Heiko Mell

Schon in der Probezeit wieder weg?

Ich bin Dipl.-Ingenieur mit fünf Jahren Berufserfahrung in der Entwicklung eines Unternehmens. Vor einigen Wochen wechselte ich zu einem kleineren Unternehmen (weniger als zwanzig Mitarbeiter).

Leider arbeite ich jetzt dort auf einem ganz anderen Arbeitsgebiet (administrativ) als es mir in den Vorstellungsgesprächen zugesichert worden war. Deshalb denke ich an Kündigung in der Probezeit.

Wie soll ich diesen Sachverhalt am besten in meinen Bewerbungen formulieren, ohne mir Nachteile einzuhandeln? Ist es angebracht, nur im Lebenslauf die neue Stellung zu erwähnen oder soll ich auch im Anschreiben eine kurze Erklärung geben?

Ich bitte Sie um eine dringende Antwort, da ich noch in der Probezeit kündigen will.

Antwort:

Ich kann gar nicht anders, schließlich habe ich einen Ruf zu verteidigen: Sie müssen eventuell dringend ein bestimmtes Örtchen aufsuchen. Aber die Antwort, die Sie von mir erbeten haben, soll schnell oder kurzfristig erteilt werden, eine „dringende“ Antwort gibt es nicht. „Ich brauche dringend die Antwort“ geht hingegen sprachlich einigermaßen.

Lasse ich das durchgehen, gibt es Leserpost, die mit „Ätsch, Sie haben … übersehen“ anfängt.

Zur Sache, die Sie ansprechen: Sehr kleine Unternehmen wie Ihr heutiger Arbeitgeber sind anfällig für dieses Problem. Man kann dort sehr anspruchsvoll und vielseitig arbeiten, gar keine Frage. Aber die große Stärke des Kleinen im Existenzkampf ist seine Flexibilität, sein blitzschnelles Reagieren auf den Markt und auf den einzelnen Kunden. Das bedeutet aber auch: Was heißt hier Zuständigkeit oder definiertes Aufgabengebiet des einzelnen Mitarbeiters – wenn die Interessen der Firma es erfordern, dann macht notfalls „jeder alles“: Jeder springt dort ein, wo es brennt. Oder umgekehrt: Wer als „Feuerwehrmann“ eingestellt wurde, darf nicht erwarten, in den ersten Wochen gleich einen Großbrand löschen zu dürfen – und bis einer kommt, wird der „teure“ Mitarbeiter anderweitig eingesetzt. Bleibt dieser aber ein paar Jahre „bei der Fahne“, hat er vermutlich mehr gesehen und gelernt als im wohlgeordneten Ablauf eines Großunternehmens in vergleichbarer Zeit.

Konkret: Ihr Chef muß Sie dort einsetzen, wo er derzeit Bedarf hat – das kann eine ganz andere Stelle sein als die, mit der er „damals“ im Vorstellungsgespräch auf Sie zugegangen ist. Vielleicht, auch das kommt vor, haben Sie seinerzeit auch nur gehört, was Sie hören wollten.

Und nun haben Sie ein Problem: Wechseln Sie jetzt, haben Sie Ihr entsprechendes „Konto“ absolut leergeräumt, kein Guthaben ist mehr vorhanden. Und was ist, wenn Sie in weiteren acht Wochen bei einem neuen Arbeitgeber sind und es dort noch als viel „schlimmer“ empfinden (oder es dort tatsächlich schlimmer ist)? Ich rate also zur Zurückhaltung. Ob Sie nach acht Wochen oder acht Monaten gehen, ist fast gleichgültig – beides ist zu kurz. Aber die „längere“ Lösung gäbe Ihrem heutigen Job eine Chance, Sie doch noch zu begeistern – und Ihnen mehr Zeit.

Wenn Sie aber doch jetzt kündigen, wird der Empfänger Ihrer Bewerbung schon etwas mißtrauisch sein wegen der kurzen Dienstzeit. Auch er weiß, was man über Bewerber sagt: Sie tun es immer wieder.

Also will der Bewerbungsempfänger genau wissen, was Sie zum erneuten Wechsel treibt. Sein Grundverdacht: Es liegt an Ihnen. Und den müssen Sie ausräumen. Im Lebenslauf geben Sie einfach Ihre heutige Position an, aber ins Anschreiben gehört eine Begründung.

Ich zeige Ihnen einmal zwei Möglichkeiten:

A: „Leider setzt mich mein Arbeitgeber entgegen seiner Zusicherungen im Vorstellungsgespräch nicht in meinem Fachgebiet ein, sondern beschäftigt mich auf rein administrativem Gebiet. Daher möchte ich erneut die Anstellung wechseln.“

Bewertung: Sofort fragt sich der Leser, warum Ihr heutiger Chef so handelt. Vielleicht taugten Ihre ersten Arbeitsproben so wenig, daß er sich zu diesem Schritt veranlaßt sah. Oder Sie gehören zu jenen rechthaberischen, überempfindlichen Leuten, die stets von Versprechungen reden, an die sich aber auf der anderen Seite nie jemand erinnert.

Und er wird voller Unbehagen an sein eventuell mit Ihnen zu führendes Vorstellungsgespräch denken – und befürchten, Sie könnten auch dort „die Flöhe husten hören“ und später jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen. „Mein Gott“, wird er sagen, „der Bewerber zeigt sich geschönt, ich erläutere nur die schönen Seiten des Jobs – hinterher rauft man sich irgendwie in der Mitte zusammen. Aber der Mann hier könnte zu den Oberkritischen gehören …“

B: „Leider hat mein Arbeitgeber auf absehbare Zeit aus rein betrieblichen, auf der gegenwärtigen Auftragslage beruhenden Gründen keine Möglichkeit, mich im ursprünglich vorgesehenen Gebiet einzusetzen. Ich bin derzeit rein administrativ tätig. Die Gründe dafür kann ich nachvollziehen, dennoch möchte ich wieder in meinem Spezialbereich tätig sein, um dort nicht den Anschluß zu verlieren.“

Bewertung: Pech gehabt, der Mann. So etwas kommt vor, ist nicht zu ändern. Sehr gut, wie er die Zwangslage seines Arbeitgebers akzeptiert und darstellt. Das ist die richtige Einstellung – er scheint keinesfalls einer der notorischen Meckerer zu sein. (Sie sehen: Sprache, richtig angewandt, kann Berge versetzen. Ist nicht bloß ein Hobby von mir.)

Soviel dazu. Aber denken Sie an meine Warnung. Es wäre etwa so: Sie sind beim Überlebenstraining in der Wüste oder im Urwald – und futtern Ihren Notvorrat beim ersten Hungergefühl komplett auf. Das hilft sofort – macht Sie aber hilflos, wenn morgen oder übermorgen das Ziel immer noch nicht erreicht ist. Oder kürzer: Nur selten ist Weglaufen eine Lösung.

Kurzantwort:

Wer nach kurzer Dienstzeit schon wieder kündigen will, hat mehr als nur das Problem, wie er das begründet: Er hat seinen entsprechenden „Kredit“ auf Jahre hinaus verbraucht.

Frage-Nr.: 1390
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-05-28

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