Heiko Mell

Wie gut sind meine Zeugnisse?

Ich füge eine komplette Bewerbungsmappe bei und bitte Sie um Prüfung. Insbesondere interessiert mich, ob die Zeugnisse wirklich so gut sind, wie ich denke. Zusätzlich habe ich noch einige Fragen ….

Antwort:

Letztere bauen wir am besten gleich in die Anworten ein, da die anderen Leser die Dokumente ja nicht im Original sehen können. Ich formuliere so, daß alle etwas davon haben. Zur Einstimmung: Es geht um eine Führungsposition und eine Gehaltsforderung von ca. 150.000 DM p. a.

1. Anschreiben: Haben Sie eigentlich jemals einen Brief oder ein Buch gelesen? Natürlich ist die Frage boshaft – aber Ihr Anschreiben ist es auch! Nach der verspielt kursiv gesetzten Anrede (ein PC hat viele Tasten, aber man muß sie nicht ständig ausprobieren, das Resultat wirkt albern) folgen – ich habe nachgemessen – auf drei Seiten genau 47 laufende Zentimeter Text im Blocksatz und ohne jeden Absatz! Halt, die fünfte Zeile hört etwas vor dem Ende auf, wir wollen fair sein.

Wer soll denn das lesen? Die Menge ist zuviel (1,5 aufgelockerte Seiten höchstens), das äußere Bild unzumutbar. Tatsache ist: Sie lesen zu wenig, sonst wäre Ihnen das selbst aufgefallen.

Bedenken Sie: In einem ersten Durchgang trennt der Profi-Analytiker die Spreu vom Weizen. Dazu muß er vielleicht 150 Bewerbungen durcharbeiten. Er hat etwa 20 bis 40 Sekunden(!) für jede, dann ist deren grundsätzliches Schicksal entschieden. Das ist etwa eine halbe Minute für alles – vom Anschreiben bis zum ältesten Zeugnis. Das geht, ich übe mich nahezu täglich darin. Zum Trost: Der „Weizen“ wird später noch einmal sorgfältig durchgearbeitet, die „Spreu“ jedoch nicht mehr.

Folgerichtig muß jede Information, die Sie als Bewerber geben, darauf hin überprüft werden, ob sie- sachlich wirklich sinnvoll und für den Leser an dieser Stelle interessant ist,- so knapp wie irgend möglich gegeben wurde,- ohne Hinzuziehen anderer Dokumente schon beim flüchtigen Überfliegen für einen Fremden, der kein Spezialist Ihres Fachgebietes ist (sondern z. B. Dipl.-Kaufmann und Personalreferent), verständlich wird.

Gegenbeispiel aus der Einleitung Ihres Schreibens: „Im Nachfolgenden möchte ich Ihnen einen Überblick über meinen bisherigen Werdegang geben. Genaue Termine bzw. Datumsangaben entnehmen Sie bitte dem beigefügten Lebenslauf.“ Alles völlig überflüssig, da selbstverständlich. Wenn das jeder schreibt, muß der Adressat das 150mal nacheinander lesen. Das bringt ihn um!

Ach ja, erschlagen von soviel unverdaulichem Text hätte ich es fast übersehen: Es fehlt sogar noch etwas Wesentliches, nämlich der „Betreff“ des Briefes. Als Beispiel für das, was hätte stehen sollen:

„Bewerbung um die Position “Leiter …“, Ihre Anzeige in … vom ….“ Nur damit ist der angeschriebenen Firma (es ging um eine Anzeige) eine schnelle Zuordnung möglich.

Mit dem Rest des Anschreiben-Textes mache ich, was auch der Adressat machen wird: Ich weigere mich, es zu lesen.

2. Lebenslauf: Er ist unter „Anlagen“ auf dem Anschreiben aufgeführt, fehlt aber. Hoffentlich passiert Ihnen das nicht bei „richtigen“ Bewerbungen, die Sie wirklich absenden. Undenkbar ist das nicht – wer viele Unterlagen dieser Art liest, weiß: bei Bewerbern ist alles möglich. Und wer viele Bewerbungen schreibt und die „Massendrucksachen“ nicht mit der nötigen Sorgfalt behandelt, riskiert dann schon einmal fehlende 2. Seiten bei Zeugnissen, auf dem Kopf stehende Einzelkopien, leere Blätter (auf die der Kopierer nichts bringen mochte).

Immerhin geben Sie mir im Brief an mich noch einige Hinweise, so daß ich zumindest den Zusammenhang verstehe.

3. Zeugnisse: Arbeiten wir uns in der üblichen Form von hinten nach vorn chronologisch durch.Ältestes Dokument ist Ihre Urkunde als Diplom-Ingenieur von 1990. Schön, solche Dokumente sind ganz hübsch, aber nichtssagend. Erwartungsvoll blättert man um, schließlich will man die Qualität des Abschlusses wissen. Fehlanzeige, die Blätter mit den Noten fehlen.

Also „ausreichend“ und damit extrem schlecht, wird man vermuten. Weil Einser-Kandidaten merkwürdigerweise niemals „vergessen“, das Notenblatt beizufügen. Woran das wohl liegen mag …?

Dieser „Trick“ mit dem Weglassen aller Noten ist übrigens schon jenseits der Grenze erlaubter Manipulationen in Bewerbungen. Der „Rest“ der Zeugnisblätter gehört dazu, Sie haben eigentlich nicht das Recht, „selektiv“ zu fotokopieren. Schließlich macht das mit Arbeitgeberzeugnissen auch niemand (um die schwache Bewertung auf Seite 3 loszuwerden).

Dann folgen zwei Zwischenzeugnisse und ein Endzeugnis für die Dienstzeit bei einem Arbeitgeber zwischen 1990 und 1996. Da stöhnt der Analytiker, findet das alles „viel zuviel“ und wünscht sich, Sie hätten die Zwischenzeugnisse weggelassen, wenn ein Endzeugnis vorliegt (Grundregel).

Konnten Sie aber nicht: Das Endzeugnis weist ausdrücklich auf die zwei Zwischenzeugnisse hin und springt dann sofort auf die Zeit ab 1995 (Sie hatten in jenem Jahr eine völlig neue Funktion übernommen).

Na gut, fangen wir mit dem Endzeugnis an, die dort enthaltene Beurteilung hat in jedem Fall den höchsten Stellenwert. Erfahrungsgemäß vollzieht der Arbeitgeber in diesem Dokument auch stets die Beurteilung der Gesamtdienstzeit (hier also 1990 – 1996).Nach der Aufzählung von Tätigkeitsdetails steht dort:

„Herr … nahm seine Aufgaben mit außergewöhnlichem Engagement und einem hohen Maß an Verantwortung wahr. Er betreute seine Aufgaben mit Geschick, Initiative und Organisationstalent. Er unterstützte die Zusammenarbeit, fand schnell und leicht Kontakt und war immer informationsbereit.

Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war vorbildlich.

Wir waren während der gesamten Beschäftigungsdauer mit seinen Leistungen voll und ganz zufrieden.

Leider ist Herr … auf eigenen Wunsch zum … …1996 aus unserem Unternehmen ausgeschieden. Wir wünschen ihm ….“

Ihre letzte Tätigkeit, dies dazugesagt, wurde nicht als „Leiter“ bezeichnet, war also ohne Führungsfunktion. Es heißt lediglich weiter unten bei den Aufgabendetails: „… … war er für die Koordination der … und die Arbeitsplanung und Führung der … externen Mitarbeiter verantwortlich.“

Was also liest man nun aus diesem Dokument?

1. Natürlich war die Dienstzeit in der neuen Aufgabe mit acht Monaten viel zu kurz! Ziehen Sie einmal davon die Einarbeitung vorn und die Zeit, in der Sie sich den nächsten Arbeitgeber gesucht haben, sowie die Kündigungsfrist hinten ab, dann bleibt – nichts! Für „nichts“ gibt“s nichts – ich weiß auch nicht, wie ich diese Binsenweisheit niveauvoller darstellen soll.

Da ich wegen der auffallenden acht Monate natürlich „mit der Lupe“ an den beurteilenden Text herangehe (die kurze Zeit „riecht“ ja förmlich nach Problemen), interpretiere ich das „Leider …“ im letzten Absatz weniger als den – gesuchten und geschätzten – Ausdruck des grundsätzlichen Bedauerns des Arbeitgebers über den „Verlust“ des Mitarbeiters, sondern vielmehr als ein „Leider ist er viel zu schnell nach Übertragung der letzten Aufgabe gegangen (was uns nicht erheitert hat).“

2. Sie hatten dort eine Fachfunktion, in der fachliches Wissen und Können extrem wichtig sind. Über beides sagt das Zeugnis nicht ein Wort!

3. „Außergewöhnliches Engagement“ und ein „hohes Maß an Verantwortung“ (letzteres könnte man noch etwas anders formulieren) sind uneingeschränkt positiv. Es handelt sich um gesuchte Eigenschaften und Fähigkeiten.

Aber: Solange nichts über den Erfolg des Tuns gesagt wird, stehen diese positiven Aspekte „frei im Raum“. Konkret: Man kann auch mit höchstem Engagement und sehr verantwortungsbewußt oder -freudig gar nichts (oder wenig) zustande bringen. Und über den Erfolg des Tuns, die Qualität der Resultate etc. wird nichts gesagt ….

4. „Voll und ganz zufrieden“ ist „recht ordentlich“, bleibt aber unterhalb der Begeisterungsschwelle. Ich würde – dies ist keine exakte Wissenschaft – so etwa eine „befriedigende“ Note erkennen wollen (die bei acht Monaten in der letzten Funktion durchaus „normal“ ist, für nichts gibt“s nichts).

5. Also dann nun doch die Zwischenzeugnisse. Dasjenige aus der vor diesen letzten acht Monaten resultierenden Phase stimmt bedenklich, sehr sogar. Es heißt dort:

„Herr … übernahm ab … 1994 in Führungsfunktion die Leitung ….“ In Führungsfunktion – da ist der Job danach ein Abstieg.

Übrigens werden in diesem Dokument die „hervorragenden Fachkenntnisse“ ausdrücklich erwähnt. Auch in diesem Bereich ist das nachfolgende Endzeugnis ein „Rückschritt“.

Im Kernsatz heißt es im Zwischenzeugnis: „Insgesamt sind wir mit den Leistungen von Herrn … stets sehr zufrieden.“ Das klingt irgendwie besser als „voll und ganz zufrieden“ – eine Note vielleicht. Also bescheinigt auch in diesem Bereich das Endzeugnis eine fallende Tendenz.

Das alles ist gar nicht gut.

Das allererste Zwischenzeugnis liest dann niemand mehr mit Interesse.

6. Sie schreiben mir, Sie seien am Beginn jener letzten acht Monate auf eigenen Wunsch in den anderen Fachbereich gewechselt. Das steht nicht im Zeugnis – würde aber die Dinge auch nicht besser machen. Da das Unternehmen Ihnen vielleicht nachträglich diese Tatsache, aber niemals die von Ihnen mir gegenüber erwähnten „Begleitumstände“ bescheinigt (problematischer neuer Vorgesetzter), hätten Sie in den Augen des Lesers nur ein „Auf eigenen Wunsch ins Chaos“ im Dokument stehen.

7. Hübsch ist jedoch folgendes Zitat aus Ihrem Brief: „Fakt ist jedoch, und ich hoffe, das wird Sie jetzt überraschen, daß ich zum überwiegenden Teil aus privaten Gründen gekündigt habe.“

Und nun erlauben Sie mir bitte einmal den ganz volkstümlichen, aus tiefster Seele kommenden Aufschrei: „Nee, mein Lieber, das überrascht mich nun absolut nicht.“ Genau danach sieht dieses völlig unmotivierte „Gehen“ nach acht Monaten Tätigkeit im neuen Job aus, genau so etwas kommt dabei meist heraus! Die „privaten Gründe“, die stets vorrangig auf den Ortswechsel zielen (der Arbeitgeberwechsel wird dann lediglich billigend in Kauf genommen), verstellen nur allzu leicht den Blick für die Zusammenhänge, die ich hier anspreche. „Bloß da hin“ führt zwangsläufig zu „bloß hier weg“ – was immer ein Fehler ist. Mit einem geordneten, geschickt geplanten Rückzug kann ein guter Stratege viel erreichen, mit einer Flucht in Panik ist nichts zu gewinnen.

Natürlich weiß jeder von uns, daß man eigentlich feststellen müßte: Sie hätten exakt acht Monate früher ausscheiden sollen. Da aber hatten Sie sicher den neuen Job am gezielt gesuchten Standort noch nicht. Und weil Sie nur an diesem einen Ort gesucht haben, dauerte es entsprechend lange. Es beißt sich halt die Katze argumentativ immer wieder selbst in den Schwanz. Oder wie der Lateiner sagt: „Was zu beweisen war“, (nämlich daß private Gründe schlechte Ratgeber in beruflichen Fragen sind – umgekehrt würde ja auch niemand aus rein beruflichen Gründen eine bestimmte Person heiraten).

Jetzt haben Sie einen neuen Job, und fragen mich, wie Sie die oben besprochene Problematik bei späteren Bewerbungen darstellen sollen, insbesondere wegen der auch Ihnen bewußten acht Monate. Und Sie bieten als Variante an zu argumentieren, „daß aufgrund … fehlender Innovationskraft der Unternehmensführung für mich keine Perspektive mehr zu erkennen war“. Davon rate ich ab, eindringlich. Potentielle neue Arbeitgeber mögen keine Beschimpfung von alten.Ich schlage vor, daß Sie – entsprechende Hinweise enthält Ihr Brief – erläutern, Sie hätten in Absprache mit dem seinerzeitigen Leiter des Bereichs und im Rahmen eines mit ihm abgestimmten langfristigen Entwicklungsplanes für Ihre Person diesen letzten Job angenommen. Dann hätte der Bereichsleiter überraschend das Haus verlassen, der Nachfolger hätte eine völlig andere Zielrichtung verfolgt, in der für die mit Ihnen im Zusammenhang stehenden Planungen kein Raum mehr gewesen sei. Daraufhin hätten Sie sich zum Wechsel entschlossen.

Das Argument ist glaubhaft, kurz und einfach, außerdem enthält es keine Wertung durch Sie. Es mildert die Probleme des Endzeugnisses, aber es löscht sie nicht aus.

Im übrigen muß ich Ihnen von den „erneuten Wechselabsichten“, mit denen sie sich tragen, engagiert abraten. Der heutige Job läuft ja erst zwei Jahre. Das ist zu wenig. Sie vergrößern mit einem Wechsel das Problem.

Kurzantwort:

Zu häufige oder zum falschen Zeitpunkt durchgeführte Arbeitgeberwechsel gehören zu den größten Werdegangproblemen, „persönliche Gründe“ sind ein besonders schlechter Ratgeber dafür. Und: Wer Probleme mit seinem letzten Chef hatte, darf sich nicht wundern, daß Fachleute dies im Zeugnis erkennen.

Frage-Nr.: 1229
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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