Heiko Mell

Abgebrochenes Universitätsstudium

Bevor ich mein FH-Studium begonnen habe, habe ich vier Semester Technische Kybernetik an der Universität studiert. Ich habe dieses Studium jedoch dann abgebrochen und nach einem weiteren Semester Unterbrechung mein FH-Studium (Maschinenbau) aufgenommen. Während dieser Unterbrechung habe ich gearbeitet.

Mein FH-Studium werde ich wegen verschiedener Anrechnungen nach sechs Semestern beenden.

Meine Frage ist nun, wie man eine solche Vorgeschichte in einer Bewerbung bzw. in einem Vorstellungsgespräch darstellt. Die Gründe für mein Scheitern sehe ich im nachhinein in meiner damaligen Ziel- und Orientierungslosigkeit. Das sind aber sicher keine Eigenschaften, die ein Arbeitgeber von seinem zukünftigen Arbeitnehmer erwartet.

Wie also soll ich auf mein „Vorstudium“ eingehen?

Antwort:

Als eine der Grundregeln für andere junge Menschen, die erst dabei sind, entsprechende Fehler zu begehen: Ein wichtiges Indiz für die Begabung im Hinblick auf das Durchstehen besonders anspruchsvoller Universitätsstudien ist stets die Abiturnote. Jahrelange Analysen zahlreicher Lebensläufe zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der Bemühungen am Gymnasium und denen an der Uni – was ja wohl auch so sein soll, wenn das Bildungssystem halbwegs durchdacht sein will.

Danach kann etwa gelten: Bedenken gegen ein Universitätsstudium sind angebracht, wenn die Abiturnote deutlich schlechter ist als 2,5. Bei 3,0 und schwächer rate ich generell ab. Natürlich gibt es Ausnahmen, auch ich kenne einige. Und man muß den Einzelfall sehen, von der Fächerkombination bei Leistungskursen über die persönlichen/familiären Lebensumstände bis hin zu Besonderheiten (Krankheiten). Aber das Prinzip steht!

Wechsler von der Uni (TH/TU stets inbegriffen) zur FH mit Abitur 1,4 oder 1,8 sind sehr selten, auch das muß man sehen.Mir haben in Vorstellungsgesprächen oder anläßlich von Karriereberatungen schon viele Kandidaten wortreich erläutert, welche Gründe im Detail zum Wechsel von der Uni auf die FH geführt hätten. Sehr oft (nicht immer!) wird dann auf Nachfrage ein Abiturdurchschnitt von 3,X genannt. Das hätte man vorher wissen können. Spätestens hiermit gilt: Das hat sogar „in der Zeitung“ gestanden, was wäre da an Steigerung in Sachen Information überhaupt noch möglich.

Ich schildere diese Zusammenhänge auch, um Ihnen (und anderen) weitere Unbill zu ersparen. Nicht daß Sie beispielsweise im Vorstellungsgespräch wüste Theorien verbreiten über das „völlig praxisferne“ Unistudium und dann auf Befragen zugeben müssen, daß Sie ein Abitur von 3,X hatten. Dann nämlich lächelt der Zuhörer nur sehr feinsinnig und hält generell nicht mehr viel von dem, was Sie so erzählen.Und da dies ein heißes Thema ist (schließlich schreibe ich diese Serie ohne jede Unterbrechung im 14. Jahr und kenne meine Leserbriefschreiber), gilt meine besondere Bitte den überdurchschnittlich empfindlichen Lesern: Zu dem, was ich oben gesagt habe, stehe ich. Aber bitte interpretieren Sie dort nichts hinein, was ich nicht ausdrücklich gesagt habe. Und etwaige Ausbildungsarroganz kann man mir schon deshalb nicht vorwerfen, weil ich keine habe (eine Ausbildung, die Überheblichkeit rechtfertigen würde, meine ich).

Nun zur konkreten Frage: Ihnen, geehrter Einsender, hilft ein Prinzip, das man viel entschlossener nutzen sollte. Ich gebe ja zu, es klingt fast unglaublich – bei allem, was sonst so in Sachen Anpassungsbereitschaft, Regelbefolgung etc. gefordert wird:

Junge Menschen dürfen Fehler machen!

Grenzen wir ein: „Jung“ ist ganz sicher der Abiturient, ebenso noch der Studienanfänger. Aus der Sicht der Praxis ist auch der frischgebackene Hochschulabsolvent noch ziemlich jung.“Fehler“ sind ganz eindeutige Verstöße gegen geltende Regeln. Aber, die Einschränkung gilt, es müssen bewußte, wohlüberlegte Fehler gewesen sein, sie dürfen nicht gedankenlos, sie müssen hingegen „mit voller Absicht“ geschehen sein.

Dem liegt folgender Gedanke zugrunde: Natürlich muß der künftige Manager wissen, daß man eigenes Vorgehen plant, daß man sich informiert, daß man Gesetzmäßigkeiten und/oder Verhaltensnormen beachtet. Und genau dieses Vorgehen wird – und sei es instinktiv – von ihm erwartet. Aber:

Nehmen wir einmal an, ein junger, auf diesem Gebiet unerfahrener Abiturient geht auf die erste Weltreise seines Lebens. Ist da zu erwarten, daß alles klappt, daß er auf jede denkbare Komplikation vorbereitet war, alles richtig geplant und entschieden hat? Absolut nicht. Ja, es wäre geradezu ein Wunder, würde es unterwegs keine Probleme geben. Jeder wird verstehen, wenn diesem jungen Menschen trotz besten Willens und intensivster Vorbereitungen ein paar Dinge unterwegs völlig danebengehen, wenn er z. B. mehr Geld braucht als eingeplant etc.

Aber für eines könnte er kein Verständnis erwarten: Führe er völlig planlos in der Gegend herum, gäbe er sein Geld vorzeitig für Schnickschnack aus und würde er an der ersten Grenze wegen abgelaufener Papiere zurückgewiesen, gäbe es kein Pardon.

Zurück zum Beruflichen: Was immer Sie getan haben, es war bitte sehr nie die Folge von Plan- oder Orientierungslosigkeit, es war hingegen das Resultat eines bewußten Planungsprozesses. Wenn dabei ein paar falsche Annahmen zugrunde gelegt worden wären, wenn eine der vielen Regeln übersehen wurde – es geht durch unter „Jugendfehler“. Natürlich ist „kein Fehler“ noch besser als der besterklärte – aber Ihr jeweiliger Gesprächspartner kann mit einer gewissen Fehlerquote bei Ihrem Tun „leben“.

Nur, vergessen Sie nicht: Es war jeweils ein Fehler! Keine Ausrede, keine Schuldzuweisung an andere, keine „Sozialisierung der Verluste“ („Sie wissen ja, wie man so ist in dem Alter“ – und ausgerechnet Ihr Zuhörer war nicht so). „Ich habe einen Fehler gemacht!“ Sagen Sie das einmal vor sich hin – mal mit Zuhörern, mal daohne. Sie werden staunen: Nicht nur geht die Welt nicht unter – Sie gewinnen sogar an Souveränität.

Nun sind wir bei der Erklärung Ihres speziellen Weges so weit, daß dieser etwas weniger schöne Studienwechsel auf einen Fehler Ihrerseits zurückzuführen sein muß. Sie dürfen sich noch auswählen, was für einer das war. Ich biete ein paar Beispiele an:

  • Ich habe mich von der Schilderung eines Bekannten hinreißen lassen, der dieses Fachgebiet studiert hatte. Erst später merkte ich, daß meine Begabung und meine Interessen völlig anders gelagert waren.
  • Ich hatte einmal eine Probe-Vorlesung besucht. Die bezog sich aber auf die Einführung ins Thema. Ich hatte nicht übersehen, wie speziell dieses Fachgebiet später werden würde – ich bin zu „blauäugig“ an die Sache herangegangen.
  • Ich habe schlicht meine Fähigkeiten auf diesem hochspeziellen, sehr theoretisch angelegten Gebiet überschätzt. Ich bin ganz sicher: Noch einmal passiert mir das nicht.

Wichtig dabei der Zusatz bei allen Varianten: „Mit der dann gewählten Studienrichtung … an der FH bin ich absolut glücklich geworden, das liegt mir, kommt meinen Fähigkeiten sehr entgegen.“ Und die „Wahrheit“, wo bleibt die in diesem Fall? Trotz einiger Bedenken darf ich an meinen Grundsatz erinnern:

Bleiben Sie im Falle von Daten und Fakten stets im Bereich wahrheitsgemäßer Darstellung. Fakt ist beispielsweise auch das Verhältnis zum früheren Chef oder sonst etwas, von dem außer Ihnen noch jemand weiß. Der Aufbau einer Karriere auf einer Aussage, die frühere Kollegen oder Chefs jederzeit widerlegen könnten, ist nicht ungefährlich. Außerdem ist das, vergessen wir es nicht, eine Charakterfrage.

Aber: Sagen Sie im Falle von Motivationen, Absichten und Gedanken, die Sie damals hatten, vorwiegend etwas, das sich gut anhört.

Natürlich weiß ich, wie sich dieser Rat liest. Er wird auch keinesfalls leichtfertig gegeben. Ich kenne man bloß die Interessenlage der „anderen“ Seite und versichere Ihnen: Von immer denkbaren Ausnahmen einmal abgesehen, ist die sehr froh über nicht nachprüfbare Aussagen, mit denen sie „leben“ kann, weil sie sich „gut anhören“.

Bleiben wir bei der konkreten Frage: Wenn der Partner im Vorstellungsgespräch den Kandidaten gern eingestellt hätte, aber hört: „Noch mit längst erreichter Volljährigkeit war ich absolut ziel- und orientierungslos“, dann hat er ein Problem: Er muß feststellen, ob das nun vorbei ist, ob die Ziellosigkeit eine vorübergehende Erscheinung war – und ob Ihre neuen Ziele noch Test oder schon endgültig sind. Schließlich haben Sie ein Warnsignal gesendet – das darf er in Erfüllung seiner Pflicht keinesfalls übersehen. Lieber hört er etwas, das er als „harmlos“ werten kann (ob er das wirklich glaubt, steht auf ganz anderen Blättern).

Kurzantwort:

Junge Menschen dürfen durchaus Fehler gemacht haben – das Eingeständnis schadet meist nicht nur nicht, es schmückt sie sogar. Aber es müssen „Fehler“ gewesen sein, Ausreden zählen nicht.

Frage-Nr.: 1233
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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