Voll daneben

Vor wenigen Tagen las ich während der Fahrt zu einem Vorstellungsgespräch die VDI nachrichten. Die Lektüre Ihrer Rubrik ist gerade in dieser Situation ein besonderes Vergnügen. Ich fand mich dabei in meiner Absicht bestärkt, im bevorstehenden Gespräch bei der Frage nach dem Eintrittstermin besondere Rücksichtnahme auf meinen derzeitigen Arbeitgeber zu zeigen.Sinngemäß haben Sie folgende Aussage gutgeheißen: „Der nächstmögliche Termin zum Eintritt in Ihr Unternehmen ist der 1.10. Mir wäre aber der 01.01. lieber, da ich meinen Chef mit einer so kurzfristigen Kündigung in große Schwierigkeiten brächte. Ich habe ihm viel zu verdanken und kann ihn jetzt nicht einfach hängenlassen.“ Dies entspricht genau meiner Situation.Sie stellten eine solche Haltung als Beispiel für besondere Fairneß heraus, die der zukünftige Arbeitgeber positiv wertet, weil er damit rechnen darf, später selbst ebenso behandelt zu werden. Prima, dachte ich, die Empfehlung des Herrn Mell verleiht meinem Ansinnen ja höchste Weihen.Wenige Stunden später kam die Überraschung. Frohgemut beantwortete ich die Frage nach dem Eintrittstermin im genannten Sinne – und flog auf die Nase. Ich mußte mir vorhalten lassen, daß meine Loyalität ab sofort meinem neuen Arbeitgeber zu gelten habe und daß meine „moralische“ Haltung naiv, blauäugig und fern der Realität unseres Arbeitsmarktes sei.Es ist mir wohl noch gelungen, mein Ansehen zu retten (ein Vertragsabschluß steht bevor), aber die Frage ist nun: Sind die von Ihnen oft so genannten „Regeln des Systems“ vielleicht doch nicht immer so eindeutig, wie Sie sie gerne darstellen? Ist das „System“ nicht doch viel differenzierter und in sich sogar widersprüchlich, so daß Sie viele Ihrer Aussagen eigentlich mit einem „in der Regel“ relativieren müßten?Im übrigen möchte ich Ihnen für Ihr unentwegtes Bemühen, die deutsche Sprache gegen die allgegenwärtige Verhunzung zu verteidigen, herzlich danken. Ihre Beiträge sind eine wahre Oase in der Medienlandschaft.

Antwort:

Hm!Ach, Ihr armen Lehrer, die Ihr versucht habt, mich in Deutsch zu unterrichten. Was stand nicht alles unter meinen Aufsätzen: „Sprach-schöpfung; diese Formulierung ist noch nicht erfunden worden; die Sprachwissenschaft kennt das noch nicht; originell – aber auch gewöhnungsbedürftig.“ Und nun „hm!“. Aber es drückt nun mal meine Gedanken in diesem Augenblick am besten aus.Also, geehrter Einsender, Sie können etwas. Damit meine ich nicht nur die erfrischende Schilderung Ihrer Situation. Sondern Sie schaffen es auch, ein E-Mail so zu gestalten, daß es anständig aussieht und eine gute, den Regeln unserer Muttersprache entsprechende Rechtschreibung enthält. Es setzt ein „ä“, wo eines hingehört, kennt ein „ß“ – und ersetzt keinen einzigen mir liebgewordenen Buchstaben durch Striche oder Fragezeichen. Es geht also doch!Letztlich muß ja „Fortschritt“ wohl so definiert werden, daß die neue Lösung erst einmal die positiven Aspekte der alten weiterführt – und dann zusätzliche Vorteile bringt. Auch mein neuestes Auto der aktuellen Generation soll ja nicht nur schöner, größer, schneller und komfortabler sein, es darf auch natürlich nicht „zum Ausgleich“ mehr klappern oder schneller rosten als das alte.Nun zum Thema: Was Sie geschildert haben, kann jederzeit geschehen. Es „men-schelt“ halt auf allen Ebenen. Und bitte, liebe Leser, seien Sie dabei einfach ein bißchen logisch: Viele, sehr viele Mitarbeiter werden zu Bewerbern, weil sie ihren derzeitigen Chef „unmöglich“ finden – in irgendeiner Form. Das versteht offenbar jeder, das nickt wohl auch jeder Stammtisch-Teilnehmer ab. Wenn sich dieser Mitarbeiter dann bewirbt, trifft er beim potentiellen neuen Arbeitgeber auf Chefs, die vielleicht zufällig „besser“ sind als seine heutigen – aber ebenso zufällig vielleicht auch nicht. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß Müller & Sohn denselben Cheftyp beschäftigt wie Schulze & Tochter. Wenn man also akzeptiert, daß es „merkwürdige“ Chefs gibt – dann muß man auch hinnehmen, daß man auf ebensolche im Vorstellungsgespräch trifft. Oder: Wo immer ein Mitarbeiter seinen Sessel wegen des Chefs räumt, bewirbt sich kurz danach ein anderer Mensch bei eben diesem Chef. Was wird der dort wohl erleben, wenn doch dieser Vorgesetzte so „unmöglich“ ist?Selbst wenn wir eine deutsche Zentralstelle für Chef-Ausbildung hätten, kämen unterschiedliche Persönlichkeitstypen dabei heraus. Aber wir haben nicht nur diese Zentralstelle nicht – in der Mehrzahl der Fälle wird man bei uns Chef ohne jegliche Schulung. Da muß ja ein breites Spektrum von „Typen“ dabei herauskommen!Kürzer: Ebenso verschieden wie Vorgesetzte im Tagesgeschäft sein können – sind auch Vorgesetzte als Partner in Vorstellungsgesprächen. Was der eine liebt, haßt der andere. Wo der eine Vorzüge hat, sind des anderen Schattenseiten. Das ist eigentlich selbstverständlich.So, und meine Empfehlungen können – da es sich um Menschen handelt, die als Entscheidungsträger agieren – stets nur Durch-schnitts-empfehlungen sein. Wie Sie schon richtig schreiben, könnte man oben darüber setzen „in der Regel“.Aber (ein Aber gibt es halt doch noch) wir müssen auch noch einen Blick auf die Situation werfen, in der Sie dort waren:Ich bleibe unbedingt dabei: Einem (vernünfti-gen) künftigen Arbeitgeber wird es gefallen, was Sie dort gesagt haben. Ich gehe sogar noch weiter: Auch dem Gesprächspartner, den Sie konkret hatten, muß das gefallen haben.Aber es gibt Situationen, da ist dem Entscheidungsträger „das Hemd näher als die Hose“. Er braucht einen guten neuen Mitarbeiter – und schnell („Das ist ja alles ganz ehrenwert, was der Bewerber da von sich gibt, aber es stört meine Kreise. Also muß ich ihm das – in meinem eigenen Interesse – ausreden, mit welchen Argumenten auch immer“). Vielleicht kann er aus innerbetrieblichen Gründen gar nicht so lange warten, daher kämpft er mit allen Mitteln um den neuen Mitarbeiter.Was Bewerber häufig vergessen: Beim potentiellen Arbeitgeber sitzen ihnen als potentielle Chefs ja „auch nur Angestellte“ gegenüber. Also Menschen, die unter Druck stehen, die sich vor ihren Vorgesetzten verantworten müssen oder die in einer Situation sind, in der sie einen schnellen Erfolg brauchen – mit welchen Methoden der auch errungen werden muß.Zu den Sachargumenten dieses potentiellen neuen Chefs: Es ist schon richtig, daß die Loyalität eines Angestellten ab einem bestimmten Zeitpunkt dem neuen Arbeitgeber zu gelten hat. Nur: Solange das „alte“ Arbeitsverhältnis läuft und der alte Arbeitgeber allein Sie bezahlt(!), hat er den Anspruch auf Ihre Loyalität.Der potentielle neue Arbeitgeber ist ja zum Zeitpunkt des Vorstellungsgesprächs noch nichts als eben „potentiell“. Er ist dem Bewerber gegenüber noch keine Verpflichtung eingegangen. Da gibt es auch noch keinen Anspruch auf Loyalität. Letzteres als Vorleistung zu verlangen ist Unsinn.Wohl darf der potentielle neue Chef drohen: „Also entweder Sie richten Ihr gesamtes Verhalten ab sofort auf unsere Interessen aus und husten Ihrem heutigen Arbeitgeber etwas oder wir stellen Sie nicht ein.“ Das nämlich hat er gemacht – das müssen Sie aber doch absolut nicht schön finden!Praktisch sagt dieser mögliche neue Chef doch damit auch: „Unser Unternehmen legt u. a. überhaupt keinen Wert darauf, daß unsere ausscheidenden Angestellten sich Gedanken machen über die Fortführung ihrer Arbeiten / Projekte hier. Wer gehen will, soll gehen. Und wenn er verbrannte Erde zurücklassen will – was soll““s.“ Komisch eigentlich.Es hat übrigens mit der Wandlungsfähigkeit menschlicher Moralvorstellungen zu tun, daß derselbe Mann, der Ihnen jetzt diesen Vortrag hielt, Ihnen eines Tages bittere, bis in den Zeugnistext durchschlagende Vorwürfe machen kann, wenn Sie mitten in der Abschlußphase eines Projektes am letztmöglichen Tag Ihre Kündigung auf den Tisch knallen und sich aus der Diskussion verabschieden mit einem: „Und im übrigen gehört meine Loyalität schon ab dem vorangegangenen Bewerbungsgespräch meinem neuen Arbeitgeber.“ Ich freß““ einen Besen, wenn der das toll findet.Probieren Sie es doch eines Tages einmal aus.Was mich zu folgendem Hinweis führt: Der Sinn des Vorstellungsgesprächs ist nicht, um jeden Preis und unter allen Umständen den neuen Job zu bekommen. Regelgerecht bewirbt man sich ja aus ungekündigter, absolut unbelasteter Position. Der Sinn des Vorstellungsgesprächs besteht hingegen darin, so weit wie möglich herauszufinden, ob man zueinander paßt. Damit sind alle Erkenntnisse und Beobachtungen in diesem Stadium wichtig. Und bei dem, was Sie in Erfahrung gebracht haben, dürften Sie hinterher nicht sagen, Sie seien nicht gewarnt gewesen.Ich beispielsweise hätte mir als Bewerber eine andere Art der Argumentation gewünscht (die sicher auch die meisten potentiellen neuen Chefs bieten): „Ich verstehe Sie, ich finde das auch sehr anständig von Ihnen. Aber bitte sehen Sie auch meine Situation: Wir brauchen diesen neuen Mitarbeiter ganz dringend. Bis zu Ihrem Wunschtermin kann ich einfach nicht warten, so sehr ich Ihre Motive achte. Sie müssen jetzt eine Interessenabwägung vornehmen. Ich würde mich sehr freuen, entschieden Sie sich für uns. Andernfalls kämen wir leider nicht zusammen. Ich hoffe, Sie verstehen diese von rein sachlichen Gegebenheiten bestimmte Haltung.“Eine Aussage, die nur für mich gilt, aber eventuell jemandem Orientierungshilfe geben kann: Ich wäre unter den von Ihnen geschilderten Umständen zu jenem Unternehmen nicht gegangen – weil ich dort nicht hingepaßt hätte. Aber das muß jeder für sich entscheiden.Aber für Ihre Einstufung meiner Beiträge als „Oase in der Medienlandschaft“ bedanke ich mich herzlich. Nur: Oasen haben irgendwie etwas Defensives. Die Wüste ringsum ist so viel größer und man ahnt, daß die Oasen nur begrenzte Chancen haben. Aber immerhin …

Kurzantwort:

Alles was der Bewerber im Vorstellungsprozeß über seinen potentiellen neuen Arbeitgeber erfährt, sollte in seine endgültige Entscheidung für oder gegen dieses Unternehmen einfließen.
Frage-Nr.: 1409
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-07-30

Top Stellenangebote

Flottweg SE-Firmenlogo
Flottweg SE Vertriebsingenieur Anwendungsbereich "Klärschlamm" (m/w/d) Vilsbiburg Raum Landshut
Kölner Verkehrs-Betriebe AG-Firmenlogo
Kölner Verkehrs-Betriebe AG Projektleiter Hochbau (w/m/d) Gebäudemanagement Köln
Haimer GmbH-Firmenlogo
Haimer GmbH Anwendungstechniker Gerätetechnik (m/w/d) für verschiedene Gebiete in Deutschland Igenhausen bei Augsburg
HAIMER-Firmenlogo
HAIMER Servicetechniker (m/w/d) für verschiedene Gebiete in Deutschland Bielefeld
HENN-Firmenlogo
HENN Bauleiter (w/m/d) Hannover
Obermeyer Planen + Beraten GmbH-Firmenlogo
Obermeyer Planen + Beraten GmbH Fachplaner/Projektleiter Versorgungstechnik (m/w/d) Berlin
Schenck Process Europe GmbH-Firmenlogo
Schenck Process Europe GmbH Servicetechniker (m/w/d) Deutschland & International Darmstadt
LINCK Holzverarbeitungstechnik GmbH-Firmenlogo
LINCK Holzverarbeitungstechnik GmbH Projektingenieur – Automatisierungstechnik Allen Bradley (m/w/d) Oberkirch (bei Offenburg)
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Entwickler für Qualifizierung und Test von digitalen Drehgebern (w/m/d) Bruchsal
Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G.-Firmenlogo
Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurt am Main e. G. Diplom-Ingenieur/in / Architekt/in (m/w/d) Frankfurt am Main

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…