Heiko Mell

Die sollen besser Hühnchen zerlegen

Seit ca. zwei Jahren arbeite ich (m) in meiner ersten Anstellung nach dem Studium als … eines national und international führenden Unternehmens; nun strebe ich eine Gruppenleiterposition in vergleichbarem Umfeld an.Vor diesem Hintergrund hatte ich heute mein erstes Vorstellungsgespräch, diverse weitere werden wohl folgen. Ich bereite dieses Gespräch (Stressinterview) nach, in der Hoffnung, dass Sie Aspekte aufgreifen, die mir verborgen geblieben sind.

Stelle: Gruppenleiter … … in einem multinationalen Konzern mit Matrixorganisation.Kern der über je eine Stunde laufenden, von zwei verschiedenen Personen (künftiger fachlicher und künftiger disziplinarischer Vorgesetzter) geführten Stressinterviews war die Bewerbungsanalyse:
a) penetrantes, detailliertes Hinterfragen, z. T. wurden Fragen gestellt, auf die es keine „richtige“ Antwort gibt;
b) negative Unterstellungen / Auslegungen;c) überwiegend kein oder tendenziell ablehnendes Feedback, z. B. wenig Blickkontakt, abgewendete Körperhaltung meiner Gesprächspartner.

Meine Empfindungen: Ich bin mir wie in einem Verhör vorgekommen; danach fühlte ich mich ein wenig „emotional vergewaltigt“. Nicht einordnen konnte ich zunächst die „Genugtuung“, die sich zeitweise in den Gesichtern der Interviewer spiegelte. Vermutlich war es die Befriedigung, mich an einem Punkt zu haben, an dem ich meine Gedanken nahezu ungefiltert weitergab.Mögliche Lerneffekte für mich:

1. Die Sache nicht so tierisch ernst nehmen (ich kann das beste Verhalten an den Tag legen und werde zunächst doch kein positives Feedback erhalten).
2. Das nächst Mal ein Hühnchen mitnehmen und anbieten, es an meiner Stelle zu zerlegen.
3. Sich vor Augen halten, dass Unternehmen und Stelle vermutlich nur halb so toll wie angepriesen sind.
4. Sich vor Augen halten, dass die Interviewer vermutlich auch Stressinterviews über sich ergehen lassen durften und dabei auch nicht 100 %ig souverän waren.
5. Mich damit trösten, dass ich eines Tages möglicherweise auch Stressinterviews zu führen habe.
6. Neue Elemente / Fragestellungen aus Interviews dokumentieren und in die Vorbereitung für Vorstellungsgespräche aufnehmen.

Mit dem Lerneffekt aus dem Interview bin ich noch nicht ganz zufrieden. Ich weiß, dass hier etwas fehlt, komme aber allein nicht dahinter, was das ist. Sie kennen dieses „was“. Bitte geben Sie dieses Wissen weiter.

Antwort:

Die Sache mit dem Hühnchen hat etwas, keine Frage. Aber lassen Sie es bei der Androhung. Ich will verschiedene Aspekte beleuchten:

1. Die Informationslage: Wir wissen zu wenig. Über Sie, über die Interviewer. Wir haben nur den Bericht eines jungen Mannes mit zwei Jahren Praxis über sein erstes Gespräch. Das reicht für eine endgültige Beurteilung nicht (mehr hätten Sie uns gegenüber gar nicht tun können – ich sage das vor allem zur Beruhigung anderer jüngerer Leser, die nach Ihrer Schilderung eventuell hinter jedem Vorstellungsgespräch eine Horror-Veranstaltung vermuten). Sie hätten aber einige praktische Beispiele von „bösartigen Hinterfragungen“ anführen können.

2. Es ist generell nicht üblich, Bewerbern wahrheitsgemäß zu sagen, wie sie beurteilt wurden. Rechnen Sie also gar nicht erst damit.

3. Unabhängig von allen anderen Überlegungen gilt: Man kann stets an Menschen geraten, die sich sonderbar benehmen und keinesfalls typisch sind für ihre Artgenossen in vergleichbarer Situation. Nicht zuletzt deshalb gilt für Vorstellungsgespräche: Erfahrung hilft! Das achte oder neunte stehen Sie viel gelassener durch als das erste. Deshalb soll man möglichst nicht sein erstes Gespräch beim „Traumarbeitgeber“ führen.

4. Der häufig von Bewerbern geäußerte Verdacht, die Leute auf der „Gegenseite“ seien erkennbar glücklich gewesen, den armen Kandidaten so richtig hereingelegt, heruntergeputzt oder ihm seine Unfähigkeit bewiesen zu haben, ist absolut falsch! Die Arbeitgebervertreter wollen den Erfolg und sind froh über einen Bewerber, dem sie beste Noten geben können. Jedes „Versagen“ eines Kandidaten ist auch ihr Versagen – sie hatten ihn ausgewählt und ihre kostbare Arbeitszeit in diesen Versuch „investiert“.

5. Es gibt durchaus Bewerber, die haben in den Augen der Arbeitgebervertreter „angefangen“, bei diesem Gespräch Ärger zu machen: dumme Bemerkungen, arrogantes Auftreten, falsche Darstellungen in der schriftlichen Bewerbung, Unhöflichkeit, aktive Destruktivität o. ä. sind nicht selten. Dann besteht die Gefahr, dass die Gegenseite zurückschlägt (wie das Imperium).

6. Und nicht zuletzt: Ein Stressinterview hat das Ziel, den Bewerber unter Stress zu setzen und zu schauen, wie er reagiert. Das geht nicht allein mit Fragen wie: „Hatten Sie ein schönes Wochenende?“ Sondern da rückt man dem Bewerber schon näher „auf den Pelz“: „So, eine 4 in Mathe hatten Sie. Waren Sie faul oder schwach begabt oder beides zusammen?“ Das Ziel wurde erreicht: Sie zeigten Trefferwirkung, verloren Übersicht und / oder Beherrschung. Da Sie mit Ihren zwei Jahren Praxis ohnehin extrem „jung“ sind für den angestrebten Job, war man vielleicht von Anfang an skeptisch und hat bei Ihnen besonders tief gebohrt.

7. Natürlich wissen wir nicht, ob für den angestrebten Job so furchtbar viel an Stressstabilität erforderlich ist oder ob Ihre beiden Gesprächspartner alles richtig gemacht haben. Diese können auch schwach begabte Amateure sein, denen man ein Buch in die Hand gedrückt hat: How to make ein Stressinterview. Alles schon dagewesen.

8. Nur: Wenn die dort alles falsch machen – wie kommen die dann überhaupt an qualifiziertes neues Personal? Oder: Einer der Mitbewerber (mindestens) wird schon besser als Sie mit der Situation fertig geworden sein. Damit sind wir bei Ihnen:

Sie könnten zu jenem Typ gehören (zwei – allerdings sinnvoll passende – Studien und sehr, sehr viele Praktika und Semesterferientätigkeiten sowie gute Examen), der Fachliches überbewertet und nervös wird, wenn er merken muss, dass andere Kriterien höher gewichtet werden. Für Karriere ist Ausbildung ganz nett, Persönlichkeit hingegen alles (ein bisschen übertrieben). Sie könnten, den Verdacht ziehe ich aus Ihrer Schilderung, ein Mensch sein, der überdurchschnittlich viel Anerkennung und Lob braucht („Feedback“). Und der Sinn eines Stressinterviews ist, dass man Ihnen genau das verweigert. Was Ihnen den Boden unter den Füßen wegzog. Vielleicht sind Sie zu empfindlich?

Mein Tipp: Das Ihnen noch fehlende „Was“ liegt bei Ihnen. Der Job in der Firma war letztlich wohl nichts für Sie. Was ja herausgefunden werden sollte. Bewerben Sie sich eben woanders. Kaum jemand passt überall hin.

Kurzantwort:

Der Sinn eines Stressinterviews ist, dass man probeweise unter Stress gesetzt wird. Streicheleinheiten darf man dabei nicht erwarten. Und: Durchfallgefahr ist inbegriffen.

Frage-Nr.: 1543
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-17

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