Heiko Mell

Scientology?

Frage / 1: Das Nachrichtenmagazin Spiegel schreibt in seiner Online-Ausgabe über die Sekte Scientology. Es wird darin über eine Art „Erklärung“ berichtet, womit sich der Unterzeichner verpflichtet, die Lehren des Sektengründers Hubbard anzulehnen.

Frage / 2: Selbstverständlich möchte ich nicht in einem Unternehmen arbeiten, das in irgendeiner Form totalitäre Ideen unterstützt. Mir kam daher die Idee, die „Erklärung“ bei einer Bewerbung einzubinden.

Selbstverständlich habe ich Ihre Beratung meist sorgfältig gelesen und würde eine solche „Erklärung“ nicht mit einer Bewerbungsmappe mitsenden. In den Augen der meisten Leser einer Bewerbung würde dies ohne zusätzlichen Kommentar des Absenders doch recht merkwürdig aussehen. In einer späteren Phase des Bewerbungsprozesses, beispielsweise während eines Vorstellungsgesprächs, könnte die „Erklärung“ jedoch mit ein paar Worten erläutert werden.

Ich würde eine Ablehnung einer Unterschrift unter diese Erklärung nicht zwingend als Aktivität bei Scientology werten, sondern eher als Desinteresse (des Gesprächspartners oder des Unternehmens) gegenüber diesem Thema. Als politisch interessierter, wenn auch nicht engagierter, Demokrat würde ich mich aber mit einer Unterschrift besser fühlen.

Mein Gefühl sagt mir, dass es nicht sehr viele Unternehmen in Deutschland sein werden, die durch Aktivitäten bei Scientology (oder anderen Sekten) als Arbeitgeber für mich nicht in Frage kommen. Eine Bitte an den potenziellen Arbeitgeber während des Bewerbungsprozesses um Unterzeichnung der Erklärung käme vielleicht den Kanonen gleich, die auf Spatzen schießen. Auch ist mir selbstverständlich bewusst, dass man sich nicht gegen alle Zufälligkeiten im Leben per Erklärung schützen kann.

Antwort:

Antwort / 1: Ach hätten Sie doch aus „abzulehnen“ und „anzunehmen“ nicht das Kunstwort „anzulehnen“ geschaffen („Kunstwort“ in diesem Zusammenhang, mit anderer Bedeutung gibt es das natürlich schon). Jetzt versteht überhaupt niemand mehr etwas. Dies war der Kern der ganzen Geschichte, genau an der Stelle war Präzision gefragt.

Also habe ich mich kundig machen müssen im Online-Archiv des Nachrichtenmagazins (9.7.01).

Dort kommt Ursula Caberta zu Wort, vorgestellt als ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete und Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe Scientology „im Einsatz im Auftrag der Innenbehörde“. Sie berichtet, momentan profitiere die Organisation der Scientologen von dem „unglaublich boomenden Psycho-Markt“ („Tschaka-tschaka-du-schaffst-es“-Gurus). Firmen setzten bei der Motivation ihrer Mitarbeiter zunehmend auf Kommunikationsseminare von externen Trainern. Hier sei Scientology sehr aktiv, so Caberta. Mit Seminaren werde sozusagen die „Einstiegsdroge“ verabreicht, die Teilnehmer würden in scientologisches Denken und Handeln eingeführt und rekrutiert.

Als „Geheimwaffe“, so der Bericht, sei für die Wirtschaft von der Hamburger Anti-Scientology-Crew eine so genannte Technologieerklärung entwickelt worden:

„Darin müssen entweder Firmen oder aber Mitarbeiter und Seminarleiter erklären, dass sie die Technologien von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard ablehnen“, so der Spiegel. Und U. Caberta erklärt, das sei für Scientologen eine echte Todsünde, die als Schwerverbrechen angesehen werde.

Damit sei eine Unterzeichnung der Erklärung für Mitglieder der Organisation nicht möglich.

Bundesweit, so der Artikel weiter, müsse seit März dieses Jahres jeder Seminarleiter für Schulungen im Staatsdienst eine Schutzerklärung unterschreiben, damit sollten zu schulende Beamte vor der Ideologie der Scientologen geschützt werden.

Damit, verehrter Einsender, weiß ich, dass Sie „abzulehnen“ hatten schreiben wollen, und wie die Erklärung funktioniert: Mitglieder dürfen so etwas nicht erklären – wer erklärt, kann also nicht Mitglied sein.

Soviel zur Ausgangslage. Jetzt weiter zu Ihnen:

Antwort / 2: Ich habe sehr viele Kontakte zu Unternehmen und Bewerbern. Natürlich ist das immer nur ein Ausschnitt aus der deutschen Wirtschaft. Dennoch glaube ich, allen massiv auftretenden Problemen irgendwo schon begegnet zu sein. Das hier angesprochene „Scientology“ war bisher nicht darunter. Das heißt nicht, es sei nicht existent, lässt aber den Schluss zu, es werde von der überwältigenden Mehrheit der Unternehmen und der Bewerber derzeit nicht als „dramatisch“ empfunden.

Ich gehe jedoch davon aus, dass bei den beteiligten Gruppen im Bewerbungsprozess ein latentes bis gefestigtes Unbehagen gegen Sekten- (oder sektenähnliche) Aktivitäten im beruflichen Umfeld besteht: Firmen, die in den Ruf kämen, entsprechend beherrscht zu sein, müssten mit deutlichen Personalbeschaffungsproblemen rechnen; Bewerber, die sich entsprechend bekennten, müssten massive Ablehnung auf dem Arbeitsmarkt einkalkulieren. Basis dieser Ablehnung dürften weniger einzelne konkrete Programmpunkte der Sekten sein als die allgemeine Ablehnung einseitiger bis fanatischer Ausrichtung in diesen Fragen überhaupt. Das wird in der Welt des Beruflichen schlicht als unpassend oder stark störend empfunden. Die besonderen Ziele, die manche Gruppierungen oder Sekten darüber hinaus im Detail verfolgen oder die man bei ihnen zumindest vermutet, verschärfen die Abneigung bis hin zur engagierten Gegnerschaft.

Ich hatte zunächst geglaubt, Sie wollten eine von Ihnen unterschriebene Erklärung beifügen, auf der Sie sich von den Scientologen distanzieren. Sie hätten dann davon ausgehen können, ein entsprechend ausgerichtetes oder beherrschtes/unterwandertes Unternehmen würde von Ihnen als Bewerber Abstand nehmen – und Sie hätten Ihr Ziel erreicht.

Davon hätte ich massiv abgeraten, Sie würden damit ein Thema hochspielen, das normalerweise in den Augen des Unternehmens nicht existiert, zumindest nicht in diesem Zusammenhang relevant ist. Und Sie hätten überlegen müssen, was auf diesem Gebiet noch alles möglich wäre: Der nächste Bewerber distanziert sich von Rechtsradikalismus, ein anderer erklärt seine Abneigung gegen Querverbindungen zu allen, die böse zu Walen sind etc. Sie müssten damit rechnen, als „Spinner“ abgetan und abgelehnt zu werden.

Der Hintergrund, vor dem das zu sehen ist: Man ist froh, intensive Aktivitäten auf politischen, religiösen oder ähnlichen Gebieten aus den Unternehmen herauszuhalten. Selbst der Anteil von Menschen, die ein Mandat haben oder sich auch nur in einer der großen demokratischen Parteien engagieren, ist bei qualifizierten und leitenden Angestellten in der Wirtschaft, insbesondere in der Industrie, kaum noch messbar. Was man aus staatsbürgerlicher Sicht durchaus bedauern muss, aber das ist ein anderes Thema.

Dann aber habe ich gemerkt, dass Sie sogar von potenziellen neuen Arbeitgebern eine Unterschrift unter eine von Ihnen erarbeitete Erklärung haben wollen. Das ist völlig hoffnungslos, das machen die niemals! Schon das Ansinnen würde Sie ganz klar zum Spinner (in deren Augen) stempeln.

Wie Sie selbst völlig richtig anmerken, könnte man dann gleich weitermachen mit den Erklärungen: „Wir sind nicht pleite“, „Wir werden nicht verkauft“, „Wir rationalisieren Ihren Arbeitsplatz nicht weg“, „Wir befolgen Gesetze“, „Wir liefern keine Waffen in Krisengebiete“ – es gibt eine Menge von Aussagen, an denen einzelne Bewerber interessiert sein könnten.

Was Sie sonst noch für Möglichkeiten hätten, um sicher gehen zu können, dass ein Unternehmen, bei dem Sie arbeiten möchten, nicht etwa …? Keine, die mir einfallen. Aber in all den anderen im vorigen Absatz genannten Fragen bleiben Sie auch allein.

Wenn also Firmen oder andere Institutionen vom Seminarleitern o. ä. „Abschwörungs-Erklärungen“ fordern, ist das eine Sache, für die es gute Gründe geben kann. Aber umgekehrt ist das nicht realistisch.

Kurzantwort:

Es ist völlig undenkbar, als Bewerber im Vorstellungsprozess schriftliche Erklärungen der potenziellen Arbeitgeber einzufordern, sie seien nicht für die Scientologen, dienten nicht deren Zielen o. ä. m. Das gilt ebenso für viele andere Erklärungen, die Bewerber verständlicherweise gern haben würden.

Frage-Nr.: 1610
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-14

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