Heiko Mell

Ich verbreite „Informationsmüll“.

Anläßlich eines Vorstellungsgesprächs meinte mein Gegenüber, ich würde in meiner Bewerbung „Informationsmüll“ verbreiten. Das hat mich ziemlich getroffen, ich habe daher nicht riskiert, sofort nachzufragen, was er meint. Können Sie mir helfen?

Antwort:

Da war jemand noch mutiger als ich, der ich mich auch ständig über diese Art von Müll ärgere, ihn aber dem Betroffenen gegenüber so noch nicht zu nennen gewagt habe. Der Mann gefällt mir.

Neben ein paar unbedeutenden Formalien („sehr geehrter Herr Müller“) sollte eine Bewerbung im Normalfall ausschließlich hochwertige Informationen enthalten: Wer ist der Bewerber, was kann er, was will er, wie teuer ist er, wann könnte er anfangen, wie weiß ist seine Weste etc.

Mit „Informationsmüll“ könnte man Angaben bezeichnen, die zwar auch Informationen enthalten – aber solche, die für diesen(!) Leser in dieser(!) Situation völlig nutzlos sind, mit denen er sich unnötig beschäftigen muß und die er am liebsten auf den Müll werfen würde, so das denn ginge.

Nun die Beispiele, auf die Sie natürlich warten:

1. Im Anschreiben: „Sie suchen einen Entwicklungsleiter. Der soll marktgerechte, kundenorientierte Produkte entwickeln. Er soll Fachmann für Serienartikel im Bereich … sein und strategisch ebenso wie ….“ Bla, bla, bla. Alles völlig richtig, alles aus der Anzeige abgeschrieben, aber für den Leser, der ja das Inserat getextet hat (oder die Informationen dazu liefern mußte), völlig unbrauchbar.

Das alles weiß er ja schon! Diese „Information“ hatte er lange vor dem Bewerber. Also Müll – und ein Stoßseufzer des Empfängers: „Schreiben Sie mir nichts, was ich in meiner eigenen Anzeige nachlesen kann – schreiben Sie mir etwas, das ich noch nicht weiß.“

2. Im Lebenslauf: „Verheiratet seit dem 01.04.1983.“ Was erwartet der? Blumen zum Hochzeitstag? Was soll ich mit dem Hochzeitsdatum anfangen? Verheiratet oder nicht – das ist durchaus (ein bißchen) wichtig. Aber ob seit vier oder seit vierzehn Jahren, das sagt wenig. Und Tag sowie Monat sagen gar nichts (gute Güte: der Ehefrau natürlich schon – aber das ist hier nicht gemeint).

Der Beruf der Eltern kann etwas aussagen, durchaus. Aber der Geburtsname der Mutter oder deren Vorname? Müll. Entsprechendes gilt für die Vornamen der Anverwandten einschließlich der Kinder sowie deren Geburtstage (das Kindesalter in Jahren kann wiederum Aufschluß über mögliche Schulprobleme geben).

Gefährlich wird es, wenn der Bewerber aus eigentlich wertvollen Informationen, die er noch dazu unbedingt geben muß, Informationsmüll macht:

„01.04.1983 – 31.10.1988 angestellt bei Huber & Consorten in Kleinkleckersdorf.“ Aus. Toll gemacht, alles ist – vermutlich – richtig, aber was fange ich damit an?. Wer, zum Teufel, ist H & C in K? Ein Schlossermeister mit fünf Leuten, darunter ein Konstrukteur, oder ein 5000-Mitarbeiter-Unternehmen, das Weltmarktführer in seinem Metier ist und zu einer größeren Gruppe gehört? So bleibt nur, die Angaben zum Arbeitgeber als „Müll“ einzustufen (und natürlich ist die fix und fertig aufbereitete Information über frühere und heutige Arbeitgeber eine „Bringschuld“ des Bewerbers, der Empfänger ist doch nicht zu Recherchen verpflichtet!).

3. Sonstiges, nach dem Lebenslauf eingeheftet: „Qualifikationsprofil“ als zusätzliche Zusammenfassung von Wissen, Kenntnissen und Erfahrungen. Meist pauschal früher einmal zusammengestellt und jetzt jedem Empfänger überreicht. Erstens paßt es so niemals zum Thema der Anzeige (der Inserent gab fünf konkrete Anforderungsdetails in seinem Text an, die also für ihn interessant sind, und bekommt fünfundzwanzig aus seiner Sicht wirr geordnete Angaben, aus denen er sich gefälligst die ihn ansprechenden fünf heraussuchen soll – wenn sie denn überhaupt dabei sind). Zweitens ersieht man aus dieser Aufstellung niemals den Zusammenhang (hat der Bewerber diese „Erfahrungen“ vor siebzehn Jahren erworben, als er einmal ein kurzes Gastspiel bei einem bestimmten Unternehmen gab oder stammen sie aus der heutigen Position, sind also hochaktuell und rühren aus einer Funktion her, die den größten Teil des Tagesgeschäftes ausmacht?).

Die meisten Aufstellungen dieser Art sind „Müll“. Wie auch die „Was Sie sonst noch über mich wissen sollten“-Darstellungen. Oder anderweitig benannte Selbsteinschätzungen. Wenn ein Bewerbungsleser anfinge, der Eigenbeurteilung eines Kandidaten Glauben zu schenken („ich bin äußerst kreativ“), wäre er „tot“.Noch schlimmer sind Ausführungen etwa über „Die Bedeutung des Qualitätswesens in einem modernen Industrieunternehmen“, die man beigefügt oder auch im Anschreiben eingebettet findet. Das ist dann schon „Sondermüll“.

4. Im allgemeinen Bewerbungsaufbau: Wenn oben in der üblichen – und völlig ausreichenden(!) – Kunststoffmappe ein Deckblatt prangt mit nichts als „Bewerbung des Egon Müller zur Position …“, dann ist auch das Informationsmüll. Weil die anderen siebenundsechzig Mappen auf dem Stapel, die der Empfänger lesen muß, auch „Bewerbungen“ zu diesem Fall sind und weil sich für den Namen des Kandidaten zu diesem Zeitpunkt ohnehin noch niemand interessiert.

Auch Register, Inhaltsangaben, Anlagenverzeichnisse – alles Informationen, die niemand will und die sehr viel mehr stören als nützen.

Es gibt durchaus ein paar Grundüberlegungen, die Sie beim Gestalten Ihrer Bewerbung anstellen und mit deren Hilfe Sie sich im Einzelfall die Frage selbst beantworten können, was für den Leser interessant und wichtig ist und was nicht:

A) Halten Sie sich das Ziel der Aktion vor Augen! Ziel der schriftlichen Bewerbung ist nicht der Arbeitsvertrag (den bekommen Sie erst sehr viel später). Ziel ist ausschließlich die Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Damit haben Sie eine wunderbare Kontrollfrage für Zweifelsfälle aller Art: Sie überlegen z. B., ob Sie Ihre Konfession im Lebenslauf angeben sollen. Kontrollfrage: Ist es denkbar, daß der Empfänger mich von meiner Gesamtqualifikation her eingeladen hätte, es nun aber nicht tut, weil ich keine Angabe zur Konfession mache? Antwort (bei normalen Industriebetrieben als Empfänger): Nein, das ist nicht denkbar. Resultat: Konfession kann entfallen.

Gegenbeispiel: Sie haben einen „befriedigenden“ Studienabschluß, erst zwei Berufsjahre und aus dieser Zeit – natürlich – noch kein Zeugnis. Nun überlegen Sie, Ihr Studienzeugnis so „selektiv“ zu fotokopieren, daß man nur noch Ihren Titel, aber keine Noten mehr sieht. Kontrollfrage: Ist es denkbar …? Antwort: Es ist! Da (fast) immer nur „Inhaber“ schlechter Examensnoten auf diese Idee kommen und Einser-Kandidaten voller Freude stets alle Zeugnisblätter beilegen (warum nur?), denkt der Bewerbungsempfänger jetzt, Sie hätten ein „Ausreichend minus“ (aus Erfahrung denken Profis im Zweifelsfalle immer das Allerschlimmste).

B) Versuchen Sie, trotz Ihrer nagenden Skepsis doch einmal folgende Erkenntnis aller Fachleute zu glauben: Eine gut und problemlos zum Anforderungsprofil passende Bewerbung ist nicht etwa selbstverständlich – sondern eine kleine Sensation! Und ist daher äußerst selten. Mindestens 90 Prozent aller Zuschriften, die der Bewerbungsempfänger liest (lesen muß), führen nach sehr(!) kurzer Zeit zum Urteil „ungeeignet“.

Bei jeder neu vom Stapel genommenen Bewerbung erwartet der Leser also, mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit werde auch diese wieder ungeeignet sein (worin er in neun von zehn Fällen ja auch bestätigt wird). Daher hat er absolut keine Lust, am Beginn des jeweiligen Anschreibens „Informationsmüll“ in sich aufzunehmen, sich im Lebenslauf durch denselben hindurchzufressen, seitenlange Register, Anlagenverzeichnisse und Selbstbeurteilungen zu lesen – nur um am Schluß zu der Vermutung zu kommen, von der zentralen fachlichen Thematik dieser Position hätte der Kandidat wohl nie gehört. Oder er bekommt den Verdacht, daß das Fehlen des letzten (und damit wichtigsten) Arbeitgeberzeugnisses ganz sicher daran liegt, daß es „saumäßig“ ist.

Ob es tatsächlich so schlimm ist? Seien Sie versichert: noch viel schlimmer. Warum das so ist? Leider stoße ich ausgerechnet hier an meine Grenzen: Ich weiß es nicht, ich ahne es noch nicht einmal. Und ständige Kommentare anderer Bewerbungsempfänger zeigen mir, daß es denen keineswegs besser geht!

Ein sehr großer Teil unserer Arbeitnehmerschaft (ich meine, dem Leserkreis entsprechend, hier ausschließlich ambitionierte Akademiker) scheint den eigenen Werdegang entweder gedankenlos oder bewußt jede Regel ignorierend so zu gestalten, daß er danach auf keine Standardanforderung mehr paßt. Daß er weder eine fachliche rote Linie aufweist, noch das nötige Stehvermögen pro Arbeitgeber zeigt. Daß er einundzwanzigjähriges Verharren in derselben Firma in derselben Position demonstriert – wenn doch „Dynamik“ und „Flexibilität“ gewünscht werden. Oder daß er mehrere Zeugnisse mit bedenklichen Urteilen und Wertungen einschließt.

Oder, ganz harmlos, ein Unternehmen sucht einen Projektleiter in der Entwicklung. Branche: Kfz-Zulieferer; Metier: Metallverarbeitung; Spezialkenntnisse: Kaltumformung/ Blechverarbeitung; Berufspraxis: 3 Jahre. Nicht in der Anzeige gesagt, aber selbstverständlich erwartet werden ein gutes Studienexamen, nur ein Arbeitgeber für die drei Jahre Praxis, gutes Renommee dortselbst.

Es gibt solche Leute, man sieht sie ständig – in anderen Bewerbungsfällen. Jetzt jedoch kommen (als Beispiel): Entwicklungsingenieure für in Blechverarbeitung erstellte Produkte aus dem in Einzelfertigung arbeitenden Anlagenbau. Oder erfahrene Kfz-Leute, die nur in Kunststoff-Spritzgußprodukten Erfahrung haben. Oder supererfahrene Entwicklungsleiter „vom Fach“, die heute schon doppelt so viel verdienen wie hier vorgesehen ist. Oder sonst fachlich „passende“ Ingenieure, die pro Jahr mehrere Arbeitgeber hatten. Oder Kandidaten, die vom letzten Arbeitgeber schon ein Endzeugnis haben – und das sieht nicht gut aus. Oder schon das Studienexamen ist unterhalb des Einstellstandards dieses Hauses. Oder, oder.

Alle diese Bewerber werden vermutlich als „ungeeignet“ eingestuft. Neun von zehn eben, wie hier schon sehr oft gestanden hat. Und die nächste vom Stapel genommene Bewerbung dürfte ebenso sein. Deshalb fürchten Bewerbungsleser „Informationsmüll“ so sehr. Durch den sie sich arbeiten müssen, bis sie zur Substanz durchdringen – die ihnen leider so oft keine Freude macht.

Wären fünfzig von einundfünfzig Bewerbern hochinteressant – wir läsen mit Freuden auch noch die Vornamen der Großmütter. So wie man sich freudig erregt gern auch mit einer eigentlich störenden Verpackung beschäftigt, sofern der Inhalt alles verspricht (ein Schelm, wer Böses dabei denkt).

Kurzantwort:

Weil neun von zehn Bewerbungen ungeeignet sind, will der Leser bei jeder einzelnen schnell zum Kern, zur Gesamtqualifikation vorstoßen – und haßt es, wenn „Informationsmüll“ ihn dabei behindert. Außerdem ist natürlich auch die Verbreitung dieses „Mülls“ an und für sich ein zu bewertendes Kriterium.

Frage-Nr.: 1377
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-02

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