Heiko Mell

Internet oder Zeitungsanzeige?

Ich bin das, was gemeinhin als Spezialist bezeichnet wird. Die Anzahl der Firmen, die sich mit meinem Themengebiet befassen, ist recht überschaubar.

Als regelmäßiger Leser der VDI nachrichten achte ich natürlich auf Stellenangebote, die für mich in Frage kommen. In der Vergangenheit wurde ich dabei auch durchaus gelegentlich „fündig“.

Momentan bin ich in der Situation, nicht ganz freiwillig nach einer neuen Position zu suchen. Eine Recherche im Internet brachte innerhalb einer Woche sieben(!) interessante Offerten, die zumindest in den VDI nachrichten und anderen überregionalen Zeitungen nicht erschienen. Zum Teil wurden diese durch Suchmaschinen, zum Teil aber auch direkt auf der Internet-Site der Anbieter gefunden. Gleichzeitig scheint es mir, als ob die Anzahl der Stellenangebote in den VDI nachrichten stetig zurückgeht.

Meine Frage daher an Sie als Stellenanbieter: Haben sich die Printmedien als Ort der Veröffentlichung von Stellenangeboten überlebt und sind sie durch das Internet abgelöst worden oder ist das ein Phänomen bei sehr speziellen Aufgaben?

Antwort:

Es gibt gerade bei diesem interessanten Thema viele verschiedene Mosaiksteine, aus denen sich das Gesamtbild zusammensetzt:

1. Ich kenne das Phänomen aus vielen Beratungsgesprächen: Auch bei randvoll mit Stellenangeboten bedruckten Zeitungen (das dabei in Deutschland führende überregionale Medium erreicht in Spitzenzeiten bis zu 180 Seiten Stellenangebote in einer Ausgabe!) berichten zum schnellen Wechsel gezwungene Angestellte, das seien alles nur völlig unpassende Inserate, in denen eine „ganz andere“ Qualifikation gesucht werde, gerade für sie sei überhaupt nichts dabei. Dabei wird oft hinzugefügt: „Vor einem Jahr, als ich noch gar nicht wechseln wollte, habe ich die Anzeigen einmal durchgeblättert. Damals stieß ich auf mehrere passende Inserate. Jetzt, wo ich sie dringend brauche, ist dieser Markt wie leergefegt.“

Das ist z. T. sicher auch ein Wahrnehmungsphänomen. Man findet ja auch im Haushalt immer die Dinge nicht, die man dringend braucht – stößt dabei aber auf lang vermisste andere Gegenstände.

2. Generell ist der Arbeitsmarkt für akademisch gebildete qualifizierte Angestellte (die oft Führungskräfte sind) kein Platz für allzu schnelle Problemlösungen. Unternehmen haben kompliziert verschlungene Entscheidungswege, Bewerber haben Kündigungsfristen, Alternativangebote oder sind überhaupt nicht entscheidungsfreudig, das Anzeigenaufkommen an einem Wochentag ist stets ein Zufallsprodukt – jedenfalls sind für die Suche nach einer befriedigenden neuen Position im Durchschnitt etwa sechs Monate anzusetzen.

Wer unter Druck gerät und diese Zeit nicht (mehr) hat, beginnt, das System zu überfordern – dafür ist es nicht gemacht worden. Das tröstet den Betroffenen nicht, aber es hilft stets, wenn man den Standard eines Verfahrens kennt.

Deshalb sollte ein Teil der planerischen Anstrengungen eines Angestellten dem Ziel dienen, Drucksituationen dieser Art nach Möglichkeit zu vermeiden – leicht gesagt, mitunter sehr schwer getan. Aber jeder Fachmann weiß, dass manche Krise durch vorausschauendes Handeln, rechtzeitiges Wechseln auch ohne konkreten „Grund“ o. ä. m. zu vermeiden gewesen wäre.

3. Schwankungen im Aufkommen von Stellenangeboten in Zeitungen sind zumeist konjunkturbedingt, in jedem Fall sind sie völlig normal. Und es gab sie lange vor dem Aufkommen des Internets.

Wir analysieren und erfassen seit 1975 alle industrierelevanten Stellenangebote (also ohne Banken, Versicherungen, Krankenhäuser etc.) in der FAZ (weil dort auch die kaufmännischen Positionen enthalten sind und wir nur die Analysekapazität für eine Zeitung haben). Ein paar Beispiele, die zeigen, wie stark die Anzahl der jeweils ausgeschriebenen Positionen konjunkturbedingt und aus anderen Gründen stieg und fiel:

Stellenangebote pro Jahr:

1975: 17.811

1979: 42.952

1982: 17.452

1986: 37.566

1993: 16.858

2000: 40.221

Oder als Detailbeispiel Angebote in Konstruktion und Entwicklung jeweils im I. Quartal eines Jahres:

1975: 1.017

1979: 2.550

1983: 550

1986: 2.302

1993: 373

2001: 1.272

Wer nur einen kurzen zeitlichen Ausschnitt davon sieht, kann zu allen möglichen – falschen – Schlussfolgerungen kommen.

4. Die Stellenanzeige in der Zeitung hat – wie jedes Instrument – spezifische Vor- und Nachteile. Zu letzteren gehört, dass sie mit ihrem einmaligen Erscheinen in mehrfacher Hinsicht stets nur einen Teil des grundsätzlich auf dem Markt vorhandenen Potenzials erschließen kann: Nur ein Teil aller Angehörigen der bestimmten Berufsgruppe liest diese Zeitung, nur ein Teil davon liest sie am Erscheinungstag dieser einen Anzeige, nur ein Teil dieser Leser blättert auch systematisch durch den Stellenteil (hinzu kommt, aber das gilt für alle anderen Instrumente auch, dass dann auch nur ein Teil der schließlich erreichten Angehörigen dieser Berufsgruppe auch gerade dieses Angebot schätzt und sich bewirbt).

Damit also bei diesen vielen „Teilen“ am Ende eine genügend große Zahl übrig bleibt (so 20 bis 30 Bewerbungen sollten schon eingehen), muss das Marktpotenzial erst einmal möglichst groß sein. Das bedeutet: Es sollte vorrangig um eine Standardposition in einem Standardumfeld mit berufstypischen Standardanforderungen gehen. Beispiel: „Entwicklungsingenieur, Metall, Kfz-Zulieferindustrie“ oder „Produktionsleiter, Kunststoff-Spritzgussteile, Mittelstand“. Als Gegenbeispiel: je hochspezieller die Position, das Umfeld sowie die Anforderungen werden und, als Resultat daraus, je kleiner in absoluten Zahlen die Zielgruppe wird, desto geringer die Erfolgsaussichten der Stellenanzeige im Printmedium. Gibt es in ganz Deutschland nur noch eine „Handvoll“ potenzieller Kandidaten, hat diese Stellenanzeige nicht mehr hinreichende Erfolgsausichten, die Unternehmen wissen das und ersparen sich die – nicht ganz billigen – Versuche.

Und Sie als Spezialist finden dann nie oder nur noch selten passende Angebote.

Diese Erkenntnis ist alt, sie hat nichts mit dem Internet zu tun. Schon immer wussten Inserenten und Leser, dass „große Zahlen“ auf beiden Seiten (viele Unternehmen, die so etwas suchen und viele potenzielle Bewerber) die allerbesten Erfolgsaussichten versprachen. Je näher man diesem Ideal kommt, desto besser funktioniert das Instrument „Zeitungsanzeige“, das nach wie vor die Nummer 1 für viele Profis ist (auch für mich). Und: „Geschäftsführer“ beispielsweise ist ein „stinknormaler“ Standardjob – viele haben ihn und viele wollen einen solchen, dies als positives Beispiel.

Liegt die zu besetzende Position weit von dem genannten Ideal weg, war das suchende Unternehmen schon immer gehalten, auch andere Wege zu gehen oder zu durchdenken: vom Headhunting bis zu persönlichen „Kontakten“; Radiowerbung hat es schon gegeben; Fachzeitschriften sind denkbar, Vorlesungsverzeichnisse von Hochschulen – und heute eben Internet-Stellenbörsen oder die Internet-Selbstdarstellung der arbeitgebenden Firmen mit dem (früher am Werktor hängenden, heute im Netz stehenden) Hinweis: „Wir stellen ein …“

Diese Selbstdarstellungen sind mühsam zu durchforsten, viele mittelständische , aber hochinteressante potenzielle Arbeitgeber würde man so niemals finden. Es hat halt jedes Instrument seine Tücken. Aber der „einsame Spezialist“, der ohnehin nur für fünf Firmen interessant ist, kann dort einmal hineinschauen.

5. Nun zu den speziellen Internet-Stellenbörsen, die – wie jedes Spezialinstrument – im Einzelfall durchaus eine Lösung sein können, aber pauschal keineswegs neue Dimensionen erschließen. Wir z. B. sind bisher mit den Erfolgen nicht zufrieden, von Kunden höre ich häufig ähnliche Äußerungen.

Die folgenden Beispiele sind nach meiner Erkenntnis durchaus typisch. Wir inserierten jeweils in einer überregionalen Zeitung und zeitgleich parallel (nur das ist eine Vergleichsbasis) dazu in einer namhaften Internet-Stellenbörse und erzielten an schriftlichen Bewerbungen (alles aus den letzten sechs Monaten):

Controller: Zeitg. 8, Internet 0

Sachbearb. Werbung: Zeitg. 15, Internet 1

GF Vertrieb: Zeitg. 189, Internet 4

Ltr. Managementsysteme: Zeitg. 86, Internet 6

Ltr. Vertriebsinnendienst: Zeitg. 29, Internet 6

Assistent GF: Zeitg. 29, Internet 1

Verkaufsleiter D: Zeitg. 68, Internet 8

Kfm. GF: Zeitg. 174, Internet 16

Nicht gezählt wurden bei beiden Medien telefonische und E-Mail-Kurzanfragen (die im Regelfall ohnehin negativ beschieden werden müssen).

Fazit: Für das inserierende Unternehmen und für den suchenden „Bewerber“ ist die Stellenanzeige in der Zeitung weiterhin grundsätzlich das unverzichtbare Instrument, um entweder qualifiziertes Personal oder eine anspruchsvolle Position zu finden. Das gilt insbesondere, je weiter sich Position und Bewerberqualifikation üblichen Standards nähern, die Zielgruppen also eher groß sind.

Kurzantwort:

Eine seltene Spezialqualifikation lässt sich allein durch das Medium Stellenanzeige ebenso selten finden wie umgekehrt vermarkten. Wenn es nur zehn Spezialisten im Lande und nur fünf entsprechend tätige Firmen gibt, wäre der „Streuverlust“ von Stellenanzeigen in überregionalen Zeitungen zu hoch. Also inserieren Arbeitgeber dann dort kaum – und damit finden entsprechende potenzielle Bewerber nur selten passende Anzeigen.

Frage-Nr.: 1647
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-02-12

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