Heiko Mell

Terminprobleme

Frage: Immer wieder betonen Sie die Wichtigkeit des Vorstellungsgesprächs. Nun stellt sich die Frage, wie sich ein Vorstellungsgespräch problemlos realisieren läßt, wenn man aus einem Unternehmen wechseln möchte, in dem die Bearbeitung und Genehmigung von Urlaubsanträgen zwei Wochen und länger dauert. Meine bisherige Erfahrung zeigt, daß bei Einladungen zu Gesprächen üblicherweise eine Woche Zeit bis zum Termin bleibt. Man könnte nun offen mit dem Vorgesetzten reden, dann müßte man allerdings mit Konsequenzen rechnen, wenn das Vorstellungsgespräch erfolglos bleibt. Man könnte auch versuchen, mit dem einladenden Unternehmen einen späteren Termin zu vereinbaren, der ausreichend Luft für die Bearbeitung eines Urlaubsantrags läßt. Sofern das beim neuen Arbeitgeber jemand mitmacht, könnte ein Vorstellungstermin an einem Wochenende oder Feiertag vereinbart werden. Welche Empfehlungen können Sie zu diesem Thema aussprechen?

Antwort:

Zunächst kann ich Ihnen die Erkenntnis vermitteln, daß diese Schwierigkeiten, mit einer Woche Voranmeldung einen halben oder ganzen Tag frei zu bekommen, nicht Standard in der Wirtschaft sind. Ich sehe das an den telefonischen Terminbestätigungen, die ich in nahezu 100 % der Fälle auf meine Einladungen hin erhalte. Gelegentlich verlegt jemand wegen eines dringenden geschäftlichen Termins das Gespräch – aber ebenso oft nach vorn wie nach hinten. Fazit: Den meisten Angestellten ist es möglich, mit etwa einer Woche Frist einen privaten Termin während der Dienstzeit wahrzunehmen. Ich weiß allerdings nicht, wie die das machen. Und ich gestehe: Ich will es auch gar nicht wissen. Niemand will über diese Zusammenhänge allzu viel erfahren. Bewegen wir uns doch in einer Grauzone mit eher düsteren Schattierungen. Das gipfelt in einer klaren Feststellung: Im Grunde müßte man jeden Bewerber ablehnen. Mit der Begründung, daß er sich allein mit der Bewerbung disqualifiziert habe. Heimlich und hinter dem Rücken seines Arbeitgebers aus ungekündigtem und absolut unbelastetem Arbeitsverhältnis heraus nimmt dieser Mensch Kontakte auf mit möglichen neuen Arbeitgebern. Verrat ist da noch schwach formuliert. Hochverrat wäre fast angebracht. Vor allem, wenn die neue Firma auch noch zum Wettbewerb gehört! Die Geschichte ist – mein Lieblingsbeispiel – etwa so zu sehen, wie sie Ihre Partnerin (gilt stets auch umgekehrt) sieht, wenn Sie aus fester Verbindung heraus hinter ihrem Rücken neue Kontakte aufnehmen.

Aber wenn wir schon aus diesem Beispiel lernen, dann richtig: Auch die anvisierte neue Partnerin müßte eigentlich jeden Kontakt mit einem Bewerber ablehnen, der nicht bindungs(arbeits )los ist, sondern in festen Händen. Die Lebenserfahrung lehrt jedoch: Sie tut es mitnichten. Sie geht hingegen mit diesem Individuum eine neue Verbindung ein – und legt ab sofort allergrößten Wert darauf, daß der Bursche nicht etwa hinter ihrem Rücken …. Was ein bißchen naiv, aber halt menschlich ist. Arbeitgeber nun, alte wie potentielle neue, tun desgleichen. Was ein bißchen naiv, … – nun, das hatten wir schon. Es ist eben im Leben nicht alles wie in den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Sondern aufregender. Das war keine gute Formulierung in dieser Zeitung.

Also korrigiere ich: noch aufregender, weil unwägbarer und mit größeren Überraschungseffekten ausgestattet. So, nun wissen Sie, geehrter Einsender, immer noch nicht, wie Sie in Ihrem unflexiblen Unternehmen rechtzeitig einen Tag frei bekommen sollen. Allein, ich weiß es auch nicht. Ich frage auch meine Gesprächspartner nicht. Ich bitte zum Termin, sie kommen – mehr will ich gar nicht wissen. Vor allem nicht, wieviele Großmütter und Tanten haben meinetwegen sterben müssen oder – shocking – wieviele dieser Bewerber etwa plötzlich krank wurden an jenen Tagen. Oder persönlich beim Finanzamt vorsprechen mußten oder was weiß ich. Die Verschiebung des Termins nach hinten birgt die bekannten Probleme in sich (ein anderer könnte das Rennen schon gemacht haben). Aber wenn Sie dabei diesmal den potentiellen neuen Arbeitgeber anschwindeln und sagen, Sie hätten in jener Woche eine unaufschiebbare Geschäftsreise und bäten daher um Verschiebung, dann akzeptiert der das wenigstens. Da aber bis zum Vertragsabschluß drei Gesprächstermine beim neuen Arbeitgeber erforderlich werden können, addieren sich die Probleme dann schnell. So viele Geschäftsreisen können Sie gar nicht machen. Termine am Wochenende?

Für meine weit über 10.000 selbst geführten Gespräche hätte es nicht Sonnabende genug gegeben. Und was für Sie ein einmaliger Aufwand wäre, kostete den Profi auf der anderen Seite des Schreibtisches seine gesamte Freizeit. Auch möchte ich nicht der Entscheider sein, der dem einen Bewerber den kostbaren Samstagstermin zugesteht, dem nächsten Anrufer aber nicht. Leichter ist: Es gibt keine Wochenendtermine. Wie gesagt: Das funktioniert tadellos.

Ach ja, zu guter Letzt noch diese Warnung: Es geht nun auch leider nicht an, beim – endlich realisierten – Vorstellungsgespräch ganz präzise zu fragen: Also wenn ich diesen Laden eines Tages wieder verlassen will, dann muß ich mich ja vorher anderweitig bewerben. Dazu brauche ich dann kurzfristig Urlaub. Wie läuft das denn hier so? Weil Sie zwar in jenem Augenblick dort hinter dem Rücken Ihres heutigen Arbeitgebers sitzen, weil es aber völlig undenkbar ist, auch nur in Erwägung zu ziehen, Sie könnten eines Tages hinter dem Rücken dieses neuen …, ist das ein Unthema. Gibt es nicht, kann es nicht geben.

Es kommt ja noch schöner: Derselbe künftige Chef, der Ihnen im Vorstellungsgespräch gegenübersitzt und entrüstet auf die Frage nach späterem kurzfristigen Urlaub für Vorstellungsgespräche reagieren würde – plant vielleicht selbst gerade eine Bewerbungsaktion und überlegt bereits, wie er seine Abwesenheit für zu erwartende Termine seinem Vorgesetzten beibringt. Und nicht auszuschließen ist, daß manche Unternehmen ganz bewußt die kurzfristige Beurlaubung ihrer Mitarbeiter durch bürokratische Verfahren behindern, um jene Vorstellungsgespräche mit anschließender Kündigung zu erschweren. Was ausgesprochen kurzsichtig gedacht wäre. Denn was hätte man von Mitarbeitern, die längst hätten weg sein wollen und nur deshalb noch da sind, weil man ihnen die Wechselprozedur erschwert. Aber nicht undenkbar ist auch, daß genau ein solches Unternehmen fassungslos reagiert, wenn jemand, der sich bei ihm beworben hat, nicht problemlos zum festgesetzten Vorstellungstermin erscheinen kann. Wer sich mit Menschen beschäftigt, gibt jede Hoffnung auf, es möge nach Kriterien der Logik oder auch nur Vernunft zugehen im Leben.

So ganz zum Schluß: Ein bißchen enttäuschen Sie und Ihre Kollegen mich. Denn Sie wären die erste größere Gruppe von Menschen, die keinen Weg findet, wenn sie aus wichtigem privaten Grund schnell mal eben einen halben oder ganzen Tag frei bekommen möchte – mit welchen Mitteln auch immer. A bisserl was geht alleweil – heißt es nicht so (oder doch so ähnlich; ich bin ein Preuße, wie ich gern zugebe)?

Kurzantwort:

Der Bewerbungsprozeß inkl. Vorstellungsgespräch spielt sich teilweise in einer Grauzone ab, über die man besser gar nicht alles wissen will. Denn eigentlich müßte man jeden Bewerber als Verräter ablehnen.

Frage-Nr.: 1354
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-12-22

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