Heiko Mell

Wozu dient eigentlich das Anschreiben?

Ich habe mich in der letzten Zeit öfter beworben und mich dabei jedesmal mit dem Anschreiben herumgequält. Inzwischen erlaube ich mir die ketzerische Frage: Ist das eigentlich nötig, reichen nicht auch die Fakten im Lebenslauf aus?

Antwort:

Im Prinzip ja. In der Praxis jedoch sind die Fakten im Lebenslauf häufig nicht so absolut „passend“ zu den Anforderungen der Position, daß nicht ein wenig verkaufsfördernde Kosmetik dem eigenen Anliegen gut tun würde. Unter anderem dazu dient das Anschreiben.Vielleicht kennen Sie meine Theorie mit dem Schloß und dem Schlüssel: Die zu besetzende Position ist wie ein Schloß in einer Tür. Die richtige Bewerbung ist der Schlüssel, der in dieses genau definierte Schloß „paßt“. Daraus ergibt sich schon einmal, daß man mehr als ein „Passen“ nicht erreichen kann – hat der Schlüssel mehr oder tiefere Kerben als das Schloß „Zacken“ hat, klemmt der Schlüssel schon wieder und paßt nicht etwa besser als der richtige.

In den wenigsten Fällen nun paßt ein mehr oder minder zufällig entstandener Lebenslauf (Schlüssel) zu einem mehr oder minder zufällig entstandenen Anforderungsprofil einer Position (Schloß). Das Anschreiben ist nun wie eine Art Öl, das die Schwergängigkeit einer im Prinzip nicht absolut exakten Übereinstimmung zu mildern hilft.So geht ja auch ein gutes Anschreiben auf die Reizwörter bzw. „Fragen“ ein, die im Inserat erkennbar werden, greift sie auf bzw. beantwortet sie.

Wenn ein Bewerbungsempfänger ein wirklich durchdachtes Anschreiben in einem „passenden“ Bewerbungsfall gelesen hat, dann denkt er etwa wie folgt:

  • Dieser Kandidat versteht etwas von dem, was hier zu tun ist.
  • Er bringt die geforderten Grundvoraussetzungen offensichtlich mit.
  • Er strebt diese Position aus einem Grund an, den wir nachvollziehen können.
  • Auch die in der Anzeige abgefragten Fakten hat er so dargestellt, daß eine Übereinstimmung gut denkbar ist (Alter, Einkommen, mögliches Eintrittsdatum, ggf. spezielle Qualifikationsdetails wie perfekte Sprachkenntnisse etc.).

Dann lehnt sich der Bewerbungsleser zurück und beschließt, sich in freudiger Erwartung mit den Details dieses Kandidaten zu beschäftigen, also Lebenslauf und Zeugnisse zu lesen.

Sie müssen das vor dem immer wieder von mir dargestellten Hintergrund sehen: 90 % aller Bewerbungen erweisen sich als ungeeignet. Der professionelle Bewerbungsleser nimmt die nächste Unterlage vom Stapel und erwartet aus dieser statistischen Situation heraus von ihr „nichts Gutes“. Damit liegt er auch in neun von zehn Fällen letztlich richtig. Man muß ihn aus dieser negativen Grunderwartungshaltung herausreißen und ihm durch das Aufzählen wichtiger, mit der Anzeige übereinstimmender Details zeigen, daß hier – offensichtlich überraschenderweise – doch ein Mensch auftaucht, der die gewünschte Qualifikation haben und die ebenfalls gesuchten Fakten mitbringen könnte.

Außerdem dient das Anschreiben dann noch dazu, eventuelle Erklärungen zu geben für Punkte, die beim reinen Lesen des Lebenslaufes nicht so leicht verständlich sind etc.

Da viele Ingenieure naturgemäß keine Formulierungskünstler sind, hier der ebenso beruhigende wie völlig ernstgemeinte Hinweis: Es kommt bei den allermeisten Positionen nicht auf geschliffene Formulierungen, nicht auf den Gebrauch möglichst vieler Fremdwörter und nicht auf geistreiche Verbalkonstruktionen an. Eine Darstellung in einfachen, klaren Sätzen reicht.

Wichtig ist noch die von mir stets kommende Warnung: Man muß jedes in einer Bewerbung wichtige Dokument (gilt für Anschreiben und Lebenslauf gleichermaßen) für sich allein verstehen, ohne zu anderen eventuell beigefügten Dokumenten greifen zu müssen.

Ein völliger Laie des Fachgebietes und ein nicht mit Ihrer Branche vertrauter Mensch muß Ihr Anschreiben spontan „begreifen“. Bedenken Sie dabei bitte: Er muß diesen Brief richtig interpretieren, ohne den Lebenslauf vorher gelesen zu haben oder ohne ihn zum besseren Verständnis hervorkramen zu müssen.

Abschreckendes Beispiel (tausendfach in Gebrauch und von entsprechenden Bewerbern „gern genommen“):“Ich bin Maschinenbauingenieur. Nach meinem Weggang von der Firma Müller + Wagner ….“

Damit kann niemand etwas anfangen! Erstens kennt kein Mensch diese Firma (vielleicht der spätere Fachvorgesetzte, weil er Branchenkenner ist. Ebenso vielleicht aber nicht der Personalleiter, weil er neu in der Firma ist und die Branche noch nicht kennt. Und ganz bestimmt nicht der arme Personalberater, an den dies vielleicht gerichtet ist und der in allen Branchen zu Hause sein muß und damit in keiner so richtig Fachmann sein kann). Außerdem weiß man nicht, ob es sich um eine Episode aus dem Jahre 1966 oder 1996 handelt. Schließlich kann man den Weggang nicht beurteilen, wenn man vorher nicht erfährt, was der hier auftretende Mann dort überhaupt gemacht hat.

Generell gilt: Die Bewerbung ist ein Verkaufsprospekt in eigener Sache. Ein Prospekt dient der „Erheiterung“ des Empfängers, nicht der des Schreibers. Man schreibe also solche Dinge hinein, die den Leser (dessen Interessenbereiche man normalerweise aus der Anzeige kennt) auch wirklich fesseln und schildere nicht stur einfach den eigenen Werdegang in ganzen Sätzen, der dann hinterher im Lebenslauf ja ohnehin schon steht.

Daraus ergibt sich zwingend: Eine einigermaßen vernünftig aufgebaute Bewerbung enthält jeweils ein völlig neu getextetes, individuell zielgerichtetes Anschreiben. Die gelegentlich nicht unübliche „Masche“, einen immer wieder gleichen Standardtext nur in der Anschriftenzeile zu variieren, kann niemals die überzeugende Lösung sein. Es ist im Einzelfall denkbar, daß jemand so exzellente Details seines Werdeganges vorzuweisen hat, daß er auch damit zurechtkommt. Aber die erwähnten 90 % aller Bewerber haben das nicht und wären gut beraten, die Möglichkeiten des Anschreibens besser zu nutzen.

Sollten Sie mir daraufhin konkrete Anschreiben zum Abdruck (natürlich ohne Namen) zusenden und sie damit zur Beurteilung freigeben, legen Sie bitte in jedem Fall Informationen über die Position bei, um die es damals ging (am besten eine Kopie der Anzeige).

Außerdem ergibt sich aus diesem Zusammenhang eine spezielle Problematik: Bewerbungen, denen keine Anzeige zugrunde liegt, sind viel schwieriger zu schreiben (wenn man Erfolg haben will). Es ist wie der Versuch, für ein Schloß einen passenden Schlüssel zu liefern – ohne daß man weiß, ob der Empfänger dieses Schlüssels überhaupt ein Schloß hat, wie dieses im Detail beschaffen sein mag und wieviele „Zacken“ der passende Schlüssel denn haben müßte. Damit so etwas dennoch klappt, kann man nur Massenaktionen starten und einen großen Streuverlust einkalkulieren.

Kurzantwort:

Das Anschreiben ist ein wichtiges Instrument der Bewerbungstechnik im Sinne des „Verkaufsprospektes in eigener Sache“. Seine Formulierung ist keine Geheimwissenschaft – Logik auf der einen und einfache Formulierungen auf der anderen Seite reichen völlig aus.

Frage-Nr.: 1315
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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