Heiko Mell

Große Firma – großes Chaos?

Ich habe kürzlich fünfzehn Initiativbewerbungen geschrieben und darauf nach 3,5 Monaten innerhalb von vierzehn Tagen sieben konkrete Vertragsangebote bekommen. Dies zeigt mir, dass Unternehmen heute alle gleich schnell bzw. gleich langsam arbeiten. Wäre hier ein Unternehmen schneller gewesen, so hätte es Vorteile gegenüber den anderen gehabt.

So habe ich bei meinen Bewerbungen dann dem Großunternehmen „A“ den Zuschlag gegeben, bei dem ich mich zwei Monate nach dem Absenden der Initiativbewerbungen auf eine Stellenanzeige beworben hatte und von dem mir bereits nach fünf Wochen ein Vertragsangebot vorlag.

Ein negatives Beispiel ist die „B“ AG (Anmerkung des Autors: Im Original stehen anstelle der hier gewählten Buchstaben die Namen von Elite-Konzernen der deutschen Industrie). Da habe ich erst nach fünf Wochen die Eingangsbestätigung erhalten, nach weiteren vier Wochen kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch (auf einen wiederum fünf Wochen später gelegenen Termin). Eine Rückmeldung auf das Gespräch (weder positiv noch negativ) habe ich bis heute nicht erhalten.

Aber auch mit der „C“ AG habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Dort habe ich fast gleichzeitig von der Personalabteilung eine Absage bekommen, während mich eine Fachabteilung zu einem Gespräch eingeladen hat. Nach meiner Nachfrage, wie das zu interpretieren sei, kamen dann innerhalb von drei Wochen zwei weitere Einladungen anderer Fachabteilungen. Da kommt die Vermutung auf, dass hier etwas falsch gelaufen ist.

Die große Anzahl kleinerer Pannen wie z. B. doppelt verschickte Eingangsbestätigungen oder auch die Rücksendung nicht der eigenen, sondern fremder Bewerbungsunterlagen zähle ich hier nicht groß auf.

Natürlich weiß ich, dass in den Personalabteilungen nur Menschen arbeiten. Sind aber die Erfahrungen, die ich gemacht habe, normal, so dass man sich nicht entmutigen lassen soll oder waren dies nur Ausnahmen?

Antwort:

Für einen Fachmann ist es immer wieder verblüffend, dass ein Laie Zusammenhänge, die doch anscheinend ganz unübersehbar auf der Hand liegen, nicht erkennt. Aber vermutlich geht es anderen Profis auf Gebieten, die ich nicht beherrsche, mit mir ebenso.

Nehmen Sie sich die ersten beiden abgedruckten Absätze Ihrer Frage vor. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen – kein Wunder, dass Sie dann vom Ergebnis überrascht sind:

Sie haben zunächst fünfzehn Initiativbewerbungen geschrieben. Ich habe hier des öfteren gesagt, dass ich von diesem Instrument grundsätzlich nicht viel halte (Berufsanfänger müssen es u. a. einsetzen – aber nur aus dem Grund, weil alle anderen es auch tun. Nicht jedoch, weil es etwas taugt): Die Empfänger haben nicht um Bewerbungen gebeten, Sie wissen weder, ob sie überhaupt Leute Ihrer Qualifikation suchen noch für welche Art von Tätigkeit.

Bedauern Sie auch ruhig einmal die armen Personalabteilungen: Der Posteingang bringt Initiativbewerbungen. In äußeren Ausführungen aller Art: lose im Umschlag, in Standardmappen, in „gestylten“ Mappen, in Plastikhüllen mit losen Fotos usw. Das sind, wild durcheinander, Ingenieure, Kaufleute, Chemiker, Juristen, Geologen, Soziologen, Psychologen u. a. m. Manche schreiben – sehr schön – schon im „Betreff“ ihres Anschreibens, worum es geht (z. B. „Bewerbung um eine Berufseinsteiger-Position: Dipl.-Ing. für den Entwicklungsbereich“). Bei anderen darf man raten. Wieder anderen fehlt jede Orientierung, sie wissen nicht, was sie wollen. Jeder von ihnen hat, so viel ist klar, ebensolche Bewerbungen mit ebenso „geschwindelten“ Begeisterungsausbrüchen („… würde ich gern gerade in Ihrem Unternehmen arbeiten, weil …“) an zahlreiche andere Empfänger geschrieben. Die Wahrscheinlichkeit, diesen einzelnen Bewerber letztlich für einen bestimmten Job begeistern und dann auch noch gewinnen zu können, ist also recht gering. Warum sich also überschlagen?

Also liest man in der Personalabteilung die täglichen Zuschriften, flucht dabei leise vor sich hin, registriert, sortiert und versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen. Dann ordnet man die einzelnen Zuschriften verschiedenen Fachabteilungen zu und sendet sie auf den Weg dorthin. Da Initiativbewerbungen terminlich wahllos und aus der Sicht des Empfängers ohne System eintreffen, ist es unwahrscheinlich, dass der Fachabteilungsleiter gerade Zeit und Lust hat, sich damit zu beschäftigen. Außerdem kommen morgen und nächste Woche neue Zuschriften. Also bloß nicht hetzen.

Und so liegen die Bewerbungen denn irgendwo. Wie Sie festgestellt haben, tun sie es fast überall gleich lange. Weil, wie ich ja immer wieder sage, alle großen Firmen irgendwie ähnlich funktionieren („Wer eine kennt, kennt alle“ – weshalb es kaum etwas bringt, aus Frustration von Konzern X zu Konzern Y zu wechseln).

Also ist der Absender einer Initiativbewerbung Teil einer „Massenbewegung“, die halt ihren Weg nimmt und bei der er, steckt sein Umschlag einmal im Briefkasten, nichts mehr tun kann – außer abzuwarten.Ihr schließlich gefundener Arbeitgeberkonzern „A“ war gar nicht schneller als die anderen. Hier war nur eine völlig andere Basis für die Kontaktaufnahme gegeben: Dieses Unternehmen hatte inseriert! Die eingehenden Bewerbungen sind in einem solchen Fall gekennzeichnet, beziehen sich auf die Anzeige, können zugeordnet werden. Die Fachabteilung weiß, was sie will und geht – na ja – entschlossen an die Auswahl. Entschlossener jedenfalls als bei ungebeten und zufällig hereinpurzelnden Initiativbewerbungen.

Letztere will und darf ich Ihnen nicht ausreden. Aber ich wollte begründen, warum Sie sich als Absender in Geduld fassen müssen und warum die Abwicklung bei Zuschriften aus Anzeigen schneller geht und einfacher ist. Das wissen auch die Konzerne. Aber, so sagen viele von ihnen, sie bekämen nun einmal diese vielen Zuschriften kostenlos ins Haus. Da wäre es, sofern überhaupt Anfänger eingestellt werden, doch wirtschaftlich unvertretbar, sie nicht auszuwerten.

Zu Ihren anderen Fällen: Eingangsbestätigungen erst nach fünf Wochen wären bei Bewerbungen auf Anzeigen eine Schlamperei erster Güte. Aber bei unverlangt eingesandten Zuschriften sind sie höchstens unschön. Vielleicht auch nicht besonders klug, falls sich das bei nachfolgenden Berufseinsteiger-Generationen herumspricht, aber das ist nicht Ihr Problem. Die jeweils lange Bearbeitungsdauer habe ich zu erklären versucht. Vielleicht haben Sie sich ja auch – in dem Versuch, besonders geschickt vorzugehen – sehr früh im Jahr beworben. Dann hat der Konzern erst einmal abgewartet, bis noch mehr Bewerbungen zu Ihrem „Thema“ vorliegen, bevor er diese Zuschriften überhaupt beachtet hat (niemand entscheidet gern über eine einzelne Bewerbung).

Zur Anmerkung, Sie hätten bei „B“ keine Rückmeldung auf das geführte Vorstellungsgespräch erhalten: Spätestens vierzehn Tage nach geführtem Vorstellungsgespräch haben Sie im positiven Falle eine (positive) Nachricht. Ist dies nicht der Fall, läuft die Geschichte gegen Sie – man verhandelt vorrangig mit Mitbewerbern. Eine endgültige Absage gibt es aber meist erst, wenn mit einem der anderen Bewerber ein Vertrag geschlossen wurde. Das kann Monate nach dem Gespräch sein.

Absagen mit wahrheitsgemäßer Aussage sind bei Bewerbungen nicht üblich. Trauen Sie also der Begründung einer „negativen Rückmeldung“ auch dann nicht, wenn sie sich gut liest.

Ja und „C“? Natürlich soll das nicht sein, kommt aber in Riesenunternehmen vor. Da muss nur jemand Ihre – vielleicht ja auch sehr allgemein abgefassten – Unterlagen fotokopiert haben, um sie fünf verschiedenen Fachabteilungen zuzuleiten. Als dann die erste davon „kein Interesse“ meldete, erhielten Sie – korrekt, aber blödsinnig – eine Absage. Andere Fachabteilungen wollten Sie sehen – und luden Sie ein. Als Empfehlung: Große Konzerne muss man hinnehmen (volkstümlich: „Ein großes Haus kann Großes bieten“).

Die paar kleinen Beispiele wie doppelt verschickte Eingangsbestätigungen etc.? Menschen, Computerprogramme, statistische Basiszahlen. Letzteres bedeutet: Wenn die Müller & Sohn GmbH bei der Behandlung von Akademikerbewerbungen eine Fehlerquote von 1 ‰ hat, „erwischt“ das vielleicht alle zehn Jahre einen Bewerber in diesem Land. Bei Ihrem „C“-Konzern wären es – grob geschätzt – einige zehn pro Jahr. Und Sie waren dabei.

Vor dem Problem „falsche Bewerbungsunterlagen im richtigen Umschlag“ fürchten sich alle Personalabteilungen. Ganz auszuschließen ist das Risiko nicht. Aber auch Bewerber tüten gelegentlich Bewerbungen an Empfänger X in einen Umschlag ein, der an Y gerichtet ist …

Kurzantwort:

Initiativbewerbungen sind „ungebetene“ Zuschriften an Unternehmen, deren Bedarfssituation unbekannt ist. Daher darf man sich über zeitliche und andere Probleme bei der Bearbeitung nicht wundern.

Frage-Nr.: 1464
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-02-18

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