Heiko Mell

Wie sehr ins Detail gehen?

Mir stellt sich die Frage, wie ausführlich man in Bewerbungen seinen bisherigen Werdegang bzw. bisher verantwortete Aufgabengebiete erwähnen sollte, ohne dabei die Aufmerksamkeit des Adressaten zu verlieren. So beinhaltet meine Tätigkeit innerhalb der „strategi-schen …planung“ sehr viele interessante Aufgaben, daher ist eine Konzentration auf Highlights sicherlich sinnvoll.

Antwort:

Eine sehr gute Frage, bei deren Antwort verschiedene Aspekte zu berücksichtigen sind:

Da ist einmal die Gesamtmenge an Informationen, die man einem Leser zumuten kann: Das Anschreiben sollte niemals 1,5 Seiten überschreiten, der Lebenslauf sollte auf maximal zwei Seiten zu Ende geführt werden. Letzteres gilt für einen ausführlichen tabellarischen Lebenslauf – dem keinerlei pauschale Zusatzblätter wie „Qualifikationsprofil“ oder „Details zu meinen diversen Tätigkeiten“ zugefügt werden (die viele Bewerbungsleser nicht mögen, darunter auch ich).

Bei der Detaillierung müssen Sie unterscheiden zwischen der verständlichen Begeisterung des persönlich Betroffenen über die vielen tollen Dinge, die er gemacht hat (oder derzeit noch machen darf) einerseits und dem berechtigten Interesse des ganz speziellen Bewerbungslesers andererseits. Letzterer will nicht wissen, was Sie alles getan haben! Er wünscht hingegen zu wissen, was Sie in solchen Bereichen getan haben, die für die hier zu besetzende Position von Interesse sind! Was ein Unterschied sein kann, wie Sie zugeben werden. Daraus folgt, daß Anschreiben und Lebenslauf(!) immer individuell zielorientiert einzeln angefertigt werden müssen, wenn sie denn optimal sein sollen. Keine zwei Positionen sind exakt identisch, jedesmal gibt es andere Details in der Aufgabe oder auch in der gesamten Firmenkonstellation – zu denen andere Details des eigenen Werdeganges oder der eigenen derzeitigen Tätigkeit besser passen.

Beispiel: Bewürbe ich mich derzeit um die Position eines Vorstandsmitgliedes für Personal (aus mehreren gewichtigen Gründen ein rein fiktives Beispiel), so wäre es nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv, in dieser Bewerbung viel und ausführlich beispielsweise über meine fünfzehnjährige Arbeit an dieser Zeitungsserie zu berichten. Ein Vorstandsmitglied soll nicht schreiben, es soll handeln, entscheiden etc. Ich würde mit jeder weiteren Zeile, die ich diesem für mich subjektiv durchaus wichtigen Thema widme, meine Chancen weiter reduzieren (es würde Herzblut kosten, aber ich müßte darauf verzichten).

Gälte meine Bewerbung jedoch einer Hochschulposition im Bereich dieses Metiers, könnte ich gar nicht genug auch über publizistische Erfolge von mir geben (keine Angst, auch dieses Beispiel ist rein fiktiv).Ich darf an mein inzwischen vielfach zitiertes Beispiel „Schloß – Schlüssel“ erinnern: Die zu besetzende Position ist ein exakt definiertes Türschloß, die optimale Bewerbung stellt den perfekt dazu passenden Schlüssel dar. Nun mag ein Schlüssel mit sechs „Zacken“ hoch-interessant aussehen – er „klemmt“ jedoch, wenn das Schloß nur fünf entsprechende Kerben aufweist. Auch kann ein Schlüssel mit einem Bart von sieben Zentimetern Länge allgemeine Begeisterung hervorrufen – er vermag jedoch nichts in einem Schloß auszurichten, das seinerseits nur vier Zentimeter lang ist.

Auch ein Bewerber soll nicht „irgendwie toll“ sein, sondern „genau hier hinpassen“. Um letzteres zu demonstrieren, muß man aus der eigenen Qualifikation und aus der Auflistung ausgeübter Tätigkeiten eine Auswahl treffen und Passendes ausführlich, hier eher nicht zum Thema passende Informationen jedoch nur knapp oder gar nicht aufführen.Es handelt sich dabei um ein Zentralthema erfolgreicher Bewerbungstechnik. Daß die in dieser Serie so oft zitierten 90 % aller eingehenden Bewerbungen letztlich ungeeignet sind, dürfte zu einem sehr großen Teil auch an der Mißachtung dieser einfachen, verständlichen und sicher nachvollziehbaren Grundregel liegen. Kürzer gesagt: Der Köder muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Selbst wenn letzterer lieber Bratkartoffeln ißt, wird er seinem Fisch eine Fliege oder einen Wurm bieten müssen, damit dieser „an-beißt“.

Als abschreckendes Beispiel: Man kann ungeheuer stolz darauf sein, daß man heute sieben Mitarbeiter führt. Man kann darüber auch breit und lang und ausführlich in Bewerbungen schreiben. Man kann aber damit auch die Chancen einer Bewerbung nachhaltig und endgültig ruinieren – wenn die Zielposition „nur“ die eines Projektingenieurs mit rein fachlicher Aufgabenstellung ist. In einem solchen Fall hätte man die sieben „Un-tergebenen“ lieber weggelassen. Denn – so komplex sind diese Zusammenhänge – der Leser empfindet in einem solchen Fall nicht nur die erwähnten unterstellten Mitarbeiter als Beispiel für eine „falsche Qualifikation“ – er ärgert sich zusätzlich über einen Bewerber, „der so dumm ist, daß er nicht merkt, wie er hier mit dem falschen Argument am falschen Platz Unfug anrichtet“. Letzteres ist vielen Bewerbern, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, irgendwie sehr schwer nahezubringen. Wenn ich nur verstünde, warum das so ist …

Als ich mir das bisher Geschriebene noch einmal durchlese, bekomme ich den Verdacht, das sei alles noch längst nicht eindringlich und eingängig genug. Schließlich werden viele der zentralen Bewerbungsfehler in diesem Punkt gemacht. Also lege ich argumentativ noch etwas nach:

Einer großen Mehrheit von Bewerbern scheint überhaupt nicht klar zu sein, daß „viel hilft viel“ nicht nur bei Arzneimitteln und beim Kochen nichts taugt. Sie kennen anscheinend auch weder eine falsche noch eine Über-Qualifikation. Sie treten im Gegenteil auf als gälte es, „Punkte“ einer ominösen Art zu sammeln – so viele wie möglich. Das ist hingegen falsch – und vielleicht muß ich einmal einen ganz anderen Ansatz versuchen:

Also ich suche einen Konstrukteur. Nehmen wir drei Hauptkriterien des Anforderungsprofils: Maschinenbauingenieur soll er sein, Konstruktionserfahrung im Getriebebau soll er haben, zwischen 30 und 45 soll er sein. Das liest mein Beispielbewerber, interessiert sich für die Position – und nun kommt offensichtlich sein Denkfehler: Es wird, so vermutet er, im Bewerberfeld nur so wimmeln von mittelalten Maschinenbauingenieuren mit Konstruktionspraxis im Getriebebau. Also muß er sich in dieser Masse profilieren. Und folgerichtig bläht er seine erste Position nach dem Studium mit allen Details auf, die ihm einfallen (als er im Anlagenbau Einzelteile konstruiert hat). Und schreibt und schreibt dazu. Springt zur zweiten Position, in der er u. a. im Betrieblichen Vorschlagswesen mitgearbeitet hat. Und schreibt über das Projekt „Verlagerung der Konstruktionsabteilung in einen Neubau“ und über vieles andere.

Dabei ist das alles gar nicht hilfreich, im Gegenteil. Was er offensichtlich nicht weiß, ist: Wer sich in einem solchen Fall schlicht als Maschinenbauingenieur nur im gesuchten Alter mit der gesuchten Erfahrung vorstellte – wäre bereits eine „lebende Sensation“. Der könnte zwar ruhig ein bißchen ausholen über die Art der Getriebe, die er kennengelernt hat, aber das wäre es schon!Die anderen Bewerber nämlich sind entweder keine Ingenieure oder sie haben keine Konstruktionspraxis oder keine Erfahrungen aus dem Getriebebau oder sie sind im falschen Alter oder alles zusammen. Wer einfach „paßt“, ist bereits so interessant, der braucht das nicht durch Randbereichserfahrungen zu ergänzen, der ist automatisch drin im engsten Ausleseprozeß. Aus langjähriger Erfahrung in der Diskussion mit Nicht-Profis dieses Metiers weiß ich, daß der normale Bewerber dies kaum glauben mag. Dennoch: Das ist so!

Und wenn ein Bewerber wesentliche Hauptkriterien nicht erfüllt, helfen wortreiche Erläuterungen seiner Erfahrungen aus „falschen“ Gebieten auch nicht weiter. Es sind ausgewachsene Akademiker tatsächlich imstande, in ihren Bewerbungen um technische Führungspositionen stolz auf „in grauer Vorzeit“ erworbene Lastwagenführerscheine hinzuweisen – sie streben nach „Punkten“, die hier kein Mensch vergibt, im Gegenteil.

Sie zeigen aber damit, daß sie das System nicht verstanden haben, in und von dem sie leben.Wobei sich alle diese Regeln auf die klassische Bewerbung um Positionen beziehen, die in Stellenanzeigen dargestellt werden. Berufsanfänger und andere Initiativbewerber müssen zwangsläufig passende Schlüssel für Schlösser zu liefern, die sie nicht kennen – und von denen sie nicht einmal wissen, ob es sie überhaupt gibt.

Um auch diesen zweiten Aspekt des Themas noch einmal kürzer zu fassen: Es ist, liebe Bewerber, keine Masse an gut geeigneten(!) Mitbewerbern da, gegenüber der Sie sich durch „viele“ Aussagen zu anderweitigen gelösten Aufgaben qualifizieren müßten oder könnten. Oder: Wenn ich einen Bäcker suche, bewirbt sich garantiert ein Friseur – der zwar gerne Brötchen ißt, aber sie nicht backen kann. Ein Bäcker hingegen wäre so rar, der brauchte nicht noch zu erwähnen, daß er nebenbei seinen Freunden die Haare schneidet.

Nur etwa 10 % der Bewerber um jede Art von Positionen sind „einladungsgeeignet“. Um zu dem Kreis zu gehören, müssen nur so viele „Zacken“ an Ihrem „Schlüssel“ erkennbar werden wie das „Schloß“ an „Kerben“ aufweist. Brillantbesetzt muß der Schlüssel nicht auch noch sein – das passende Instrument wird durch die „Steinchen“ nicht verbessert, dem nichtpassenden nützen sie gar nichts.Wenn der Lehrer in der Schule fragt: „Wieviel ist 10 x 4?“, dann reicht ja auch „40“ für eine sehr gute Note. Der Zusatz: „Und ich weiß auch noch, daß Kartoffeln Nachtschattengewächse sind“, ist weder erforderlich noch hilfreich (noch rettet er den Schüler, wenn seine Antwort in der Hauptsache „39“ gelautet hatte).

Selbstverständlich muß ich hier eine Einschränkung machen, sonst höre ich mir wieder an, daß jemand gerade wegen irgendeiner Zusatzqualifikation, die anscheinend nichts mit der Position zu tun hatte, seinen Job bekam. Solche besonderen Konstellationen sind in Ausnahmefällen durchaus denkbar. So können nicht geforderte Sprachkenntnisse in Französisch einen Kandidaten interessant manchen – weil die geplante Erschließung des französischen Marktes zwar noch geheim ist, aber allen entsprechend „vorgebildeten“ Bewerbern einen Bonus gibt.

Insofern soll man derartige Qualifikationen ja auch nicht verschweigen. Sie sollen nur nicht im Anschreiben platzraubend aufgebläht, sondern z. B. im Lebenslauf unter „Sonsti-ges/Sprachkenntnisse“ kommentarlos erwähnt werden.

Und bei der Gelegenheit sehe ich vielleicht doch noch eine Chance für die so beliebten „Erfahrungen“ oder „Qualifikationsprofile“ oder wie diese Dinger auch genannt werden:

Falsch ist es, pauschal alles darunter aufzulisten – Gefragtes und Ungefragtes, Passendes und Hergeholtes. Dann überläßt man nämlich dem Leser, seinem Kunden(!), die Arbeit, sich das hier Interessierende herauszusuchen – und zwingt ihn, jeweils zehn Zeilen lesen zu müssen, um in einer davon Lesenswertes zu entdecken.

Aber mit einer Variante könnte sogar ich mich anfreunden: Auf dem beigefügten Blatt steht „Zusätzlich erworbene Erfahrungen/ Qualifikationen“ und darunter steht als Erklärung: „Soweit meine Erfahrungen für die von Ihnen ausgeschriebene Position aus meiner Sicht relevant sind, habe ich sie bereits in Anschreiben und/oder Lebenslauf deutlich werden lassen. Zusätzlich habe ich noch in folgenden Bereichen Qualifikationen erwerben können, die vielleicht jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt für Sie interessant sind:“Und dann könnte ich das Blatt auch einfach überblättern und müßte nicht befürchten, vielleicht den „zentralen Punkt“ dieses Bewerbers übersehen zu haben. Das bedeutet für Sie ein bißchen Mühe im Einzelfall. Aber da es um die Existenz geht …

Letzteres tangiert eine Frage, die ich gern einmal den Lesern stelle: Warum wenden „die Leute“ so entsetzlich viel Zeit und Mühe für allen möglichen Unfug auf, versuchen aber bei Bewerbungen und anderen der Existenzsicherung dienenden Aktivitäten mit einem Minimum an Aufwand auszukommen?

Kurzantwort:

Es geht in Anschreiben und Lebenslauf nicht darum, wie viel man schreibt. Es geht vorrangig darum, daß das Geschriebene zu dieser hier und jetzt angestrebten Zielposition paßt! „Viel hilft viel“ ist auch in diesem Bereich der falsche Denkansatz.

Frage-Nr.: 1416
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-08-20

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