Heiko Mell

Wie analysieren Firmen den Lebenslauf?

In vielen Unternehmen und Behörden werden mehrstufige Auswahlverfahren zur Beurteilung der Bewerber durchgeführt. Können Sie mir bitte möglichst genau beschreiben, wie das „Durchleuchten des Lebenslaufes durch den potentiellen Arbeitgeber“ aussieht?

Beispiel: Muß man sich für jeden „nicht belegbaren“ Zeitraum rechtfertigen, auch wenn es sich nur um 1 – 2 Monate handelt?

Antwort:

Die Antwort ist – mein Leben. Zumindest mein Berufsleben, jedenfalls größere Teile davon. Will heißen, ich schriebe mühelos ein Buch als Antwort, werde mich aber hier mit einem Abriß bescheiden.

Zwei Einschränkungen vorab:

1. Lebensläufe werden von Menschen gelesen, also von Personalreferenten, Personalleitern und -beratern, von Fachvorgesetzten in Konzernen und Kleinstbetrieben. Die haben keine gleichgerichtete Ausbildung, lesen keinesfalls dieselbe Fachliteratur, sind weder vergleichbar intelligent noch vernünftig. Rechnen Sie also mit individuellen Abweichungen.

2. Nicht jede kritische Anmerkung zu einem Lebenslauf hat gleich eine vernichtende Durchschlagskraft auf das Gesamturteil. Am Schluß werden die einzelnen Wertungen individuell gewichtet. Dabei spielt wieder Punkt 1 eine Rolle – und natürlich die angestrebte Position.

Sie müssen damit rechnen, daß Ihr Lebenslauf beispielsweise folgenden kritischen Fragen/Betrachtungen unterworfen wird:

a) Persönliche Daten: Werden sinnvolle Informationen gegeben, mit denen der Leser etwas anfangen kann (Negativbeispiel: Tag der Hochzeit, Vornamen der Eltern und Kinder, Geburtstage der Kinder)? Weist der Familienstand auf Probleme hin, die Mitbewerber vielleicht nicht haben (Auslandseinsätze bei Familienvätern; schulpflichtige Kinder können Mobilität erschweren; höheres Alter bei ledigen Managern kann Fragen aufwerfen, z. B. die nach der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung im privaten Bereich etc.)?

b) Schulbildung: Liegt ein konsequenter, zum Werdegang passender und eher nicht nach belastenden und daher eventuell entsprechend prägenden Problemen aussehender Bildungsweg vor (wurde das Abitur im richtigen Alter erreicht, gab es ständige Schulwechsel in einer Region, Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule etc.)?

c) Wehrdienst: Bei noch jungen Männern interessiert, ob Einberufung noch „droht“, darüber hinaus sind Details weniger von Interesse; Zivildienst ist generell gleichwertig.

d) Studium: Wurde das Studium zügig nach Vorliegen der Voraussetzungen (z. B. Abitur/Fachhochschulreife, Lehre, Praktika begonnen)? Ist der Studienverlauf konsequent (ohne mehrfache Richtungswechsel)? Zeigt die Studiendauer, daß der Bewerber seine Vorhaben eher schneller zu Ende bringt als andere? Stimmen Fachrichtung und Hochschultyp (FH/TH) mit dem Anforderungsprofil der angestrebten Position überein?

e) Nebentätigkeiten während des Studiums bzw. außeruniversitäre Aktivitäten (große Bedeutung bei Berufseinsteigern, später durch steigende Praxis immer stärker überlagert): Paßt dieser Komplex zum Anspruch des Bewerbers (der künftige Manager darf nicht nur studiert, er soll auch organisiert, etwas bewegt, sich engagiert, Menschen geführt haben; der künftige Vertriebsmanager sollte sein verkaufsorientiertes Denken damit unter Beweis stellen; eine zum späteren Beruf passende Nebentätigkeit schmückt den Bewerber, fast keine schändet jedoch oder wird negativ gesehen; jede Art von positiver Bewährung im Arbeitsleben mit guter Beurteilung hilft)?

f) Auslandsbezug während des Studiums oder unmittelbar danach: Liegt irgendein internationaler Touch (Auslandssemester, Praktika, Diplomarbeit etc.) vor? Hat sich der Kandidat damit – unabhängig von der jetzt konkret anstehenden Aufgabe – auf die in jedem Falle kommenden internationalen Komponenten in den nächsten 40 Berufsjahren vorbereitet? Erfüllt er die als zwingend angesehenen Voraussetzungen (z. B. Standard für die Traineeprogramme großer Konzerne)?

g) Lückenlosigkeit bis zur Aufnahme der ersten praktischen Tätigkeit nach dem Studium: Sind die Jahre von der Einschulung an hinreichend informativ dargestellt und abgedeckt (hier wird recht tolerant geurteilt, auf ein oder auch drei Monate kommt es meist nicht so an)?

h) Lückenlosigkeit ab Aufnahme der ersten praktischen Tätigkeit nach Studienende: Sind die einzelnen Zeiten absolut klar und lückenlos dargestellt und ggf. belegt (ein fehlender Monat wirft u. U. bereits Fragen auf, längere Lücken sind inakzeptabel, bzw. es wird die für den Bewerber schlimmste Begründung unterstellt – er könnte ja auch im Gefängnis gesessen haben, z. B.)?

j) Berufspraxis (ist, sofern vorhanden, stets harter Kern des Lebenslaufes und überstrahlt mit fortschreitender Dauer mehr und mehr die anderen genannten Punkte): Wird generell eine positive Bewährung im Arbeitsleben erkennbar, sind die Verweilzeiten pro Arbeitgeber in Ordnung? Gibt es einen erkennbaren „roten Faden“ bei den einzelnen Tätigkeiten? Paßt die generell fachliche Linie zur ausgeschriebenen Position? Ist die Entwicklung des Bewerbers positiv oder zeigen sich Rückschläge bzw. rückläufige Gesamttendenzen? Passen Branchen und Firmengrößen zur angestrebten Position? Ist die angestrebte Position der folgerichtige Schritt gegenüber der heutigen in der Laufbahnentwicklung? Ist Überqualifikation zu befürchten? Hat der Kandidat erkennbar die erforderlichen Erfahrungen (Zentralfrage)?

k) Fakten: Passen Ist- und/oder Wunschgehalt zur beruflichen Entwicklung und in den Rahmen der angestrebten Position? Sind die Kündigungsfrist und das früheste Eintrittsdatum akzeptabel? Liegen die eventuell erforderlichen besonderen Fach-/Sprachkenntnisse vor? Paßt der Kandidat in den Altersrahmen (ist natürlich schon bei „Persönliche Daten“ erstmals überprüft worden)?

l) Sonstiges: Sind für wünschenswert gehaltene Weiterbildungsanstrengungen erkennbar? Unterstreichen die Hobbys (der Duden schreibt diese Pluralbildung vor, nicht „Hobbies“) den gesuchten Persönlichkeitstyp? Erkennt man, daß der Lebenslauf bewußt für diese Position so aufgebaut wurde oder ist er vermutlich eine stets verschickte Standardlösung?

Hinweis: Die Analyse der Zeugnisse und des Anschreibens sind separate Schritte.

Kurzantwort:

Mit dem Lebenslauf in einer Bewerbung liegt praktisch das gesamte berufsrelevante Leben von der Einschulung bis heute auf dem „Prüfstand“; aber nicht jede Detailkritik führt gleich zur Absage.

Frage-Nr.: 1245
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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