Heiko Mell

Der Stil meines Chefs

Seit mehreren Jahren bin ich für ein mittelständisches Unternehmen als Hauptabteilungsleiter im Bereich … tätig. Seit einigen Monaten jedoch studiere ich wieder intensiver die Stellenanzeigen.

Für diesen Veränderungswunsch gibt es mehrere Gründe, deren Ursachen im Führungsverhalten und -stil meines vorgesetzten Geschäftsführers liegen. Meine Erziehung und daraus folgend mein Verhalten im Unternehmen gegenüber den Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten steht auf mehreren Säulen. Eine dieser Säulen ist Ehrlichkeit.

Diese möchte ich auch meinem eventuellen neuen Arbeitgeber (Vorgesetzten) entgegenbringen. In meinem ersten Bewerbungsgespräch nach längerer Zeit kam ich dennoch bei der Frage zu den Gründen meines beabsichtigten Stellenwechsels in einen verbalen Schleuderkurs.

Soll ich bei dieser Frage meinem Gegenüber eine ehrliche Antwort geben und Probleme offen ansprechen oder soll ich mich taktisch verhalten und eine feste Redewendung verwenden, die zu benutzen mir schwer fällt?

Antwort:

Ehrlichkeit ist eine grundsätzlich durchaus erstrebenswerte Eigenschaft. Dass sie so eindeutig auf Erziehung zurückgeht, wie Sie es darstellen, bezweifle ich. Schließlich erziehen nicht alle Eltern jugendlicher Autodiebe ihre Kinder zu solchen und vermutlich können Kinder von Sozialhilfebetrügern auch anständige Bürger werden. Aber darauf kommt es nicht an.

Reden wir über den Versuch, Ehrlichkeit zur Maxime des eigenen Handelns zu machen und reden wir über das Abenteuer, das als Führungskraft in der Marktwirtschaft durchzuhalten. Ehrlich? Immer? Ich bin da sehr, sehr skeptisch.

Sie könnten die „reine Lehre“ eigentlich schon Ihren Nachbarn und Bekannten gegenüber nicht vollständig umsetzen – und nur sehr bedingt gegenüber Chefs und Mitarbeitern im Beruf. Nun sehe ich als einzige andere Möglichkeit nicht gleich die ausdrückliche Unehrlichkeit. Beide, letztere ebenso wie Ehrlichkeit, sind in dieser Betrachtung Extremwerte auf einer Skala – und die tägliche Wahrheit liegt dazwischen.

Sagen wir es einmal so: Ich führe mein Geschäft so, dass ich unter keinen Umständen den Vorwurf der Unehrlichkeit hinnehmen würde. Den Anspruch, dabei seriös zu sein, würde ich schon als Maxime formulieren. Meine Kunden sehen das – hoffentlich – auch so. Aber wenn ich hinginge und Ehrlichkeit als Leitidee meines Unternehmens verkündete – müsste ich mit bedenklichem Kopfschütteln bei meinen Klienten rechnen. „Jetzt hat es ihn endgültig erwischt“, würden sie murmeln und sich nach und nach anderweitig orientieren. Oder sie würden es als „Masche“ einstufen. So ist das Leben eben.

Als Bewerber nun verkaufen Sie etwas. Und zwar ein Produkt, dessen Erfolg Ihnen besonders am Herzen liegt: Ihre Arbeitskraft. Sie bieten sich ähnlich „gegen Geld“ an wie ein Lieferant seine Teile und Komponenten. Noch griffiger ist der Vergleich mit dem Gebrauchtwagenhandel: Sie wollen oder müssen einen Gebrauchtwagen (ab 20 sind wir alle mehr gebraucht als neu) verkaufen. Und der hat selbstverständlich irgendwelche Macken, kleinere und größere.

Ach ja, auch den Käufer in diesem Geschäft müssen Sie sehen: Der will „billig“ kaufen. Zu diesem Zweck bietet er erst einmal weniger und betont kleine Auffälligkeiten des Produkts über. Sie hingegen tun das Gegenteil, reden die negativen Seiten herunter, loben die Klimaanlage, wenn das Getriebe beim Schalten hakt („eine Kleinigkeit, das stellt jeder Monteur in 10 Minuten ein“). Irgendwann trifft man sich dann in der Mitte, niemand hat betrogen, niemand ist übervorteilt worden.

Sie können auch als Manager in einem auf Gewinn ausgerichteten Unternehmen versuchen, ein anständiger Mensch und so ehrlich wie eben möglich zu sein und keinen Anlass zu geben, dass man Ihnen Unehrlichkeit nachsagt. Aber das Banner der Ehrlichkeit flatternd vor sich herzutragen, das wäre ein Anspruch, an dem Sie entweder irgendwann scheitern oder der Ihnen früher oder später Türen versperrt. Wie eben jetzt.

Wie Sie schon spüren, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie sagen in Vorstellungsgesprächen, was Sie von Ihrem derzeitigen Chef halten, dann ist der potentielle neue Vorgesetzte kaum bereit, Sie einzustellen. Oder Sie sagen in diesen Gesprächen, was die Partner hören wollen (sachliche Gründe oder „persönlicher Fortschritt“), dann könnten Sie eine neue Position bekommen. Sie haben die Wahl.

Sehen Sie, unser ganzes Leben besteht aus und funktioniert mit Ritualen. Worthülsen, wenn Sie so wollen. „Guten Tag“ – und nichts ist Ihnen gleichgültiger als der Tagesverlauf eines Fremden. „Sehr geehrter Herr …“ – und danach teilen Sie dem Kerl mit, wenn er nicht endlich seine Schulden bezahlt, schicken Sie ihm den Gerichtsvollzieher. So geht es endlos weiter. Und zu den Ritualen gehört auch, dass man im Vorstellungsgespräch nichts sagt, was als Kritik an oder als negative Beurteilung des Vorgesetzten gesehen werden könnte. Jeder lebenserfahrene Mensch weiß, dass Tausende von Mitarbeitern von ihren Chefs nichts halten und wegen entsprechender Konflikte gehen wollen. Aber es werden Leute gesucht, die das zumindest nicht aussprechen. Aus drei Gründen:

a) Irgendwann, so denkt man, sitzt dieser Bewerber, der dann unser Mitarbeiter ist, anderen potentiellen Arbeitgebern gegenüber. Und dann erzählt er, was er von unseren Geschäftsführern, z. B. von mir(!), hält.

b) Alle Vorgesetzten fühlen sich mit anderen Vorgesetzten solidarisch, soweit die Chef-Funktion betroffen ist. Erfährt ein Chef, eine ihm völlig unbekannte Führungskraft habe Ärger mit irgendeinem Mitarbeiter, gehört seine Sympathie spontan diesem Vorgesetzten. Da man ohnehin den „Erzählungen“ von Kindern über böse Lehrer, von Studenten über unmögliche Professoren und von Mitarbeitern über ungerechte Chefs nicht glauben darf (auch die Faulen und Unfähigen unter den „Untergebenen“ bringen stets nur unbewiesene Anklagen gegenüber den Ranghöheren als Erklärung für Probleme vor), erwecken Sie mit irgendwelchen kritischen Aussagen nur den Verdacht, es läge alles an Ihnen.

c) Jeder Arbeitgebervertreter im Vorstellungsgespräch weiß, dass er nicht in allen Punkten die Wahrheit erfährt. Er glaubt also keineswegs den „glatten“ Schilderungen über Motive und Hintergründe, die er ständig hört. Aber er will sie glauben! Er sucht zumindest die Illusion, bei diesem Kandidaten sei alles in Ordnung, hier gäbe es allerbeste Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit. Und er will sich in dem Gefühl zurücklehnen können, er habe ja bei dieser Einstellung an alles gedacht, habe alles erfragt – und keine kritischen Punkte gefunden. Dass es diese irgendwo im Verborgenen gibt, ahnt er – aber was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Menschen sind so.

Für Sie, sehr geehrter Einsender, heißt das: Seien Sie so ehrlich in jeder Situation wie irgend möglich, aber tragen Sie diesen Anspruch nicht offen vor sich her – es könnte Ihnen negative Reaktionen nebst Vorwürfen in Richtung Selbstgefälligkeit oder Naivität eintragen.

Dann war da noch der Gebrauchtwagenverkäufer, der ehrlich zu einem Kaufinteressenten sagte: „Natürlich wollen Sie wissen, warum ich die Kiste loswerden will. Also ich rechne täglich mit größeren Reparaturen, der Werkstattmeister hat schon so etwas angedeutet. Außerdem macht das Getriebe in Extremsituationen Geräusche und die Leistung der Maschine geht laufend zurück – der Wagen muss einfach weg.“ Und so blieb er sowohl ehrlich als auch auf ewig mit seinem Auto verbunden (nein, dies ist kein Spott. Sie dürfen das traurig nennen, aber es ist leider auch realistisch).

Kurzantwort:

Bisher hat noch niemand versucht, bei Definitionen über wesentliche Aspekte der Marktwirtschaft oder über Idealanforderungen an Manager in diesem System ausgerechnet „Ehrlichkeit“ auf einen vorderen Platz zu setzen. Aber auch das Gegenteil wäre falsch. Die Wahrheit scheint irgendwo dazwischen zu liegen.

Frage-Nr.: 1478
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-04-07

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