Heiko Mell

Fortune – das Glück des Tüchtigen

… habe ich bei der Suche nach einer Diplomarbeit, die meinen Neigungen entsprach, Kontakt zu dem Leiter des Bereiches … einer interessanten Firma bekommen. Diese Firma heißt ähnlich wie ich, es gibt aber keinerlei verwandtschaftliche Beziehung.

Ein für diese Firma bestimmtes, dort dringend benötigtes Paket wurde fälschlicherweise bei mir eingeworfen. Ich fuhr in die benachbarte Stadt, lieferte das Pakt direkt ab und fragte einfach einmal nach. Man bot mir eine zwar fachfremde Diplomarbeit an, nach einigen Bemühungen bekam ich dann aber auch die Unterstützung meines Dekans dafür. Nach erfolgreicher Abwicklung bot man mir die Tätigkeit eines Projektingenieurs an, die ich annahm.

Glück gehört halt auch zum Leben!!

Antwort:

Ein tolles Beispiel. Wir müssen nur noch klären, wofür.

Ich bin ziemlich sicher, daß ein nennenswerter Prozentsatz insbesondere jüngerer Leser schulterzuckend feststellt, das sei ja alles ganz lustig, aber wer nicht wie eine potente Firma hieße, hätte ja nichts davon. Und überhaupt: Was könne man aus einem solchen Extremfall schon lernen, der Bursche hätte halt Glück gehabt, Ende.

Das aber wäre der falsche Denkansatz. Denn es lassen sich mindestens zwei wichtige Erkenntnisse aus diesem Fall ziehen:

1. So, genau so, ist das Leben. Nicht die Kenntnis noch einer Formel, noch eines PC-Programms oder sonstiger Studien-/Fachdetails machen wirklich den Erfolg oder Mißerfolg im karriererelevanten Bereich aus. Hingegen „menschelt“ es an allen Ecken und Enden. Zwei selbsterlebte Beispiele mögen die Spannweite aufzeigen:

Ich war in Schule und Studium ganz gut in Mathematik, habe aber später die Grenzen diesbezüglicher Begabungen erkennen müssen. Während mehrerer Studiensemester jedoch stand ich auf „sehr gut“. Basis dafür war mein zur damaligen Zeit noch recht seltener Vorname. Bei Rückgabe der ersten Mathe-Klausur wollte der Dozent wissen, wer diesen Namen führte – und betrachtete alsbald meine Bemühungen auch dann mit Wohlwollen, wenn das Resultat an vermutetes Potential nicht heranreichte, was vorkam. Konnte ich ein Problem zunächst nicht lösen, durfte ich ohne schlechte Note wieder Platz nehmen, handelte mir höchstens ein Kopfschütteln ein ob der „schlechten Tagesform“. Andere kassierten eine 6 für die gleiche Ratlosigkeit.

Natürlich murmelten einige Kommilitonen etwas in Richtung „ungerecht“. Dafür hatten dann manche von denen einen Vater mit Fabrik und fuhren Sportwagen, während ich den Mädels zu Fuß imponieren mußte (mit nichts als einem seltenen Vornamen und einer guten Mathe-Note im Gepäck).

Für mich war das geschilderte Erlebnis wichtig. Lernte ich doch, daß da noch andere Dinge waren zwischen Himmel und Erde als Leistung allein. Ich habe dann begonnen, darauf zu achten und bin oft fündig geworden. Heute schließe ich spürbare Karrierenachteile durch „lächerliche“ Details wie die falsche Krawatte zum falschen Zeitpunkt keinesfalls aus. Da braucht nur jemand plötzlich und überraschend zu einem ranghohen Vorgesetzten gerufen zu werden, trägt ausgerechnet an dem Tag seine „Entchen“-Krawatte – und wird von diesem Chef spontan von der Liste der ernstzunehmenden Menschen gestrichen. Aus ist“s mit Beförderungen etc. – und nie erfährt der Betroffene die Gründe.

Übrigens, ich sage nicht, das sei Standard. Aber geschehen kann es jederzeit und überall.

2. Die Reduzierung auf das Glück allein, die unser Einsender hier am Schluß vornimmt, gefällt mir nicht. Ich glaube, sie wird dem Thema nicht gerecht.“Glück“ nennen wir auch, was dem Tumben, dem Passiven an Erfreulichem plötzlich zustößt. Und um das geht es hier nicht! Ich weiß nicht, was genau die Franzosen unter ihrem „Fortüne“ verstehen. Wir jedoch verwenden den Begriff (Sprachgebrauch) für das Glück, das – mitunter – Anstrengungen belohnt. Man spricht ja auch vom „Glück des Tüchtigen“.“Glück“ hätte unser Einsender haben müssen, wenn er zu Hause gesessen und auf den Erfolg einer seiner Bewerbungen gewartet hätte. Natürlich konnte er nichts für das falsch adressierte Paket – aber er hat die Situation spontan richtig eingeschätzt und beherzt zugegriffen. Tausend andere hätten das Paket zur Post gebracht, er nutzte die Chance, mit einer Firma in Kontakt zu kommen. Und wurde für die Initiative(!) belohnt.

Zu dem Thema gehört auch der klare Hinweis, daß sich das Glück des Tüchtigen nicht zwingen läßt – man ist oft vergeblich tüchtig und wird eher selten belohnt. Aber bei viel und andauernder, zäher Tüchtigkeit gibt“s gelegentlich einen Bonus. Und für nichts gibt“s auch nichts, das als Warnung.

Dennoch, so fürchte ich, werden sich manche Leute schwer tun und immer noch mit den Schultern zucken ob der Zumutung, falsche Pakete und glückliche Karrierestarts in einen Zusammenhang zu bringen. Dabei will ich nur erreichen, daß der Blick geweitet wird, weg vom Starren des Kaninchens auf die „Schlange“ rein fachlicher Problemstellungen oder des Fachwissens als alleinige Kriterien.

Dazu paßt – und danach finde sogar ich ein Ende – auch ein vermeintlich ganz anders gelagertes Beispiel: Ich habe in meinem direkten Umfeld einen sehr tüchtigen Abteilungsleiter scheitern sehen. Er kam recht gut mit seinem Chef aus, hatte aber einen schwierigen, etwas boshaften und ehrgeizigen Kollegen. Dann wurde im Umfeld wirtschaftlicher Probleme der gemeinsame Chef gefeuert, ein neuer kam. Just zu diesem Zeitpunkt fuhr der erwähnte Abteilungsleiter in Urlaub. Ich hatte ihn eindringlich gewarnt. Er wollte nicht hören, mochte nicht auf den Urlaub verzichten, hatte nicht den Mut, das seiner Frau beizubringen oder etwas in der Art.

Als er zurückkam, fand er sich dem Rivalen unterstellt, der seine Chance entschlossen genutzt hatte – und präsent gewesen war, als der neue Chef sich eine erste Meinung bildete. Die Karriere des Abteilungsleiters in diesem Hause war zu Ende, er mußte schließlich gehen. So etwas meine ich – und mit der Reaktion auf falsch adressierte Pakete fängt es mitunter an. Es sind halt wieder einmal die Dinge, die im Studium nicht gelehrt werden.

Kurzantwort:

Über viele erfolgsentscheidende Faktoren wird im Studium nie gesprochen: Nur wer auch bereit ist, die Initiative zu ergreifen und taktisch geschickt vorzugehen, darf hoffen, von jenem Glück zu profitieren, das mitunter den Tüchtigen belohnt.

Frage-Nr.: 1244
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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