Heiko Mell

Erst das Examen, dann die Bewerbung?

Nach meinem Studium war ich vier Monate auf Jobsuche. Mein Fehler war, dass ich erst das Studium beenden wollte, um mich dann voll und ganz auf die Arbeitssuche zu konzentrieren. Inzwischen denke ich, dass dies eine eklatante Fehleinschätzung war.

Antwort:

Berufseinsteiger, gerade akademisch voll gebildet, in verschiedenen Disziplinen geschult, den Kopf voller Begriffe wie vernetztes Denken und jederzeit – theoretisch – in der Lage, komplexeste Ablaufplanungen verknüpfter Vorgänge am PC darzustellen, hängen leicht dem kindlichen Sandkastendenken an: „Erst backe ich mit dem grünen Förmchen einen Kuchen, dann backe ich mit dem blauen einen Kuchen, dann mit dem roten … Und dann habe ich eine hübsche Reihe fertiger Kuchen auf dem Kastenrand.“

Da gibt es sogar noch ein anspruchsvolleres Beispiel: In „Asterix“, von mir hochgeschätzt, muss ein Legionär einen Hof fegen, der mit Steinplatten belegt ist. Er erläutert sein Prinzip: „Erst fege ich die erste Hälfte der ersten Platte, dann die zweite Hälfte der ersten Platte. Dann fege ich die erste Hälfte der zweiten …“ Vermutlich ist dann erst einmal Frühstück angesagt.

Zwar im Kindergarten und in der römischen Legion bewährt, ist das Denken in schön nacheinandergeordneten Abläufen nicht nur nicht dem geistigen Anspruch von Jungakademikern adäquat, sondern auch gefährlich. Weil der spätere Leser der Bewerbung aus dem Lebenslauf erkennt, dass da einige Quartale ohne „Deckung“ liegen zwischen Examensdatum (Ausstellung der Urkunde) und Dienstantritt beim ersten Arbeitgeber. Er erkennt auch, dass der Kandidat natürlich unter zunehmendem Druck gestanden haben muss, jetzt endlich einen Job zu bekommen. Druck dieser Art aber ist nicht gut für so wichtige Entscheidungen: je stärker der Druck, desto unglücklicher die Entscheidung.

Als Warnung (vor allem für potenzielle Nachahmer): In der Praxis werden stets fünf oder deutlich mehr völlig unterschiedliche Problemstellungen und Aufgaben auf Ihrem Tisch liegen. Die praktisch nichts miteinander zu tun haben – außer dass sie alle „dringend“ sind und sofort bearbeitet werden müssen. Und zwar parallel zueinander. Morgens um acht fragt der Chef eindringlich nach Fortschritten im Projekt I, um neun ist Teamsitzung in Sachen Projekt II, um elf treffen Sie einen überlasteten Fachmann, der Ihnen zu III eine wichtige Information gibt und um eins – nein, nix zu IV, um eins ruft der Chef an und sagt, Abgabetermin für I sei durch Vorstandsbeschluss vorverlegt worden. Und Sie wollten in vierzehn Tagen in Urlaub gehen.

Was also ist dem in den letzten Zügen (seines Studiums) liegenden Studenten zu raten? Man bewirbt sich so, dass relativ nahtlos (einige Wochen stören niemanden) nach Examensdatum (Urkunde) das erste Anstellungsverhältnis beginnt. Man startet also etwa sechs bis drei Monate vor diesem Datum mit dem Bewerbungsprozess.

Ja, das Berufsleben ist hart. Und dies war erst der Anfang. Aber die anderen haben das auch alle irgendwie geschafft, da werden auch Sie …

Kurzantwort:

Studenten neigen dazu, einzelne Vorgänge in absolut praxisfremder Form nicht parallel, sondern schön nacheinander abzuarbeiten. Eines der Resultate ist die oft mehrmonatige Arbeitslosigkeit zwischen Examen und Berufseintritt. Von einem Akademiker wird jedoch verlangt, dass er auch komplexe Vorgänge (z. B. Diplomarbeit + Bewerbungen) gleichzeitig souverän abwickelt.

Frage-Nr.: 1509
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-21

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