Ist das ein akzeptabler Bewerbungsstil?

Ich bin knapp Mitte 30 und lege Ihnen hier die Bewerbung eines ganz jungen Studienabsolventen vor. Mit ihm habe ich mich darüber gestritten, ob seine Art der Präsentation akzeptabel ist. Ich greife zwei Punkte heraus (die Nummerierung der Punkte habe ich eingefügt, d. Autor):

1. Anschreiben, gerichtet an ein Internet-Unternehmen.

1.1 Anstelle des für mich gewohnten Absenderfeldes steht die Adressenangabe als Kopfzeile oben am Rand.

1.2 Für meinen Geschmack ist es im Text zu anbiedernd:

„Bewerbung für Absolventenstelle im Bereich Customer Care

Sehr geehrte Damen und Herren,mit diesem Schreiben bewerbe ich mich bei Ihnen um eine Hochschulabsolventenstelle im Bereich Customer Care. Ich bin durch Ihre Homepage im Internet auf das Stellenangebot aufmerksam geworden. Im … dieses Jahres werde ich mein Studium an der … … im Fachbereich Elektrotechnik mit dem Diplom abschließen, so dass ein Berufseinstieg zum … in Frage käme.

In Praxisphasen während des Studiums konnte ich bereits in einer Vertriebsabteilung und einer Marketingabteilung Erfahrungen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden sammeln. Aufgeschlossenheit anderen gegenüber gehört zu meinen Stärken. Der Kontakt zu anderen Menschen in meinem Arbeitsumfeld ist mir sehr wichtig.

Zudem gingen aus den Praxisphasen auch einige Erfahrungen im IT-Business hervor. Weitere Erfahrungen in diesem Sektor konnte ich privat sammeln. Das Erstellen von Internetseiten gehört zu meinen Hobbys.

Als einer der weltweit führenden Internet- … …, kann ich mir die XY GmbH als interessanten Arbeitgeber vorstellen, der mir auch in Zukunft die besten Perspektiven aufzeigen kann. Zu einem persönlichen Gespräch stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung und freue mich über Ihre Einladung.

Mit freundlichen Grüßen“

2. Selbstdarstellung:

„Total gesucht … … und gefunden!

Mein Interesse an Ihrem Unternehmen ist sehr groß. Damit Sie mich näher kennen lernen habe ich hier ein kleines Persönlichkeitsprofil für Sie vorbereitet.

Hobbys und andere Interessen: Internetprogrammierungen, Sport (…), Kino, Musik, Reisen

Führerschein: Klasse 3

Softwarekenntnisse: … … … …

Die Einarbeitung in neue Anwendungen erfordert für mich keine große Mühe.

Programmiersprachen: … …

Fremdsprachen: … …

Es besteht bei mir die große Motivation in Eigenverantwortung die Kenntnisse in den Fremd- und Programmiersprachen zu vertiefen oder Neues zu lernen. Natürlich bin ich auch bereit, meinen jetzigen Wohnort zu verlassen, so dass ein Einsatz im Ausland möglich wäre.

Die häufigen Praxiseinsätze während des Studiums haben auch meine Stärken im Berufsleben aufgezeigt. Für mich ist es kein Problem mit allen Mitarbeitern einen freundlichen und kollegialen Umgang zu pflegen. Mein großer Humor und ein großes Potenzial an Dynamik trägt dazu bei. Das schnelle Einstellen auf neue Probleme fällt mir leicht. Auch konnte ich mich an lange Arbeitszeiten gewöhnen.“

Ich würde dieses Blatt von mir schieben und ablehnen. Die Bewerbung hatte jedoch Erfolg, der Absender wurde mehrfach eingeladen und hat eine Stelle bekommen.

Bin ich jetzt in meinem Alter ein konservatives altes Eisen und verkenne die Realität? Kann ich es mir erlauben, eine ähnliche Bewerbung zu verfassen?

Antwort:

Ja, als Mensch teile ich zutiefst Ihre Abneigung gegen dieses Elaborat. Niemals würde ich meinen Namen darunter setzen oder möchte den meiner Kinder darunter sehen.

Aber als Fachmann für Bewerbungen hätte ich den jungen Mann in diesem Fall(!) auch eingeladen!

Ich darf noch einmal an mein Beispiel erinnern, nach dem die zu besetzende Position ein (Tür-)Schloss ist und die Bewerbung den dazu passenden Schlüssel liefern soll. „Passend“ – nicht „schön“.

Nun muss die IT-Branche aus zwei Gründen tolerant sein:

a) Lebt sie offensichtlich mit ständigen Unzulänglichkeiten, was man an der Funktionssicherheit von Hard- und Software sieht.

b) Da sie mehr neue Mitarbeiter braucht als auf dem Markt vorhanden sind, kann sie sich extreme Ansprüche gar nicht leisten.

Zur Definition des „Schlosses“ gehört aber nicht nur die Branche, sondern auch die Tätigkeit. Die Zielposition ist vertriebsorientiert, kundenbezogen, von Anforderungen an Kontaktstärke geprägt. Das erfordert einen eigenen Menschenschlag: Ein spezielles Schloss braucht einen speziellen Schlüssel.

Der wiederum würde einen anderen „Schlossbesitzer“, z. B. den in Ehren ergrauten Entwicklungsleiter eines 2.000 Mitarbeiter-Unternehmens im Maschinenbau, mit Abscheu erfüllen (ich fühle mit ihm).

Ich veröffentliche ungern komplette Anschreiben oder Selbstdarstellungen: Irgendjemand wird es bestimmt abschreiben. Bitte tun Sie das nicht – der Empfänger könnte auch diese Zeitung lesen. Und: Die beiden Beispiele enthalten diverse sprachliche Ungeschicklichkeiten, unglückliche Formulierungen und Fehler(!), eignen sich also schon von daher nicht als Muster!

Zu 1.1: Das ist unerheblich, Bewerber unterliegen nicht denselben strengen Maßstäben wie Sekretärinnen. Achten Sie aber unbedingt darauf, die Anschrift des Unternehmens so zu platzieren, dass sie – und nur sie – in einem Norm-Fensterbriefumschlag DIN lang (110 x 220 mm) an der vorgesehenen Stelle erscheinen würde, auch wenn Sie diesen Umschlag gar nicht verwenden (aber nur so sieht ein Brief aus, wie ein Brief aussehen soll). Der Empfänger liest ja täglich einwandfreie Geschäftskorrespondenz.

Zu 1.2: Der erste Absatz ist sachlich und informativ, noch keine verkäuferische Glanzleistung, aber geht als Einstieg für einen Anfänger in Ordnung.

Der zweite Absatz beginnt hervorragend – der Absender hat verstanden, worauf es hier(!) ankommt. Wo ein Berufsanfänger („Greenhorn“ sagte man im Wilden Westen) meint, Stärken zu haben, interessiert mich nicht – aber ich gebe zu, er hat sich Mühe gegeben, das Thema zu treffen. Die Sache mit dem „Kontakt zu anderen Menschen“ riecht in anderen Fällen nach ständigem Plausch mit Kollegen, passt aber hier hin!

Auch im dritten Absatz anerkenne ich den Versuch, das Thema dieser Position(!) zu treffen.

Der vierte Absatz ist eine der typisch unvollkommenen Anfängerlösungen. Der Denkansatz ist falsch! Es geht nicht darum, was das Unternehmen für Einsteiger tun kann, sondern um die umgekehrte Variante. Aber wer alle so denkenden Anfänger nach Hause schickt, steht bald allein da. Der Einleitungssatz dieses Absatzes ist sprachlich unmöglich und in der Aussage geschleimt. Na und? Konkret: Mehr an Sprachlichem können viele unserer Jungakademiker eben nicht (hallo, Lehrer und Professoren, die Sie solche Menschen ausbilden) – und wer hier dick aufträgt, lernt auch, wütenden Kunden Honig ums Maul zu schmieren.

Zu 2: Ich finde jede Art dieser Selbstdarstellung absolut negativ und völlig überflüssig – höchstens geeignet, um Ansatzpunkte für kritische Überlegungen zu finden. Also lese ich die Dinger ohnehin nur oberflächlich und angewidert. Fakten ja, Selbstbeweihräucherung nein!

Zur Überschrift: Ich wüsste noch nicht einmal zu sagen, was „total gesucht“ überhaupt heißen soll. Schrott total – noch dazu ungesucht. Also: Lasst diesen Mann bloß keine Briefe schreiben, lasst ihn mit Kunden telefonieren, die reden auch viel Blödsinn und so kann er sich vielleicht gut darauf einstellen.

Überliest man all den sprachlichen Unfug und konzentriert sich auf die Fakten, dann ist das alles brauchbar für diesen Job.

Wie gesagt: Für diese Position in diesen Zeiten ist das ein Bewerber, den man sich einmal ansehen muss. Ich hätte ihn nicht wegen, sondern trotz dieser Formulierungen für diese Position(!) eingeladen. Vielleicht gibt es sogar einen Entscheidungsträger, dem auch der von mir beanstandete Rest noch gefällt – wenn ich das auch bezweifle.

Kurzantwort:

Wer Bewerbungen schreibt oder beurteilt, muss die Maßstäbe anlegen, die durch die jeweils angestrebte Position gesetzt werden. Kundenservice im IT-Bereich und Entwicklung im Maschinenbau haben beispielsweise wenig gemein.

Frage-Nr.: 1593
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-06-22

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