Heiko Mell

Das „Unternehmersöhnchen“ ist erstens verwöhnt …

Regelmäßig und gerne lese ich Ihre Karriereberatung. Etwas bedauerlich finde ich, daß nur noch eine Frage pro Woche abgehandelt wird. Das ist mir dann oft zu ausführlich behandelt, so daß ich mich mit dem Service für Querleser begnüge.

In einem Jahr werde ich mein Studium beenden. Anschließend möchte ich gerne drei bis vier Jahre im englischsprachigen Ausland arbeiten. Um meine unternehmerischen Fähigkeiten auszubauen, möchte ich anschließend etwa drei Jahre in der Unternehmens- oder Finanzierungsberatungsbranche arbeiten. Und zwar interessiert mich dort die Sanierung von Betrieben sowie die Vorbereitung auf Betriebsübernahmen.

Nach diesen „Wanderjahren“ werde ich in das Unternehmen meiner Familie wechseln. Dort stellen 250 Mitarbeiter Artikel für die …-Industrie her.

Soll (muß) ich künftigen Arbeitgebern im Vorstellungsgespräch mitteilen, daß mein Vater ein eigenes Unternehmen leitet und daß ich langfristig in seine Fußstapfen treten werde?

Ich habe die Befürchtung, es könnten mir mit Blick auf meinen feststehenden Arbeitgeberwechsel keine verantwortungsvollen Projekte zugeteilt werden. Getreu dem Motto: Das „Unternehmersöhnchen“ ist erstens verwöhnt und interessiert sich zweitens eigentlich mehr für die eigene Karriere im väterlichen Unternehmen als für die betriebliche Aufgabe. In einen Unternehmersohn wird nicht „investiert“, weil der in absehbarer Zeit abwandert ….

Andererseits finde ich es moralisch wenig lobenswert, eines der Führungskräfteaufbau-Programme der Konzerne mitzumachen, ohne die Absicht, das dort Gelernte auch zu deren Nutzen zu verwenden.

Antwort:

Im Vertrauen gesagt, ich fühle zutiefst mit Ihnen. Eigentlich sollte jeder junge Mensch solch ein Unternehmen erben. Wobei das irgendwie schwierig wird, rein statistisch gesehen. Weil nämlich, wenn überall 250 Mitarbeiter schaffen (ich liebe diesen Ausdruck), dann dürften die ja wohl besser nichts erben, sonst fehlte ihnen vielleicht noch die Lust zum Werkeln bei anderen Leuten. Na wie auch immer, wer liebt schon Statistik.

Es ist nun bloß so, daß die meisten Menschen halt nicht in diesem Maße erben. Und so dazu verdammt sind, ihr (Berufs-)Leben lang als Angestellte zu arbeiten. Ohne Vertrauen darauf, daß es nicht lange dauert, bis sie ins väterliche Unternehmen wechseln. Und nur deswegen ist für diese eher armen Menschen das Überleben als Angestellte so wichtig, was wollen Sie machen. Und ich in meiner grenzenlosen Güte versuche halt, diesen anderen Leuten durch ausführliche Information den Dschungel des Angestellten-Berufslebens vertrauter zu machen. Durch Darstellung der komplexen Zusammenhänge mit allen denkbaren Querbezügen zu anderen denkbaren „Fallen“, die dieser Dschungel so bietet. Diese bedauernswerten Leser müssen etwa 40 Jahre lang als Angestellte überleben. Für Sie geht es nur um etwa sechs Jahre – noch dazu mit der Sicherheit, daß es auf die Resultate (Karrierefortschritt, Zeugnisse) nicht so ankommt, geerbt wird so oder so.

Und darum langweile ich Sie zwangsläufig ein bißchen mit meinem Hang, (angehenden) Akademikern mehr als „Tun Sie dies“ und „Lassen Sie jenes“ zu sagen.Verzeihen Sie mir noch einmal?

Haben Sie sich je gefragt, warum manche Mitbürger Menschen Ihrer Kategorie nicht so ins Herz geschlossen haben wie Sie das zweifellos verdienen? Dann lesen Sie einfach noch einmal Ihren zweiten Satz auf der Basis Ihrer geschilderten Lebensumstände.

Ich könnte ja eines Tages eine zweite Serie schreiben. Etwa „Karriereberatung im Schnelldurchgang. Für Unternehmenserben und andere schwach Betroffene“. Hemmungen übrigens, die anderen Leser ohne zu erbende Unternehmen mit Ihren Problemen eventuell zu langweilen, haben Sie immerhin ganz offensichtlich nicht. Nur so kommt man zu etwas.

Wobei jeder Leser das gute Recht hat, meine Beiträge so oder so zu finden, auch zu ausführlich. Aber gerade Sie hätten besser nachdenken und genau diese Anmerkung nicht machen sollen.

Und auch mit dieser kritischen Aussage verfolge ich ein positives Ziel: Ich will insbesondere junge Menschen dazu bringen, Gesagtes vorher durch einen Filter „Nebenwirkungen auf Zuhörer“ zu jagen. Ein Vorgehen, das viel zu wenig gepflegt wird im Lande. Glauben Sie mir: Eine einzige unbedachte Äußerung macht oft mehr an Karrierechancen kaputt als Sie in zehn Jahren aufbauen können.

Zur konkreten Frage: So lange, wie Sie sich korrekt im Rahmen Ihrer jeweiligen Arbeitsverträge bewegen, ist alles in Ordnung und Sie brauchen sich keine Gedanken über Moral zu machen. Es wechseln zahlreiche „klassische“ Angestellte nach zwei bis drei Jahren den Arbeitgeber – und sei es, weil sie eine neue Freundin in einer anderen Gegend gefunden haben. Die alle erfinden dann rein sachliche Motive für ihren Schritt, da können Sie das ebenfalls tun.

Mein wichtigster Rat: Sagen Sie keinem Menschen etwas über Ihr bevorstehendes Erbe. Keinem Personalchef, keinem Vorgesetzten, keinem Kollegen.Und mein wohlmeinendster Rat: Sagen Sie es noch nicht einmal sich. Benehmen Sie sich so, als müßten Sie lebenslang als Angestellter (auch ein Geschäftsführer ist in diesem Sinne ein solcher) Ihre Familie ernähren. Denn es sind auch schon väterliche Firmen in Konkurs gegangen – vor oder nach Übernahme durch die Söhne. Es gibt in diesem Lande keine Sicherheit mehr, nicht einmal auf ein auskömmliches Erbe ist Verlaß.

Ach ja, noch etwas: In bisher 660 Folgen seit Beginn der Serie habe ich 1223 Fragen beantwortet. Macht ziemlich genau zwei im Durchschnitt. Macht wiederum ziemlich oft drei – falls es wirklich in nennenswert vielen Fällen nur eine war.

Frage-Nr.: 1223
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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