Heiko Mell

Die Kernfrage schlechthin

In der Zeitschrift …, einem IT-Magazin, wurde kürzlich ein Artikel über die perfekte Bewerbungsmappe veröffentlicht (Kopie beiliegend). Der dort beschriebene Aufbau einer perfekten Bewerbung entspricht nicht dem, was Sie aus der Beraterpraxis berichten. Da ich auch von verschiedenen Kollegen als „OUT“ belächelt werde, wenn ich die von Ihnen beschriebene puritanische Art der Bewerbungsunterlagen verteidige, möchte ich dieses Thema gerne noch einmal aufwärmen.

Antwort:

Die Auseinandersetzung damit kann für jeden Leser nur nützlich sein. Ich will meine Auffassung dazu darstellen – und, wie ich das stets versuche, auch begründen. Es wird nicht deutlich, welche Funktion der namentlich genannte Autor ausübt. Deswegen und weil hier keine Kritik an seiner Arbeit geübt werden soll, bleibe ich bei unserem Stil, in dieser Rubrik keine Namen zu nennen. So kann sich auch niemand angegriffen fühlen. Ich liste die wesentlichen Aussagen jenes Artikels auf – wenn ich auch in den zentralen Punkten (so ab Nr. 7) absolut anderer Meinung bin (meine steht jeweils direkt dahinter):

1. Von 100 eingesandten Bewerbungsmappen werden in der Regel 80 sofort aussortiert und zurückgeschickt. Daher ist es wichtig, sich um die richtige Präsentation zu kümmern.

Mell: Die Quote ist eher noch höher. Aber: Nicht nur die Präsentation zählt, auch der sachliche Inhalt, die Substanz! Von 100 Möchtegern-Betriebsleitern in der Metallverarbeitung kommen sehr viele weder aus der Produktion noch aus jener speziellen Bearbeitungstechnologie, haben also weder mit noch ohne tolle Präsentation eine Chance.

2. Im Vordergrund sollte zunächst die Entwicklung einer Werbebotschaft stehen, das Bewusstsein, eine Art Verkaufsprospekt in eigener Sache zu entwerfen. Dieser soll den potenziellen Arbeitgeber wirklich begeistern und den Wunsch auslösen, den Absender der Unterlagen unbedingt persönlich kennen lernen zu wollen.

Mell: Das mit dem „Verkaufsprospekt in eigener Sache“ habe ich vermutlich sogar geprägt (immerhin schreibe ich seit 1975).

3. Den Verkaufsprospekt in die Hand zu nehmen, muss dem Entscheider Spaß machen, zumindest aber ein gutes Gefühl vermitteln.

Mell: Noch eindeutiger wäre: Die Bewerbung darf den Leser nicht abstoßen, ihn nicht unangenehm berühren. „Spaß“ ist schwierig zu realisieren, wenn der Leser sich gerade durch die 87. von 100 quält.

4. Labbrige Plastikmappen oder lieblos mit einer Büroklammer zusammengeheftete Papierstöße sind dazu völlig ungeeignet.

Mell: Büroklammer-Heftung ist „unmöglich“, bloße Plastik-Steckhüllen (aus denen alles herausfallen kann) auch. Die üblichen Plastikordner mit fest eingehefteten / geklemmten Unterlagen jedoch bilden in weit über 90 % der Fälle den äußeren Rahmen und gehen völlig in Ordnung. Vor mir liegen zufällig gerade 75 Bewerbungen von Personalleitern(!), davon benutzen 72 die schmiegsamen Plastikordner mit klarem Deckel – ohne allen modischen Schnickschnack.

5. Es gibt professionelle Präsentationssysteme, die Bewerbungsunterlagen optimal zur Geltung bringen. Ein bisschen Mut zu einem leicht getönten, etwas wertvolleren Papier steigert die ästhetische Ausstrahlung zusätzlich.

Mell: Da bin ich sehr, sehr skeptisch. Gegen wertvolleres Papier spricht nichts, aber auf zartem Grün oder Lila mögen weder Personalchefs noch Entwicklungsleiter ihre künftigen Konstrukteure präsentiert sehen. Und die meisten „modernen“ Mappen sind beim Lesen hinderlich und ziemlich unpraktisch!

6. Besonders aber inhaltlich muss der Aufbau spannend, unterhaltsam und gut lesbar sein und dabei neugierig machen, so dass der Adressat schon gespannt darauf ist, was ihn auf der nächsten Seite erwartet.

Mell: Ja. Aber man ist häufig schon zufrieden, wenn man problemlos versteht, was gemeint ist. Für viele Akademiker ist „verständlich + richtig“ schon eine Hürde, „spannend + unterhaltsam“ überfordert sie total. Also lassen Sie das lieber – haben Sie stattdessen besser einen (positiv-)spannenden Berufsweg, der von Erfolg zu Erfolg führt.

7. Warum nicht einmal die Bewerbungsmappe mit einem Zitat beginnen lassen oder zunächst über die persönlichen Hobbys und Interessen berichten? Spannend sollte diese Beschreibung schon sein. Das Sammeln von Bierdeckeln oder Zuckerstücken wird da wohl wenig Interesse wecken. Spielt der Bewerber aber Schach oder ein Musikinstrument oder verbringt er seine Freizeit mit Paragliding, ergibt das schon ein anderes Persönlichkeitsbild und ist nicht selten das berühmte Zünglein an der Waage, wenn es um die wichtige Einladung zum Vorstellungsgespräch geht.

Mell: Nun geht es los! Zitate, was für eine Idee! Ich sehe die Bewerber schon den „Büchmann“ wälzen und nach intellektuell Anspruchsvollem fahnden. Ach du lieber Vater, dabei wird schön etwas herauskommen. Und die Wut der Leser erst! So mancher brave Produktionsleiter wird schäumen, wenn er als erstes Zitate liest. Ich biete hier eine Auswahl:“Wähntest du etwa, ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?“, (Goethe, Prometheus). Das eignet sich für frisch gefeuerte Abteilungsleiter. Oder: „Wenn es nicht wahr ist, ist es sehr gut erfunden“, (Giordano Bruno). Passt tadellos zur Begründung, warum es gerade dieser Job sein muss.

Und erst die Hobbys! Auch da ist die Wut des lesenden Entwicklungschefs vorstellbar, wenn er merkt, dass der Kandidat mit dem spannendsten Steckenpferd (so heißt das eigentlich in unserer früheren Sprache) dafür aber leider gar keine einschlägige Praxis im Konstruieren hat. Ich glaube, so etwas empfiehlt nur, wer es nicht selbst lesen muss …

Hübsch wäre auch ein Zitat in einer hier weniger verbreiteten Fremdsprache, fällt mir noch ein. Wie wäre es mit „Honi soit qui mal y pense“, das ist das Motto des englischen Hosenbandordens, passt auf jede Lebenslaufkatastrophe und meint etwa „Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt“.

8. Gelingt es, durch die Auswahl der Hobbys den Leser zum Mitschwingen zu bringen, kann das Tür und Tor öffnen.

Mell: Das ist unbedingt richtig! Eine Übereinstimmung im Hobbybereich macht den Bewerber dem Entscheider gleich sympathisch. Aber deshalb muss das Hobby nicht oben auf der Bewerbung prangen; es reicht, wenn diese Information am Schluss des Lebenslaufes steht! Außerdem weiß niemand, welcher Freizeitbeschäftigung der spätere Leser nachgeht. Vielleicht hasst der Golf?

9. Das ehrenamtliche Engagement in einer Telefonseelsorge lässt mit Recht den Rückschluss zu, dass der Kandidat über besondere soziale Kompetenz verfügt.

Mell: Erstens weiß kaum jemand, was soziale Kompetenz überhaupt ist. Und zweitens graust mir vor lauter Telefonseelsorgern in der technischen Anwendungsberatung oder im Vertrieb, von der Instandhaltung ganz zu schweigen. Natürlich habe ich nichts gegen diese Nebentätigkeit, aber sie empfiehlt sich nicht uneingeschränkt für jeden Job.

10. Ein Blick über den großen Teich zeigt, dass es viel sinnvoller ist, im tabellarischen Lebenslauf mit den aktuellen Daten anzufangen, mit der beruflichen Position, die man zur Zeit innehat, statt mit Kindergarten, Grundschulbesuch und Lehrzeit.

Mell: Das ist die amerikanische Version, die auch bei uns gebräuchlich ist. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Letzteres gilt ganz bestimmt auch für die amerikanische! Erstens ist sie schwierig zu gestalten – das „Leben“ hat sich vorwärts entwickelt und ist gar nicht so einfach „rückwärts“ darzustellen. Und: Da die „Katastrophen“ bei Bewerbern fast immer gerade erst passiert sind, liest man die nun zuerst! Die Darstellung beginnt also mit „arbeitslos“ oder man sieht vor allem anderen die viel zu kurze Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber oder die falsche Branche – und liest die früheren positiven Phasen und Ereignisse gar nicht mehr. Ich bevorzuge, wie viele andere, die klassische Form. Den Kindergarten können Sie so oder so weglassen. Und die Lehre ist bei FH-Ingenieuren häufig ein wesentliches Auswahlkriterium, das man geradezu sucht.

11. Ebenso empfiehlt sich das Verwenden von Deckblatt, Inhaltsübersicht und Einleitungsseite mit Platz für die persönlichen Daten – eine modisch sinnvolle Neuerung in Richtung attraktiver Gestaltung des eigenen Verkaufsprospektes.

Mell: „Modisch“ sagt schon alles. Jedes Deckblatt, jedes Inhaltsverzeichnis bedeutet je ein Blatt Papier zum Blättern mehr – 200 Seiten bei 100 Bewerbungen. „Weglassen, bloß weglassen“, stöhnt der Profi.

12. Dem Foto kommt eine wichtige Rolle als Sympathieträger und Weichensteller zu. Warum sollte es nicht ein bisschen größer, z. B. quadratisch, in Schwarzweiß gehalten, eben anders sein, ein Hingucker?

Mell: Ich habe schon Leuten geraten, den Bart vor der Aufnahme abzunehmen, weil der zu viel „Hingucker“ war. Mit dem Format aufzufallen, das sind für mich Mätzchen. „Anders“ als Prinzip? Aber: Wie wäre es mit den richtigen Kenntnissen aus der richtigen Branche, das ist schon „anders“ genug (als 80 %). Wer einen Betriebsingenieur einstellt, weil der das auffälligste Foto hatte, gehört – na was weiß ich, suchen Sie sich etwas aus.

13. Überraschend für den Adressaten und noch relativ neu ist die Einführung einer persönlichen Botschaft auf einer eigenen Seite, vor oder besser nach dem Lebenslauf platziert. Es geht mit einer speziellen, zusammenfassenden Werbebotschaft um ein persönliches, in Grenzen durchaus emotionales Zeichen. Der potenzielle Arbeitgeber kann beispielsweise mit einer Überschrift wie „Was Sie sonst noch über mich wissen sollten …“ zum Lesen animiert werden. Diese Seite ist ein weiterer Hingucker und wird intensiver gelesen als beispielsweise das Bewerbungsschreiben.

Mell: Die Dinger haben mir gerade noch gefehlt! Was da oft für ein Unsinn steht, geht auf keine Kuhhaut. Man bedenke auch: Dieses Zeug kann abgeschrieben sein, kann von der psychologisch geschulten Freundin stammen oder sonst wo her. „Wird intensiver gelesen als das Anschreiben“, das glaube ich nicht. Sagen wir es so: Mich nervt das – und ich halte es sogar für kontraproduktiv.

14. Das Anschreiben ist lediglich eine höfliche, knappe Moderation, es sollte die zentrale Aussage der Bewerbungsmappe in kurzer, prägnanter Form widerspiegeln.

Mell: Im Prinzip ja. Aber wenn es etwas zu „erklären“ gibt, ist hier der Platz (z. B. Motivation für den Stellenwechsel).

15. Viele Personalchefs ersparen sich zunächst die Lektüre des Bewerbungsanschreibens und lesen nur die Briefe jener Kandidaten, die in die engere Wahl kommen.

Mell: Davor warne ich seit langem. Daher ist der Lebenslauf die zentrale Basis. Überzeugen dessen Fakten(!) und die Darstellung nicht, taugt die ganze Bewerbung nichts (trotz schönster Zitate).

Kurzantwort:

Zentrale Basis der Bewerbung sind die Fakten des Lebenslaufes. Werden die gut „verpackt“, steigert das die Erfolgsaussichten, eine schlechte Präsentation mindert dieselben. Und: Viele Bewerber werden nicht wegen, sondern trotz ihrer Präsentation eingestellt.

Frage-Nr.: 1487
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-05-05

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