Heiko Mell

Relativ viel – kann absolut wenig sein

Ich suche den Berufseinstieg als Ingenieurin, der mit vielen Fragen verbunden ist.

Ich habe im Februar 1997 mit 31 Jahren nach 12 Semestern Studienzeit mein FH-Studium mit der Gesamtnote gut abgeschlossen. Bisher bewarb ich mich um ca. 50 Stellen, erhielt jedoch nur Absagen. Liegt es an der hohen Bewerberzahl, meinen Unterlagen oder an meinem Lebenslauf bzw. an meinen Noten?

Anbei meine Bewerbungsmappe. Ich bitte Sie, mir Tips und Verbesserungsvorschläge zu geben und mich auf Fehler aufmerksam zu machen.

Zusätzlich bitte ich noch um Entscheidungshilfe bei zwei Chancen, die ich vielleicht habe:

1. Im Rahmen meiner Diplomarbeit konnte ich in einem Unternehmen erfolgreich an einer als schwierig geltenden Neuentwicklung arbeiten. Das Unternehmen ist eine gemeinnützige GmbH ohne eigene Mittel. Jetzt besteht die Möglichkeit, von einer Stiftung Entwicklungsgelder zu bekommen. Ich könnte dann einen auf ein Jahr befristeten Vertrag erhalten. Allerdings ist das Unternehmen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und muß betriebsbedingte Entlassungen vornehmen.

2. Auf dem „Umweg“ über eine Bewerbung für ein USA-Praktikum meldete sich der Vertreter einer amerikanischen Firma telefonisch bei mir. Sie seien sehr an mir interessiert. Ich würde nach einer sechsmonatigen Einarbeitungszeit in den USA international als Anwendungsingenieurin tätig sein.

Antwort:

Sie kennen sicher mein Schloß-Schlüssel-Beispiel: Die offene Position ist ein ziemlich genau definiertes Schloß, die Bewerbung hat den möglichst exakt passenden Schlüssel zu liefern. Achtung: Es heißt „passend“, nicht „so schön wie möglich“. Wenn das Schloß sechs „Zacken“ am Schlüssel erfordert, dann ist eine vom Bewerber liebevoll zusätzlich gefeilte und polierte siebente Auskerbung nicht etwa dem Zweck förderlich, sondern kontraproduktiv.

Was nun ist derzeit der gesuchte ideale „Schlüssel“, der auf „Einsteigerschlösser“ optimal paßt? Mit den üblichen Abweichungen nach oben und unten gilt z. B. für FH-Ingenieure:

– die zur Studienrichtung passende Lehre vor dem Studium unterstreicht die Praxisnähe dieses Ingenieurtyps (ich habe noch keinen „mittelständischen“ Personalleiter getroffen, der nicht gesagt hätte, er begrüße die Lehre sehr);

– eine Studienfachrichtung, die der Markt auch will (und die nicht nach dem unseligen Abiturienten-Standardspruch ausgewählt wurde: „Ich will etwas mit Umwelt und Menschen“). Wenn es keine Anzeigen für Berufsanfänger gibt, an denen man sich schon bei Studienbeginn orientieren konnte – dann liest man eben, welche Richtungen bei den heißbegehrten Ingenieuren „mit erster Praxis“ gesucht werden. Entsprechend braucht man stets auch Anfänger dieser Ausrichtung;

– ein zügiges (kurzes) Studium;

– eine Diplomarbeit, deren Thema gut zum gewünschten Berufseinstieg (Tätigkeit, Branche) paßt;

– möglichst auch noch ein erkennbarer beruflich relevanter Auslandstouch während des Studiums (Auslandspraktika, -semester);

-schließlich auch noch möglichst gute Noten (bitte: sieben „ausreichende“ Noten irgendwo auf dem Examenszeugnis machen auch dann noch einen schlechten Eindruck, wenn das Gesamtergebnis wegen eines gnädigen Bewertungssytems durch die so häufig „sehr gute“ Diplomarbeit auf ein „gutes“ Gesamtergebnis hochgequält wurde).

Das sich daraus ergebende Profil ist eine Art Standard für die Auswahl insbesondere bei „guten Jobs in guten Firmen“, ganz besonders bei Traineeprogrammen. Abweichungen nach oben vergrößern die Chancen, Abweichungen nach unten verschlechtern sie. Da wir Menschen alle nicht zu Idealbildern neigen, gilt: Eine negative Abweichung in einem Punkt wird oft noch toleriert, bei zweien wird es kritisch.

Schauen wir nun einmal in Ihre Unterlagen. Aufbau und Darstellung sind einwandfrei, Sie haben sich erkennbar Mühe gegeben und legen ein Examen mit durchaus noch ansprechenden Noten vor. Einige Aspekte fallen jedoch spontan ins Auge:

– Sie sind jetzt bereits seit sechs Monaten arbeitslos, das reduziert die Chancen weiter.

– Sie sind 32 Jahre alt (in ganzen Jahren gerechnet, wie in der Praxis üblich) beim Berufseintritt. Die mir vorgelegte Bewerbung trägt die Überschrift „Trainee“ – das ist zwangsläufig chancenlos, weil gerade für Traineepositionen jüngere Bewerber bevorzugt werden (in jedem Fall solche unter 30).

– Sie sind den ganzen mühsamen Weg vom Hauptschulabschluß über Fachschulreife bis zum Abitur gegangen. Das ist bewundernswert, zeigt Durchstehvermögen – kostet aber Zeit (und verhindert mitunter eine gelassene, unverkrampfte Einstellung zu Details der Studiengestaltung und des Berufslebens). So waren Sie dann auch 24 beim Abitur.

– Das Studium hat lange gedauert, 12 Semester. Dafür geben Sie u. a. eine durchaus überzeugende, allerdings rein private Erklärung. In der Erfolgsgesellschaft wiegen aber Mißerfolge auch dann schwer, wenn sie gut begründet sind.

– Die fachliche Ausrichtung des Lebenslaufes wirkt etwas verworren. Der – gestreßte und daher flüchtig – Leser will spontan erkennen: Was kann sie denn nun? Diese Frage, das sei warnend gesagt, zielt nicht auf die Antwort „Universalgenie“; gefragt ist trotz des Geredes über Generalismus vor allem auch der berühmte „rote Faden“, hier also eine zentrale fachliche Linie.

Das sieht für den flüchtigen Leser Ihres Lebenslaufes (oft wird das schwerer zu erfassende Anschreiben erst später bzw. nur bei den Kandidaten gelesen, deren Lebenslauf dafür sprach) so aus:

Gelernt haben Sie Bauzeichnerin, danach haben Sie einige Monate in diesem Lehrberuf gearbeitet. Nach dem Abitur findet sich ein mehrmonatiger „Studienaufenthalt“ in einem fremden Kontinent (Hauptsprache Spanisch) – ohne erkennbaren Bezug zum Thema.

Es folgt das Praktikum bei einer Firma für Industrieautomation und Fertigungstechnik. Soweit ich das erkenne, ein völlig neues Thema im Lebenslauf (und der später dominierende Begriff „Verfahrenstechnik“ taucht dabei so wenig auf wie „Bauzeichner“). Danach das Studium der Verfahrenstechnik – radikale Abwendung von der Bauzeichnerbasis, vermutlich auch von der Ausrichtung des Praktikums.

Es folgen ein Sprachkurs in Spanien und eine erkennbar werdende Spezialisierung auf Umwelttechnik in Praxissemestern, Studienschwerpunkt und Diplomarbeit sowie ein Auslandssprachkurs in GB (Englisch).

Dies in Verbindung mit dem langen Studium sieht leider stark nach Orientierungsproblemen aus. Oder sagen wir es so: Wettbewerber ist der junge Ingenieur, der früh gewußt hat, was er wollte, zielstrebig auf sein Thema losmarschiert ist, heute genau so viel davon versteht wie Sie, aber viel früher damit fertig geworden ist und nicht so viel Zeit für Umwege (oder das Suchen) verbraucht hat.

Noch ein Problem muß man sehen: Wer in seinem bisherigen (jungen) Leben schon verschiedene Wege gegangen ist und mehrfach Richtungswechsel oder -probleme erkennen läßt, kann zwar behaupten, jetzt hätte er seinen endgültigen Weg gefunden – aber er kann das nicht beweisen.

Der mit ihm im Wettbewerb stehende zielstrebige Kandidat, der „immer schon“ wußte, was er wollte, kann auch nicht beweisen, daß seine Richtung die endgültige ist – muß das aber auch nicht. Niemand fragt ihn danach.

Und leider lehrt die Praxis, daß eben sehr, sehr häufig für Bewerber gilt: Sie tun es immer wieder (was immer sie bisher Auffallendes vorzuweisen haben, ob Richtungswechsel oder häufiges Austauschen der Arbeitgeber).

Versuch einer Zusammenfassung: Sie haben, relativ gesehen (also von Ihren Ausgangsvoraussetzungen her), eine Menge erreicht. Aber: Die Bewerbungsanalyse sieht das Erreichte zunächst einmal vorrangig absolut, dabei sind Sie nicht wettbewerbsfähig.

Da es spätestens ab dieser Aussage viele insbesondere jüngere Leser geben wird, die „das alles“ ungerecht oder sonstwie verdammungswürdig finden, hier der Trost: So denkt doch auch jeder von uns in seinem Privatbereich.

Stellen Sie sich vor, Sie erwerben etwas, z. B. ein Gerät der Unterhaltungselektronik. Nun bietet Ihnen der Verkäufer ein solches Produkt zum üblichen Preis an, das dem Wettbewerb gegenüber ein paar Nachteile hat: die Technik ist ein bißchen überholt, die Verarbeitungsqualität ein wenig gewöhnungsbedürftig. „Aber“, so sagt der Verkäufer, „Sie müssen natürlich die besondere Leistung der dortigen Mannschaft sehen. Der Entwicklungschef hatte sich gerade ein Bein gebrochen und lag monatelang im Krankenhaus, der Produktionsleiter kam aus einer ganz anderen Branche und einen Streik gab es dort auch noch. Dafür, das müssen Sie zugeben, ist es doch ein tolles Gerät.“

Nur: Kaufen Sie das? Natürlich hinken Beispiele. Aber das Prinzip wird deutlich.

Und bei den Firmen heißt ein zentraler Grundsatz: Keine Berufsanfänger über 30, schon gar nicht für Traineeprogramme. Daß solch eine Pauschalfestlegung im Einzelfall auch schon einmal ungerecht sein kann, ist klar. Aber wenigstens sind die wichtigsten Kriterien potentieller Arbeitgeber ja öffentlich bekannt, nicht zuletzt durch diese seit mehr als dreizehn Jahren laufende Serie.

Zur konkret vorgelegten Bewerbung bleibt nachzutragen: Sie zielt auf eine Stellenanzeige, in der ein Konzern für einen Teilbereich „Hochschulabsolventen“ sucht, denen ein Traineeprogramm geboten wird. Ob FH-Absolventen auch angesprochen sind, wird nicht deutlich gesagt, es wird aber auch nicht ausgeschlossen. Gesucht wird u. a. die klassische Verfahrenstechnik, von „Umwelt“ ist keine Rede (Ihre Studienspezialisierung).

Zwei Unschönheiten sind mir in Ihrem Anschreiben, das im übrigen ebenso viel Mühe verrät wie der Lebenslauf, doch noch aufgefallen:

1. Sie schreiben: „Da ich dem von Ihnen aufgezeigten Anforderungsprofil entspreche, bewerbe ich mich ….“ Tun Sie das nicht. Diese Lösung taugt nichts, sie wird aber gleichwohl „gern genommen“. Einmal geht es um Logik: “ Da … entspreche“ – das ist doch so nicht richtig. Man kann sich doch nicht ständig bewerben, nur weil man irgendeinem Profil entspricht. Morgen wird vielleicht ein Mensch für ein medizinisches Experiment gesucht, die Auflistung der Kriterien paßt auf Sie. Dann schreiben Sie doch wohl auch nicht: „Da ich ….“

Viel schlimmer aber ist es, daß diese Eigenbeurteilung die Grenzen des Systems sprengt. Die Regel lautet: Der Arbeitgeber sagt, was er haben will, der Arbeitnehmer bewirbt sich und der Arbeitgeber schaut, ob der Bewerber alles hat, was gewünscht wird. Wenn der Kandidat jetzt schreibt, er erfülle alles, man könne sich praktisch die Prüfung sparen, geht er nach allgemeiner Auffassung zu weit „Das überlaß man ruhig mir, das sehe ich dann schon“, denkt der so angeschriebene Leser – und prüft doppelt kritisch.

Fast schon amüsant ist hier noch: Sie erfüllen tatsächlich alles, was – wie Sie richtig schreiben – „in der Anzeige aufgezeigt“ wurde. Aber das nur, weil dort fast nichts aufgezeigt worden war. Formal haben Sie also recht, in der Sache jedoch hat dieses Unternehmen noch zahlreiche Kriterien im Hinterkopf, die seine Auswahlentscheidung beeinflussen. Und der flüchtige Leser liest bei Ihnen: „Ich erfülle alles, was du willst“ – daraufhin sagt er schlicht: „Das denkst du man bloß.“ Also schreiben Sie, was Sie alles können, aber werten Sie das nicht aus der Sicht des Empfängers.

2. Sie schreiben am Schluß, Sie freuten sich, weitere Einzelheiten in einem persönlichen Gespräch „erörtern“ zu können. Eine „Erörterung“ ist eine Debatte unter Gleichgestellten. Schreiben Sie: „Zu einem Vorstellungsgespräch stehe ich jederzeit gern zur Verfügung.“ Ob Sie sich darauf freuen, ist für den Leser nur sehr bedingt von Interesse.

Zur Frage, was Sie jetzt tun könnten:

a) Keine Bewerbungen um Traineestellen, sondern um den klassischen Einstieg im sachbearbeitenden Bereich, bevorzugt im Mittelstand, weniger bei den „großen Namen“.

b) Eine Darstellung im Lebenslauf, die nicht zum Fachgebiet gehörende Aspekte weniger ins Auge springen läßt. Denkanstoß: Sie sind nicht Bauzeichnerin geworden, sondern haben z. B. eine „technische Lehre absolviert“. Und so weiter (ernst gemeint!).

c). Zeigen Sie Problembewußtsein – sprechen also z. B. Ihr Alter im Anschreiben offen ab. Daran sieht der Leser, daß Ihnen die Abweichung vom Ideal zumindest bewußt ist. Wenn man schon ein Problem hat, ist Problembewußtsein zumindest ein Lösungsansatz.

d) Machen Sie sich vertraut mit der Formel: Ein Bewerber, der nicht dem Standard entspricht, bekommt auch Positionen, die etwas außerhalb der Standard-(Ideal-)Linie liegen. Siehe Ihr konkretes Angebot Nr. 2., das ich dem ersten (das geradezu nach Schwierigkeiten „riecht“) vorziehen würde.

Kurzantwort:

Bei Bewerbungen zählt weniger, was der Kandidat relativ zu seinen Möglichkeiten erreicht, sondern was er absolut zu bieten hat.

Frage-Nr.: 1241
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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