Heiko Mell

Doppelaussage in Anschreiben und Lebenslauf

Bei der Abfassung von Bewerbungen stehe ich immer wieder vor folgendem Problem: Bestimmte Aussagen müssen im Lebenslauf enthalten sein, ich will sie aber auch im Anschreiben unterbringen. Inwieweit muß oder kann ich entsprechende Doppelaussagen (die den Leser ja auch langweilen könnten) vermeiden?

Antwort:

Das übergeordnete Grundprinzip lautet: Jedes der beiden vorgelegten Dokumente muß für sich allein aussagefähig und wirksam sein!

Zur Aussagefähigkeit: Ein häufig gemachter Fehler besteht darin, daß der Schreiber des jeweiligen Dokumentes ganz offensichtlich voraussetzt, man kenne das jeweils andere „Papier“ schon, wenn man dieses hier lese. Konkret: Das jeweilige Schriftstück enthält Angaben, mit denen man dann nichts anfangen kann, wenn man das Dokument für sich allein liest. Das ist kontraproduktiv!

Zur Wirksamkeit: Sowohl das Anschreiben als auch der Lebenslauf sind wesentliche Teile eines „Verkaufsprospektes in eigener Sache“ (Definition für eine gut aufgemachte Bewerbung). In beiden Dokumenten gilt es also, die jeweils notwendigen oder für sinnvoll gehaltenen Informationen so werbewirksam wie irgend möglich darzustellen.

Gehen Sie bei der Suche nach Ihrer individuellen Antwort auf die gestellte Frage von folgenden zwei Möglichkeiten aus, die der Bewerbungsleser (dem der ganze Aufwand ja dient) bei seinem Vorgehen hat:

a) Er könnte die Bewerbung so durcharbeiten, wie sie ihm dargebracht wird. Also nimmt er sich zunächst das Anschreiben vor und fängt an zu lesen. Wichtig ist jetzt, daß die dort beschriebenen Einzelheiten zu Ihrer Qualifikation ihn in diesem Fall auch interessieren(!), was Sie beispielsweise durch ein sorgfältiges Ausrichten am Text der Stellenanzeige sicherstellen können.Ebenso wichtig ist es aber, daß Sie nicht mit geheimnisvollen Andeutungen arbeiten, die man erst versteht, wenn man sich den Lebenslauf heraussucht und ihn neben dieses Anschreiben legt. Kein Mensch tut so etwas, kein Bewerbungsleser hat in der Hektik seines Tagesgeschäftes dafür Zeit!

Beispiel: die im Anschreiben plötzlich auftauchende Erwähnung irgendwelcher Details, die ein völlig unbefangener Mensch nur schulterzuckend beiseiteschieben kann. Etwa so: „Nachdem ich meine interessante Tätigkeit bei Müller & Sohn aufgegeben hatte, übernahm ich dann die Prokuristenposition.“ Die Fragen, die sich dabei aufdrängen: Wer in aller Welt ist Müller & Sohn? Um was für eine Prokuristenposition geht es?

b) Hat er viele Bewerbungen zu einem Fall, läßt der professionelle Leser die Anschreiben völlig beiseite. Er kümmert sich erst einmal nur um die Lebensläufe und sortiert nach deren Durchsicht die „Spreu vom Weizen“. Was im Sinne der zu besetzenden Position (ergibt sich beispielsweise aus der Anzeige) nicht von Interesse ist, wird auf den Stapel für die „Absagen“ gelegt.

Bei diesem Vorgehen wird völlig klar: Viele mühsam erarbeitete Begründungen für irgendwelche Details, die es nur im Anschreiben gab, gehen völlig verloren. Wenn jemand also beispielsweise im Anschreiben bestimmte – auch fachliche – Details erläutert hat, liest sie der nach diesem Prinzip vorgehende Profi gar nicht. Daher kann es in bestimmten Fällen auch durchaus ratsam sein, hinter eine einzelne Position im Lebenslauf in Klammern eine kurze Begründung für irgendwelche Besonderheiten zu geben, die dem Leser sonst vielleicht negativ auffallen.

In jedem Fall wäre ein solches Vorgehen besser als in einem Dokument immer auf das andere hinzuweisen. Negatives Beispiel: „Begründung dafür siehe im Anschreiben/Lebenslauf.“Damit ist völlig klar: Wenn beide Dokumente für sich getrennt aussagefähig sein sollen, dann ist eine gewisse Doppelinformation, die sich sowohl im Anschreiben als auch im Lebenslauf findet, grundsätzlich unvermeidbar und, wenn man es nicht übertreibt, absolut unschädlich.

Bei der Gelegenheit ein Tip am Rande: Man trifft sehr häufig auf Bewerbungen, bei denen sich der Absender im Anschreiben ganz offensichtlich noch bemüht hat, die Geschichte auf die Stellenanzeige auszurichten – bei denen er aber im Lebenslauf geistige Anstrengungen dieser Art nicht mehr für notwendig hielt. So finden sich denn im Anschreiben bestimmte Begriffe wieder, die in der Anzeige so sehnlichst gesucht wurden – während im Lebenslauf „Schweigen im Walde“ herrscht. Nach dem erwähnten denkbaren Vorgehensprinzip b hätte der Schreiber sich in einem solchen Falle völlig vergeblich die Mühe gemacht, das Anschreiben auf den konkreten Anzeigentext auszurichten. Aber auch, wenn man nach der Methode a vorgeht und brav mit dem Lesen des Anschreibens beginnt, stutzt man, wenn eine im Anschreiben herausgestellte Übereinstimmung mit dem Anforderungsprofil der Anzeige sich dann im Lebenslauf überhaupt nicht wiederfindet.

Übrigens erkennt man aus dem Vorgehen b, wie wichtig es ist, im Lebenslauf Angaben zu den jeweiligen arbeitgebenden Unternehmen zu machen (Branche, Größe nach Umsatz und/oder Mitarbeitern, Konzernzugehörigkeiten etc.) und Details zum jeweiligen Aufgabengebiet zu nennen (aus denen man dann wieder auf angesammelte Fachkenntnisse und auf ein entsprechendes fachliches Können schließt). Insbesondere der im Anschreiben oft enthaltene Hinweis, Details könne man ja den Zeugnissen entnehmen, zieht überhaupt nicht! Die Zeugnisse dienen grundsätzlich nicht dem Zweck, neue Sachinformationen zu liefern. Sie sollen hingegen die in Anschreiben und Lebenslauf behaupteten sachlichen Details bestätigen – und vor allem Aufschluß über die Bewertung von Führung und Leistung durch die jeweiligen Vorgesetzten geben.

Um einen kleinen Einblick in die Dimension dieses Problems zu geben, hier folgende Schätzung: In etwa 80 Prozent aller Bewerbungen von Akademikern dürfte eklatant gegen die hier erwähnten und im Detail begründeten Regeln für die Abfassung von Anschreiben und Lebenslauf verstoßen werden. Konkret: Viele Bewerber, die sich über häufige Absagen wundern, sollten statt dessen lieber ein wenig mehr nachdenken und sich mit den Regeln dieses Metiers beschäftigen.

Kurzantwort:

Anschreiben und Lebenslauf sollen in einer Bewerbung jeweils unabhängig voneinander aussagefähig und werbewirksam sein – außerdem sind sie beide sorgfältig auf den jeweiligen konkreten Bewerbungszweck (z. B. Stellenanzeige) abzustimmen.

Frage-Nr.: 1268
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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