Heiko Mell

Fleischereifachverkäuferin kontra Industriekauffrau

In der Frage 1.190 ging es um eine junge Ingenieurin, die früher einen ganz anderen Beruf hatte. Ich (weiblich) befinde mich in einer ähnlichen Situation wie die damalige Fragestellerin, habe aber ganz andere Erfahrungen gemacht.

Sie schrieben damals: „Sie waren Fleischereifachverkäuferin und werden nun Maschinenbauingenieurin. Na und? Ist doch toll.“ Oder zum Thema „roter Faden“ im Lebenslauf: „Man will ihn erkennen in der Kette Studium / erste praktische Tätigkeit….“ „Alles, was vor dem Studium war, wird mit größter Nachsicht gewertet. Eine nicht zum Studium passende Lehre ist kein wirkliches Problem.“

Das hört sich alles sehr tröstlich an und hat mich auch in meiner Situation ermutigt. Ich habe nach dem Realschulabschluß eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht, war dann noch einige Monate in diesem Bereich berufstätig. Es folgten neun Monate Praktikum in einer Kindertagesstätte, ein einjähriges Berufskolleg (kfm. Richtung) mit Abschluß Fachhochschulreife. Derzeit studiere ich an einer FH Chemische Technik, momentan im 7. Semester.

Für die erforderlichen Praxissemester in meinem Studium bewarb ich mich bei diversen Firmen und wurde auch zu zahlreichen Vorstellungsgesprächen eingeladen. Dort stellte ich fest, daß das nicht immer so toll gefunden wird, wenn man vom „geraden Weg“ abweicht und plötzlich Technik studiert, obwohl man doch eine kaufmännische Ausbildung gemacht hat. So erlebte ich kaum ein Vorstellungsgespräch, in dem nicht bemerkt bzw. angesprochen wurde, daß ich bereits eine andere Lehre hätte.

In mehreren Fällen wurde ich eher verständnislos gefragt, was mich dazu bewogen hätte, plötzlich Chemie zu studieren.

Und nun kommen Sie und behaupten, daß die Vergangenheit nicht interessiert! Wenn mir solche Fragen schon bei Praktikumsplätzen gestellt werden, wieviel mehr dann erst bei Bewerbungen, bei denen es „um etwas geht“?

Antwort:

Und nun komme ich, da sagen Sie aber etwas. Dann muß ich wohl etwas bieten für mein Geld – bei dieser Einführung.

Also, liebe Leser: Die Wahrscheinlichkeit, daß ein hoher Prozentsatz von Ihnen ein vergleichbares Problem hat, ist eher gering. Dennoch soll der Einsenderin geholfen werden – ohne Sie alle zu langweilen. Machen wir etwas daraus, ein Lernstück für taktisch richtiges, logisches Denken. Es gibt mindestens zwei knallharte Argumente, die man dieser Einsenderin entgegenhalten kann. Kommen Sie darauf?

Man braucht ein Denken in diesen Kategorien im betrieblichen Alltag. Es ist kein Hexenwerk. Mancher ist auch ohne entsprechende Schulung schneller damit als andere. „Andere“ sollten üben. Nun die Auflösung:

1. Mit ihrer Grundannahme (1. Absatz), sie sei in einer ähnlichen Situation wie die ehemalige Fleischereifachverkäuferin, irrt die Einsenderin total. Beide Ausgangssituationen sind grundverschieden, sie haben praktisch nichts mehr miteinander zu tun:

Fleischereifachverkäuferin gewesen und Ingenieurin geworden zu sein – ist ein Aufstieg um ganze Dimensionen. Beide Ausbildungsqualifikationen haben nichts Gemeinsames, bewegen sich auf Schienen, die sich niemals treffen. Die Kandidatin hat schlicht einen Seiten-Aufstieg geschafft – in Sachen Bildung, im gesellschaftlichen Ansehen, in der Art der späteren Tätigkeit. Sie hat ihre – ehrenwerte – Basis verlassen und eine neue betreten. Ein sozialer Sprung nach oben, so wird man es einstufen. Diese junge Maschinenbauingenieurin hätte vor ihrem Studium ebenso gut hundert andere Berufe gehabt haben können, die in einem vergleichbaren (Un-)Verhältnis zur Studienrichtung bzw. zum Studium überhaupt stünden. Und ein auf dem Beruf Verkäuferin aufbauendes Studium kenne ich nicht.

Die Ausbildung zur Industriekauffrau jedoch ist eine hervorragende Basis für das Studium der Betriebswirtschaft (Dipl.-Betriebswirt/FH). Oder anders: Auch Chemieingenieurinnen (FH) schmückt durchaus eine vorgeschaltete Lehre – aber z. B. eine zum Chemielaboranten. Insofern hat unsere Einsenderin eine im Niveau absolut passende Ausbildung vor ihrem Studium, aber eine fachlich nach herkömmlichem Denken in die falsche Richtung weisende. Und natürlich provoziert sie die Frage, ob das denn alles ihr Ernst ist, ob sie das auch alles bis zu Ende durchdacht hat. Ob sie nicht vielleicht besser Dipl.-Betriebswirtin geworden wäre – oder, schlimmer noch, woher man denn jetzt wissen solle, ob das Suchen nach der endgültigen Fachrichtung nun ein Ende habe oder ob als nächstes eine vollakademische Ausbildung zur Juristin folge, beispielsweise.

2. Wer zum Vorstellungsgespräch bittet, liest vorher die Bewerbung. Diese enthält einen Lebenslauf, dieser enthält alle Ausbildungen, Tätigkeiten etc. So war es sicher auch bei den Bewerbungsfällen, von denen die Einsenderin hier spricht. Die Einladung zum Vorstellungsgespräch steht grundsätzlich dafür, daß der potentielle Arbeitgeber die im Lebenslauf enthaltenen Fakten zu akzeptieren bereit ist. Sicher, manches sieht der Arbeitgeber schon als Nachteil oder stuft es als „kritisch“ ein – aber niemals(!) lädt er einen Menschen ein, dessen „Nachteile“ er kennt, nur um dem persönlich seine Fehler und Schwächen um die Ohren zu schlagen und ihn dann nach Hause zu schicken.

Ein eingeladener Bewerber hat so, wie seine Gegebenheiten nun einmal sind, eine echte Chance – die er natürlich auch vertun kann, ganz klar. Aber dann hat er versagt und ist nicht an dem gescheitert, was im Lebenslauf stand. Seine Begründungen und Erläuterungen waren schlecht, sein Auftreten unangemessen oder was auch immer.

Nun, liebe Leser, wären Sie darauf gekommen? Es war, so finde ich, keinesfalls zu schwer.Ich darf mich nun kurz konkret dem Anliegen unserer Einsenderin widmen: Sie haben mir in Ihrem (hier gekürzten) Brief noch weitere Informationen gegeben. Wenn ich diese mit einbeziehe, komme ich zu folgender Empfehlung. Schreiben Sie beispielsweise ins Anschreiben (und bleiben Sie beim Vorstellungsgespräch dabei):

„Von früher Kindheit an ging mein Berufswunsch in Richtung “Chemie“, mein Studium hat diese Orientierung weiter gefestigt. Es gab jedoch nach dem Abschluß der Realschule keine Möglichkeit, eine chemieorientierte Ausbildung am Ort zu absolvieren; ein Wechsel in eine fremde Stadt erlaubten meine Eltern damals nicht. Also wählte ich die “falsch“ erscheinende kaufmännische Ausbildung (die jedoch meinen ursprünglichen Berufswunsch nicht ändern konnte), um überhaupt Praxiskontakt zu bekommen. Heute glaube ich übrigens, daß diese zunächst unpassend erscheinende Kombination mir auf Dauer mehr Vor- als Nachteile bringt. Kaufmännisches Grundwissen und -verständnis wird sicher auch für Ingenieure immer wichtiger.“

Dem liegen wiederum zwei allgemeingültige Regeln zugrunde, die zu kennen sich lohnt:

a) Problembewußtsein zu zeigen, ist in jedem Fall besser, als nur das Problem zu haben und so zu tun als wäre nichts. Als „Problem“ gilt dabei die Abweichung von der Idealvorstellung wichtiger Partner. Wer das Problem von sich aus angeht, zeigt, daß er die Regeln kennt (10 Punkte) und akzeptiert (50 Punkte). Mit ein bißchen Glück findet sich dann sogar noch eine Chance, der gebotenen Abweichung neben dem Eingeständnis derselben(!) auch noch Vorteile abzugewinnen.

b) Im beruflich relevanten Leben des anspruchsvollen (ist er, wenn er u. a. diese Serie liest) Akademikers darf sich spätestens ab Schulabschluß nichts mehr finden, was sich „so ergeben“ hat. Es ergibt sich nichts, der Mensch mit Anspruch gestaltet hingegen. Er hat Vorstellungen, Pläne, Ideen. Er geht aktiv an die Dinge heran. Interessant dabei ist: Er kann als junger Mensch Fehler machen, das ist überhaupt nicht schlimm. Aber es müssen aktive, bewußt gestaltete Fehler sein. Gar nichts gewollt zu haben, passiv irgendwo reinzuschlittern, ohne Konzeption zu operieren, ist nicht erlaubt. Die (falsche) Absicht edelt, während Planlosigkeit auch gute Resultate ruiniert.

Das folgende Beispiel ist nur ein wenig überspitzt: Müller ist Diplom-Ingenieur nach zehn Semestern und hat einen Abschluß mit der Note „gut“. Er führt aus: „Nach dem Abitur hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte. Auch kein Interesse an Ausbildung oder Studium. Aus purer Langeweile bin ich mit einem Freund mitgelaufen, habe mich eingeschrieben, alles gut geschafft und mein Examen bestanden. Ob das nun mein Traumberuf ist, weiß ich nicht. Hier stehe ich nun und suche eine Stelle als Ingenieur.“ Viele Chancen hat der nicht – trotz glänzender „Papiere“.

Lehmann ist Diplom-Ingenieur nach vierzehn Semestern und mit Abschluß „befriedigend“. Er argumentiert: „Schon ab der 10. Klasse stand mein Berufsziel fest – Ingenieur mußte ich werden. Noch vor dem Abitur las ich einen Artikel in einer Fachzeitung, der sich warnend mit dem einseitigen fachlichen Wissen gerade von Ingenieuren auseinandersetzte, vor Fachidioten warnte und den offenen Geist des Generalisten als Lösung für die Probleme von morgen und übermorgen forderte. Das leuchtete mir spontan ein und ich beschloß, genau nach diesem Bild vorzugehen. Ich legte mir ein Studium generale zurecht, hörte Philosophie und Biologie, interessierte mich für Regionalwissenschaften und versuchte, parallel zum Ingenieur noch den Abschluß in Betriebswirtschaft zu erreichen.

Heute weiß ich, daß meine Idee falsch war. Ich habe mich verzettelt, Zeit verloren, Chancen verschenkt. Ich hätte ein Primärziel aufstellen und allenfalls weitere Sekundärziele benennen dürfen. Das passiert mir im Leben nicht noch einmal, ich habe viel daraus gelernt. Jetzt brenne ich auf Praxisbewährung, ich will zeigen, was ich wirklich kann. Ich will immer noch mehr erreichen als viele andere, aber ich werde jetzt nicht mehr nach originellen Wegen dorthin suchen, sondern auf klassischen Wegen durch besondere Leistungen zu überzeugen versuchen. Die erzielte Examensnote übrigens bleibt deutlich hinter meinen Ansprüchen zurück.“

Ich bin sicher, Lehmann hätte die besseren Chancen.

Kurzantwort:

Eine zum Studium überhaupt nicht in Beziehung stehende berufliche Vorprägung (Beispiel: Maschinenbauingenieurin war früher Fleischverkäuferin) ist relativ harmlos; die Vorprägung durch eine direkt „falsche“ Fachrichtung kann jedoch zu Fragen führen (Beispiel: Nach klassisch-kaufmännischer Ausbildung wurde ein Studium des Chemieingenieurwesens aufgenommen). Wer ein Problem hat, zeigt besser offen ein „Problembewußtsein“, statt so zu tun als läge nichts Ungewöhnliches vor. Junge Menschen dürfen bei der Planung ihrer beruflichen Belange Fehler gemacht haben. Weniger gut ist es, ohne Konzept in „unglückliche Umstände“ hineingeschlittert zu sein.

Frage-Nr.: 1211
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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