Heiko Mell

Kernfragen im Dialog

(Anmerkung des Autors: Mitunter sind Einzelfälle so komplex, daß einem Außenstehenden kaum zuzumuten ist, sich erst mühsam in alle Details hineinzufinden, dann in geschlossener Form die Antwort zu lesen und dabei den Überblick zu behalten, was wozu gehört und sich worauf bezieht. Ich habe hier den Fall eines jungen hochqualifizierten Ingenieurs, der viele Fragen aufwirft, die für zahlreiche Leser interessant sind. Wie immer versuche ich, Grundsätzliches am praktischen Beispiel aufzuhängen. Aber ich probiere hier einmal einen speziellen Weg der Darstellung. Zur besseren Übersicht ist jeder Frageteil mit „F“ (Frage), jede Antwort bzw. Anmerkung von mir mit „A“ (Antwort) gekennzeichnet.

Antwort:

F: Gerne nehme ich das Angebot der VDI nachrichten wahr, Vereinsmitgliedern bei Bewerbungsfragen zu helfen und die Sichtweise potentieller Arbeitgeber zu vermitteln.

A: Ihre Darstellung ist so nicht richtig. Es handelt sich um eine Serviceleistung der Zeitung für ihre Leser. Ob diese VDI-Mitglieder sind, ist unerheblich. Der VDI hat nichts mit dieser Rubrik zu tun, meine Antworten erfolgen nicht in seinem Namen.

F: Seit sechs Monaten habe ich mich als Dr.-Ing. mit 36 Jahren nach der Rückkehr aus den USA intensiv um eine Anstellung beworben.

Angesichts aktueller Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt fällt es mir zunehmend schwer, die Denkweise Leitender befriedigend einzuschätzen. Von mir schwer kalkulierbare Aspekte erschweren dies zusätzlich.

A: So „schwer“ ist das alles gar nicht. Wissen Sie, daß Sie im letzten kurzen Absatz dieses Wort dreimal verwendet haben? Es geht hier nicht vorrangig um die Kritik an Sprachlichem – aber was geht da in Ihrem Unterbewußtsein vor? Haben Sie einen Hang zu Problemen, machen Sie sich vielleicht selbst das Leben schwerer als nötig?

F: Als Bewerber muß ich mich weitgehend anonym zunächst Personalmanagern präsentieren. Letztlich entscheiden jedoch deren Vorgesetzte. Alleine aus diesem Grunde wäre strenggenommen eine zweistufige, quasi „allgemein-spezifische“ Vorgehensweise erforderlich.

A: Das verstehe ich so nicht. Richtig ist, daß Bewerbungen zunächst überwiegend von Mitarbeitern des Personalwesens vorsortiert werden. Sie übernehmen damit eine Servicefunktion für die späteren Chefs der gesuchten Mitarbeiter. Diese Chefs entscheiden endgültig – sind aber nicht die Vorgesetzten der Personalleute.Was heißt bitte „… muß ich mich weitgehend anonym … präsentieren“? Sie präsentieren sich gar nicht anonym – Ihr Name steht ja überall drauf. Nur die Personalleute, die Ihre Unterlagen zuerst lesen, bleiben für Sie weitgehend anonym.

Aber ist das so schlimm? Entweder sind das Trottel. Dann erkennen die Ihre Qualifikation nicht richtig und geben Ihnen eine Absage. Aber bei einem Unternehmen, das wichtige Vorselektionsprozesse Trotteln überträgt, hätten Sie doch ohnehin nicht arbeiten wollen. Oder die sind kompetent – dann waren die bisherigen Absagen korrekt. Wo also liegt das Problem?

Noch nie in meinen dreißig Jahren Praxis ist mir jemand mit der Idee gekommen, praktisch zwei verschieden aufgebaute Bewerbungen zu präsentieren, eine für die Personalleute, die andere für den späteren Fachvorgesetzten. Haben Sie doch Vertrauen in das System, von dem Sie nach eigener Entscheidung leben wollen. Ein guter Bewerber schreibt so, daß Personalleute und spätere Vorgesetzte trotz unterschiedlichen Fachwissens eine Bewerbung gleichermaßen als „interessant“ einordnen können. Und ein guter Personalwesenmitarbeiter sortiert die Zuschriften aus, die auch der potentielle Fachvorgesetzte aussortiert hätte – mit gewissen Ausnahmen: Aus Gründen der Personalpolitik ist der „Personalmensch“ mitunter weniger großzügig als der spätere Chef in Fragen wie häufiges Arbeitgeberwechseln, Alter bei Studienende, Zeugnisqualität etc. Als Pragmatiker sage ich Ihnen: Wenn alle anderen Menschen in diesem Lande mit diesem „Problem“ zurechtkommen können, müßten Sie das auch fertigbringen.

F: Ein externer Personalberater hat mir bereits bedeutet, ich spreche eine Sprache, die „nicht einfach genug“ sei.

A: Der Mann hat recht. Sagen wir es jedoch so, wie es ist – und wie es dann allerdings in Ihren Augen nicht mehr so sympathisch klingt. „Nicht einfach genug“ unterstellt eine gewisse Primitivität der anderen, über die man selbst natürlich ein bißchen erhaben ist. Gehen Sie doch einmal davon aus, die anderen seien Standard, dann formulieren Sie schlicht unnötig kompliziert.

Beispiele aus Ihrer Darstellung „Zu meiner Person“ – die Sie hoffentlich nur für mich geschrieben haben und niemals einer Bewerbung beifügen: „Mir ist zweifellos eine gewisse Neigung zu eigen, Dinge zunächst grundsätzlich verstehen zu wollen. … … Gelegentlich werde ich schon gefragt, warum ich keine Hochschulkarriere anstrebe, doch ziehe ich dem “Glashaus der Theorie“ die Auseinandersetzung mit dem industriellen Alltag vor. Mag sein, daß andere Menschen von meinem oben angedeuteten, manchmal viel Disziplin erfordernden Ansatz abgeschreckt werden.“

Mag nicht nur sein, ist so. Aber „andere Menschen“ sind die Entscheidungsträger in Ihren Bewerbungsangelegenheiten!

Niemand verlangt von Ihnen Philosophie-Theorien irgendwelcher Art. Im Gegenteil, Sie sind schlicht ein arbeitsloser, etwas in die Jahre gekommener Berufsanfänger, der für ein Jahr nach der deutschen Promotion eine Post-Doktor-Anstellung an einer US-Universität hatte und dort nebenbei etwas in einer US-Unternehmensberatung arbeiten durfte. Und sich wundert, daß ihn hier keiner will.

Man erwartet von Ihnen nun das brennende Bedürfnis, den „Hammer in die Hand zu nehmen“ und mit der Arbeit anzufangen. Nicht hingegen erwartet man neue Philosophien über die Moral des Hammerschwingens etc. etc.

F: Es entspricht meiner Grundüberzeugung, daß erst die Synthese aus verschiedenen theoretischen Disziplinen eine leidlich und letztlich – hoffentlich – zufriedenstellende Gesamtlösung ergeben mag.

A: Nach den Regeln muß ich Ihnen sagen: Zum Teufel mit Ihrer Grundüberzeugung, Sie brauchen ganz schnell einen Standardjob, ob mit Synthese oder ohne, sonst sind Sie draußen aus dem „Geschäft“ mit ausbildungsadäquat anspruchsvollen Positionen.

F: Meine Eigeneinschätzung der Probleme u. a.: Zu kritisch anderen gegenüber, fehlende „Leichtigkeit des Seins“?

A: Ja, unbedingt. Ob und wie eine solche Veränderung allerdings zu schaffen ist, weiß ich auch nicht. Wenn Sie aber in die Welt des (später einmal leitenden) Angestellten hinein wollen, müssen Sie anders auftreten und nur noch sachlich formulieren. Die Alternative: Eine ganz andere Laufbahn. Vielleicht doch die Hochschule, vielleicht ein Forschungsinstitut, vielleicht eine Behörde.

F: Wie schätzen Sie meine Bewerbungsunterlagen ein?

A: Miserabel finde ich die.

Vorne liegt ein Verzeichnis der „Anlagen in Sortier-Reihenfolge“ – werfen Sie das ersatzlos weg.

Dann kommt ein „Werdegang“. Der beginnt mit einem „Berufsziel“ – das ist schon einmal schlecht. Ihr Ziel als arbeitsloser Anfänger ist ein Job an und für sich. Sie nun schreiben dort: „Eine berufliche Anstellung, die es mir gestattet, sowohl mein praktisches als auch theoretisches Wissen in einer Arbeitsumgebung einzusetzen, die sowohl Ihre Mitarbeiter als auch ihre Produkte wertschätzt.“ Streichen Sie das – ein Verdurstender in der Wüste hängt sich auch kein Schild um: „Bitte mich nur mit Wasser zu benetzen, das den hohen Qualitätsstandards von mindestens drei europäischen Kulturnationen entspricht.“ Außerdem ist Ihr Satz albern formuliert. Eine „Arbeitsumgebung, die ihre Produkte wertschätzt“ – reiner Unfug, sonst nichts. Abgehobene Formulierungen sind ja schon schlimm, aber wenn nur heiße Luft dahintersteht, ist alles aus.

Dann ist es üblich, daß links die Zeit steht und rechts das Ereignis. Machen alle so – bloß Sie drehen das um.

In Deutschland wird der Mensch vorne geboren und am Schluß ist heute. Bei Ihnen ist das, natürlich, umgekehrt – und geboren worden sind Sie gar nicht, jedenfalls nicht im Lebenslauf, aus dem also auch Ihr Alter nicht abzulesen ist.

Und Ihre Rubriken, in die Sie Ihre zwei Seiten unterteilen (wie viele werden das erst, wenn Sie einmal zehn Jahre Praxis haben?), sind auch mehr oder minder „exotisch“.

Nehmen Sie das, was üblich ist – und profilieren Sie sich ggf. durch Fakten wie das kürzere Studium, die besseren Noten, den schneller erkennbaren „roten Faden“ im Fachbereich.

Schreiben Sie jedoch nicht unter „Ausbildung und spezielles Training“ so etwas wie „Leistungskurse in Chemie und Physik, Kurs in Rechtskunde“ (Gymnasium) und als Krönung, aber völlig unmotiviert in einem „richtigen“ Satz zwischen lauter Stichwörtern: „Ich besitze das große Latinum.“ Glückwunsch dazu, aber was beweist das?

F: Mache ich Fehler in meiner Bewerbungstaktik?

A: Abgesehen von anderem, springt mir die xfache Erwähnung eines der größten deutschen Konzerne ins Auge. Es geht um ein weltweit renommiertes Top-Unternehmen, Star vieler Jungingenieurträume überhaupt. Dort durften Sie promovieren, davon sprechen Sie an diversen Stellen. Dort hat man Ihnen sogar bescheinigt, daß Ihre dreijährige Tätigkeit als Doktorand „als Berufserfahrung mit drei Jahren Dauer anerkannt werden“ kann. Na schön.

Aber dort sind Sie vor drei Jahren weg, danach haben Sie Ihre Promotion abgeschlossen und sind jenes eine Jahr nach Amerika gegangen. Jeden(!) Leser springt sofort die Frage an: Ja, warum hat Sie dieser Konzern nicht eingestellt – nachdem man Sie erst gefördert und kennengelernt hat? Ihre ganze Bewerbung atmet damit jenes fatale „Gewogen und zu leicht befunden“ aus.

Auch das Zeugnis nach diesen drei Jahren ist nicht toll, läßt jede Begeisterung für Sie und/oder Ihre Arbeitsergebnisse vermissen. Dadurch wird Ihre Verbindung zu diesem „Großen Namen“ nicht etwa förderlich, sondern zum Klotz am Bein.

F: Bin ich überqualifiziert?

A: Na dann sehen wir uns die Resultate doch einmal an:

1. Abitur 2,5; reden wir nicht darüber.

2. TH-Examen „gut“ (1,66) nach achtzehn Semestern und mit inzwischen knapp 30 Jahren.

3. Promotion nach den üblichen weiteren fünf Jahren mit „gut bestanden“, da waren Sie dann fast 35.

4. Ein Jahr an der US-Universität.

5. Seitdem sind sechs Monate vergangen, in denen Ihre Bewerbungsbemühungen vergeblich blieben.Wie kann man auf dieser Basis eine solche Frage stellen? Ich spüre zwischen den Zeilen Ihrer verschiedenen Darstellungen und Formulierungen den ständigen Versuch, einen gewissen „elitären Touch“ hineinzubringen. Sagen wir es ganz bewußt ganz hart: Auf welcher Basis?Resümee: Ich will versuchen, Ihnen dadurch zu helfen, indem ich Sie „auf den Teppich“ herunterhole. Sie scheinen da in einem selbstgezimmerten „Wolkenkuckucksheim“ zu sitzen – und müssen doch erst mühsam beweisen, daß Sie ebensoviel bringen wie andere, von „mehr“ reden wir gar nicht. Andere sind mit 30 oder 31 Dr.-Ing., auf ihrer Promotionsurkunde steht „sehr gut“ und zwischendurch waren sie auch für ein oder zwei Semester in den USA. Und sie promovieren auch bei einem Renommierkonzern – der sie dann aber einstellt.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Ich will Sie weder ärgern noch verletzen. Aber ich muß Ihnen sagen, daß für all Ihre komplizierten berufsphilosophischen Fragen und Denkansätze in Ihren Unterlagen keine „Deckung“ vorhanden ist.

F: Wie kann ich vom abgestempelten Maschinenbau-Dr.-Ingenieur zu einem zukunftsorientierten Tätigkeitsfeld „konvertieren“? Für „Multimedia“ oder „IT“ habe ich naturgemäß zu wenig Unterbau; mein Werdegang zeigt jedoch, daß ich Probleme aufgreifen und konsequent erfolgreich bearbeiten kann. Doch: wie kann ich dies einem potentiellen Arbeitgeber begreiflich machen?

A: Das können Sie nicht. Schon deshalb nicht, weil Sie von einer falschen Annahme ausgehen: Ihr Werdegang zeigt keine besonderen Vorzüge – in den Augen der Leser. Ihre „Zieldefinition: weg vom Maschinenbau, hin zu Zukunftstechnologien“ in Ehren, aber seien Sie froh, wenn „wenigstens“ die Maschinenbauer Sie nehmen. Sie müssen dringend hinein ins Arbeitsleben und sich dort uneingeschränkt positiv bewähren. Dann können Sie evtl. auch über andere Schritte nachdenken. Aber wenn Ihnen nicht bald der Einstieg gelingt, erledigen sich alle „Höhenflüge“ von selbst.

Kurzantwort:

Ein allzu kompliziert angelegtes Denken und – vor allem – Formulieren ist in der beruflichen Praxis oft hinderlich. Für Anfänger schwer zu glauben, aber verbürgt: „Oben“ fallen die ganz großen Entscheidungen häufig auf Grund recht „einfacher“ Überlegungen und Konstellationen. Oder: Bildung soll helfen, Komplexes zu verstehen – nicht aber, kompliziert zu denken und zu schreiben.

Frage-Nr.: 1248
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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