Heiko Mell

Ein künftiger Chef ist gegen mich

In einem Bewerbungsfall habe ich jetzt drei Gespräche geführt. Ich soll in diesem Unternehmen in einer Hauptabteilung tätig werden und abwechselnd in zwei Abteilungen eingesetzt werden.

Beim zweiten Gespräch waren der Personalberater, der Hauptabteilungsleiter und der Abteilungsleiter A anwesend. Die Atmosphäre war freundlich. Man zeigte sich an einer weiteren Zusammenarbeit mit mir interessiert.

Das dritte Gespräch fand beim Abteilungsleiter B statt. Die Atmosphäre war kühl. Der Abteilungsleiter schien wenig von mir angetan. Er äußerte sich auch recht kritisch über meine künftige Funktion dort.

Fazit: Einer meiner zukünftigen Vorgesetzten betrachtet meine Tätigkeit als nicht erstrebenswert.

1. Muß ich aufgrund dieses Wissens von dem Angebot Abstand nehmen?

2. Kann ich die Haltung des Abteilungsleiters B nochmals hinterfragen, z. B. in einem persönlichen Telefonat? (Ich glaube nicht.)

3. Soll ich als Grund für eine Rücknahme meiner Bewerbung explizit diese Gründe nennen?

Antwort:

Es ist durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe, einen(!) Vorgesetzten über Jahre hinweg zufriedenzustellen (was, das sei bei der Gelegenheit wieder einmal erwähnt, die zentrale Zielsetzung jedes Angestellten sein muß, die noch vor fachlichen Ansprüchen rangiert).

Muß man zwei Herren dienen (eventuell auch noch einem dritten, nämlich dem gemeinsamen Chef der beiden), wird die Geschichte „haarig“.

Grundregel: Wenn Sie wählen können (also den Job nicht annehmen müssen), lassen Sie die Finger von allen Angeboten, bei denen irgend etwas „unklar“ erscheint, was mit dem direkten Vorgesetzten zu tun hat. Beispiel: Er ist bei den Vorstellungsgesprächen „zufällig“ verhindert; es gibt ihn noch gar nicht (die Position soll erst besetzt werden); er scheint von Ihnen nicht begeistert zu sein (während sein Chef Ihre Einstellung betreibt). Allein schon die Konstruktion mit zwei Vorgesetzten, auch wenn beide „nett“ wären, paßt in diese Kette. Scheint der potentielle Vorgesetzte gegen Sie zu sein, ist höchste Alarmstufe angesagt (auch wenn er – wie hier – nur „halb“ zuständig wäre).

Jeder Vorgesetzte, mag er auch schwach und unfähig sein oder selbst vor dem „Abschuß“ stehen, hat (noch) so viel Macht, daß er die Karriere eines seiner Mitarbeiter im Hause verhindern bzw. erfolgreich dessen Entlassung betreiben kann.

Interessant ist die Frage, warum hier der Abteilungsleiter B Front gegen Sie als Bewerber macht. Abgesehen von denkbaren Ablehnungsgründen, die in Ihrer Person liegen, sind Gründe dieser Art möglich:

– die beiden Abteilungsleiter sind seit Jahren heillos zerstritten; was A befürwortet, lehnt B schon aus Prinzip ab;

– B ist bei dieser Neueinstellung nicht rechtzeitig gefragt worden, fühlt sich bei der Schaffung dieser Stelle oder bei der Personalauswahl übergangen; nun wagt er aber nicht, gegen seinen Chef zu opponieren, sondern konzentriert seine Ablehnung auf den „ihm aufs Auge gedrückten“ Bewerber;

– vielleicht wollte B den neuen Mann fest in seiner Abteilung angesiedelt haben, ist aber damit nicht durchgedrungen; nun ist er „sauer“ – und gegen alles, was mit dieser Position zu tun hat.

Dies wäre nicht das erste Beispiel von erwachsenen Führungskräften, die sich aufführen wie Kinder im Sandkasten („klaust du mir mein Förmchen, mach ich deine Kuchen kaputt“). Weniger lustig ist das für Mitarbeiter, die zwischen die Fronten geraten.

Zu 1: Sie sollten die Rücknahme Ihrer Bewerbung ernsthaft erwägen.

Zu 2: Grundsätzlich ist es immer gut, im vertraulichen (ohne Zeugen) Gespräch Probleme offen darzulegen. Hier besteht allerdings die sehr große Gefahr, daß B Ihnen nicht die Wahrheit sagt – und Ihren Anruf nur zum Anlaß nimmt, seine Ablehnung Ihrer Bewerbung intern zu untermauern („… behauptet der am Telefon, ich sei ablehnend und unfreundlich zu ihm gewesen. Man wird ja noch einen Bewerber nach Details seines Lebenslaufes fragen dürfen – wer weiß, was der zu verbergen hat.“).

Zu 3: Natürlich wäre das ein Nadelstich gegen B, sie könnten ihm damit – vielleicht – Ärger machen. Aber: Sie hätten nichts davon. Und für das Chaos in diesem Unternehmen sind Sie noch nicht zuständig. Mag sein, daß B sich so über Sie ärgern würde, daß er Sie auf seine Liste „lebenslanger Todfeinde“ setzt. Eines Tages taucht er dann dort auf, wo Sie gerade tätig sind – und ist Ihr neuer Chef. Man soll nützliche Kontakte pflegen und unnötige Feindschaften vermeiden (es ist erstaunlichwen man im Leben alles wiedertrifft).

Aber Sie könnten den Personalberater informieren – und es ihm überlassen, was er mit der Information anfängt.

Insgesamt gilt: Seien Sie froh, daß der Vorstellungsprozeß – wieder einmal – seine wesentliche Aufgabe erfüllt hat. Beide Seiten sollen herausfinden, ob man zueinander paßt. Davon haben Sie sehr viel mehr als von perfekter Schauspielerei – und einer anschließenden Entlassung in der Probezeit.

Kurzantwort:

Der (künftige) Vorgesetzte ist die Zentralfigur im Beschäftigungsverhältnis eines Mitarbeiters. Jeder Bewerber ist gut beraten, bei Problemen aller Art, die sich rund um die Person seines potentiellen Chefs ergeben, einen Rückzug zu erwägen.

Frage-Nr.: 1326
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-23

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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