Gestaltung nach erster Berufspraxis

Im Zusammenhang mit einer Bewerbung nach einer ersten zweijährigen Berufstätigkeit nach dem Studium ergeben sich für mich drei konkrete Fragen:1. Wiegt die Berufspraxis nach einem solchen Zeitraum bereits so stark, daß man im Lebenslauf die berufsbezogenen Praktika und studentischen Tätigkeiten nicht mehr erwähnen braucht?2. Wie ist in diesem Zeitraum ein sechsmonatiges ?Einarbeitungsprogramm? mit verschiedenen Abteilungseinsätzen und Seminaren zu bewerten? Zählt dies schon als ?vollwertige? Berufspraxis innerhalb der zwei Jahre und wie stellt man dieses Einarbeitungsprogramm im Lebenslauf am besten dar?3. Ist nach zwei Jahren Berufserfahrung die Versendung von Initiativbewerbungen, insbesondere an Großkonzerne, üblich und sinnvoll?

Antwort:

Zu 1: Mit zunehmender Länge überlagert die Berufstätigkeit in der Gesamtwertung die Studiendetails. Zu letzteren gehören Praktika ebenso wie z. B. die Studiendauer.Für eine Antwort auf Ihre Frage gibt es keine feste Formel; die Übergänge sind fließend – Ihnen als Bewerber bleibt ein weiter Interpretations  und Handlungsspielraum.Zwei Extrembeispiele: Der Bewerber mit 43 Jahren, der jetzt Geschäftsführer werden will und über achtzehn Jahre Praxis verfügt, disqualifiziert sich (in diesem Punkt!) grundsätzlich mit der Aufzählung von Praktika und studentischen Nebentätigkeiten.Der Bewerber mit 25 Jahren jedoch, der gerade erst sein Studium abgeschlossen hat, ist gut beraten, jedes „Fitzelchen“ Praxisbezug zusammenzukratzen und im Lebenslauf deutlich werden zu lassen. Das sind vor allem Praktika und Nebentätigkeiten.Ein Bewerber mit zwei Jahren Praxis (immer unterstellt: bei einem Unternehmen!) liegt irgendwo dazwischen, aber noch näher am Absolventen als am Geschäftsführer. Außerdem: Er hat zwar Praxis, kann aber wegen fehlender Zeugnisse noch nichts davon beweisen. Vor allem fehlt ihm eine Beurteilung aus dieser zweijährigen Tätigkeit. Ich rate also dazu, in Ihrem Fall diese Praktika etc. zu erwähnen und eventuell daraus resultierende Zeugnisse beizufügen.Immer gilt: Der Bewerber soll eine Brücke schlagen zwischen sich (einschließlich seiner Qualifikation) und dem Bewerbungsempfänger (und dessen Metier bzw. dessen Anforderungsprofil). Manchmal mögen Praktika und studentische Nebentätigkeiten dazu nützlich sein (wenn sie zum „Thema“ passen). Insofern kann ein ausgedehntes Praktikum oder eine längere Nebentätigkeit, die diese „Brücke“ stützt, auch bei zehnjähriger Praxis noch erwähnenswert sein. Es kommt halt auf die angestrebte Position und das anvisierte Unternehmen an.Persönlich zu Ihnen, geehrter Einsender: Sie werden sich darüber ärgern, aber es hilft nichts – „brauchen“ darf man in diesem Zusammenhang nur mit „zu“ gebrauchen. Immer, auch in der Umgangssprache. Für gebildete Leute (Vorgesetzte, Bewerbungsempfänger!) klingt Ihr Satz etwa wie „das arme Kühlschrank“. Ein deutscher Akademiker muß das wissen.Zu 2: Ein solches Programm ist üblich, allgemein bekannt, hilft Anfängern beim Hineinfinden in die ungewohnte Welt des ersten Unternehmens. Aber, das müssen Sie sehen, die Zeit dafür geht von den zwei Jahren ab – nicht formaljuristisch, sondern in der Bewertung durch den Bewerbungsempfänger. Bei der Gelegenheit: Sechs Monate Einarbeitung „vorn“, sechs Monate für die Wechselüberlegungen, für Stellensuche und Kündigungsfrist „hinten“ – es geht eine Menge ab von nur vierundzwanzig Monaten Dienstzeit bei Ihrem Unternehmen. Eigentlich dürfte man unterstellen, Sie hätten nur zwölf Monate so richtig vollmotiviert, unbelastet und ohne Ablenkung durch „anderweitige Pläne“ gearbeitet.Etwas überspitzt könnten Sie in den Lebenslauf schreiben: „Fast unmittelbar nach Abschluß der Einarbeitung begann ich mit meinen Überlegungen, das Unternehmen wieder zu verlassen.“ Dies als Unterstützung für meine oft verbreitete Regel: Fünf Jahre pro Arbeitgeber sind mindestens anzustreben, beim noch jungen und unerfahrenen Anfänger werden zwei Jahre beim ersten Unternehmen meist gerade noch toleriert. Aber: Wenn Sie später beim zweiten Arbeitgeber auch nach kürzerer Zeit gehen wollten oder müßten, hätten Sie Ihr „Konto“ bereits überzogen und würden „auffallen“ damit. Und Sie wissen nie, was Ihnen die Zukunft bringt.Übrigens hat Ihr Einarbeitungsprogramm nichts mit diesen Überlegungen zu tun. Führten Sie beim ersten Arbeitgeber nach dem Studium keines an, zöge der Bewerbungsempfänger „automatisch“ sechs Monate von der Dienstzeit ab – wegen „Einarbeitung“.Optimale Darstellung in der Rubrik „Berufspraxis“ (Beispiel):seit 01.04.1997    Müller & Sohn GmbH(mittelständischer Hersteller von Apparaten und Sondermaschinen für die chemische Industrie; ca. 250 Mio. DM Umsatz, europäischer Branchenführer)04/97 – 09/97    umfassendes Einarbeitungsprogramm

  • Durchlauf in verschiedenen Abteilungen
  • mehrere interne Schulungen und Seminare

10/97 – z. Z.    Konstrukteur

  • Mitwirkung bei der Konstruktion kundenbezogener Varianten von großen Rührmaschinen
  • selbständige konstruktive Betreuung eines definierten Teileprogramms
  • intensiver Einsatz von 3D-CAD

Zu 3: Auch das muß man differenziert sehen:In viele Großkonzerne führt ohnehin nur ein aussichtsreicher Weg, nämlich der als Anfänger nach dem Studium. Später ist der Seiteneinstieg bei jenen Häusern nur noch in Ausnahmefällen möglich. Außerdem wiegt für Großkonzerne die Berufserfahrung aus kleinen Unternehmen, die leicht nur 0,1 %(!) ihrer Größe haben, nicht sehr viel (vornehm ausgedrückt).Initiativbewerbungen sind allein für Berufsanfänger uneingeschränkt erlaubt und empfehlenswert. Gegenbeispiel: Eine Führungskraft mit 43 Jahren aus ungekündigter Position bietet sich nicht an „wie sauer Bier“.Der Rest liegt dazwischen, wobei die „Kurve“ nach dem Berufseintritt schnell abfällt. Wer seinen Werdegang sorgfältig plant, wer anspruchsvoll ist, wer sich in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis befindet und wer in „guten Zeiten“ (wie jetzt, mit vollen Stellenteilen der Zeitungen) wechselt, macht absolut nichts falsch, wenn er schon mit zwei Jahren Praxis auf Initiativbewerbungen verzichtet.Und wer in „guten Zeiten“ wie diesen zwischen all den extrem vielen Stellenangeboten nie einen Job findet, der zu seiner Qualifikation paßt, hat ohnehin ein ganz anderes Problem: Er hat seiner Qualifikation eine Richtung gegeben, die der Markt nicht will. Das ist so ernstzunehmen, daß es auf Feinheiten der Bewerbungstechnik dann auch kaum noch ankommt – also spricht dann auch nichts mehr gegen Initiativbewerbungen bei längerer Berufspraxis. Welche Aussicht auf Erfolg die haben, steht auf anderen Blättern.

Kurzantwort:

Mit steigender Berufserfahrung sinkt die Bedeutung von Details aus Studienzeiten. Und: Zwei Jahre pro Arbeitgeber sind grundsätzlich zu wenig.
Frage-Nr.: 1362
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-02-04

Top Stellenangebote

Corscience GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Corscience GmbH & Co. KG Leiter (m/w/d) Qualitätsmanagement und Regulatory Affairs Erlangen
ZVEI-Services GmbH (ZSG)-Firmenlogo
ZVEI-Services GmbH (ZSG) Konferenz-Manager/in (w/m/d) Frankfurt am Main
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)-Firmenlogo
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Ingenieurin / Ingenieur (w/m/d) für Verkehrswegebau Berlin
Stadtverwaltung Altenburg-Firmenlogo
Stadtverwaltung Altenburg Referatsleiter/in Stadtentwicklung und Bau Altenburg
Sopro Bauchemie GmbH-Firmenlogo
Sopro Bauchemie GmbH Junior-Produktmanager (m/w/d) Wiesbaden
Applied Materials GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Applied Materials GmbH & Co. KG Ingenieur / Techniker (w/m/d) Maschinenbau / Mechatronics für Prototypenentwicklung / Elektronenmikroskope Alzenau
Promicon Elektronik GmbH+Co.KG-Firmenlogo
Promicon Elektronik GmbH+Co.KG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Elektrotechnik Pliezhausen
Stadt Leer (Ostfriesland)-Firmenlogo
Stadt Leer (Ostfriesland) Stadtbaurätin/Stadtbaurat (m/w/d) Leer
HENSOLDT-Firmenlogo
HENSOLDT Systemingenieur Missile Approach Warning System (m/w/d) Oberkochen
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Verfahrensingenieur (m/w/d) für flexible robotergestützte Automatisierung Nonnweiler

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…