Heiko Mell

Als Frau lieber später heiraten?

Als geschätzte Leserin Ihrer Wochenbeiträge habe ich eine Frage. Ich (w., 21 Jahre) studiere im 2. Semester an der … in … Mein Verlobter ist seit seinem Studienabschluß vor einigen Monaten als Ingenieur tätig.

Sehr gern würden wir eher heute als morgen heiraten. Auch aus steuerlichen Gründen wäre eine Hochzeit vor meinem Studienende eine Überlegung wert (Steuerersparnis im Wert eines Mittelklassewagens).

Dabei sehe ich aber ein Problem bei meiner späteren Stellensuche als Dipl.-Ingenieurin. Ich werde dann 25 Jahre alt sein. Ein Personalchef, der in meinem Unterlagen weiblich, verheiratet und dieses Alter liest, dürfte zu dem weitverbreiteten Gedanken kommen, daß nach ein bis zwei Jahren Berufstätigkeit eine Babypause folgen könnte. Ihn zu überzeugen, daß das Thema Kinder für mich noch in weiter Ferne sei oder ich mir nicht vorstellen könne, überhaupt jemals Kinder zu haben, würde mangels Glaubwürdigkeit scheitern.

Ich glaube, daß ich zum Bewerbungszeitpunkt mehr Chancen hätte, wenn ich „ledig“ statt verheiratet in meiner Bewerbung angäbe. Bei „ledig“ ist das Thema Kinder bei Personalchefs vielleicht doch nicht ganz so akut.

Über eine Antwort wäre ich sehr dankbar.

Antwort:

Wären Sie nicht! Also dankbar meine ich. Weil es „für“ heißen muß, nicht „über“. Aber „über“ hätten Sie sich freuen können.

Was fast belanglos ist gegenüber Ihrer Einleitung. „Als geschätzte Leserin …“ Was ist das denn für eine neue Methode der Eigenbeurteilung? „Schätzen“ kann ich Sie oder der Chef dieser Zeitung, beispielsweise – aber Sie dürfen es nicht.

Wenn Sie so weitermachen und Nachahmer finden und jeder lobt sich erst einmal selbst, bevor er zur Sache kommt – dann wird es hier ziemlich lustig. Also bleiben wir bei den Regeln: Sie schätzen diese Zeitung oder diese Karriereberatung oder – am besten – unmittelbar deren Autor. Und dann sind Sie unsere geschätzte Leserin – aber wir müssen das sagen, nicht Sie.

Nun ist es genug. Außerdem mögen viele Leute das nicht so wie ich. Ist mir ein Rätsel, eigentlich. Macht doch Spaß – oder?

Also ernsthaft: Wenn ich nun auch noch Psychologe wäre und obendrein scharfsinnig und behauptete, in Ihrem Unterbewußtsein wollten Sie Ihren Verlobten noch gar nicht heiraten? Und suchten nur einen Ausweg, der Ihnen ein klares Nein erspart? Aber ich bin ja keiner (Psychologe).

Nur: Seit ein paar tausend Jahren haben gerade Frauen aus Liebe ungewöhnliche Anstrengungen unternommen, sind sie Leidenswege gegangen oder haben sie Nachteile in Kauf genommen, die ihrer Umwelt allergrößten Respekt abnötigten. Auch die Literatur oder amerikanische Spielfilme sind voll davon. Oft winkte am Schluß noch nicht einmal ein steuerersparter Mittelklassewagen – und sie taten es dennoch. Aber wegen der denkbaren Reduzierung von Chancen bei Bewerbungen in vier Jahren (dann kann eine neue Weltwirtschaftskrise sein oder Ihr Verlobter tot oder ein neuer Weltkrieg oder etwas anderes in dieser Art), auf eine Heirat zu verzichten, das ist irgendwie nicht überzeugend.

Klar, wenn Sie meine Tochter wären, suchte ich auch Argumente gegen diese Heirat „jetzt“. Erst das Studium abschließen, noch viel zu jung und unreif – das wäre so meine Linie. Aber nun sind Sie es nicht, und ich bin dafür nicht zuständig. So sage ich nun: Heiraten Sie oder heiraten Sie nicht. Aber nicht wegen dieses Argumentes in dieser Situation.

Zur Sache selbst: Ihre grundsätzlichen Überlegungen können schon richtig sein. Ein Bewerbungsempfänger kann so etwas denken. Und dieser Erziehungsurlaub (so heißt das wohl offiziell) mag ja seine Vorteile haben, aber die beruflichen Chancen von Frauen reduziert er.

Aber jetzt versetzen wir uns doch einmal in Ihren „Personalchef“. Mag der denken: Jung, verheiratet – Kinderrisiko. Dann denkt der aber im anderen Falle: Jung, hübsch, ledig – Heiratsrisiko – Kinderrisiko. Das macht etwa sechs Wochen Unterschied (falls man überhaupt so lange braucht zum Heiraten).

Und wenn er Sie schon nach weiteren „familiären Plänen“ fragt und Sie als Verheiratete befürchten, er glaubt nicht, daß Sie keine Kinder wollen – dann fragt er auch die ledige Bewerberin nach einem festen Partner und Heiratsplänen. Und wenn er Ihnen mit Ehe nicht glaubt, dann glaubt er Ihnen eben auch ohne Ehe nicht.

Übrigens wird ein lebenserfahrener, kluger Personalchef ohnehin wissen, daß sich in diesem Bereich in diesem Alter die gesamten Lebensumstände und Lebensplanungen täglich ändern können. Damit sind Ihre Antworten immer unverbindlich, „Falschaussagen“ können nicht geahndet werden – und Fragen dieser Art sind nicht nur ein „heißes Pflaster“, sondern überflüssig. Wenn eine Bewerberin allerdings von sich aus und ungefragt Aussagen dazu machen will, wird man ihr zuhören (nicht zwangsläufig auch glauben).

Frage-Nr.: 1391
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-05-28

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