Heiko Mell

5 Fachleute, 6 Meinungen

Ich beende mein Studium in einigen Monaten. Zusätzlich zum Lesen der „Karriereberatung“ habe ich einige Bewerbungsseminare besucht und Möglichkeiten zu Gesprächen mit erfahrenen Personen genutzt. Seither komme ich zu folgender Feststellung: Kein Personalfachmann bietet die endgültige Weisheit, der man einfach folgen könnte.

Einer sieht mehr als eine Seite Lebenslauf oder Anschreiben als Ausschlußkriterium, der andere erwartet zwingend ausführliche Darstellungen, die bei einem abwechslungsreichen Lebenslauf entsprechend mehr Platz erfordern. Eine lange Liste unterschiedlicher Meinungen von Fachleuten spare ich mir.

Was bleibt, ist meine Feststellung, daß jeder vor der Bewerbungsphase vielfältige Meinungen eingeholt und Seminare besucht haben sollte. Aus der Sammlung teils widersprüchlicher Ratschläge muß dann jeder das für seinen persönlichen Einzelfall Beste heraussuchen, das er auch mit gutem Gewissen als eigenen Weg vertreten kann.

Als schweren Fehler sehe ich heute das sture Abschreiben aus einem „guten Bewerbungsratgeber“; es sei denn, die Bewerbung geht an den Verfasser des Werkes.

Antwort:

Jede Absolventengeneration entdeckt natürlich dieses Problem neu, das liegt in der Natur der Dinge (damit bitte ich langjährige Leser um Verständnis für unvermeidbare Neuaufgüsse von Standardthemen).

Lassen Sie mich versuchen, das Thema in bewährter Form einzukreisen:

1. Der Student, insbesondere jener der Ingenieurwissenschaften, kommt aus der „heilen“ Hochschulwelt, in der es fast auf jede Frage eine „richtige“ oder „falsche“ Antwort gibt, in der die Dinge durch Formeln bzw. PC-Programme ziemlich klar geregelt sind. Nun stößt er in der Bewerbungsphase plötzlich und ziemlich unvorbereitet auf eine „Welt“, in der es mehr „weiche“ als „harte“ Regelungen gibt.

Das, dies als Trost, wird so weitergehen im Berufsleben. Hier genießt der Student seinen ersten „Vor-Praxisschock“. Bei den später folgenden ist die Überraschung dann nicht mehr so groß.Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß viele Studenten in dieser Phase stöhnen: „Warum gibt es keine Norm für Bewerbungen, besser noch ein Standardformular, auf dem ich nur noch ankreuzen muß?“ Die Antwort lautet: „Weil jetzt für Sie die Zeit vorbei ist, in der nur Fakten zählen – jetzt geht es um Ihre Persönlichkeit, die letztlich erfolgsentscheidend ist. Und die zeigt sich nicht im Befolgen einer Norm, sondern im Gestalten nach eigenem Geschmack und intensivem Nachdenken, wobei allerdings bestimmte Rahmenbedingungen zu erfüllen sind.

Der Berufsanfänger steht vor dem Sprung in eine neue Dimension – und das verwirrt ihn. Später lernt er, daß er mit jedem Tag tiefer in eine Welt hineintaucht, in der es nicht nur auf die Frage „Wie soll ich das und jenes tun?“ keine verbindliche Antwort mehr gibt, sondern in der er mehr und mehr alleingelassen wird mit der Frage: „Was soll ich überhaupt tun?“

Konkret: Würde dieser Dimensionssprung nicht bei diesem Thema erstmals deutlich, dann wäre ein anderes betroffen – aber die „Bewerbung“ steht halt so günstig im Ablauf des Berufseinstiegs.

2. Die Bewerbungstechnik ist keine exakte Wissenschaft. Menschen werten und lesen Unterlagen. Menschen mit unterschiedlichen Empfindungen, unterschiedlichem Geschmack, unterschiedlicher Laune, die unter unterschiedlichem Druck stehen. Diese Menschen haben ein unterschiedliches Bildungsniveau, die haben unterschiedlich viel zu tun (wer bis heute abend noch 300 Bewerbungen gelesen haben muß, flucht über andere Details als jemand, der einmal in zwei Jahren zwanzig Zuschriften bewerten darf). Sie haben keine(!) einheitliche Ausbildung (nicht einmal, wenn sie alle Personalleiter oder -referenten sind; es bewerten aber auch viele Amateur-Fachvorgesetzte).

Klar, daß unterschiedliche Bücher dabei herauskommen, wenn jeder tausendste „Fachmann“ ein Ratgeber-Buch schreibt.

3. In bestimmten Firmen entwickeln sich bestimmte Gepflogenheiten bei der Bewerberauswahl. Irgendwann ist irgend jemand mit seinen Methoden gut gefahren, dann wird daraus ein hausinterner Standard. Neu eingetretene Nachwuchs-Personalreferenten nehmen diesen „mit der Muttermilch“ auf und entwickeln ihn weiter. „Wir akzeptieren nur dieses oder jenes“, heißt es dann -während andere Firmen das ganz anders sehen.

4. Jeder Fachmann kennt die Zweifel, die ihn in gewissen Abständen beschleichen: Ist meine Auswahlmethode wirklich die denkbar beste? Oder kann es sein, daß wesentliches Potential durch mein Raster fällt?Eine endgültige Antwort darauf gibt es nicht. Auch der Schöpfer eines „bewährten“ Systems kann nie ganz sicher sein, ob andere Maßstäbe nicht eine noch größere Bewährungsquote aufzuweisen hätten.

5. Es gibt ausgesprochen witzige Zusammenhänge, auf die selbst ein Profi nicht von sich aus kommt:Ich unterhielt mich auf der Hannover Messe mit den Vertretern eines renommierten, großen, internationalen Konzerns. Wir sprachen über Bewerber und deren Erscheinungsformen (ein grundsätzlich zu Betrachtungen über die menschliche Grundintelligenz sehr geeignetes Thema). Dabei tauschten wir unsere Maßstäbe aus. Erst nach einiger Zeit ergab sich zufällig, daß wir „Bewerbungen“ völlig unterschiedlich definierten!

Für mich ging es – natürlich – um die gesamte Palette, vom akademischen Berufseinsteiger über den erfahrenen „Indianer“ bis hin zum „Häuptling“ (GF/Vorstand) auf der Höhe seines beruflichen Wirkens.

Die Unternehmensvertreter jedoch sprachen, wie sich dann herausstellte, stets nur von Anfängern („Wir stellen ja nur Hochschulabsolventen ein und befördern dann aus den eigenen Reihen; Seiteneinsteiger gibt es praktisch nicht.“). Sie hatten also ausschließlich mit einem kleinen Segment zu tun, ihre fachliche Einstufung von Bewerbern betraf jeweils nur einen flüchtigen Moment aus etwa 40 langen Berufsjahren von Arbeitnehmern.

Im Laufe der Zeit geht dabei verständlicherweise das Bewußtsein verloren, als „Spezialist für Bewerbungsanalyse“ nur über einen winzigen Teilbereich möglicher Erfahrungen zu verfügen. Man stelle sich vor, jemand mit diesem Hintergrund schreibt in bester Absicht ein Buch über Bewerbungstechnik – und denkt nicht an seine einseitige Ausrichtung.

6. Viele Details der Bewerbungstechnik werden von Betroffenen engagiert nachgefragt, vom jeweiligen Fachmann engagiert beantwortet, zwischen zwei Fachleuten ebenso engagiert diskutiert – und sind doch nicht so wichtig. Man könnte Punkte vergeben, dann bekommen manche Details fünf, einige zehn davon, wieder andere bringen selbst bei souveräner Mißachtung nur einen halben Minuspunkt. Aber: siehe mein Argument Nr. 2 – die Beurteiler legen unterschiedliche Maßstäbe an, welches Bewerbungskriterium generell wieviel „Punkte“ wert ist.

7. Nun schließt sich der Kreis: Die Bewerbung ist mehr als eine Faktensammlung. Sie soll auch Ihre Persönlichkeit widerspiegeln. Und daher ist der von Ihnen gezogene Schluß völlig richtig: Man muß sich informieren und sich die am Markt gehandelten Empfehlungen heraussuchen, die der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Grundempfinden am besten gerecht werden.Einschränkung dabei: Wählen Sie halt zwischen verschiedenen Empfehlern, wobei Sie übrigens verschiedenen Empfängern ruhig verschiedene Versionen schicken können. Sie haben dann über die Erfolgsstatistik die Möglichkeit, die „Trefferquote“ der Empfehlungen testen zu können. Aber nehmen Sie einen Rat ganz oder gar nicht, kombinieren Sie keine Einzelbausteine. Jeder Ratgeber, so unterstelle ich, verfolgt eine geschlossene Konzeption. Wenn Sie nun die Details wild durcheinanderwerfen, gefällt das Resultat vielleicht niemandem mehr.

8. Oberstes Kontrollorgan ist Ihr eigener Verstand. Alles was Sie tun, muß aus Ihrer Sicht sinnvoll sein. Kümmern Sie sich nicht um Empfehlungen, kümmern Sie sich um die Begründungen, jagen Sie Details durch Ihren Logikfilter.

Es gibt bei Bewerbungen keine Geheimwissenschaft! Die von Ihnen gewählte Darstellung ist entweder sinnvoll oder sie ist es nicht. Es ist unmöglich, etwa zu argumentieren: „Ich habe zwar nicht die geringste Ahnung, warum ich dies und jenes tun soll, aber wenn das angeblich sein muß, dann sollen die ihren Spaß haben.“Ein großes Wort, gelassen ausgesprochen: Ich glaube nicht, daß es eine von mir vertretene Empfehlung oder von mir als „industrieüblich“ charakterisierte Anforderung gibt, die nicht auch von mir begründet werden kann – so, daß Sie verstehen, wie es zu der Empfehlung kommt.

Nun zum Abschluß noch drei Beispiele, wie man mit Logik an die Dinge herangeht:

A) Ein schönes weißes Deckblatt auf der Bewerbung mit nichts als dem Text (schön groß, sorgfältig gestaltet): „Es bewirbt sich bei Ihnen Karl Kindermann; Wohnanschrift …, Telefon ….“

Mir ist klar, daß ein Theoretiker früher oder später so etwas ersinnt. Es klingt ja auch ganz nett und persönlich. Jetzt der Logikfilter: 300 Bewerbungen sind auf diese Anzeige eingegangen, Ihre liegt als 165. Daß sich hier Leute „bewerben“, hat der Leser aus den vorher durchgearbeiteten 164 anderen Unterlagen leidvoll erfahren. „Bewerbung“ als große Überschrift ist also nicht die Sensation. Wer bewirbt sich? Wie soll sich jemand 300 Namen oder auch nur zehn merken; was spielt das für eine Rolle, ob der Mensch Karl oder Otto heißt? Der Name interessiert erst wieder, wenn der Einladungsbrief zum Vorstellungsgespräch hinausgeht (ist bei weniger als 10 % der Bewerber der Fall). Also: Blatt ersatzlos streichen. Es ärgert den gestreßten Leser nur, wenn er eine für ihn nutzlose Seite umblättern muß. Und wer den Namen braucht, findet ihn auf dem Anschreiben, auf dem Lebenslauf und auf allen Zeugnissen.

Hätte man „von allein“, durch pure Logik, darauf kommen können? Ja, uneingeschränkt.

B) Man kann Zeugniskopien in Plastikhüllen stecken. Wert derselben für den Leser: gleich Null. Negativ: 300 Bewerbungen, bei denen jedes Dokument in Plastik steckt, sind deutlich schwerer und dicker als ebenso viele ohne. So weit, so gut.

Aber: Ein Zeugnis, so fotokopiert und zusammengeheftet, daß man nicht alle Seiten lesen kann, ohne das Ding aus der Hülle zu fummeln und es hinterher – ungleich mühsamer und mit einer Hand nicht zu machen – wieder hineinzustopfen, ist eine Unverschämtheit. Was tun viele Leser? Sie reichen derartige Bewerbungen „wegen Unzumutbarkeit“ gleich an den Stapel „ungeeignet“ weiter und sparen sich die Mühe. Und die Absender wundern sich.

Hätte man selbst darauf kommen können? Nun, also wirklich. Aber, so viel steht fest, die Lösung mit dem Verstecken in Hüllen wird „gern genommen“.

C) Einleitungssatz im Anschreiben: „Sie suchen einen Dipl.-Ingenieur. Er soll … studiert haben und … sein. Kenntnisse soll er haben in …, außerdem erwarten Sie ….“

Ach, liebe Leute, stellen Sie sich diese aus der Anzeige abgeschriebenen Formulierungen einmal bei 300 Bewerbungen nacheinander vor! Was soll der arme Analytiker denn schließlich anderes tun als die Hände zu ringen und zu flehen: „Sagen Sie mir nicht, was ich schon weiß. Ich kenne ja mein eigenes Anforderungsprofil. Sagen Sie mir lieber, was ich noch nicht weiß – wo Sie welche Qualifikationen erworben haben, beispielsweise.“

Hätte man das durch Logik herausfinden können? Aber ganz sicher.

Es ist also vor allem die neue, ungewohnte Welt des Berufslebens, die den Noch-Studenten hier je nach Temperament und Empfindsamkeit verblüfft oder auch erschreckt. Plötzlich wird ein eigener Stil verlangt. Zu allem „Unglück“ gibt es auf dem Markt auch noch verschiedene Angebote oder Vorgaben, zwischen denen zu wählen ist. „Falsch“ und „richtig“ bekommen so neue Dimensionen.

Dabei kennt man das doch aus anderen Lebensbereichen: Bei der Wahl der angemessenen Kleidung muß man sich auch aus großem Angebot für einen zu tragenden Anzug und eine Krawatte (bei Damen entsprechend) entscheiden. Die Versuche mit dem Einheitsanzug für alle haben ihren Erfinder (Mao) nicht überlebt. Und nun gilt wieder: immer diese Entscheidungen ….Ich darf in dem Zusammenhang gerade die „frischgebackenen“ Absolventen an eines meiner Lieblingsbeispiele erinnern: Fachqualifikationen sind für das spätere Berufsleben so wichtig wie gesunde Beine für einen Top-Tennisspieler. Ohne sie geht nichts – aber sie allein machen noch nicht den Erfolg. Letztlich entscheidet Ihre Persönlichkeit. Gewöhnen Sie sich beizeiten daran.

Kurzantwort:

Es gibt zahlreiche Bewerbungsratgeber mit unterschiedlichen Empfehlungen. Folgen Sie denjenigen, deren Aussagen Ihrem Stil und Ihrem Empfinden nahekommen. Aber: Befolgen Sie keinen Rat, für den Sie keine überzeugende Begründung bekommen haben. Und: Viele „Diskussionen“ über Bewerbungsdetails erübrigen sich, wenn man sich in die Rolle des Empfängers hineinversetzt und logisch zu denken versucht.

Frage-Nr.: 1214
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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