Heiko Mell

Zählen „persönliche Umstände“?

Ich (weibl.) habe ein Problem mit meiner zu langen Studienzeit. Die letzten zwei Jahre lebte ich mit meinem Freund zusammen, der schwer krank war. In dieser Zeit war ich Hausfrau, Krankenschwester, Psychologin, Partnerin etc. und Studentin. Ich versuchte, meinen Rollen gerecht zu werden, allerdings mußte ich auch Abstriche machen, so z. B. bei meinem Studium. Auch meine Diplomarbeit verlief länger als geplant.

Schließlich verstarb mein Freund. Drei Monate später legte ich mein Diplom ab.

Bis zur Erkrankung meines Freundes war ich eine sehr gute Studentin, was an meinen Leistungen (z. B. Vordiplom) ersichtlich ist.

Sollte ich meinen Leistungsabfall der letzten zwei Jahre begründen? Ich möchte weder auf die Tränendrüse drücken, noch bei den Bewerbungsempfängern den Eindruck erwecken, eine depressive, vom Schicksal geschlagene Frau zu sein.

Allerdings zeigten sich in dieser Situation auch meine Stärken wie Teamfähigkeit (diese Aufgabe war nur gemeinsam mit anderen Menschen zu bewältigen), Belastbarkeit, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung etc., die vielleicht nicht unerwähnt bleiben sollten.

Bisher bringe ich hierzu eine kurze Erläuterung in meinem Lebenslauf. Wie gehe ich mit diesem Thema am besten um?

Antwort:

Unabhängig von allem anderen: Sie haben Respekt verdient. Nicht alle würden so handeln, aber Sie haben es getan. Diese meine positive Einschätzung wird jeder teilen. Dann aber kommen die Probleme.

Es beginnt mit einer Banalität: Jeder Profi und jeder in diesem Metier tätige Amateur ist auf Standardsituationen geeicht. Für die Reaktion darauf bildet sich jeweils ein typisches Standardverhalten heraus. Das kennt man als Betroffener – oder man kann es herausfinden. Und dann könnte man versuchen, so geschickt wie möglich die Dinge zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Beispiel einer Standard-Katastrophe: Ein Studium wurde mit extrem schlechtem Gesamtergebnis abgeschlossen. Zu erwartende Standardreaktion des Bewerbungsempfängers: sehr, sehr negativ. Damit ist klar: die Sache selbst ist stark erfolgsgefährdend. Gibt man keine Erklärung dazu ab, muß man mit Mißerfolg rechnen. Also kann eine Erklärung nicht mehr viel schaden, sondern nur noch nützen. Konsequenz: Das Arbeiten an einer überzeugend formulierten Zusatzinformation lohnt daher unbedingt.

Schwieriger sind Ausnahmesituationen, die so selten vorkommen, daß sich mit Sicherheit keine Standardreaktionen darauf herausgebildet haben. Dann wird die Angelegenheit unkalkulierbar. Und Todesfälle von Angehörigen nach langer, intensiver Pflege gehören bei älteren Bewerbern durchaus zum gewohnten Bild, bei Lebenspartnern von Studenten jedoch sind sie extrem selten.

Fangen wir mit der zentralen Frage an: Was denkt der Leser einer Bewerbung in Ihrem Falle?

Klar ist: Geben Sie gar keine Informationen, haben Sie nur ein sehr langes Studium und mittelprächtige Noten. Was er darüber denkt, weiß man.

Vermutlich würde er Sie gar nicht erst zur Vorstellung einladen und damit scheidet leider für Sie die Methode aus, die ich spontan als „edelste“ Lösung bezeichnen würde: kein Wort in der schriftlichen Bewerbung und erst im Vorstellungsgespräch auf die Frage nach den Gründen für das lange Studium mit wenigen Worten die Zusammenhänge darstellen. Ihr Zwang zur Selbsterhaltung steht dem entgegen – diese Chance bekämen Sie gar nicht erst.

Also 1. Stufe: Sie geben kurz die Sachinformation über die „Umstände“. Dann versteht der Leser alles, Sie verdienen sich bestimmt auch seinen Respekt – aber dann setzt zwangsläufig sein professionelles Mißtrauen ein, verbunden mit der Gewohnheit, bei Bewerbern im Zweifelsfall stets das Schlimmste anzunehmen.

Und spätestens jetzt muß ich eine Erklärung einschieben: Ich mache hier aus einem unendlich tragischen Schicksal eine Lehrstunde für kühles taktisches Vorgehen. Mit ein bißchen Bosheit kann man mir noch vorwerfen, ich nähme hier einen besonders bedrückenden Todesfall als Muster für „Formulierungsspielchen“. Natürlich ist das so nicht gemeint. Ich nehme diesen Fall nur als Beispiel für die zahlreichen „persönlichen Begründungen“, die in Bewerbungen so angeboten werden.

Machen wir weiter: Glauben wird Ihnen der Bewerbungsleser sofort, niemand erfindet so etwas. Also ist keinesfalls etwa irgendeine Art von Beleg erforderlich.

Aber, und da gehen seine Bedenken durchaus in die schon von Ihnen angedeutete Richtung, was für ein Mensch ist da aus diesem Erlebnis hervorgegangen? Wie hat die junge Dame das verarbeitet, welche Einstellung zum Leben hat sie jetzt? Ist das noch der optimistisch in die Zukunft schauende Arbeitnehmer, der ebenso unbekümmert-lebensbejahend an die Dinge herangeht wie andere dieser Altersgruppe?

Also rate ich, in einer zweiten Stufe der einfachen Information noch ein paar Worte hinzuzufügen. Ich würde jedoch nicht dazu übergehen, jetzt auch noch aktiv die positiven Eigenschaften herauszustreichen, die sich daraus bei Ihnen ableiten lassen könnten – das wirkt leicht makaber.

Ich halte auch den Lebenslauf nicht für die denkbar beste Stelle, um die Erläuterung anzubringen. Immer wieder, wenn man Bewerbungen miteinander vergleicht, wälzt man die Lebensläufe, stößt man also auf diese Information über ein tragisches Ereignis. Der Leser könnte auch dazu neigen, ihn irgendwie unangenehm berührenden Gegebenheiten dadurch auszuweichen, daß er diese Bewerbung einer anderen Qualifikationskategorie zuordnet – in der sie ihm „aus den Augen kommt“.

Also lautet mein bewußt so ausführlich begründeter Rat (mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die sehr wohl mögliche individuelle Reaktion einzelner Bewerbungsempfänger, die eine andere Art des Umgangs mit diesen Fakten vielleicht vorgezogen hätten):

Sie geben im Lebenslauf direkt in der Rubrik „Studium“ etwa folgenden Hinweis:

„Sowohl die Studiendauer als auch einzelne Noten (trotz des Gesamturteils „gut bestanden“) bleiben hinter manchen, auch hinter meinen, Erwartungen zurück. Bitte lesen Sie dazu die beigefügte persönliche Erklärung.“

Und in der könnten Sie beispielsweise auf einem separaten Blatt schreiben:“Persönliche Erklärung:

Ich gebe diese Erläuterung nur widerstrebend, mußte aber die Erfahrung machen, daß frühere Bewerbungen ohne diese Angaben praktisch erfolglos blieben. Insbesondere die Studiendauer, die auch entscheidend zu meinem Alter beim Einstieg in die Praxis beigetragen hat, führt leicht zu einem unvollständigen Bild.

Mein Lebenspartner, mit dem ich zusammenwohnte, erkrankte 19… schwer und verstarb im … 19…. Es war für mich selbstverständlich, seiner intensiven Pflege Vorrang einzuräumen. Mein Studium ruhte währenddessen weitgehend. Die besonderen Belastungen aus dieser Zeit glaube ich inzwischen erfolgreich verarbeitet zu haben. Sieht man von einem sicher zwangsläufig gegebenen Erfahrungs- und Reifezuwachs ab, darf ich mich heute wieder als lebensbejahenden, optimistischen Menschen bezeichnen, der voller Engagement auf seine zukünftigen beruflichen Aufgaben zugeht.

Ich bin nicht sicher, ob diese Erklärung der optimale Weg ist, allerdings habe ich keinen besseren gefunden.(Datum, Unterschrift).“

Was Sie dann noch brauchen, ist auch Glück. Um an einen Leser zu geraten, den das positiv berührt. Vielleicht, weil es in seiner Familie einmal etwas Vergleichbares gab etc. Sie müßten also eher mehr als weniger Bewerbungen schreiben, an üblichen Maßstäben gemessen.

Ich bin übrigens nicht stolz auf diesen Beitrag. Er gefällt mir nicht so wie er das sollte. Konkret: Ich fühle mich dabei ungewöhnlich unvollkommen. Sicher, ich hätte diese Frage ablehnen können. Das aber hätte mich noch weit weniger zufriedengestellt.

Frage-Nr.: 1239
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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