Heiko Mell

Schielt Hamlet?

Vor etwa einem Jahr habe ich mein …-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Sowohl die Studien- als auch die Diplomarbeit habe ich am Fachbereich … der TU … angefertigt. Meine derzeitige Anstellung an einem Institut der TU als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist zwar eine interessante Weiterbildung, erfüllt aber nicht meinen Berufswunsch. Deshalb bewerbe ich mich seit einiger Zeit.

Meine bisherigen Bemühungen resultierten zwar in einigen Vorstellungsgesprächen, blieben aber letztendlich erfolglos (39 Bewerbungen: 17 Absagen ohne Einladung, 10 Vorstellungsgespräche mit anschließender Absage, 12 noch offen).

Wahrscheinlich gibt es tausend Gründe, warum man mich ablehnt – vielleicht nennen Sie mir in Ihrer Antwort einige davon. Aber bei mir kommt folgender Verdacht auf: Seit der Erblindung meines rechten Auges vor mehr als zwanzig Jahren schiele ich, was ich zwar auf meinem Bewerbungsfoto zu kaschieren versuche – was aber in einem persönlichen Gespräch auffällt. Da ich mich hauptsächlich auf Stellen bewerbe, die einen Kontakt mit Menschen erfordern (Vertrieb, Marketing, Führungsnachwuchspositionen), fürchte ich nun, daß mich mein Schielen im Vorstellungsgespräch kategorisch rauswirft.

Antwort:

Am 17. Februar 1801 wird der englische Admiral Horatio Nelson dem Kommando von Sir Hyde Parker unterstellt. Dessen Charakter, so heißt es, überzeugt ihn ebenso wenig wie seine Fähigkeiten. Ziel des Einsatzes ist Kopenhagen. Die Dänen haben sich der „Bewaffneten Nordischen Neutralität“ unter Führung des russischen Zaren Paul I. angeschlossen. Diese richtet sich gegen englische Interessen. England steht seit langem gegen Napoleon in verzweifeltem Kampf und entschließt sich zu einem Präventivschlag gegen Kopenhagen.

Nelson geht zunächst mit zwölf leichteren Flotteneinheiten (für die schweren war diese Stelle im Sund vor Kopenhagen nicht tief genug) gegen die abwehrbereit verankerten achtzehn dänischen Kriegsschiffe vor, die von 66 schweren Kanonen einer Batterie auf dem dänischen Festland unterstützt werden. Am 2. April 1801 entbrennt die Seeschlacht, die Nelson später als seine schwerste bezeichnet (sein größter Sieg, der ihn endgültig zum Nationalhelden macht, wird 1805 der von Trafalgar gegen die Franzosen).

Auf dem Höhepunkt der Schlacht von Kopenhagen signalisiert Oberbefehlshaber Sir Hyde Parker per Flaggensignal an den im äußerst harten Kampf stehenden Nelson: „Die Aktion ist abzubrechen.“ Nelson äußert zu einem Offizier: „Verdammt, wenn ich das täte!“ Nelson ist – nicht erst seit dieser Schlacht – auf einem Auge blind. Er hebt sein (damals übliches) einrohriges Fernglas vor das blinde Auge und ruft „Ich sehe das Signal wirklich nicht!“ Er setzt den Kampf – entschlossen, aber ungehorsam – fort. Er siegt, England siegt. Ach – und Sir Hyde Parker siegt auch.

Für eine solche Befehlsmißachtung sind andere schon erschossen worden – wer aber Nationalheld werden will, muß auch einmal etwas riskieren. Hier jedoch geht es nur um eine Führungskraft (die heute vielleicht Manager wäre), die auch auf einem Auge blind war. Und die offensiv damit umging; Nelson hat auch bei anderen Gelegenheiten mit dem kranken Auge kokettiert. Nicht einmal seiner Wirkung auf Frauen hat die Behinderung (er hatte außerdem früher schon einen Arm verloren) geschadet – seine Liaison mit Lady Hamilton, deren „guten, alten“ Ehemann das Paar meist „im Schlepp“ hatte, ist ebenfalls in die Geschichte eingegangen.

Reicht Ihnen das? Aber greifen wir die Frage anders auf: Was ist ein Problem? Es ist etwas, das wir dafür halten – mehr nicht! Die Definition eines Problems ist individuell höchst verschieden – was einem Menschen als Bagatelle erscheint, ist für den anderen ein schier unüberwindlicher „Berg von Schwierigkeiten“.

Bei der Gelegenheit: Nach einer Theorie von mir ist die Summe der Probleme, die ein Mensch jeweils hat, zwar individuell höchst verschieden, aber für die einzelne Person stets konstant. Manche haben nie Probleme, andere eigentlich immer. Letztere sind ebenso gefährlich wie gefährdet: Fehlt es an echten Schwierigkeiten und ist damit ihr entsprechender „Bedarf“ nicht gedeckt, plustern sie irgend etwas eher Belangloses auf, bis sie wieder ihr „Quantum“ zusammenhaben. Dies, geehrter Einsender, ist nicht ausdrücklich auf Sie gemünzt.

Was Sie aber dennoch auch daraus lernen sollen? Wenn ein Nelson mit nur einem Auge Schlachten von großer Bedeutung gewinnen konnte, dann können Sie damit auch ein Vorstellungsgespräch durchstehen (ganze Seeschlachten verlangt ja derzeit niemand von Ihnen).

Sie sind blind auf einem Auge. Na und? Stehen Sie ganz offen und demonstrativ dazu, das ist das Beste, was Sie tun können. Ein Problem wird daraus erst, wenn Sie es dazu machen. Fatal und ohne jede Chance auf Realisierung ist Ihr Versuch, dieses Handikap (wer hätte keines) zu vertuschen.

Es gibt, mir von meiner Mutter vermittelt, einen sehr bewährten Grundsatz: Wenn sich etwas nicht verbergen läßt, hebe es hervor! Niemand kümmert sich groß um etwas, das ganz offen zutage liegt. Aber jeder spekuliert wild herum, wenn etwas als normal verkauft werden soll, aber ganz offensichtlich irgend etwas damit nicht stimmt.

Also tragen Sie entweder bei Erstkontakten auch eine Augenklappe wie viele berühmte „Einäugige“ vor Ihnen oder lassen Sie sich eine Brille mit tiefdunklem Glas auf einer Seite und Fensterglas auf der anderen machen, marschieren Sie damit fröhlich ins Gespräch und erklären Sie, auf einem Auge seien Sie blind, aber hören könnten Sie gut – und nun möge es losgehen. Ob Sie diese „Hilfe“ dann später täglich tragen, ist eine andere Frage. Aber sie nimmt Druck von Ihnen bei den streßintensiven Vorstellungsgesprächen – und allein darauf kommt es an.

Und, liebe Leser, eines ist wohl klar: Ich leugne keinesfalls die Beeinträchtigungen, die aus einem blinden Auge im Alltag resultieren können. Aber darum geht es hier nicht – diese Beschränkungen kennt und akzeptiert dieser Einsender ja. Mein „na und?“ bezieht sich nicht auf das kranke Auge, sondern auf das „Problem“, damit ein Vorstellungsgespräch durchzustehen.

Werfen wir nun einmal einen Blick in die Unterlagen (und verwerten wir auch gleich die zusätzlichen Informationen, die wir aus dem Anschreiben haben):

Bis zum Abitur (2,0) ist alles problemlos in Ordnung. Dann kommt vor dem Studium ein Jahr USA (gut, kostet aber Zeit).

Das anschließende TU-Studium dauert 14 Semester. Dabei schließt die Vorprüfung überraschend gut ab (besser als 2), das Hauptexamen lautet „mit Auszeichnung 1,2“ (Auffälligkeit 1). Sie sind zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre alt.

Was die seitdem andauernde Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter soll, erfährt der Leser nicht (Auffälligkeit 2). Man bleibt nach dem Studium nur dann an der Uni, wenn man promovieren will (bei „Auszeichnung“ wäre das durchaus logisch). Aber davon steht nichts im Lebenslauf.

Praktika/Diplomarbeit: Hier sucht man als Bewerbungsleser die Industrienähe! Außerhalb des vorgeschriebenen Grundpraktikums bieten Sie nur etwas freie Mitarbeit im CAD-Bereich, überspielt wird das von vier Jahren als Tutor am Uni-Institut und von der Diplomarbeit in einem Uni-Fachbereich (Auffälligkeit 3).

Und wer von den Lesern jetzt schon langsam ungeduldig fragt, wann mir endlich der Brückenschlag gelingt von Nelson zu Hamlet (siehe Überschrift bei Beitrages), der sei beruhigt: Jetzt kommt Shakespeare, aber mit Macht!

Unter „Fähigkeiten und Kenntnisse“ heißt es „Privater Schauspielunterricht“, unter „außeruniversitäres Engagement“ wird dann das Theaterspielen groß herausgestellt, dabei werden wichtige gespielte Rollen aufgeführt, „Hamlet in Shakespeares Hamlet“ steht dabei ganz oben (Auffälligkeit 4).

Vergleichsweise harmlos sind dann zwei ausgeübte Sportarten (Auffälligkeit 5), die ich weder allein schreiben könnte, noch wüßte ich, was man dabei macht (es steht „Sport“ davor, sonst hätten das für mich auch chinesische Reisgerichte sein können; natürlich ist hier nur meine eigene Unkenntnis die Ursache für diese Anmerkung, aber andere wissen vielleicht auch nicht mehr). „Waldlauf“ hingegen kenne ich von den Leuten, die mir mit schmerzverzerrtem Gesicht und gar nicht glücklich aussehend entgegenkeuchen, wenn ich mit meinem Hund spazierengehe (wobei letzterer alle Läufer total ignoriert, bitteschön).

Schließlich finde ich dann noch in einem Praktikumszeugnis (das im übrigen hervorragend ist!) die Formulierung: „Infolge … seiner verbindlichen, jedoch sachlich fundierten Eloquenz war es uns möglich, ihn … mit Aufgaben zu betrauen ….“ Wissen Sie, was mir auffällt? Das Wort „jedoch“. Eigentlich gehört es da nicht hin. „… verbindlichen, sachlich fundierten Eloquenz …“ hätte völlig gereicht. Mir scheint, der Schreiber stand selbst so sehr unter dem Druck dieser „Eloquenz“, daß er schnell noch „jedoch sachlich fundierten“ hinzusetzte – und damit aus einer Sachaussage einen Stoßseufzer machte (ich glaube nicht, daß er dies absichtlich tat, es kam wohl aus dem Unterbewußtsein über ihn). Kein Wunder bei so viel Hamlet u. a. nebst Schauspielunterricht. Das „jedoch“ wäre dann Auffälligkeit 6 (und das blinde Auge, last but not least, ist Auffälligkeit 7).

Nun habe auch ich Anrecht auf einen Stoßseufzer: Muß das sein? Ging es nicht etwas kleiner, so mit ein bis zwei Auffälligkeiten?

Insoweit, liebe Leser, ist auch dieser Fall insgesamt wieder einmal durchaus typisch, nur die Details sind individuell. Ich beobachte sehr oft, daß Menschen, die bereits auf einem Gebiet ein durchaus gravierendes Problem haben (und sei es ein eingebildetes), ganz wild darauf zu sein scheinen, sich auch auf mehreren anderen Gebieten als „außerhalb des Standards“ liegend darzustellen.

Nun soll gerade hier nicht das „Lied vom unauffälligen Durchschnittstyp“ gesungen werden, ganz im Gegenteil. Aber sagen wir es einmal so: Wenn Sie, geehrter Einsender, so wenig selbstbewußt sind, daß Sie ernsthaft befürchten, Ihre – tatsächlich zu hohe – Absagequote bei Bewerbungen hätte an dem blinden Auge gelegen, warum mußten Sie Ihre Bewerbung an so vielen anderen Stellen spicken mit Aussagen wie „sehet her, ich bin nicht wie die anderen“?

Meine Vermutung: Die Bewerbungsempfänger meinten, mit einer Einladung an einem Mann mit so gutem Studienergebnis nicht vorbeigehen zu dürfen, waren jedoch durch die vielen anderen Punkte „vorgewarnt“ bis mißtrauisch. Und was der Mensch bei anderen an Merkwürdigkeiten erst sucht, das findet er dann auch! Ich glaube, Psychologen sprechen von einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“, bin aber keiner.

Zum Schluß noch der Versuch, die erwähnten Auffälligkeiten zu gewichten und Empfehlungen dazu zu geben: Zu 1 (Examen mit Auszeichnung): Ist natürlich ganz toll, ohne jeden Zweifel. Aber „Einser-Kandidaten“ gehen vielen Gesprächspartnern leicht „auf den Wecker“. Sie wissen „alles“ – und wenn sie dann auch noch besondere Eloquenz demonstrieren, Schauspielunterricht hatten(!) und sehr von sich überzeugt sind, können sie eine wahre Plage sein. Achtung: Der Punkt kollidiert mit Ihrem Berufsziel Vertrieb – „Einser-Leute verkaufen nix“ (Grundregel mit Ausnahmen).

Zu 2 (nach dem Studium als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni geblieben, aber von Promotion keine Rede): Erläutern Sie das, Sie sind hier im „Erklärungsnotstand“ – so etwas macht der allseits gesuchte praxisorientierte Bewerber nicht!

Zu 3 (zu wenig Industriepraktika, Diplomarbeit an der Uni): Läßt sich jetzt nicht mehr ändern, scheint aber mit 1 und 2 zu korrespondieren! So handelt der allseits gesuchte praxisorientierte Bewerber nicht!

Zu 4 (Schauspielunterricht + Auftritte): Ist natürlich überhaupt nicht zu beanstanden. Aber: Die meisten anderen Vertriebsingenieure deklamieren nicht gekonnt Shakespeare im englischen Original, ich wette darauf! Lösung: Reden Sie zunächst nicht darüber, schreiben Sie es nicht in die Bewerbung (was zuviel ist, ist zuviel).

Zu 5 (exotisch klingende Sportarten): Für sich gesehen nicht einmal ansatzweise nachteilig! Aber wenn schon X Auffälligkeiten erkennbar sind, wird man leicht immer mehr zum Exoten. Lösung: vielleicht schreiben Sie einmal nicht den Originalnamen, sondern sagen, was es ist.

Zu 6 (die „jedoch sachlich fundierte“ Eloquenz): Vielleicht kommen außer mir nicht viele Bewerbungsleser darauf, vielleicht werten einige das auch anders. Auch dieser Punkt ist für sich allein gesehen harmlos, aber in der Summe …. Vielleicht stellt Ihnen die Firma unter gleichem Datum in neues Zeugnis aus, ohne „jedoch“.

Zu 7 (blind auf einem Auge): Ist im Vorstellungsgespräch im erwähnten Zusammenhang kein Problem, ändern Sie vor allem Ihre Einstellung dazu: Aber: Vorsicht, mancher Arbeitgeber mag Bedenken haben, Sie im „hauptamtlichen“ Vertrieb ständig zu Kunden zu schicken, ich will das nicht ausschließen. Überlegen Sie (es gab schon mehrere Anzeichen), ob Sie den „Vertrieb“ nicht von Ihrer Zielliste streichen. Gegen „Vorstand allgemein“ spricht hingegen nichts (und nicht etwa, liebe Leser, weil manche dieser Manager ohnehin wirkten, als seien sie auf einem Auge blind – das habe ich nie gesagt).

Kurzantwort:

Manche Probleme, die uns schier unlösbar zu sein scheinen, sind eigentlich gar keine – aber es ist ebenso denkbar, daß wir auf anderen Gebieten vorhandene Stolpersteine nicht erkennen.

Frage-Nr.: 1291
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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