Heiko Mell

Präsentation mit Musik und Animation?

In einer der jüngeren Ausgaben gehen Sie auf die Bewerbung per E-Mail ein.

Ist das elektronische Medium nicht auch eine Herausforderung? Relativ neu auf dem Markt sind Mini-CD’s mit einer Kapazität von ca. 30 MB und einer Abmessung von 70 x 60 mm (Visitenkartenformat). Ich gehe davon aus, der Bewerber kann einigermaßen auf der bekannten Bürosoftware laufen und hat ein wenig gestalterisches Talent. Der Möglichkeit zur Selbstdarstellung und eigenen Leistungspräsentation sind nahezu keine Grenzen gesetzt. Bild, Ton (Musik und Sprache), Animation, Diplome, Zertifikate, handfeste Aussagen – menügesteuert kann der Entscheider auswählen. Er wird wie ein Kunde angesprochen, für den eine sehr gute Leistung erbracht werden soll. Eine Million DM in fünf Jahren (als Gesamtkosten, die an dem Einstellvorgang hängen), das ist doch kein Pappenstiel.

Meine Frage an Sie: Wie nimmt ein Personalentscheider solch eine Botschaft auf??? Die wichtigen Informationen zum Profil des Bewerbers findet er bereits im Anschreiben, es soll nicht eingespart werden.

Doch diese kostenintensiven Berge von Papier …

Erweitern möchte ich meine Frage dahingehend: Es wird eine eigene Website erstellt und nur das Anschreiben mit der Bitte um Besuch derselben zugeschickt.

Sind wir dort schon???

Antwort:

Sie machen sich, wie so viele Menschen, die „nur“ Bewerber sind, keine Vorstellungen über die Schwierigkeiten des Prozesses „Bewerberauswahl“. Es ist geradezu hanebüchen, was die Leute dem Bewerbungsleser heute schon an „Informationen“ zumuten, welche Berge von mehr oder minder gekonnt bedrucktem Papier man lesen oder in welch „raffiniert“ gebundenen Mappen man mühsam suchen muss.

Bitte akzeptieren Sie einfach, dass folgende Tatsachen bei der Bewerberauswahl in wirklich nahezu jedem einzelnen Fall zu berücksichtigen sind:

Etwa 90 Prozent aller Bewerbungen erweisen sich nach einer kurzen ersten Durchsicht als ungeeignet. Die dort auftretenden Kandidaten haben entweder die falsche Ausbildung, das falsche Alter, ihre Fachkenntnisse stimmen überhaupt nicht mit dem Anforderungsprofil überein, sie haben zu oft gewechselt oder sind viel zu lange bei einem Unternehmen geblieben, sie kommen aus der völlig falschen Branche, aus der falschen Hierarchiestufe, sind zu teuer, können viel zu spät den Job antreten, haben viel zu schlechte Zeugnisse etc. etc. Ein Schnelldurchgang von zwanzig bis vierzig Sekunden(!) pro Bewerbung dient dem Profi dazu, die Spreu vom Weizen zu scheiden.

Deshalb ist es so schön, wenn die Bewerbungen einem einheitlichen Standard entsprechen. Wenn die Mappen alle ähnlich sind, wenn der Aufbau innerhalb der Mappen vergleichbar ist, wenn immer das Anschreiben obenauf und der Lebenslauf dahinter liegt, wenn man die Zeugnisse in etwa dort findet, wo man sie nach langjähriger Erfahrung vermuten darf etc. etc.

Und jetzt kommen Sie und schlagen vor, dass die Leute demnächst in ihren Bewerbungen auch noch Musik machen, ihre Lieblingsschlager präsentieren, vielleicht auch noch singen und mit bewegten Bildchen arbeiten. Das wäre ja sicherlich für das Personal in den entsprechenden Abteilungen der Betriebe oder der Beratungen am Anfang ganz erheiternd, aber bei dem zwanzigsten durch das Gebäude dröhnenden Schlager, der von einer Bewerbung heruntergespielt wird, dürfte irgendjemand aufstehen und das ganze Zeug in den Papierkorb werfen.

Und was ich von der Aufforderung zum Besuch einer Website halte, habe ich bereits ausführlich dargelegt in dem von Ihnen offenbar angesprochenen Beitrag: Die Bewerbung ist eine „Bringschuld“, der Bewerber muss seine Qualifikation an die Unternehmen heranbringen – was nicht bedeutet, dass er sagt, wo die gefälligst hinlaufen sollen, um sich die Informationen aktiv zu holen! Sie können noch nicht einmal dem Bäcker an der Ecke drei Brötchen abluchsen und anschließend mit dem Hinweis verschwinden, die entsprechenden Geldbeträge lägen bei Ihnen zu Hause im Briefkasten, er könne sie dort abholen. Auch der erwartet, dass Sie ihm Ihren Teil an dem Geschäft „bringen“.

Nun ist der Mensch so gebaut, dass er alles, was sich irgendwie tun lässt, irgendwann auch tun wird. Das war bei der Atombombe so (da man so ein Ding bauen kann, hat es einer getan und da man es werfen kann, hat es jemand geworfen), das wird bei der Gentechnik so sein und überhaupt bei allem, was denkbar ist. Irgendwann werden auch die Bewerbungen mit bewegten Bildern und Musikbegleitung jemanden heimsuchen, hoffentlich muss ich das nicht sein.

Jetzt haben Sie aber so nett geschrieben und an anderer Stelle Ihres hier nur in Auszügen abgedruckten Briefes mein Foto als „sympathisch“ dargestellt (was ein wenig darunter leidet, dass Sie dieses Wort falsch geschrieben haben), da will ich doch noch ein wenig näher auf die aus Ihrer Sicht(!) völlig nachvollziehbare Idee eingehen:

Bewerber haben verständlicherweise das Bemühen, aus der Masse der Mitbewerber hervorzustechen, sich abzuheben von denen und nicht zu sein wie all die anderen. Das ist richtig, das wollen wir als Bewerbungsleser auch – und Kandidaten, die irgendwie nicht Teil der grauen Masse sind, werden überall gesucht. So weit sind wir uns einig. Jetzt ist nur noch eine Frage offen: Welche Aspekte eignen sich, um einen Bewerber aus der Masse der anderen positiv(!) hervorzuheben. Sehen Sie, und genau da geht es los: Es kann nicht sein, dass man einen Entwicklungskonstrukteur bevorzugt, weil seine Bewerbung vom neuesten Song der Wildecker Herzbuben begleitet wird. Oder weil er seine Darstellung von einer melodischen Hintergrundstimme unterlegen lässt, von der man noch nicht einmal weiß, ob sie ihm gehört.

Ich will hier einige Aspekte darlegen, die Sie vielleicht verblüffen:

1. Da neun von zehn Bewerbungen im Prinzip überhaupt nicht zur Position und damit zum gestellten Thema passen, ist es bereits ein ungeheuer positives Unterscheidungsmerkmal, das zu bringen, was der Inserent (Aufgeber eines Stellenangebotes in der Zeitung etc.) sucht. Es ist nicht so, dass derjenige, der die Grundanforderungen erfüllt, nun auch noch singen muss in seiner Bewerbung, um positiv aufzufallen. Sondern es ist ganz schlicht bereits eine hinreichende Sensation, wenn jemand genau das bringt, was gefordert war – die anderen neunzig Prozent bringen genau das eben nicht! Weil Menschen wie Sie das vermutlich nicht wissen und ebenso vermutlich nur schwer zu glauben imstande sind, kommt immer mal wieder der Versuch hoch, sich durch irgendwelche Äußerlichkeiten hervorzuheben, die der Leser dann doch nur als „albern“ empfindet.

2. Die Bewerbung ist eine Arbeitsprobe, auch dieser Grundsatz hat sich bewährt und gilt weiterhin. Wenn Sie eines Tages eine Präsentation für den Vorstand Ihres Unternehmens ausarbeiten sollen, dann können Sie dem auch keine Mini-CD mit Hintergrundmusik oder bewegten Bildchen präsentieren (es sei denn in seltenen Ausnahmefällen; nicht jedoch bei der Vorstellung einer Aufsehen erregenden Konstruktion eines neuen Dichtungsringes für Abwasserpumpen, beispielsweise).

3. Nehmen wir einmal an, jemand aus dem Bewerberfeld hat sich allein dadurch, dass er zum Anforderungsprofil passt, für die 10 %-Spitzengruppe des Feldes qualifiziert. Umfasst das Gesamtfeld fünfzig Zuschriften, ist er jetzt einer von fünf, diese Gruppe wird eingeladen – das Ziel seines Tuns ist erreicht. Fall erledigt, weiteres „Auffallen“ war nicht erforderlich und brächte nichts. Mehr als „eingeladen werden zur Vorstellung“ war nicht möglich.

Umfasste das gesamte Feld zweihundert Zuschriften, wäre unser Beispielkandidat nach der 10 %-Regel einer von zwanzig – diese Gruppe ist pauschal zu groß zum Einladen. Jetzt hat der Bewerber eine Profilierungschance – wenn er das, was gefordert war, nicht nur bringt, sondern auch noch besonders gut gemacht hat. Wenn er also nicht nur die richtige Studienrichtung durchgezogen, sondern sein Examen auch noch mit 1,8 geschafft hat. Oder wenn er nicht nur wie gefordert Englisch spricht, sondern zwei Semester in Großbritannien studieren konnte. Oder wenn er nicht nur „erste Berufspraxis“ hat und darunter sechs Monate versteht, sondern seit zwei Jahren offenbar sehr erfolgreich bei einem namhaften Unternehmen derselben Branche tätig ist. Oder wenn er – bei anspruchsvolleren Positionen – nicht nur die gesuchte „Führungspraxis“ durch eine Funktion als Projektleiter belegt, sondern bereits disziplinarische Verantwortung für eine hinreichend große Zahl von Mitarbeitern getragen hat. Oder wenn er nicht nur gute, sondern eindeutig sehr gute Beurteilungen aller früheren Arbeitgeber vorlegen kann. Als Profilierung reicht das völlig – und es schlägt jede Musikuntermalung um Längen.

Das ist in vielen Bereichen des täglichen Lebens ebenso. Es mag ja sein, dass man der Hausfrau ein altes Waschmittel als „toll“ andrehen kann, das jetzt lediglich in einer Hochglanz-Verpackung geliefert wird. Aber glauben Sie, der Profi-Einkäufer eines Fuhrparks lässt sich davon begeistern, wenn er das neue Automodell, das er kaufen soll, mit einer roten Samtschleife umwickelt offeriert bekommt? Er will bessere Daten und Fakten lesen und sehen und erfahren als die Mitbewerber bieten können. Spritverbrauch und Reparaturanfälligkeit mögen ihn interessieren, Einkaufspreis natürlich ohnehin und Wiederverkaufswert sowieso. Aber dass bei der Präsentation des neuen Automodells das Radio spielt, wird ihn nicht vom Stuhl reißen.

Da auf Arbeitgeberseite im Bewerbungsprozess auch nur Menschen sitzen, kann niemand ausschließen, dass Sie eines Tages auf jemanden stoßen, der genau ein Vorgehen nach Ihrer Grundidee interessant gefunden hätte. Aber solange Sie dies nicht wissen, versuchen Sie es lieber nicht. Ich fürchte, dass sehr viele entsprechende Entscheidungsträger in diesem Lande eher so denken wie ich es hier schreibe.Um es kürzer zu sagen: Es ist richtig, aus der Masse der Mitbewerber herausragen zu wollen. Die Anstrengungen dafür sind aber nicht in den wenigen Stunden zu leisten, in denen man die Bewerbung erstellt, sondern in den Jahren davor. So boshaft ist das Leben.

Kurzantwort:

Der Wunsch eines Bewerbers, sich aus der Masse seiner Mitbewerber schon bei der Präsentation seiner Unterlagen abzuheben, ist verständlich. Der Weg dorthin führt aber nicht über „Gags“, die nichts mit der Sache zu tun haben, sondern über bessere Daten und Fakten, Fachkenntnisse und sonstige Qualifikationsdetails, die in den Jahren vor dem Schreiben der Bewerbung erarbeitet wurden.

Frage-Nr.: 1600
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-03

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