Heiko Mell

Wie geht man bei Top-Positionen vor?

Unter anderem befolge ich Ihren Rat, sich ständig über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes auf dem laufenden zu halten, indem ich regelmäßig die Stellenanzeigen lese. Während der letzten Jahre habe ich dabei einen stetigen Rückgang der Stellenangebote für gehobene Führungskräfte beobachtet. Es scheint, daß mittlerweile Stellen ab dem Niveau „Hauptabteilungsleiter“ aufwärts oft nicht über Stellenanzeigen, sondern über andere Methoden besetzt werden.

Da ich beabsichtige, mich innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre beruflich zu verändern, habe ich in Erwägung gezogen, die diesem Schreiben beiliegenden Unterlagen an einige große Personalberater zu schicken.

1. Ist eine solche Blindbewerbung für eine Stelle dieses Niveaus noch akzeptabel?

2. Wie groß ist das Risiko, daß meine Unterlagen in indiskrete Hände kommen, wenn ich sie nur an einige renommierte Beratungsunternehmen versende?

3. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, nach einer solchen Bewerbungsaktion auch viele Angebote zu erhalten, die sich deutlich von der beschriebenen Zielposition unterscheiden?

4. Kann ich davon ausgehen, daß internationale Personalberater automatisch meine Unterlagen allen ihren Filialen zur Verfügung stellen? Falls ja: wäre es besser, die Unterlagen in englischer Sprache abzufassen?

5. Welche Rolle spielen elektronische Medien (Internet) bei der Besetzung von nicht EDV-bezogenen Stellen?

Antwort:

Ihre Eingangsbemerkung ist so nicht richtig! Wir analysieren seit 1975 alle in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheinenden industrierelevanten (also z. B. ohne Hochschulen, Krankenhäuser, Finanzdienstleister) Personalanzeigen nach Hierarchieebenen und Tätigkeitsgebieten. „Oberhalb der Hauptabteilungsleiter“, also im Top-Management, registrierten wir beispielsweise in den letzten zehn Jahren jeweils in den insertionsstarken I. Quartalen an Stellenangeboten über alle Tätigkeitsgebiete hinweg (Vertrieb bis Materialwirtschaft):

111; 123; 158; 117; 115; 151; 133; 170; 156; 140; 115 (wobei die 111 am Anfang für I/88 und die 115 am Schluß für I/98 stehen).

Sie sehen also: keine besondere Veränderung in den letzten zehn Jahren, wobei es anderweitige Rekrutierungsmethoden gab und gibt. Aber den suchenden Betroffenen kommt es oft so vor als sei gerade auf ihrem Gebiet ein dramatischer Rückgang zu verzeichnen.

Zu Ihrer Situation sollten die anderen Leser wissen: Sie sind derzeit als Manager für ein deutsches Unternehmen im Ausland tätig und gehen auch gern wieder ins Ausland. Es ist allgemein bekannt, daß unter diesen Umständen die Suche nach einer neuen Position schwieriger ist als aus einer Inlandstätigkeit heraus.

Zu 1: Es ist ein Grenzfall; wegen Ihrer (Auslands-)Situation gibt es bei Ihnen geringere Bedenken. Aber: Nicht alle Berater wollen unangeforderte Zuschriften; viele arbeiten nicht so, sondern sprechen jeweils ihrerseits den Markt an, wenn sie einen Auftrag haben. Dieser ist stets größer als ein Häuflein langsam alternder Unterlagen. Auch ich teile diese Zurückhaltung gegenüber unverlangt eingesandten Bewerbungen.

Lösung: Rufen Sie die einzelnen Beratungsunternehmen vorher an und fragen Sie, ob überhaupt Interesse besteht.

Zu 2: Es gibt prinzipiell kein „Geschäft“ ohne Risiko, aber das ist hier extrem klein und kann problemlos eingegangen werden. Eine absichtliche Indiskretion beispielsweise eines Beraters gegenüber seinem Auftraggeber, der zufällig Ihr Arbeitgeber ist, dürfte auszuschließen sein.Ach ja: Die Geschichte mit den „indiskreten Händen“ ist sehr hübsch formuliert. Was Händen doch so alles zugetraut wird …

Zu 3: Gering. Aber selbst wenn: Wo wäre das Problem? Was Ihnen nicht gefällt, akzeptieren Sie nicht. Übrigens bekommen Sie kein einziges Angebot – sondern höchstens die Aufforderung, sich konkret um eine bestimmte Position zu bewerben. Auch der Anruf eines Headhunters ist kein Angebot!

Zu 4: Das weiß ich leider nicht. Vorschlag: Wenn Sie gemäß meiner Antwort zu 1 ohnehin anrufen, fragen Sie das gleich mit. Bei beabsichtigtem internationalen Einsatz ist das Beifügen englischsprachiger Unterlagen stets empfehlenswert.

Zu 5: Das relativ junge Medium Internet ist noch in der Entwicklung. Was in fünf oder zehn Jahren sein wird, weiß noch niemand. Derzeit sind Bewerbungen auf diesem Weg noch nicht beliebt bzw. werden noch nicht allgemein akzeptiert. Aber viele Unternehmen und Berater stellen im Internet ihre derzeit offenen Positionen vor – vielfach allerdings besteht die Aufstellung in einer Darstellung erschienener Original-Stellenanzeigen, die ohnehin in der Zeitung gestanden hatten.

Und speziell zu Ihnen, geehrter Einsender: Sie sind seit vielen Jahren in Ihrem internationalen Konzern tätig und praktisch weltweit eingesetzt worden – aber nie in Deutschland. Damit fehlt Ihnen Managementpraxis im Heimatland. Wenn Sie jetzt noch einmal ins Ausland gehen und dann – mit hohen Ansprüchen – zurückkehren wollen, wird es sehr, sehr eng (und zurück wollen sie eines Tages fast alle!).

Kurzantwort:

Auslandserfahrung ist das Salz in der Suppe umfangreicher Berufspraxis. Aber: Keine Suppe verträgt „Salz pur“.

Frage-Nr.: 1321
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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