Heiko Mell

Sind Tips nicht eher gefährlich?

Sie propagieren das sorgfältige „Zuschleifen“ der Bewerbung auf die in der Anzeige umrissene Position. Besteht damit nicht die Gefahr, daß der Bewerber eine Position erhält, der er nicht gewachsen ist? Ist es nicht viel schlimmer, z. B. in der Probezeit entlassen zu werden als von Anfang an eine Absage zu kassieren? Letztlich geht es darum: Helfen Sie Bewerbern mit Ihren Tips oder schaden Sie ihnen?

Antwort:

Ich finde es nett, daß Sie diese zentrale Frage als ebensolche (Frage) formulieren und nicht gleich zum Generalangriff ansetzen („Sie schaden den Lesern mehr als Sie ihnen nutzen!“). Es könnte ja immerhin sein, daß ich mir etwas gedacht habe bei meinem Vorgehen – aber Fragen ist nicht nur erlaubt, es wird von mir sogar sehr gern gesehen. Schließlich ist Fragen der erste Schritt zum Verständnis komplexer Zusammenhänge. Die zu erläutern ist eine meiner Leidenschaften.

Es ist auch aus meiner Sicht etwas dran an Ihren Überlegungen. Vieles sehe ich genau wie Sie. Etwa die Konsequenz: Es ist unsinnig, einem Bewerber zu einer Position zu verhelfen, der er gar nicht gewachsen ist. Auch in diesem Punkt stimme ich zu: Besser ist es, der Bewerber sucht noch etwas länger – statt eine Position zu erklimmen, aus der man ihn „wegen erwiesener Unfähigkeit“ feuert.

Aber ich glaube auch nicht, gegen diese vernünftigen Grundsätze zu verstoßen:

1. Ich koche keine Geheimrezepte vor, sondern gebe die bewährten Erfolgsstrategien positiv beurteilter Bewerber weiter. Es ist in jedem Metier üblich, daß sich Interessierte entsprechend kundig machen (können), ob das die Kräfteverteilung im Marathonlauf oder die optimale Anlagepolitik für mittlere Geldvermögen betrifft. Was der einzelne Leser damit macht, ist dann seine Sache.

Erreichen will ich vorrangig, daß der Betroffene versteht, was in diesem Bereich „auf der anderen Seite“ vorgeht. Verfügt er über dieses Wissen, kann er selbst entscheiden, wie er sein eigenes Vorgehen im Detail gestaltet.

2. Der – gegebenenfalls sehr plötzlich – vor die Notwendigkeit einer Bewerbung gestellte Arbeitnehmer hat häufig keinerlei Fachkenntnisse auf diesem Gebiet. Er hat aber ebenso häufig diffuse Informationen, daß dies alles ein höchst kompliziertes Gebiet sei, daß man bestimmte Dinge tun, andere jedoch keinesfalls machen dürfe und verbraucht sehr viel Zeit, um eine für optimal gehaltene Strategie „auszutüfteln“. Mit ein bißchen Pech verärgert er ausgerechnet damit jedoch den Empfänger oder er impliziert eine Bewertung, mit der er nicht im Traum gerechnet hat.

Da der Standard-Bewerber sich nie die Mühe macht, darüber nachzudenken, was in einem Profi-Bewerbungsleser vorgeht, der hundert oder mehr Zuschriften zu diesem Fall lesen muß, können ein paar Grundregeln sicher nicht schaden.

3. Ich sage nie: lügt, Leute, was das Zeug hält. Schließlich könnte das später zur fristlosen Kündigung führen. Aber ich vermittle die Einsicht, daß wir in einer Marktwirtschaft leben, daß der Arbeitsmarkt nicht grundlos so heißt – und daß man sich auf Märkten verkaufen muß. Nicht durch „erfundene Wahrheiten“, aber durch geschickte Darstellung von Tatsachen und Qualifikationen.

Dabei ist eines ganz merkwürdig: Das Grundprinzip, nämlich Störendes eher wegzulassen und Nützliches eher zu betonen, beherrschen eigentlich alle instinktiv. Sehen Sie, vermutlich sind – auch – viele Akademiker ein bißchen faul. Höre ich Proteste? Nein, also weiter: Aber niemand schreibt, er sei mit dieser Eigenschaft gesegnet! Komisch eigentlich, man liest es nie in Bewerbungen … Und ebenso sind viele berufliche Niederlagen auf mangelndes Engagement, fehlenden Einsatz, ungenügendes Befolgen von Anweisungen oder – schlimmer – ungenügendes Eingehen auf Erwartungen des Vorgesetzten zurückzuführen. Aber wer hätte je solche Erklärungen in Bewerbungen gelesen? Wirklich eigenartig …

Also kannten die Bewerber schon vor meinen Aktivitäten den „Trick“, eine Art „ausgewählter Wahrheit“ zu verbreiten. Ich perfektioniere diese natürliche Veranlagung nur ein wenig und weite sie auf Gebiete aus, an die der Betroffene selbst bisher nie gedacht hat.

4. Man muß ja fair sein. Die Bewerbung entspricht auf Arbeitnehmerseite dem Instrument „Anzeige“ der Arbeitgeber. Und diese Anzeigen texte ich (u. a.) seit sehr, sehr vielen Jahren. Ich weiß also, wie man auf dieser Seite auch nicht lügt, aber sein Anliegen werbewirksam hinüberbringt. Durch Weglassen störender Details und durch Hervorheben nützlicher.Das dürfen – ja müssen – Bewerber zur Verfolgung ihrer Interessen dann auch beherrschen – ein bißchen „Waffengleichheit“ muß schließlich sein.

5. Letztlich geht es ja keineswegs nur um Bewerbungen. Dieses von mir unterstützte (verkaufs-)taktisch geschickte Vorgehen empfiehlt sich arbeitstäglich. Oder anders: Man bewirbt sich eigentlich ständig. Und sei es beim eigenen Arbeitgeber um Beförderung und/oder Gehaltserhöhung, eventuell sogar um Positionserhalt. Da kann ein wenig Training nicht schaden.

6. Das Beste zum Schluß: Meistens denke ich mir ja etwas dabei, was ich tue – und wie (ich es tue). So auch hier: Also: Ihnen ist vielleicht auch schon aufgefallen, daß ich mich bei der Empfehlung eines (ver-kaufs-)taktisch geschickten Vorgehens stark auf den Prozeß der schriftlichen Bewerbung konzentriere.

Mit diesem Instrument jedoch bekommt niemand einen Job, also auch keinen, der nicht gut für ihn ist. Sondern er erreicht allerhöchstens eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Diese Chance, so meine ich, sollten möglichst viele erhalten. Nur dann können sie ihre Persönlichkeit oder spezielle Fachkenntnisse so richtig erfolgsentscheidend zur Präsentation bringen. Ohne Gespräch keinen Vertrag, ohne Gespräch war alle Mühe des Bewerbens vergeblich.

Außerdem, auch da will ich helfen so gut ich kann, ist auch nicht jeder Bewerbungsleser ein Übermensch. Der beispielsweise auch hinter hilflosem schriftlichen Gestotter noch das wahre Fach- und Führungsgenie des Bewerbers erkennt.

Aber dann jedoch hört es auf! Im Gespräch sollte der „wahre Mensch“ deutlich werden. Der, der hinterher auch so ist wie er damals zu sein schien. Und nicht der, der Monate später entlassen werden muß, weil er so gar nicht dem Bild entspricht, das man sich auf Vorgesetztenseite von ihm gemacht hatte.

Deshalb beispielsweise bin ich äußerst skeptisch gegenüber Schauspielerei, „Verhaltenstraining für Bewerber im Vorstellungsgespräch“, Videounterstützung beim Bewerbertraining etc. Weil genau dadurch Gefahren entstehen, wie Sie sie schildern.Unter anderem bin ich auch im Outplacement tätig, helfe also im Firmenauftrag entlassenen Führungskräften, wieder eine vernünftige Position zu bekommen. Aber bewußt schreibe ich dabei nicht eine Zeile des Bewerbungsanschreibens oder Lebenslaufs – und schon gar nicht übe ich bis zum Umfallen Antworten auf Fragen im Vorstellungsgespräch. „Hilfe zur Selbsthilfe“, mehr kann ich letztlich nicht verantworten.Sicher, es gibt Grundregeln auch für das optimale Verhalten im Vorstellungsgespräch. Aber Sprech- und Gestikübungen mit dem Ziel, eine andere Person vorzutäuschen als man ist? Das mag ich fachlich nicht verantworten.

Mein allgemeiner Rat: Vertrauen Sie im Vorstellungsgespräch einfach auf Erfahrung und Kompetenz der „Gegenseite“. Mit hoher (aber nicht hundertprozentiger) Wahrscheinlichkeit wissen die Chefs schon, wer zu ihnen paßt (oder die Leute vom Hochschulmarketing, welcher Absolvententyp im Konzern eine Chance hat).Also propagiere ich: geschicktes, überlegtes Vorgehen bei der schriftlichen Bewerbung – dann aber weitgehend natürliches Auftreten im Vorstellungsgespräch. Absagen dort (vor der Einstellung) sind noch relativ harmlose Niederlagen…

Nur wer Gespräch um Gespräch erreicht und niemals ein Vertragsangebot bekommt, sollte doch einmal nachdenken. Nicht über das, was er da zeigt im Vorstellungsprozeß, sondern über das, was er vielleicht ist – und was die potentiellen Chefs vermutlich merken. Übrigens kann ein Fachmann, so er will, leicht herausfinden, woran Bewerbungen scheitern oder warum nach Gesprächen keine Vertragsangebote kommen. Das ist einfacher, als Erfolge zu garantieren.

Kurzantwort:

Geschicktes, auch taktisch durchdachtes Vorgehen bei der Formulierung von Bewerbungsanschreiben und Lebenslauf ist nicht nur ein gutes Training für das tägliche Verkaufen der eigenen Person im Beruf, es ist auch absolut ungefährlich: Den Job bekommt man dadurch ohnehin noch nicht, den gibt es erst nach dem Vorstellungsgespräch. Dort jedoch ist weitgehend natürliches Verhalten angesagt – um spätere Enttäuschungen zu vermeiden.

Frage-Nr.: 1338
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-11-06

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