Heiko Mell

Was ist „vollständig“, wohin mit den Seminaren?

Mir stellt sich die Aufgabe, meine Bewerbungsunterlagen zu optimieren. Was mache ich mit den Seminaren? In den letzten drei Jahren habe ich sowohl privat als auch über die Firma insgesamt zehn Seminare zur beruflichen und persönlichen Weiterbildung besucht. Dabei gab es mehr oder weniger aussagekräftige Seminarbescheinigungen. Bisher liste ich diese Seminare im Lebenslauf auf und hänge die Bescheinigungen hinten dran.

Aber das gefällt mir nicht. Letztlich werden nur die Bewerbungsunterlagen unnötig dick. Was wird von „vollständigen“ Bewerbungsun-terlagen erwartet?

Eine weitere Frage: Was ist mit ehrenamtlicher Tätigkeit? Soll ich die erwähnen? Welche Zusatzinformationen (z. B. über den Ver-ein) soll ich geben?

Antwort:

Wenn Sie nicht wissen, was Sie im Detail tun sollen, konzentrieren Sie sich zunächst einmal auf die Kernfrage: Was ist das Ziel der ganzen Aktion? Daraus kann man dann schon viele Antworten selbst ableiten.

Ziel der schriftlichen Bewerbung, ebenso einziges wie engagiert anzustrebendes Ziel ist die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Ziel ist nicht etwa der Job –

a) ist der auf diesem Wege niemals zu bekommen und

b) weiß man in diesem Stadium viel zu wenig darüber.

Die Entscheidungsträger auf der Empfänger-seite (der Bewerbung) haben eine Position zu besetzen, verfügen über einen ganzen Stapel von Bewerbungen und wählen daraus nun etwa fünf Zuschriften aus, deren Absender eingeladen werden. Das ist die Ausgangsla-ge.

Fangen wir mit der Frage an: Was sind „vollständige“ Unterlagen? Stellen wir eine Zusatzfrage: Warum steht eigentlich nicht in jeder Anzeige, was „vollständig“ heißen soll? Antwort: In vielen Inseraten steht es – die Bewerber lesen es aber nicht oder sie beachten es nicht oder sie sind böswillig und tun bewußt das Gegenteil oder sie haben diese Aufzählung aus der Anzeige schon wieder vergessen, wenn sie die Bewerbung formulieren – oder sie können gar nicht lesen (jeder, absolut jeder Profi hat genau diesen Verdacht bei der Analyse von Bewerbungen schon gehabt!).

Da außerdem eine ständige, textlich gleich-lautende Aufzählung dessen, was als „vollständig“ zu gelten hat, im Anzeigenbudget vieler Unternehmen tatsächlich zu Buche schlägt (sie braucht Text, der braucht Platz und der kostet Geld durch Anzeigenhöhe), sparen sich manche Inserenten die ewigen Wiederholungen. Manche tun es auch bewußt – um die Bewerber zu zwingen, sich damit auseinanderzusetzen. Schließlich ist jede Bewerbung auch eine Arbeitsprobe …

Eine vollständige Bewerbung umfaßt- ein Anschreiben (nicht über max. 1,5 Seiten hinaus, kürzer ist besser), mit dem der Be-werber sich im Sinne der ausgeschriebenen Position(!) interessant macht und in dem er die in der Anzeige verwendeten „Reizbegriffe“ aufgreift und dort gestellte „Fragen“ beantwortet;

– einen Lebenslauf mit oben rechts eingeklebtem Lichtbild, der etwa in die Rubriken aufgeteilt ist: „Persönliche Daten“, „Schulbildung“ (wenn zusätzlich eine Lehre vorliegt, kann man diese Rubrik auf „Schule/Ausbildung“ erweitern), „Studium“, „Berufspraxis“ (unbedingt mit lückenloser Darstellung seit Studienende/Eintritt beim ersten Arbeitgeber, mit kurzen Angaben zu den einzelnen Arbeitgebern und zu den ausgeübten Tätigkeiten dort) und „Sonstiges“ (läßt Raum für spezielle Fach und Sprachkenntnisse, evtl. Hobbys u. a.);

– unbeglaubigte Zeugniskopien; die hochwertigste Schulbildung sollte dabei sein, muß es aber nicht zwingend, Lehrabschlüsse und Studienexamen müssen mit allen Noten(!) beigelegt sein, alle Arbeitgeberzeugnisse für abgeschlossene Arbeitsverhältnisse müssen absolut zwingend(!) beiliegen, jedenfalls für alle ab Studienabschluß;

– Angaben zum frühestmöglichen Eintritts-termin und/oder zur Kündigungsfrist; unter-zubringen in Anschreiben oder Lebenslauf (z. B. unter „Sonstiges“);

– Angaben zum Gehalt (jeder Bewerbungs-empfänger wüßte sehr gern, was Sie heute verdienen und/oder was Sie in der neuen Position verdienen wollen); gehört an den Schluß des Anschreibens;

– Angaben zur Frage, warum Sie die heutige Position aufgeben wollen und in die neue hineinstreben (der Empfänger will wissen, in welcher Situation Sie sind, warum Sie wechseln und – daraus abgeleitet – was Sie vom neuen Job erwarten);

– Angaben zur Weiterbildung seit Studienende (als allgemeine Information über das Engagement des Bewerbers in dieser Hinsicht).

Damit ist Ihre Bewerbung vollständig und entspricht dem Idealbild (vom Aufbau, von den Informationen her – noch nicht zwangsläufig auch vom Inhalt her).

Und nun speziell zum – leidigen – Thema Seminare. Ein Randbereich der Bewerbung, mehr nicht. Dabei beachten Sie bitte: alle laut diesem Inserat relevanten Fachfragen(!) sind bereits in Anschreiben und Lebenslauf (lieber doppelt als gar nicht) beantwortet. Die dazu-gehörigen(!) Seminare sollten dann durchaus noch einmal unter „Sonstiges“ im Lebenslauf stehen – und die Bescheinigungen dieser hier und jetzt relevanten(!) Seminare liegen dann als Päckchen ganz unten in der Bewerbungsmappe.

Für die Seminare, die nicht engstens fachlich mit dem Thema der angestrebten Position zusammenhängen („Das erfolgreiche Arbeiten in Projektgruppen“), gilt eine Zweiteilung:

Diejenigen, bei denen Sie sich noch einen halbwegs engen Bezug zum Thema (dieser speziellen Position) vorstellen können, listen Sie allgemein (es ist nicht erforderlich, jeden exakten Titel, jeden Veranstaltungsort und je-des Datum mit Uhrzeit anzugeben) unter „Sonstiges“ im Lebenslauf mit auf, lassen aber die Seminarbescheingungen weg.

Und diejenigen Seminare, die dann noch üb-rig bleiben, die bleiben halt übrig.

Schließlich können Sie noch eine Abschlußprüfung vornehmen: Wenn nun der Empfänger ein ausgesprochener Weiterbildungsfanatiker sein sollte, findet er denn jetzt auch einige Hinweise auf meine Aktivitäten in die-ser Richtung? Stets aber interessiert den Leser primär: Kann/beherrscht der Bewerber dieses und jenes? Und erst deutlich später und mit weniger „Dampf“ interessiert die Fra-ge, ob eine Seminarbescheinigung dabei-liegt. Es werden ja dem Bewerber Aussagen mit ungleich dramatischerer Bedeutung auch ohne jeden Beleg geglaubt.

Was steht denn eigentlich drin in den meisten Seminar-Bescheinigungen? Daß Sie von … bis … in einem Raum gesessen haben, in dem zur gleichen Zeit ein Vortrag gehalten wurde zu diesem oder jenem Thema. Und? Haben Sie schön geträumt dabei? Na also.

So, auf dieser Informationsbasis nun wieder zurück zum Ziel der Bewerbung. Stellen Sie sich, wenn Zweifel aufkommen, ob Sie dieses oder jenes noch schreiben oder beilegen sollten, die Frage: Ist es denkbar, daß ich oh-ne diese Angabe/ohne dieses Dokument nicht zur Vorstellung eingeladen werde, andernfalls aber eine Chance gehabt hätte?

Damit haben Sie ein brauchbares Raster. Beispiel: Ein berufserfahrener Bewerber überlegt, die Angabe zum Gehalt wegzulassen. Ist es nun denkbar, daß er deswegen nicht …? O ja, es ist! Denn der Bewerbungsempfänger könnte ihn

a) für viel „teurer“ halten als er in Wirklichkeit ist und

b) sich über die Mißachtung seines Wunsches nach die-ser Information ärgern. Schließlich will man schon bei einem Gebrauchtwagen wissen, was der Verkäufer dafür haben will!

Immer ist dabei zu berücksichtigen: Der Bewerbungsempfänger trifft eine relative, keine absolute Entscheidung! Es geht in diesem Stadium noch nicht darum: „Soll man Herrn Schulze einstellen“? Es geht vielmehr um die Frage: „Sieben Kandidaten will ich mir persönlich ansehen. Sechs habe ich schon her-ausgesucht, fehlt noch einer. Dreiundsiebzig Bewerbungen liegen hier. Soll ich nun Herrn Schulze dazunehmen, der keine Angabe zum Gehalt macht oder lieber Herrn Lehmann, von dem ich sicher weiß, daß er in mein Gehaltsgefüge hineinpaßt“? (Lieber Lehmann, so viel steht fest.)Bleiben die in der Frage angeschnittenen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Bei berufserfahrenen Bewerbern rate ich zur Zurückhaltung. Ein solches Engagement bedeutet stets auch:

– es kostet Kraft und Zeit, die dann für den Betrieb nicht mehr zur Verfügung steht („keine Überstunden am Montag, da ist Training, jeden zweiten Dienstag ist Vorstandssitzung und täglich rufen diverse Leute im Betrieb an und halten ihn/sie von der Arbeit ab“);

– aktive Vereinsarbeit (z. B. mit Ämtern verbundene) bedeutet meist auch örtliche Bindungen – ein solcher Mensch zieht kaum jemals wirklich um, selbst wenn er vorher denkt, er würde es tun …

Sagen wir es so: Wenn Sie entsprechendes Talent haben, bringt es Sie dann beruflich (nur davon reden wir) weiter, Ihr Arbeitgeber ernennt Sie zum Abteilungsleiter oder Ihr Tennisverein wählt Sie in den Vorstand? Wo-bei solche Führungsaufgaben im Privatbereich bei Leuten, die im Beruf eher unscheinbar agieren, ein ganz interessantes, eigenes Thema sind (das aber diesen Rahmen sprengt).

So, geehrte Einsenderin, damit habe ich Ihre Fragen doch ziemlich erschöpfend beantwortet. Nun gestatten Sie mir noch zwei Anmerkungen (auf der Grundlage Ihrer hier bisher nicht abgedruckten Information, daß Sie Ihren bisherigen Arbeitsplatz verloren haben und ja wohl dringend einen neuen brauchen). Es geht mir dabei nicht um Gesinnung, nicht um Moral, nicht um Wertung – sondern nur um pragmatische Lebenshilfe (die Sie nicht an-nehmen müssen). Vielleicht rettet ein solcher Hinweis auch eine andere Leserin aus mißlicher Lage:

1. Sie hängen Ihren beigefügten Bewerbungsunterlagen auch einen Prospekt des Vereins an, in dem Sie da ehrenamtlich tätig sind. Und direkt die ersten Worte dieses Prospektes lauten: „Seit 1949 ist das Gleichberechtigungsgebot für Frau und Mann im Grundgesetz …“ Die meisten Entscheidungsträger, die das lesen werden, sind Männer (ich kann nichts dafür, das war schon so als ich auf diese Welt kam). Wissen Sie, was sehr, sehr viele von denen vor sich hinmurmeln, wenn sie das lesen? Es beginnt mit: „Ach du lieber Gott, geht das wieder los…ß Wollen Sie mit Ihrer Bewerbung ins Vorstellungsgespräch oder wollen Sie Leser erschrecken (ich kann auch nichts dafür, daß sich manche Männer bei diesem Thema erschrecken, auch das haben sie nicht erst von mir gelernt)“

2. Ihr Lebenslauf enthält als zweite relevante Aussage überhaupt (nach dem Alter; Name und Anschrift sind zunächst uninteressant) diese: „Familienstand: Alleinerziehend, 1 Kind (… Jahre).“

Es geht dabei natürlich nicht um die Frage, wie Sie zu diesem Status gekommen sind. Aber Sie senden, noch bevor Sie irgend et-was Relevantes über Ihre Qualifikation sagen(!), ein Signal aus: „Da ist ein Kind, um das ich mich kümmern muß. Wenn es krank ist, hat es Priorität. Überstunden kommen nicht in Frage, Dienstreisen eigentlich auch nicht.? Und dann sagen Sie automatisch: „Ich bitte um eine Einstellung – werfen Sie alle anderen 72 Bewerbungen weg und nehmen Sie mich.“

Das ist mutig – aber ist es auch klug? Bitte, ich habe großen Respekt vor Ihrer Doppelbelastung. Ich bin als Kind einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen – die allerdings nie erfahren hat, daß man das so nennen kann. Sie war „Kriegerwitwe“ und erzog mich halt auch nur neben der Berufstätigkeit – wie sehr viele andere Frauen nach den Weltkriegen auch.

Ich weiß natürlich, wie sensibel dieses Thema ist. Und ich rate auch jedem, zu seiner Gesinnung zu stehen. Aber es hat keinen Sinn, ein Primärziel (Job) durch ein sekundäres zu gefährden.

Und was die Kombination beider Kriterien bei vielen Bewerbungslesern erst anrichten wird – können sich viele lebenserfahrene Leser selbst vorstellen.

Ich nun ziehe mir hier nicht nur die erbitterte Abneigung so mancher engagierter Feministin zu – sondern auch den Zorn so manchen konservativen Mannes („Sind Sie verrückt? Lassen Sie doch die Frau so schreiben wie sie wollte und auch den Vereinsprospekt beilegen, dann bekomme ich doch eine tolle Entscheidungshilfe auf den Tisch.“ Und dann wird er sinnieren: „Wissen wir eigentlich, warum der letzte Arbeitgeber sie gefeuert hat“?).

Womit wir ein Beispiel hätten (ich spreche von mir), wie man sich zwischen mehrere Stühle setzt. War wohl nicht mein Tag heute …

Ach und wenn jemand nun doch meiner Anregung folgen will, wird er fragen, wie dies denn zu machen gewesen wäre und was man hätte schreiben sollen bei „Familienstand“? Na nichts. Es gibt kein Gesetz, daß man daran denken muß, den Familienstand anzugeben. Ihn zu „vergessen“, ist dann also auch nicht so schlimm. Kernfrage (siehe oben): Ist es denkbar, daß ich mit Angabe des Familienstandes eingeladen worden wäre, jetzt aber nur deshalb keine Berücksichtigung finde, weil ich ihn weggelassen habe? Nein, das ist es sicher nicht.

Kurzantwort:

Unter „vollständigen“ Bewerbungen verstehen die Empfänger oft mehr als den Bewerbern lieb ist – allerdings teilen sie deren Leidenschaft für Seminarbescheinigungen in der Regel nicht.
Frage-Nr.: 1347
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-12-18

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