Heiko Mell

Schwul und langhaarig

Leser A: Nach fünf Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber bin ich als Maschinenbauingenieur auf der Suche nach einer neuen Position. Ich möchte auch in Zukunft gern bei einem großen Konzern arbeiten.
Wie wichtig sind bei einem Vorstellungsgespräch Angaben zu meiner Person aus dem privaten Bereich? Mein Problem bei der Sache: Ich bin schwul. Ist es legitim, dies zu verschweigen, wenn man beispielsweise nach der Familienplanung gefragt wird? Wo hört das verständliche Interesse an dem Bewerber auf und wo fängt der Intimbereich an? Meine momentanen Kollegen wissen nichts von meiner Neigung, was mir immer wieder unangenehme Situationen bereitet und wegen der bewußten Verheimlichung wie eine Lüge erscheint.

Leser B: Ich bin Maschinenbaustudent (FH) im 8. Semester und stehe kurz vor dem Berufseinstieg. Ich trage im Moment das Haar ca. schulterlang und bin mir nicht schlüssig, ob dies meine Chancen im Hinblick auf eine Diplomarbeits bzw. spätere Arbeitsstelle negativ beeinflussen kann.

Antwort:

Jede Gruppe von Menschen (vermutlich auch von Affen oder Wölfen beispielsweise) hat einen selbsterstellten, von der Gruppenmehrheit geprägten Gruppenstandard, mit dem definiert wird, wie ein Gruppenmitglied auszusehen, zu denken, zu empfinden und zu handeln hat. Das fängt im frühen Kindesalter an: Wehe dem Kind, das da kleiner, dicker oder in der Haut bzw. Haarfarbe, in seinen Vorlieben und Abneigungen „anders“ ist als das, was die Gruppe als Standard empfindet. Die Verfolgung des Abweichlers kann so weit gehen, daß bleibende Schäden an Körper und Seele die Folge sind.

In der Schule geht das weiter – und hört im Berufsleben ebenso wenig auf wie im Hobby und Freizeitbereich. Selbst die Referenzen, die ein besserer Tennis oder Golfklub von Neuzugängen fordert, dienen dem Zweck, vorhandene Gruppenmitglieder bestätigen zu lassen, daß Neuzugänge ja dem von der Mehrheit geprägten „Standard“ dieses Klubs entsprechen.

Eine darauf aufbauende Einstellpolitik verfolgen grundsätzlich auch die Unternehmen. Problemlos akzeptiert werden potentielle neue Gruppenmitglieder, wenn sie in möglichst vielen Bereich dem Standard gleichen, der auf diesem Sektor gilt. Ist Anzug mit Krawatte dort ein selbstverständliches Muß, hat z. B. ein demonstrativ im Rollkragenpullover oder offenen Hemd auftretender Bewerber kaum eine Chance.

Die Maßstäbe sind dabei von Unternehmen zu Unternehmen durchaus verschieden. Es haben sich jedoch auch Standards herausgebildet, die für ganze Branchen/Wirtschaftszweige gelten.Bei den als Abweichung vom Standard empfundenen individuellen Besonderheiten von Bewerbern wird nur relativ wenig Rücksicht auf die Ursache der Abweichung genommen – Menschen sind leider so. Es geht daher, wie so oft im Leben, nicht darum, ob der Betroffene seine Abweichung vom Mehrheitsempfinden unabänderlich mit sich herumträgt oder sie bewußt pflegt und eventuell sogar noch provozierend-aggressiv damit umgeht (sie aber jederzeit abstellen könnte, so er nur wollte).

Nehmen wir das Beispiel „feuchte“ (schweißnasse) Hände im Vorstellungsgespräch: Daran kann eine Einstellung durchaus scheitern – obwohl der Kandidat vermutlich diese Veranlagung mit sich herumträgt und diesen Eindruck mit Sicherheit nicht absichtlich hervorruft.Soviel zu den allgemeinen Grundlagen. Nun zu den jeweils hier Betroffenen, die praktisch zwei Möglichkeiten haben:

1. Sie entscheiden sich, offen zu ihrer jeweiligen Besonderheit (wie es die anderen Gruppenmitglieder empfinden) zu stehen. Diese Veranlagung (auch die konsequente Vorliebe für lange Haare kann eine sein) haben sie nun einmal, das Verbergen derselben ist ein Preis, den sie nicht zu zahlen bereit sind. Wer die Kandidaten in seinem Unternehmen, in seiner Abteilung haben will, muß sie so nehmen, wie sie nun einmal sind.

Die Konsequenz: Absagen, die vermutlich auf jene individuellen Prägungen zurückgehen – und mit denen zu rechnen ist -, nehmen sie in Kauf, sie suchen weiter und akzeptieren reduzierte Chancen.

Man müßte eine so klare Haltung achten. Aber: Schon die Erringung von „anständigen Jobs“ kann schwierig werden, eine geplante Karriere mit hohem hierarchischen Anspruch dürfte zumindest im recht konservativ denkenden industriellen Umfeld sehr(!) schwierig bis unwahrscheinlich werden.

Als Trost: Gruppenstandards ändern sich, abhängig auch von gesellschaftlichen Veränderungen aller Art. In zwanzig Jahren kann akzeptiert werden, was heute im Detail von vielen abgelehnt wird. Als Warnung: Im Prinzip ändert sich natürlich gar nichts – es wird dann eben neue, andere Gruppenstandards geben.

 

2. Sie unterdrücken die Veranlagung, lassen nichts davon nach außen dringen. Das bedeutet z. B. den Verzicht auf die langen Haare für Leser B und Weiterführung des Versteckspiels für Leser A. Inwieweit das auf Dauer durchzuhalten ist, können nur die Betroffenen entscheiden.

Nun noch zu den speziellen Fragen von Leser A:

Es ist davon auszugehen, daß niemand Ihnen präzise, ganz direkte Fragen stellt. Man wird den Familienstand wissen wollen („ledig“), ggf. faßt jemand nach, ob eine Änderung kurzfristig anstehe (nein). Dann könnte noch die Frage folgen, ob ein Umzug besondere Probleme im privaten Bereich verursache, ob Sie also mit einer festen Partnerin zusammenleben (nein). In allen Fragen Ihrer persönlichen Zukunftsplanung können Sie völlig „frei“ antworten – jeder weiß und akzeptiert, daß sich die Dinge durch neue Beziehungen (oder durch das Zerbrechen bestehender) schlagartig ändern können. Die Antworten bedeuten also nichts, verpflichten Sie nicht.

Konkrete Fragen nach Ihren sexuellen Vorlieben wird es nicht geben. Aber: Wer (in seiner Denkungsart gesprochen) einen „Verdacht“ hat, wird Sie eventuell nicht einstellen – ohne auch nur anzudeuten, weshalb er so entscheidet.

Am schwersten zu beantworten ist Ihre Frage: „Wo hört das verständliche Interesse an dem Bewerber auf und wo fängt der Intimbereich an?“ Gemeint ist von Ihnen sicher: jener Intimbereich, der niemanden etwas angeht.

Gewertet wird dabei weniger Ihr Denken, Ihre innere Einstellung zu bestimmten Dingen, sondern der jeweilige Entscheidungsträger fragt sich: „Sind negative Wirkungen auf die oder negative Entwicklungen innerhalb der Gruppe möglich, für die ich verantwortlich bin – oder kann es intern „Vorfälle/Gerede“ geben, von denen etwas Negatives auf mich zurückfällt?“

Und dann entscheidet er. Die Spielregeln zwingen ihn dabei, im Zweifelsfalle gegen das Risiko irgendwelcher Probleme zu votieren. Nun sind nur in wenigen Lebensbereichen Vorurteile noch immer so tief verankert wie in diesem. Und wie sagte der Personalvorstand eines internationalen Konzerns, den ich um seine Meinung dazu bat, so klassisch: „Der soll seine Leidenschaft für sich behalten – ich rede ja auch nicht offen über meine sexuellen Vorlieben.“ Was – kürzer und drastischer – etwa dasselbe aussagt. Aber natürlich nicht die Probleme des langjährigen Versteckspiels im Kollegenkreis löst, sondern sich nur auf die im Vorstellungsgespräch bezieht.

Die wiederum kann ich lösen – auf recht originelle Weise: Tun Sie es einfach nicht! Überlegen Sie doch einmal, ob das in dieser Art und Weise überhaupt einen Sinn hat. Es gibt nämlich eine sehr bewährte Regel, die dagegen spricht: Wer einen Großkonzern kennt, kennt alle – der Wechsel lohnt gemeinhin nicht. Entweder Sie schaffen den Aufstieg bei A mit 100.000 Mitarbeitern und 5.000 Managerstellen oder Sie schaffen ihn nicht. Aber bei B treffen Sie die gleichen „Typen“ von Entscheidungsträgern und die gleichen Einschränkungen wieder. Wer beim Weggang vom Konzern seine beruflichen Chancen verbessern will, sollte eher den Unternehmenstyp wechseln.

Kurzantwort:

Gruppen definieren Verhaltens und Empfindungsstandards für ihre Mitglieder, insbesondere auch für neue. Die – freiwillige oder unfreiwillige – Abweichung davon kann zu schweren Nachteilen bis zur völligen Ablehnung führen. Ein Ausweg kann es sein, sich eine besser passende Gruppe zu suchen.

Frage-Nr.: 1385
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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