Heiko Mehl

Warum erfolglos?

Ich habe Chemie-(Ver-fahrens)technik (TU) studiert und suche zur Zeit eine geeignete Stellung. Nach über 100 Absagen bin ich ziemlich desillusioniert, denn bisher wurde ich trotz Vorstellungsterminen bei vier Unternehmen (zwei davon zum zweiten Gespräch) im Endeffekt immer abgelehnt.

Meine Erfolglosigkeit führe ich auf zwei wesentliche Dinge zurück:

1. Mein langes Studium (16 Semester) mit der Abschlußnote 2,9 (obwohl Studiendauer und Note etwa dem Durchschnitt des Studienganges entsprechen).

2. Meine fehlende Berufserfahrung während des Studiums (bei Nebentätigkeiten tolerieren Arbeitgeber längere Studienzeiten eher). Ein Studienkollege von mir hat nach oftmaligen Bewerbungsgesprächen jetzt einen tollen Job bekommen (trotz schlechterer Noten und ebenso langer Studiendauer). Ich kann diese Tatsache nur auf seine Nebenjobs zurückführen.

Antwort:

Sie sind leider nicht sehr mutig – sonst hätten Sie Ihren Bewerbungsunterlagen

a) das Abitur und

b) ein typisches Bewerbungsanschreiben beigelegt. Aus der Abiturnote hätte man vielleicht die Empfehlung ableiten können, sich ein derart anspruchsvolles Studium besser zu ersparen und sich etwas weniger Wissenschaftlich-Vertieftes auszusuchen (wäre für potentielle Nachahmer interessant gewesen). Im Anschreiben, in dem es um Ihre Art zu formulieren und zu argumentieren geht, wäre mir vielleicht etwas aufgefallen, was man eventuell besser hätte lösen können.

Aber: Sie vertreten eine Theorie, die ich in solchen Fällen öfter höre. Sie ist falsch – und eigenartigerweise müßte den Verbreitern doch schon die Logik sagen, daß es so nicht sein kann: Wer Sie einlädt (zum Vorstellungsgespräch), kennt die Fakten Ihres Werdeganges. Und er akzeptiert sie grundsätzlich! Es ist schlicht undenkbar, daß man Sie im zweiten(!) Gespräch wegen bestimmter Sachdetails ablehnt, die schon im Lebenslauf standen!

Die Ablehnungen nach den Gesprächen müssen andere Gründe haben. Wer weiß, wie Sie dort auftreten, was Sie erzählen, wie Sie die Fakten Ihres Werdeganges darstellen, Ursachen für Probleme definieren und eventuell Forderungen stellen.

Lassen Sie sich insbesondere die beiden zweiten Gespräche noch einmal durch den Kopf gehen. Dort hatten Sie eine echte Einstellchance! Etwas ist geschehen, was haben Sie dort gesagt, getan, wo haben Sie Erwartungen nicht erfüllt? Es muß etwas geben in der Art.

Ich bin aber noch nicht fertig. Sie haben zwei nahezu lächerliche Details in Ihrer Bewerbung:

1. In einem Praktikum bei der Umwelt-Toch-ter eines sehr bedeutenden Konzerns haben Sie laut Ihrer Anlage zum Lebenslauf „Rahm-Kern-Sondierungen“ durchgeführt. Das klingt ordentlich verheißungsvoll, da läuft einem ja das Wasser im Munde zusammen. Das muß mit dem Besten aus der Milch zusammenhängen, irgendwann wird Sahne daraus. Beim Blättern in den folgenden Zeugnissen stößt man dann auf das Dokument jenes Unternehmens. Und die schreiben ganz profan, Sie hätten Rammkern-Sondierungen in Umweltschadensgebieten durchgeführt. Also eher „wumm-wumm-wumm“ statt „lecker, lecker“ (wie die Kölner sagen). Also wissen Sie, nee. Wie oft haben Sie den Unsinn unters Volk gestreut? „Über 100 Absagen“ lassen auf hohe Stückzahlen schließen. Natürlich ist das kein Weltuntergang. Aber haben Sie denn nach den ersten Massen-Absagen niemals jedes Detail der Unterlagen akribisch überprüft? Als Techniker muß man doch über Ihren „Rahm“ stolpern!

2. Ihr Studienende liegt über ein Jahr zurück. Seither nehmen Sie an einem (vielleicht vom Arbeitsamt geförderten?) „Management-Trainee-Programm“ einer Bildungsinstitution teil. Unter „Ziele“ dieses Kurses führen Sie an erster Stelle im Lebenslauf auf: „Manage-ment-Grundkenntnisse“.

Irgendwie ist das doch alles nicht logisch: Als „Sachbearbeiter“ auf „stinknormalen“ Einstiegspositionen hat Sie niemand haben wollen, jetzt lassen Sie sich dann in Richtung Management ausbilden und versuchen den Einstieg eine ganze Stufe höher (so klingt es).

Als Rat: Hängen Sie das alles sehr viel tiefer, es grenzt ans Lächerliche.

Richtig makaber ist die von Ihnen beigefügte Darstellung des Kursprogramms. Dort heißt es unter „Teilnahmevoraussetzungen“: „Zügi-ges Studium mit gutem Abschluß.“ Schenken wir uns einmal die Diskussion, wie „gut“ ein befriedigender Abschluß (2,9) wohl ist. Aber wenn 16 Semester „zügig“ sind, dann ist die Grenze des guten Geschmacks erreicht.

Ihre Studiendauer war diskussionslos viel zu lang. Und es ist gleichgültig, welche Fachrichtung das ist und was da Durchschnitt genannt wird. Volkswirtschaftlich kann das niemand verantworten. Ein schwaches Resultat bleibt ein schwaches Resultat, auch wenn hundert andere auch schwache Ergebnisse erzielen. Vergessen Sie einfach das Wort „Durchschnitt“. Halt, in einem Bereich kann es nützlich sein: Man erkundige sich ruhig vor Studienbeginn über die durchschnittliche Studiendauer in diesem Fach an dieser Hochschule. Und wenn dann jemand 16 Semester sagt, dann schaue man auf seine Abiturnote. Ist die 1,2 oder so, pfeife man auf den Durchschnitt und tue es dennoch. Ist die aber eher 3,2 oder so, dann rechne man auch schön mit 16 Semestern (wer treibt eigentlich den Durchschnitt so hoch, da muß es doch noch viel größere Zahlen geben, rein rechnerisch?). Und dann sagen Sie sich, daß Sie damit eine Menge Ärger bekommen werden (später) – und studieren lieber anderswo anderes. Manchmal klingen Lösungen erschreckend banal.

Aber in einem Punkt haben Sie recht: Wenn schon ein langes Studium, dann wenigstens Praxisbezug in Massen (der gilt auch gleichzeitig wieder als eine Art „Ausrede“ für das lange Studium).

Frage-Nr.: 1429
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-08

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