Heiko Mell

Managementfehler als Wechselbegründung?

Das Unternehmen, bei dem ich angestellt bin, plagt seit über einem Jahr finanzielle Probleme – durch Managementfehler (auf die ich keinen Einfluß habe). Eine Verbesserung ist nicht abzusehen. Aus dieser Situation heraus habe ich nun die Initiative ergriffen, eine neue Stelle zu suchen.

Wie kann ich bei einem Bewerbungsgespräch die Frage nach dem Grund meines Veränderungswunsches beantworten, ohne den jetzigen Arbeitgeber schlecht darzustellen?

Notlügen, z. B. „Verlagerung einzelner Funktionen auf andere Standorte“, würden ggf. bei einer Kontaktaufnahme der beiden Personalchefs untereinander sehr schnell erkannt und meine Chance auf einen neuen Job mindern.

(Die rechtlichen Aspekte, z. B. „üble Nachrede“, möchte ich hier außer acht lassen.)

Antwort:

Ihre Frage muß zunächst durch zwei Informationen ergänzt werden:

1. Schon eine wirklich gute schriftliche Bewerbung sollte unbedingt bereits eine Begründung für die Wechselabsicht enthalten. Fehlt sie, kann im Einzelfall daran das ganze Vorhaben scheitern (wenn der Wechsel unlogisch zu sein scheint, wenn der Zeitpunkt falsch ist oder man nicht versteht, was an der neuen Position besser sein soll als an der bisherigen – man befürchtet dann, der Bewerber erwarte vielleicht zu viel, er „geheimnisse“ etwas in die Anzeige hinein o. ä.).

2. Es ist absolut nicht üblich, daß in einem Bewerbungsfall „neuer“ und „alter“ Personalchef miteinander in Kontakt treten, sie tun es grundsätzlich weder vor noch nach einem Arbeitsvertragsabschluß. Der in mehr als 99 von 100 Fällen geltende Standard besteht darin, daß sich ein Arbeitnehmer aus ungekündigter Position über Monate hinweg bei vielleicht 20 oder 50 fremden Firmen bewirbt, dabei überall seinen heutigen Arbeitgeber offen nennt, anschließend einen neuen Arbeitsvertrag abschließt, daraufhin beim alten Arbeitgeber kündigt – ohne daß dieser bis dahin irgendeine Information über die Absicht seines Mitarbeiters erhalten hätte. Auch danach reden die beiden Arbeitgeber im Normalfall nicht miteinander.

Anderslautende Gerüchte basieren auf aufgebauschten Berichten über seltene Einzelfälle.

Nun zur Frage: Als „erlaubt“ (nicht im juristischen Sinne) gilt die Nennung von Fakten als Begründung für Wechselabsichten – auch dann, wenn sie dem bisherigen Arbeitgeber nicht schmeicheln. Dabei gelten etwa folgende Einschränkungen bzw. Hilfsdefinitionen:

– Es darf sich nicht um Fakten handeln, deren Weitergabe ein echter Vertrauensbruch wäre (wenn z. B. Sie allein Kenntnis von einer geschäftspolitischen Grundsatzentscheidung hätten, die schon von ihrer Natur her von höchster Brisanz ist und deren Weitergabe den Interessen des Arbeitgebers zwangsläufig schaden muß).

– Toleriert wird hingegen die Angabe von Fakten, die schon deshalb kein Geheimnis sein können, weil sie firmenintern sehr vielen Personen bekannt sind. Beispiel: „Das Unternehmen hat die Oktobergehälter mit sechs, die Novembergehälter mit acht Wochen Verspätung gezahlt.“

– „Fakt“ ist auch, daß Sie beispielsweise auf der Basis von allgemeinen Beobachtungen, die auch andere Angestellte des Unternehmens machen könnten, „zu dem Schluß“ kommen, die Zukunft des Unternehmens sei offensichtlich nicht so gesichert, wie Sie sich das vorstellen würden.

Beispiel dazu für „gerade noch toleriert“: Der Produktionsleiter des Unternehmens bewirbt sich und führt aus, er sehe mit großer Sorge, wie ihm seit Jahren die Mittel für Investitionen verweigert würden. Er könne damit die an ihn gestellten Aufgaben in Kürze nicht mehr erfüllen. Er fände bei seinen Vorgesetzten zwar grundsätzliches Verständnis, bekäme aber eben keine Mittel genehmigt. Wenn er dann sagt, er könne in seiner Position nicht beurteilen, ob es am Willen oder an der Fähigkeit zur Investition läge (richtig), er wolle das auch keinesfalls kritisieren, die Geschäftsleitung habe sicher die besseren Informationen und könne das daher wohl auch besser beurteilen (besonders richtig) und dann anfügt, er mache sich nun doch langsam Gedanken über seine weitere Zukunft dort – dann ist auch das ein „Fakt“ (er macht sich ja wirklich Sorgen!).

Gegenbeispiel: Wenn sich der kaufmännische Leiter bewirbt und sagt, der Laden sei praktisch pleite, er mache ja die Bilanz und sehe die Zahlen als erster – dann ist das eine Art von „Hochverrat“.

– Nicht akzeptabel wäre demnach im vorliegenden Fall die Äußerung, der Arbeitgeber hätte seit längerer Zeit finanzielle Probleme – und zwar wegen diverser Managementfehler. Letzteres ist ganz klar reine Meinung. Würden Sie sagen: „…, die ich auf Managementfehler zurückführe“, wäre es zwar wieder „Fakt“, aber unklug. Denn es fiele unter die bekannte Generalklausel, daß man Arbeitgeber im Bewerbungsprozeß nicht kritisiert und nicht schlechtmacht.

Dabei sind noch zwei Empfehlungen zu beachten:

a) Gerade im schriftlichen Bereich sei man besonders vorsichtig mit eindeutigen Äußerungen dieser Art. Stellen Sie sich im Zweifelsfall vor, durch einen extrem unglücklichen Zufall fiele das Anschreiben in die Hände des derzeitigen Arbeitgebers (ich kenne keinen konkreten Fall aus 30 Jahren Praxis!). Möchten Sie dann gern zu Ihrer Aussage Stellung nehmen? Also besser beispielsweise so formulieren: „Meine Arbeit macht mir Freude, die Ergebnisse wurden von meinen Vorgesetzten wiederholt anerkannt. Es gibt jedoch derzeit allgemeine interne Entwicklungen, die mich beunruhigen (aber absolut nicht mit meiner Person zusammenhängen).“ Das reicht für diesen Zweck aus – und in jenem erwähnten fiktiven Extremfall könnten Sie Ihrem Chef immer noch sagen, Sie hätten damit die täglich schlechter werdende Qualität des Kaffees in der Kantine gemeint (beispielsweise). Aber der Leser spürt: Der Bewerber wechselt nicht, weil er sich unterbezahlt fühlt oder weil er mit seiner baldigen Entlassung wegen erwiesener Unfähigkeit rechnet.

b) Ein „anständiger“ Mitarbeiter hat – natürlich – „Bauchschmerzen“, wenn er auch nur andeutungsweise etwas Kritisches über seinen geliebten Arbeitgeber sagt. Also lassen Sie im Vorstellungsgespräch diese „Bauchschmerzen“ auch vorher erkennen, das spricht für Sie.

Beispiel: „Gut, meine Herren, natürlich verstehe ich, daß Sie ganz genau wissen möchten, was mich ggf. zu einem Wechsel bewegt. Es gibt tatsächlich schwerwiegende Gründe, die in Gegebenheiten bei meinem heutigen Arbeitgeber liegen. Aber bitte verstehen Sie auch mich. Ich habe da eine ungeheuer schwierige Gratwanderung zu bewältigen zwischen Ihrem berechtigten Informationsbedürfnis und dem ebenfalls berechtigten, für mich selbstverständlichen Anspruch meines Arbeitgebers auf meine Loyalität. Akzeptieren Sie also bitte, wenn ich mich hier auf Andeutungen beschränke und nicht in Details gehe, die etwa Interna nach draußen befördern oder meinem Arbeitgeber schaden könnten.“

Und nach dieser Einleitung geben Sie munter Ihre Begründung. Sie wird gut ankommen. Auf jeden Fall besser als die gleiche Art von Aussage ohne die vorangegangenen „Bauchschmerzen“ angekommen wäre. Weil der Mensch ein letztlich manipulierbares Gefühlswesen ist. Sogar der Mensch als Chef.

Kurzantwort:

Der Bewerber muß im Vorstellungsgespräch einen nachvollziehbaren Grund für den beabsichtigten Wechsel liefern. Liegt dieser in kritisch zu sehenden Gegebenheiten beim derzeitigen Arbeitgeber, ist einfühlsames Vorgehen angesagt, stets sollten „Bauchschmerzen“ des Kandidaten ob der Problematik erkennbar werden.

Frage-Nr.: 1261
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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