Heiko Mell

Vom bisherigen Arbeitgeber „zurückgekauft“

Ich bin seit vier Jahren erfolgreich im Vertrieb tätig. Der Job macht mir Spaß, der Erfolg gibt mir recht und das Klima beim derzeitigen Arbeitgeber ist gut.Jetzt strebte ich allerdings eine Veränderung zum …leiter an. Nach erfolgreicher Bewerbung beim Wettbewerb führte ich noch vor meiner endgültigen Vertragsunterschrift ein Gespräch mit meinem Geschäftsführer. Der war zunächst erschrocken über meine Wechselabsichten und sagte mir dann zu, mich nach einigen Monaten intern für die Stelle des …leiters mit entsprechender finanzieller Nachbesserung vorzusehen.

Aufgrund der Tatsache, daß zwar die Aussichten bei dem anderen Unternehmen vergleichbar gewesen wären, aber die Beförderung dort später erfolgt wäre (finanzieller Nachteil) und ich auch eine gewisse Loyalität meinem derzeitigen Arbeitgeber gegenüber empfinde, habe ich den angebotenen externen Vertrag nicht unterschrieben und bin bei meinem Arbeitgeber geblieben. Ob das richtig war, wird sich zeigen.

1. Macht man sich bei diesem einen und vielleicht auch noch bei den anderen Bewerbungsempfängern unglaubwürdig und ist man somit bei späteren Bewerbungen aus dem Rennen, wenn man einen angebotenen Vertragsentwurf letztlich doch nicht unterschreibt? Sollte man dort die geänderte Situation erklären?

2. Begibt man sich nicht auch in ein gewisses Risiko beim derzeitigen Arbeitgeber? Dieser hat gesehen, daß man wegen „zu langsamen Aufstiegs“ gehen wollte und könnte dem Mitarbeiter von nun an mißtrauisch gegenüberstehen.

3. Wie würden Sie die relativ schnelle Entscheidung des Geschäftsführers beurteilen, mich zu befördern?

4. Ist ein Gespräch vor einem Wechsel üblich oder gar ein Zeichen von Fairneß/Loyalität?

Antwort:

Aus der Sicht des – fast – neuen Arbeitgebers, der Ihnen ein Vertragsangebot unterbreitet hatte, wurden Sie „zurückgekauft“, wie man das unter Fachleuten nennt. So etwas kommt häufig vor und gehört zu den Ärgernissen, mit denen man leider rechnen muß, wenn man sich mit Bewerbern einläßt. Es erhöht grundsätzlich nicht die Freude, mit der man seinem nächsten Bewerber begegnet.

Und auch der „alte“ Arbeitgeber ist nicht so glücklich wie er tut. Vielfach bleibt bei ihm das Gefühl, von seinem Mitarbeiter per „Erpressung“ zu der Beförderung verleitet worden zu sein. Es ist nicht sicher, daß der Chef in zwei Jahren noch weiß, daß er auf eine simple Kündigung hin selbst aktiv geworden ist. Er könnte hingegen in Erinnerung behalten: „Der hat mir gedroht, wenn er nicht befördert wird, geht er.“

Der Mitarbeiter wiederum hat

a) das Band des Urvertrauens zerschnitten, das ihn mit seinem Arbeitgeber verbinden sollte, indem er sich zum Gehen entschloß und anderswo Vertragsgespräche führte (dieses Band ist jetzt nur noch geflickt und reißt schneller als ein ungeflicktes) und

b) den Verdacht, daß er etwas bekommen hat, was man ihm eigentlich nicht geben wollte. Zumindest jetzt noch nicht. Und er hat ein schlechtes Gefühl bei der Sache (wie Sie); zusätzlich hat er die Tür zu einem potentiellen neuen Arbeitgeber „für immer“ zugeknallt durch seinen Rückzieher nach dem schon mündlich ausgehandelten Vertrag.

Toll also ist das alles nicht! Aber, wie gesagt, es wird in der Praxis durchaus beobachtet. Leider.

Anzustreben ist: Der aufstiegswillige Mitarbeiter führt gelegentliche Gespräche mit seinem Chef. Und fragt dabei nach seinen Perspektiven in diesem Unternehmen. Dabei und damit macht er zwangsläufig deutlich, daß er aufstiegsorientiert ist und meldet – ohne das wörtlich auszusprechen – seine Ansprüche an. Natürlich bleibt er dabei realistisch: Er spricht nur über einen Aufstieg, wenn er ihn kurzfristig auch will und glaubt, dafür qualifiziert zu sein. Nicht hingegen redet man über Kündigung! Damit droht man nie – dieser einzigen wirksamen, gleichzeitig aber auch „endgültigen“ Waffe des Arbeitnehmers ist sich jeder Chef ohnehin stets bewußt.

Und dann wägt der Mitarbeiter die Antwort ab, wartet vielleicht ein paar Monate – und ggf. bewirbt er sich und geht. Der alte Arbeitgeber hat seine Chance gehabt und war gewarnt – durch die jederzeit erlaubte, simple Frage, nicht durch eine Drohung. Sollte es bei dieser Vorbereitung dennoch zu einem Rückkaufversuch kommen, lehnt der Mitarbeiter diesen besser ab. Er taugt langfristig nichts, siehe oben.

Zu 1: Der Bewerbungsempfänger, der Ihnen ein Vertragsangebot unterbreitet hatte, ist tief enttäuscht. Anstandshalber sagen Sie ihm, warum Sie bleiben, wo Sie sind. Aber er wird das Gefühl nicht los, die Rolle des „nützlichen Idioten“ gespielt zu haben. Dort bewerben Sie sich besser nicht mehr. Bei anderen ziehen Sie einfach die Bewerbung zurück. Dort können Sie es in ein paar Jahren wieder versuchen.

Zu 2: Ja, siehe oben.

Zu 3: Der fiel in Panik, wollte Ihre Arbeitskraft nicht verlieren (schon gar nicht an den Wettbewerb) und wollte auch einen demnächst freiwerdenden Job besetzen. Ihm ging es um seine Belange, nicht um Ihre (die Bemerkung ist wertfrei).

Zu 4: Ja, siehe oben. Aber „Kündigung“ sagt man nie – außer anläßlich derselben. Übrigens hat mein Vorschlag weniger mit Fairneß oder Loyalität zu tun, sondern mit Vernunft und taktischem Geschick.

Kurzantwort:

Wird ein Arbeitnehmer anläßlich seines Kündigungsgesprächs und offensichtlich nur wegen seines drohenden Wechsels (z. B. zum Wettbewerb) vom bisherigen Arbeitgeber „zurückgekauft“, bleibt bei allen drei beteiligten Parteien leicht ein ungutes Gefühl zurück. Chefs z. B. sprechen später oft von „Erpressung“.

Frage-Nr.: 1283
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Top Stellenangebote

VGH Versicherungen-Firmenlogo
VGH Versicherungen Trainee Ingenieur für Umweltschutz / Umweltschutztechnik (m/w/d) Hannover
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart Professur (W2) im Studiengang Elektrotechnik Stuttgart
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Mechatronische Systeme (W2) Merseburg
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Professur für Mechatronik (m/w/d) Mosbach
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Lehrbeauftragter (m/w/d) Mosbach, Bad Mergentheim
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Fertigungstechnik (W2) Merseburg
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)-Firmenlogo
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) Leitung (w/m/d) der Hauptstelle Facility Management "Neubau" Berlin
Hochschule Schmalkalden-Firmenlogo
Hochschule Schmalkalden Professur (W2) für Elektrotechnik Schmalkalden
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2-Professur "Automatisierungstechnik in der Fertigung" Aalen
Hochschule Ravensburg-Weingarten-Firmenlogo
Hochschule Ravensburg-Weingarten Professur (W2) Fertigungstechnik Weingarten
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.