Heiko Mell

Seminare politisch einseitig?

Wie stehen Sie zur Aufnahme von Teilnahmebescheinigungen von Seminaren, die von einer der vier großen politischen Stiftungen durchgeführt wurden, in die Bewerbungsunterlagen von Absolventen?

An der Qualität der Seminare, wie z. B. strategische Planung, Kreativitätstraining, Konflikt- und Zeitmanagement gibt es fachlich nichts auszusetzen. Die Seminare werden ja in der Regel von erfahrenen Seminarleitern, die zu denselben Themen auch „am Markt“ tätig sind, geleitet.

Ist es vielleicht günstiger, diese Seminare in der schriftlichen Bewerbung zwar zu erwähnen, aber auf die Beifügung als Kopie zu verzichten?

Antwort:

Es gibt zwar durchaus die Möglichkeit, sich durch eine allzu intensive, extrem enge Bindung an eine in typischen Arbeitgeberaugen extrem „falsche“ Partei Bewerbungschancen zu verbauen – das muß dann aber schon ein Amt oder mindestens eine engagierte Mitgliedschaft in einer solchen politischen Organisation beinhalten (und es muß bekannt geworden sein im Bewerbungsprozeß).

Die Teilnahme an Seminaren, die in der Verantwortung entsprechender parteinaher Stiftungen abgehalten werden, reicht insbesondere bei Absolventen absolut nicht aus, um zu entsprechenden Nachteilen zu führen. Inzwischen drängt eine Absolventengeneration auf den Markt, die nicht nur die 68er Jahre nicht mehr erlebt hat – sondern die damals noch nicht einmal geboren war. Es hat seinerzeit fanatische, politisch extrem einseitige, in Teilbereichen an gewalttätigen Demonstrationen beteiligte, im Fernsehen und in der Presse gezeigte oder sonstwie öffentlich aufgefallene Studenten gegeben, die ein paar Jahre später in alle möglichen „bürgerlichen“ Berufe „übergewechselt“ sind. Die Gesellschaft scheint bereit zu sein, insbesondere jungen Leuten relativ extreme persönliche Einstellungen und sogar Handlungen nachzusehen. Damit sagt die Gesellschaft allerdings auch – junge Menschen werden damit leben müssen -, daß man das allzu engagierte politische Engagement vieler Studenten (beispielsweise) nicht allzu ernst nehmen darf, weil sich die Dinge später mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal ändern. Es hilft nichts: Die eine Aussage geht zwingend aus der anderen hervor – wer letztere nicht will, darf erstere auch nicht wollen.

Wenn dies alles so ist und wenn man in diesem Staat zum Teil höchste politische Funktionen mit extrem hohem Seriositätsanspruch (z. B. als Minister) erringen kann, nachdem man einige Jahre zuvor ein extrem anderes Bild in der Öffentlichkeit abgegeben hat – dann dürfen Sie auch völlig problemlos Stiftungen der großen Parteien als Seminarveranstalter akzeptieren, die Leser Ihrer Bewerbungen werden es auch tun und nicht einmal die Augenbrauen hochziehen.

Dennoch sind, ich muß diese Warnung bei einem solchen Thema immer wieder verbreiten, im Einzelfall auch negative Reaktionen aus geringfügigem Anlaß dieser Art nicht auszuschließen. Es gibt – besonders verbreitet auch unter den Inhabern mittelständischer Privatbetriebe – immer wieder einmal relativ „gefestigte“ Vertreter bestimmter demokratischer Richtungen, die es schlicht ablehnen, Vertreter der jeweils total anderen demokratischen Richtung bei sich einzustellen. Aber selbst diese werden nicht sofort „einrasten“, nur weil ein Ex-Student einmal ein Seminar einer Stiftung besucht hat, die einer Partei nahesteht, die als „politischer Gegner“ betrachtet wird. Anders wird die Geschichte, wenn aus den Gesamtumständen der Bewerbung geschlossen werden kann, daß der Kandidat jener „falschen“ Partei so nahegestanden hat, daß diese aktiv und über längere Zeit hinweg etwas für ihn getan hat (z. B. über eine ihrer Organisationen ganze Studien finanzierte etc. etc.).

Folgender Grundsatz ergibt sich aus vielen tausend geführten Vorstellungsgesprächen und dem dabei festgestellten Resultat: Der (angestellte) deutsche Manager hat selbstverständlich eine politische Meinung, bindet sich aber mit überwältigender Mehrheit nicht fest an eine politische Richtung, ist kaum je einfaches Mitglied und übt praktisch niemals irgendwelche Parteiämter aus etc. Ausnahmen sind extrem selten. Es sei denn, die „Dunkelziffer“ ist sehr hoch – und die Betreffenden leugnen ihre Bindung (was wiederum ein Charakterfehler wäre). Ich gehe aber nicht davon aus.

Eine gesellschaftspolitisch interessante Frage ist es jedoch, ob dies alles nicht sehr schade ist und ob es nicht wesentlich besser wäre, auch ein größerer Prozentsatz unserer Manager übernähme nebenbei politische Verantwortung. Da dies hier aber nicht die Rubrik ist, in der wir Forderungen stellen, sondern vielmehr eine, in der wir über Gegebenheiten berichten, wollen wir dieses Thema nicht vertiefen.Fest steht nur: Wer als Bewerber „nebenbei“ ein Parteiamt ausübt, fällt heute auf. Ob positiv oder negativ, ist von den Gesamtumständen abhängig, letzteres dürfte wahrscheinlicher sein.

Kurzantwort:

Ein Student, der eine Seminarbescheinigung mit dem Briefkopf einer parteinahen Stiftung vorlegt (gemeint sind die großen „staatstragenden“ Parteien) muß grundsätzlich in keiner Weise befürchten, daß ihm politische Einseitigkeit zur Last gelegt wird oder daß ihm sonstige Nachteile drohen.

Frage-Nr.: 1412
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-08-06

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