Heiko Mell

Rechtschreibung ist Glücksache

Ist die Welt nicht ungerecht? Hunderte, wahrscheinlich Tausende Arbeitsuchender täglich lassen ihre Bewerbungsunterlagen vom Ehe- oder Lebenspartner, von Eltern oder Freunden gegenlesen, um Rechtschreibfehler und die daraus folgende Bestrafung in Form naserümpfender Personalchefs, andauernder Arbeitslosigkeit oder gar erzwungener Weiterbeschäftigung beim heutigen Arbeitgeber zu verhindern.

Gleichzeitig nehmen sich Kolumnisten und Arbeitgeber die Freiheit, Unzulänglichkeiten in der Beherrschung und Anwendung der deutschen Sprache den Setzern – oder wie auch immer dieser Berufsstand im Computerzeitalter heißt – der VDI nachrichten anzulasten.

Dies jedenfalls war mein Schluß nach der Lektüre beiliegender Stellenanzeige. Der Ge-danke, die enthaltenen Rechtschreibfehler dem Urheber der Stellenanzeige zuzuschreiben, kam mir zwar kurzzeitig, aber der/dieje-nige hätte wohl mit ihrer eigenen Bewerbung nur gerümpfte Nasen, aber keine Einladung zum Vorstellungsgespräch geerntet, oder?

Antwort:

Es ist, Sie haben es gerade herausfinden dürfen, gar nicht so leicht, eigentlich trockene Tatbestände und Zusammenhänge in ironisch-unterhaltsamer Form darzustellen. Vor allem gilt dabei: Nie darf wegen vermeintlich besonders „gelungener“ Formulierungen das Verstehen des Textes durch den Leser gefährdet sein. Eines Lesers übrigens, der mit Informationen überfüttert wird, unter Zeitdruck steht – und gar nicht daran denkt, über Formulierungen nachzugrübeln, die er nicht spontan versteht. Dieses Problem haben Sie sich, so scheint mir, in Ihrem letzten Satz aufgeladen.

Außerdem sind Bewerbungsschreiber keineswegs „Arbeitsuchende“, jedenfalls keineswegs die Mehrheit von ihnen. Die weitaus meisten haben „Arbeit“, also eine Anstellung, sie suchen lediglich eine „bessere“. Arbeitsuchend“ wird lediglich gern als Umschreibung für „arbeitslos“ genommen. Das aber sind viel weniger Bewerber (auf dem hier angesprochenen Niveau) als Außenstehende denken.

Und was die „Setzer“ in den Zeitungen angeht: Journalisten (ich gehöre nicht dazu) geben heute ihre Texte selbst in das Computersystem ein, mit dem die Zeitung arbeitet. Niemand anderer „tippt“ diese Formulierungen dann noch einmal ab – und baut dabei Fehler ein. Auch meine Beiträge entstehen so – ich verantworte meine Rechtschreibfehler längst alle selbst (nur bei gewissen Umwandlungen der Dateiformate entstehen mitunter Merkwürdigkeiten, für die „kein Mensch“ vernünftige Erklärungen hat).

Stellenanzeigen werden überwiegend noch viel ausschließlicher und endgültiger vom Auftraggeber selbst in die Zeitung gebracht. Sie werden textlich und graphisch in speziellen Stellenanzeigen-Agenturen 1:1 so gestaltet wie sie später abgedruckt werden, diese Dateien werden über ISDN direkt an den Verlag überspielt. Die Zeitung „puzzelt“ aus den einzelnen Aufträgen dann in der Regel „nur“ noch die Druckseiten zusammen. Hier gilt uneingeschränkt: Wenn Sie z. B. in einer von meinem Unternehmen aufgegebenen Anzeige einen Fehler oder eine unschöne Gestaltung finden, so verantworte ich das total, die Zeitung übernimmt unsere Vorgabe so wie sie ist und verändert daran nichts mehr.

Soviel dazu. Was Sie gemeint hatten, war etwa: Die Arbeitgeber blasen sich bei Fehlern in Bewerbungen furchtbar auf – setzen aber mitunter selbst Anzeigen in die Zeitung, bei deren Rechtschreibung einem die Haare zu Berge stehen. Und Sie fügen ein Muster bei. Das ist eine recht große Anzeige, mehrfarbig gedruckt, mit farbigem Foto. Ich bin ziemlich sicher, der Text ist nicht von der Zeitung so fehlerhaft gesetzt worden, der kam als fix und fertige Satzdatei so dort an.

Ich habe ihn sorgfältig gelesen, auch die Fehler gefunden – und habe eine ganz andere Entstehungstheorie (ich glaube, alles im Umfeld von Stellenanzeigen ist für unsere Leser von Interesse – schließlich müssen sie in existentiellen Fragen mit diesem Instrument arbeiten): Das, was da als Sprache benutzt wurde, ist kein Deutsch! Jedenfalls nicht das gefällige Deutsch eines halbwegs formulierungsgewandten Deutschen.

Für so einen großen, internationalen (ameri-kanischen) Konzern ist die Sprache der Anzeige – wenn man ein Gespür dafür hat – insgesamt eine eigentümliche Mischung aus „einfachen“ und „geschraubten“ Formulierungen. Das alles durchsetzt mit Fehlern und Unlogik. Eigentlich zu simplen Fehlern für einen Konzern mit mehreren 10.000 Mitarbeitern.

Mir sind solche Texte schon anderweitig untergekommen, daher vermute ich als Ursache: Das sind Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Entweder direkt in USA gemacht (dafür wären sie hervorragend) oder hier in Deutschland (dann von Leuten, die sich nicht getraut haben, an den Vorgaben der „großen Mutter“ etwas zu ändern, was über die „Satz-für-Satz-Übersetzung“ hinausging: bloß keinen Ärger mit den Konzernoberen riskieren). Oder, auch möglich, das hat sich ein Ausländer zugetraut, der zwar ein sehr gutes Deutsch spricht (ein viel besseres als mein Englisch), aber eben kein Muttersprachler ist. Wobei das alles nicht sein müßte, es gibt diverse Agenturen, die so etwas besser machen (tapfer kämpfe ich gegen die Versuchung an, hier als Beispiel schon einmal unsere Telefonnummer zu nennen).

Was haben nun die Leser von diesem Beitrag? Zumindest können sie zwei Erkenntnisse mitnehmen:

1. Arbeitgeber, die Anstellungen zu vergeben haben, dürfen sich stets etwas „mehr“ an Freiheiten herausnehmen als der sozial schwächere Bewerber (der sich „bewirbt“ in des Wortes bester Bedeutung).

2. Bewerber sollten bitte nicht zu viel in eine einzelne Stellenanzeige „hineininterpretie-ren“, nicht jede Formulierung gewichten – nicht hinter jedem Satzzeichen tiefgründige Absichten vermuten. Solche Anzeigen sind schnellebige Produkte, in vier Wochen total veraltet, ohne Bedeutung für den Zeitraum danach. Aus Erfahrung weiß ich, daß die meisten Bewerber sie ohnehin nur „von links nach schräg“ überfliegen und bis zum Vorstellungstermin längst vergessen haben, was drinnen stand (es heißt allerdings in unbewiesenen Gerüchten, einige läsen sie sich am Abend vorher noch einmal durch).

Und da ich nicht frei von Bosheit bin: Wenn alle Bewerbungen nur eine Stufe besser und sorgfältiger geschrieben und redigiert worden wären als die jeweils betroffene Anzeige des – stärkeren – Bewerbungsempfängers, dann wäre die Bewerbungswelt schon sehr in Ordnung. Heute jedoch ist der Durchschnitt aller Stellenanzeigen weitaus besser als der Durchschnitt aller Bewerbungen. Was an schlechten Bewerbungen, nicht an guten Anzeigen liegt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Dabei sind Bewerbungen laut Definition Arbeitsproben, Anzeigen sind das eher nicht (die Firmenprodukte „macht“ eine ganz andere Abteilung).

Kurzantwort:

Stellenanzeigen sind ein „schnellebiges“ Produkt, das meist unter Zeitdruck entsteht. Wer allzu viel hineininterpretiert, tut sich keinen Gefallen (wie bei anderer Werbung auch).

Frage-Nr.: 1395
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-11

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