Heiko Mell

Benutze ich falsche Formulierungen?

Aus meiner jetzigen Position heraus habe ich mich auf verschiedene Stellenanzeigen beworben (siehe Anlage). Da ich bis heute nur Absagen bekomme, drängt sich mir der Verdacht auf, bei meiner beruflichen Tätigkeit auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Oder sind die Schreiben falsch formuliert? Ich würde mich freuen, Ihre Meinung zu den Bewerbungsschreiben und zu meiner beruflichen Perspektive in anderen Unternehmen zu hören. Ist es eventuell zu spät, in ein anderes Fachgebiet zu wechseln?

Antwort:

Es geht um einen Projektmanager:

1. Sie adressieren Ihre Bewerbung an eine Firma in einer Piccolomininstraße. Glaub ich einfach nicht! Da war doch etwas mit Schiller, Wallenstein und so. Und diese italienischen Adligen hießen nun einmal Piccolomini, ohne n am Schluß. Sie beziehen sich auf ein Zeitungsinserat – also haben Sie schon einmal die Adresse falsch abgeschrieben. Das fängt ja gut an! Niemals schreibt man den Namen, die Firma oder die Anschrift eines wichtigen Menschen / einer wichtigen Institution falsch (und falsch ab schon gar nicht).

2. Dann schreiben Sie in die Adresse Personalwesen, z. Hd. Frau Müller. Gut, wird schon stimmen. Aber in der Anrede gehen Sie dann auf sehr geehrte Damen und Herren über. Nix ist mehr mit Frau Müller. Das ist kein Weltuntergang, aber in Verbindung mit der falsch geschriebenen Straße ist das keine schöne Einführung. Wenn man ein Schreiben an eine bestimmte Person richtet, dann redet man diese auch direkt an – ohne Rücksicht darauf, wer dieses Schriftstück sonst noch alles lesen wird.

3. Im ersten allgemeinen Satz fehlt ein wichtiges Komma; der Adressat wird zucken.

4. Der zweite Satz lautet wörtlich: Durch die Realisierung von Projekten und den technischen Vertrieb im Fachgebiet XY-Beeinflussung gewinnen Sie einen motivierten Mitarbeiter, der schon seit einigen Jahren erfolgreich Erfahrung als Projektleiter bei der ABC AG gesammelt hat. Das versteht kein Mensch, garantiert nicht. Ich habe mir – später, nachdem ich den beigefügten Werdegang gelesen hatte – mühsam folgendes zusammengereimt: Um das Fachgebiet XY-Beeinflussung geht es in der (nicht beigefügten) Anzeige überhaupt nicht, nicht einmal andeutungsweise. Das ist bloß zufällig Ihr langjähriges Spezialgebiet, das Sie zur allgemeinen Erklärung hier erwähnen – wovon aber der Bewerbungsempfänger nichts hat! Die ABC AG wiederum hat nichts (auch nicht technisch) mit der angeschriebenen Firma zu tun. Sie ist hingegen eine sehr große in Staatsbesitz befindliche Unternehmung mit wechselhaftem Ruf und Image, auf einem extrem einseitigen Spezialgebiet tätig und vermutlich einziger deutscher Käufer der erwähnten XY-Beeinflussungs-Technik (und Ihr Kunde). Das ist nicht nur verkaufstaktisch falsch, das ist auch völlig daneben ausgedrückt.

Schon der Anfang ist falsch: Durch die Realisierung von Projekten … im Fachgebiet XY gewinnen Sie einen motivierten Mitarbeiter – das bedeutet: Realisieren Sie, sehr geehrte Frau Müller / Firma Z, bestimmte Projekte im Fachgebiet XY, dann bekommen Sie einen bestimmten Mitarbeiter. Das wäre ein ziemlich komplizierter Weg, um an einen solchen Mann zu kommen!

Gemeint aber war doch wohl: Ich habe fundierte Erfahrungen in der Realisierung von Projekten im Fachgebiet XY. Und ich habe einige Jahre Praxis als Leiter von Projekten bei unserem Kunden ABC AG gesammelt. Das alles gewinnen Sie, wenn Sie mich einstellen. Kurze, klare Sätze – jeder würde verstehen, was Sie sagen wollten. Das aber wäre immer noch verkaufstaktisch unklug gewesen: Die XY-Technik interessiert dieses Unternehmen nicht die Bohne, der Kunde ABC AG flößt ihm keine Hochachtung ein – diese Gesellschaft kommt aus den Negativschlagzeilen einfach nicht heraus und ist ohnehin eine Art Exot in der Wirtschaftslandschaft. Also hätten Sie schreiben sollen: Ich habe fundierte Erfahrungen in der Realisierung komplexer Projekte. Dort steht die Verarbeitung großer Datenmengen bei hohen technischen Anforderungen im Vordergrund.

In dem Zusammenhang habe ich mehrere Jahre Praxis als Projektleiter für die Einführung unserer Technik bei einem anspruchsvollen Großkunden (AG) erworben. Das Gewinnen streichen Sie völlig. Resultat: Das Anschreiben würde neugierig machen auf die Fakten im Lebenslauf – mehr kann es nicht erreichen.

5. Neben … obliegt mir auch die Umsatzverantwortung der Projekte. Was immer Projekte haben, Verantwortung haben sie nicht. Also kann es auch keine Umsatzverantwortung der Projekte geben. Ihnen jedoch kann eine Umsatzverantwortung für Projekte obliegen bzw. – einfacher – Sie können sie tragen oder sogar schlicht haben. (Nein, ich habe die deutsche Sprache nicht erfunden, nur um Sie zu ärgern …)

6. Augenblicklich bin ich in einer ungekündigten Stellung … Was ganz eindeutig so interpretiert wird: Bisher war ich andauernd in gekündigten Stellungen oder arbeitslos, jetzt im Augenblick jedoch bin ich – zufällig – ungekündigt. Was Sie aber doch nicht meinen! Ihr Lebenslauf weist denselben Arbeitgeber seit vielen (fast einem Dutzend) Jahren aus. Also: weglassen, vereinfachen ist auch hier die Lösung: Ich bin in einer …

7. Lebenslauf: Sie machen sich auch dort wieder zum einsamen Spezialisten für ein draußen völlig unbekanntes System, das noch dazu nur ein einziger Kunde im Lande kaufen kann. Jetzt aber machen Sie es noch eine Spur schlimmer: 1987 bis 1994: Projektierung und Inbetriebnahme des XY-Beeinflussungssystems FGH K417. Seit 1994: Projektleitung und … für das Produkt FGH K417. Das ist vermutlich schon korrekt – interessiert aber doch nur zwei Firmen in diesem 80 Millionen-Einwohner-Land: Ihren Arbeitgeber und diesen einen Kunden. Alle anderen haben nie davon gehört und können nichts damit anfangen. Die Bewerbung soll Sie für neue Unternehmen interessant machen, für neue Aufgaben qualifizieren. Dieses Ziel verfehlen Sie, wenn Sie dabei ausschließlich die Sprache des Herkunftsunternehmens sprechen. Die des Zielunternehmens wäre angebracht gewesen. Nun können Sie das nicht im Detail erfüllen, weil Ihnen die Fachkenntnisse fehlen. Aber eine – siehe das Beispiel unter 4. – so allgemein gehaltene Beschreibung, daß sie den Leser zumindest nicht abschreckt, wäre angebracht und möglich gewesen. Denn dies alles steht in Verbindung mit dem folgenden Punkt:

8. Seit fast einem Dutzend Jahren sind Sie bei Ihrem – vermutlich bisher einzigen – Arbeitgeber im Dienst und arbeiten, sprechen, denken, träumen und fluchen immer und ausschließlich am, über, an, von und wieder über FGH K417. Da stellt sich schon automatisch die Frage nach Ihrer Flexibilität. Kann sich ein solcher Mann überhaupt noch einmal umstellen – auf eine andere Branche, eine andere Technik, ein anderes Unternehmen, eine andere Firmenkultur, einen anderen Markt mit völlig anders strukturierten Kunden? Wenn der Betroffene dann noch dem Affen Zucker gibt, indem er durch stures Nennen der hausinternen Spezialbezeichnung dieser Technik jegliche Fähigkeit zum Einstellen auf die Welt anderer Unternehmen vermissen läßt, dann wird es eng. Und es hagelt Absagen. Wegen dieses Punktes in Verbindung mit den sieben anderen.

Ich hoffe, liebe Leser und geehrter Einsender, daß ich an diesem Beispiel einige Dinge verdeutlichen konnte. Unter anderem liegt mir daran, ein Grundprinzip rüberzubringen: Die Entscheidung in Bewerbungsfragen ist keine Geheimwissenschaft. Die Begründung, warum Bewerbungsempfänger in einem speziellen Fall negativ entschieden haben, gelingt auch einem außenstehenden Fachmann fast immer. Nicht immer hingegen gelingt es, durch geschickte Argumentation jede Bewerbung zum Erfolg zu bringen. Erst in der Verbindung optimales Produkt und optimale Verkaufstechnik wird das Ziel (fast) garantiert erreicht.

Nun bleibt nur noch die Frage, ob es denn wirklich zu viel verlangt ist, auf die meisten der acht Punkte dieses Beispiels selbst zu kommen. Für einige davon schäme ich mich ja fast ein wenig. Ich ahne jedoch, daß die Problematik ganz woanders liegt: Jeder engagierte Leser, der sich die Mühe macht, sich in das vorliegende Beispiel zu vertiefen, wird zuerst kopfschüttelnd konstatieren, daß dies hier ja nun wirklich alles auf der Hand gelegen hätte (wo nimmt der Mell eigentlich immer die extrem merkwürdigen Fälle her?) – und dann wird er hingehen und in eigener Sache die gleichen Fehler machen. Diese und ein paar neue hinzu. Weil ja sein Fall ganz anders liegt. Wobei letzteres nicht stimmt! Die Grundmuster sind stets gleich. Und noch immer müssen 90 % der Bewerbungen als ungeeignet eingestuft werden.

Ach ja, noch etwas: Einige Leser schätzen mein Herumreiten auf dem halbwegs richtigen Gebrauch unserer Muttersprache nicht so. Das macht mir nichts, dadurch werden meine Appelle nicht weniger richtig. Schließlich nehme ich hier weder an einer Wahl noch an einem Beliebtheitswettbewerb teil. Aber Zweiflern sei gesagt: Projektmanager (um einen solchen ging es in dieser Frage) müssen schon in der Lage sein, neben technisch/sachlich einwandfreier Arbeit auch sprachlich/argumentatorisch geschickt und richtig aufzutreten. Und das mündlich ebenso wie schriftlich. Davon hängt ein großer Teil des Erfolges ihrer Arbeit ab.

Kurzantwort:

Bei der Gestaltung einer Bewerbung muß man sich sehr viel Mühe geben. Jedenfalls gilt: deutlich mehr als viele das bisher für angemessen halten. Schließlich steht für den Bewerbungsempfänger ein Kostenvolumen von mehr als 1 Million DM hinter einer Einstellung (Gesamtkosten für einen Angestellten in fünf Jahren, sehr vorsichtig gerechnet).

Frage-Nr.: 1384
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-23

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