Heiko Mell

Reisekosten bei Vorstellungsgespräch abgelehnt

Ich wohne in Berlin. In der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in München wird die Kostenübernahme eindeutig verneint, somit ist die „rechtliche“ Seite einwandfrei geklärt.

Allerdings bedeutet für mich die Wahrnehmung des Termins inklusive einer Anfahrt aus Berlin nicht unerhebliche Kosten (z. Z. arbeitslos nach Auslauf eines Vertrages an der TU Berlin). Sie können sich die Konsequenzen vorstellen, wenn einem dies zweimal im Monat widerfahren würde: kein Geld für die Miete und Unterhalt nur noch für 14 Tage.

Das Unternehmen in München beschäftigt ca. 100 Mitarbeiter. Sollte man nach einem Kompromiß nachfragen?

Antwort:

Was man zunächst einmal an diesem Fall auch sehen kann: Der Produktionsfaktor Arbeit ist für Unternehmen ungeheuer schwierig zu kalkulieren bzw. kostenmäßig in den Griff zu bekommen. Personalkosten sind unendlich mehr als die Addition der Beträge, die Mitarbeiter monatlich ausbezahlt bekommen. Kündigt ein Angestellter, stirbt er, wird er längere Zeit krank, geht er in den Ruhestand oder in Erziehungsurlaub, muß der Arbeitgeber für Ersatz sorgen. Da addieren sich dann Kosten für Insertionen in den Zeitungen, zeitliche Aufwendungen für Vorstellungsgespräche, Einarbeitungskosten – alles mit dem Risiko, daß der neue Mitarbeiter am Ende der Probezeit wieder geht (oder gehen muß) – und schon hat das Unternehmen einen schnell sechsstellig werdenden Betrag „in den Sand gesetzt“. Und es fallen eben durchaus auch beträchtliche Reisekosten eingeladener Bewerber an (die bei sieben von acht Kandidaten vergeblich waren!). Ich erwähne dies alles auch, um Lesern, die mit dem Gedanken an Selbständigkeit spielen, rechtzeitig vorher zu zeigen, was alles zu bedenken ist, wenn man Angestellte bezahlen muß – und wie naiv es wäre, Angestelltenkosten lediglich mit Bruttolöhnen gleichzusetzen.

Also versuchen insbesondere kleinere Unternehmen, bei denen jeder ausgegebene Tausendmarkschein sichtbare Auswirkungen aufs Jahresergebnis hat, auch in diesem Bereich so sparsam vorzugehen wie irgend möglich. Was zunächst einmal grundsätzlich legitim ist.

Ach ja, erwähnt werden muß auch: Insbesondere in Kreisen von Bewerbern, die über hinreichend Zeit verfügen (Gegenbeispiel: es besteht ein ungekündigtes, absolut unbelastetes Arbeitsverhältnis), ist es auch schon vorgekommen, daß man Einladungen zu Vorstellungsgesprächen in attraktiven Gegenden gezielt angestrebt hat – der Reise nach München wegen und ohne die geringste Absicht, dort letztlich wirklich arbeiten zu wollen. Firmen in der tiefsten Provinz sind da weniger von schlechten Erfahrungen geprägt.

Und lassen wir bitte, dem Standard dieser Serie folgend, die „Rechtslage“ aus dem Spiel: Der Bewerber sucht einen Partner, dem er vertrauen kann und will und mit dem er ein Vertragsverhältnis anstrebt, das seine Existenz sichert. Bei den einleitenden Gesprächen nützt ein Argument wie „Sie müssen mir aber dies und jenes zugestehen, notfalls beweist Ihnen das mein Rechtsanwalt“ gar nichts. Dann kommt es halt nicht zum angestrebten Vertrag. Stellen Sie sich vor, ein junger Mann schriebe einen Brief an eine „Lebensberatung“ mit der Frage: „Kann ich die junge Dame, die ich heiraten möchte, per Gerichtsentscheidung zwingen …“? Antwort: Können kann er vielleicht, aber heiraten wird sie ihn dann nicht (wenn sie klug ist).

Auf dieser Basis nun zu Ihren Vorstellungskosten:

1. Ein überregional inserierendes Unternehmen, das einen Bewerber in Kenntnis seiner Wohnanschrift einlädt, wird dessen Reisekosten stets in angemessener Form erstatten. Das ist die Norm, Probleme damit gibt es selten bis gar nicht (auch wenn dieses Thema dann nicht angesprochen wird, kann der Bewerber nach dem Gespräch die Kostenabrechnung einsenden).

2. Überregional inserierende Unternehmen, die Bewerber in Kenntnis der jeweiligen Wohnanschrift einladen – und dabei von vornherein die Übernahme von Reisekosten ablehnen, handeln ungewöhnlich und fallen damit negativ auf. Ich stimme dem Einsender jedoch zu: Diese Unternehmen haben ihre Einstellung vorher klargestellt, also kann sich der Bewerber danach ausrichten (z. B. diese Firma von seiner Liste streichen!). Schließlich sucht ja auch der Bewerber einen Partner, der zu ihm paßt und mit dem er harmoniert. Und er sollte dankbar sein, im Vorstadium eine so klare Information über den „Stil des Hauses“ bekommen zu haben – eine bessere Entscheidungsgrundlage gibt es doch fast nicht!

3. Es fallen sicherlich die Einschränkungen auf, die ich in den Definitionen zu 1. und 2. mache:

a) „In Kenntnis seiner Wohnanschrift“ meint, daß es durchaus Bewerber gibt, die einen ersten Kontakt zum potentiellen neuen Arbeitgeber unter einer Adresse im nahen X aufnehmen, zum Gespräch aber dann plötzlich von einer neuen/anderen Adresse im entfernteren Y anreisen (wollen). Verständlich, daß so etwas Kilometergeld zahlende Bewerbungsempfänger nicht erheitert.

b) „Überregional inserierend“ heißt: wenn das suchende Unternehmen in Zeitungen inseriert hat, die eindeutig in der ganzen Bundesrepublik gelesen werden (wie z. B. die VDI nachrichten). Hätte eine Firma in einer eher regional ausgerichteten Zeitung inseriert, deren Stellenmarkt sich eindeutig auf „Großraum München“ konzentriert, dann darf das Unternehmen damit auch die Hoffnung verbinden, die mitunter so gesuchten „Bewerber aus der Region“ zu bekommen. Die kaum Reisekosten haben, später nicht umziehen müssen und nicht auch noch über die hohen Wohnungsmieten in München meckern. Hätte sich dann ein Interessent aus Berlin diese spezielle Zeitung besorgt und sich in München beworben – dann hätte das Unternehmen ihn sicher gar nicht einladen sollen. Aber es hätte auch Verständnis verdient, wenn es dem „Zufalls-Bewerber aus Berlin“ dennoch eine Chance gibt, aber vorher(!) deutlich macht: „Wir wollen eigentlich nur Leute hier aus der Stadt, also behandeln wir auch auswärtige Bewerber so.“ Ob aber die Verweigerung der Kostenerstattung trotz der Vorankündigung letztlich rechtlich wirklich haltbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Nur, wie gesagt: Wer klagt, bekommt den Job ohnehin nicht, also hätte er sich die ganze Reise auch ersparen können.

4. Ihre, geehrter Einsender, sehr unangenehme Lage ist mir durchaus klar, Sie verdienen unser Mitgefühl. Aber Sie können kaum etwas gegen die eindeutige Haltung des Unternehmens machen. Denn schließlich geht es diesem nicht um Ihren Einzelfall – man will ein Prinzip durchhalten. Und gibt man Ihnen nach, muß man das wegen des Gleichbehandlungsprinzips auch bei anderen tun. Aber natürlich gilt: Fragen dürfen Sie (telefonisch vor Reiseantritt) grundsätzlich schon. Aber vermutlich kommen Sie sich dabei auch etwas wie ein „armer Bittsteller“ vor, was Ihre Ausgangssituation für das Vorstellungsgespräch mit Darstellung einer souveränen Persönlichkeit dortselbst nicht eben erleichtert. Und: Hier droht Ihnen eine Kette ohne Ende. Im positiven Fall kommt es zu einem zweiten oder dritten Gespräch in München. Dann folgt der „Umzug“ an den neuen Ort, dann müssen Sie einen Monat überbrücken, bis es Gehalt gibt. Und Sie haben kein Geld. Es spricht eben auch aus dieser Sicht viel dafür, daß Sie dort absagen.

Kurzantwort:

Alles, was der jeweils andere Partner im Bewerbungs /Vorstellungsprozeß äußert, unternimmt oder unterläßt, ist ein wertvolles Signal, das als Entscheidungshilfe verstanden werden sollte. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Thema „Reisekosten“.

Frage-Nr.: 1372
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-19

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