schweiz)
Beuth Hochschule für Technik Berlin
Beuth Hochschule für Technik Berlin "University of Applied Sciences" Professur (W2) Heizungs- und Raumlufttechnik Berlin
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.