Heiko Mell

„Geschieden“ als Makel?

Mit großen Sorgenfalten auf der Stirn las ich in einer der vorangegangenen Folgen Ihre Meinung zum Problem von örtlich weit voneinander arbeitenden Ehepartnern in anspruchsvollen Ingenieurpositionen. Seit mehr als einem Jahr versuche ich durch gezielte Bewerbungen einen Job in der Nähe des Arbeitsplatzes meiner Frau zu bekommen – jedoch ohne Erfolg.Als Begründung für meinen angestrebten Wechsel gab ich stets familiäre Gründe an, die nach Ihrer Auffassung (beim Durchblättern der Karriereberatung Band 10 vor einer halben Stunde fiel es mir wie Schuppen von den Augen) schon das „Aus“ bedeuten können. Trotzdem anbei meine Unterlagen verbunden mit der stets spannenden Frage: „Wo könnte der Hund noch begraben sein?“

Parallel dazu bewarb ich mich bei einem großen ausländischen Konzern, der gegenwärtig dabei ist, mit Milliarden-Investitionen eine Fabrik in der Nähe meiner Heimatstadt zu bauen. In einem Zwischenbescheid wurde mir kürzlich mitgeteilt, daß ich noch im Rennen bin.

Inzwischen hat mich die Realität eingeholt, die Ehe konnte nicht mehr aufrechterhalten werden, die familiären Gründe sind also ad acta gelegt und der Wunsch nach einem Wechsel in die Nähe meines Ehepartners logischerweise ebenso.

Sollte ich dem Personalmanagement des ausländischen Konzerns meine neuen familiären Verhältnisse mitteilen? Es könnte doch sein, daß meine Chancen dadurch erhöht werden, weil ich nun problemlos meine Einarbeitungsphase über einen längeren Zeitraum im Mutterland absolvieren könnte.

Oder könnte es sich nachteilig auswirken, weil eine gescheiterte Ehe eventuell von konservativen Bewerbungsempfängern als Makel empfunden wird?

Antwort:

Vorrede Nr. 1: Ich gehe einmal davon aus, daß Sie ab jetzt „Familienstand: geschieden“ schreiben; alles andere ist zu kompliziert – und „gescheitert“ ist kein Begriff, der sich für eine Bewerbung eignet. Ggf. könnte man „Scheidungsverfahren läuft“ schreiben. Aber der Leser will, wenn er sich schon damit beschäftigen muß, auch wissen, woran er ist.

Vorrede Nr. 2: Bei Ihrer Schilderung bleibt die Logik auf der Strecke, ich habe das gerade noch rechtzeitig gemerkt. Wenn Sie erst nur wegen Ihrer Frau wechseln wollten und dieser Grund nun nicht mehr existiert, dann könnten Sie ja einfach bleiben, wo Sie sind. In einem Begleittext haben Sie mir anvertraut, daß es da durchaus noch andere Gründe gibt, der Wechselwunsch besteht also weiter.

Vorrede Nr. 3: Ich habe schlechte Erfahrungen mit dem Thema „Scheidung“. Vor Jahren saß einmal ein sehr hochkarätiger Kunde bei mir und ließ sich über die Top-Bewerber informieren, die ich inzwischen für ihn aufgetan hatte. Ich las die wichtigsten Daten aus einer dieser Bewerbungen und meiner Beurteilung vor. Durch Umblättern im Lebenslauf ergab sich eine kleine Pause, dann erläuterte ich weiter: „Der Mann ist geschieden.“Das war nicht gut, ganz und gar nicht. Mein Kunde sprang auf, war sichtlich erregt und führte mehr als erschöpfend aus, daß so etwas

a) völlig bedeutungslos wäre,

b) gar nichts zu sagen hätte und

c) er überhaupt nichts darum gäbe. Schließlich schob er nach: „… und im übrigen bin ich auch gerade frisch geschieden.“ Nein, das war nicht mein Tag. Und der Kunde kam auch niemals wieder.Was übrigens wieder einmal unterstreicht: Für Beurteilungen, Wertungen, Entscheidungsfindungen sind wir jeweils selbst der Maßstab. Das gilt – nicht nur, sondern gerade – auch für Vorstandsvorsitzende.

Zum zentralen Thema: Etwa jede dritte Ehe wird geschieden, liest man. Unabhängig, wie man selbst dazu steht, gilt stets: Was (nahezu) alle tun, kann man auf Dauer nicht beanstanden, es ist eher (fast) schon die Norm.

Also brauchen Sie beispielsweise bei Bewerbungen bis hinauf in mittlere bis gehobene Managementfunktionen insbesondere bei Kapitalgesellschaften nicht mit Bedenken zu rechnen. Ausgenommen sind Einzelfälle, die es immer gibt – und gelegentlich anzutreffende Ablehnungen bei Top-Management-Kandidaten durch private Gesellschafter o. ä.

Also wäre es in Ihrem speziellen Fall grundsätzlich durchaus denkbar, den bewerbungsempfangenen Konzern separat über den neuen Status zu unterrichten (wie gesagt, es muß ein neuer Status sein, „meine Frau versteht mich seit letzter Woche nicht mehr“ eignet sich weniger). Bitte schreiben Sie aber in jedem Fall dazu, warum Sie diese Information geben – sonst hält man Sie für kleinkariert oder schüttelt einfach so den Kopf.

Soviel dazu. Was Sie in dem Band 10 der „Karriereberatung“ gelesen haben, ist weniger meine Meinung, sondern vorrangig die nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegebene Durchschnittsmeinung betrieblicher Entscheidungsträger zu einer Frage. Die pure Wiedergabe meiner persönlichen Einstellung wäre nicht wichtig genug, um mir seit 1984 jede Woche diesen Raum zur Verfügung zu stellen. Kürzer: So viel Meinung hat kein Mensch, da muß er schon Wertvolleres bieten, z. B. Informationen über die – geltenden, nicht von mir erfundenen – „Spielregeln des Berufslebens“.

Bliebe die Frage, ob in Ihrer Bewerbung noch „ein Hund begraben“ ist. Sagen wir es einmal so, ich sehe folgende denkbaren Ansatzpunkte für kritische Überlegungen:

1. Sie schreiben im ersten Satz Ihrer Bewerbung, Sie hätten die Anzeige des Unternehmens gelesen. Na schön. Eigentlich keine direkte Sensation, weil die anderen Bewerber das auch alle sagen könnten. Und, Logik: Ohne Lesen der Anzeige hätten Sie gar nicht geschrieben. Aber: Diese Lösung einer Einleitung wird „gern genommen“, wie man im Einzelhandel sagt, um den Kunden zum Kauf zu motivieren. Wer eine Bewerbung allein aus diesem Grund ablehnen wollte, säße schnell ganz ohne Kandidaten da.

Dann aber sagen Sie im zweiten Teil dieses allerersten Satzes: „… – wollen Sie auch etwas über mich erfahren?“ Nun seien Sie doch einmal ehrlich: Was soll die Frage? So etwas ist nicht originell, nicht geistreich, bläht nur die Bewerbung auf und bringt den Leser nicht ein Stück weiter. Bitte also im Zweifelsfall keine Gags, keine gequält originellen Versuche. Sachaussagen in kurzen, präzisen, einfachen(!) Sätzen reichen hier völlig aus.

2. Sie sind heute Abteilungsleiter eines sehr(!) kleinen Unternehmens und bewerben sich bei einem Haus, das im Konzernverbund eines extrem(!) großen Namens angesiedelt ist. Das ist immer problematisch. Denken Sie an die alte Regel: Beim Wechsel in der Firmengröße hinunterzugehen, das verleiht zusätzlichen Schub, umgekehrt ist Bremswirkung festzustellen.

3. Sie machen – auch durch Ihre Schilderung der Aufgabe und der Unterstellungsverhältnisse – Ihren Führungsstatus recht deutlich. In der angestrebten Position ist diese Führung – soweit ich das erkenne – nicht unbedingt gegeben. Warnung: Nicht überall, wo Manager draufsteht, ist auch einer (mit echter Personalverantwortung) drin. Man läßt aber nicht gern einen „echten“ ehemaligen Abteilungsleiter ohne Mitarbeiterführung arbeiten.

4. Ihr Gehaltswunsch ist für die zur Debatte stehende Position extrem gering, das ist fast lächerlich. Also müssen Sie heute wohl noch weniger verdienen. Nein, mehr zu fordern hilft nicht, man wird ja stets auch nach dem heutigen Gehalt fragen (Erklärung: Argument Nr. 6).

5. Einziger Grund für den Wechsel ist lt. Ihrem Anschreiben die familiäre Situation. Anspruchsvolle Firmen wollen aber keine Bewerber, die nur deshalb zu ihnen stoßen, weil das Werksgelände im Hinblick auf die privaten Belange des Kandidaten so schön günstig liegt. Im Gegenteil: Ein solches Unternehmen würde erwarten, daß Sie für eine derartige berufliche Chance (gerade dort arbeiten zu dürfen) spontan auch auf den „Mond“ ziehen würden.

Ein bißchen ist eine Bewerbung wie ein Heiratsantrag: Der Partner will so wie er ist und um seiner selbst willen geliebt und begehrt werden – und nicht, weil er da gerade so günstig in der richtigen Gegend herumsteht.

6. Sie sind ein Bewerber aus den neuen Bundesländern. Sie sind dort geboren, aufgewachsen, haben dort studiert und dort Ihre erste, bisher einzige Berufserfahrung gesammelt. Über Ihr Unternehmen schreiben Sie wenig, man erfährt nichts über Eigentumsverhältnisse, Konzernverbindung etc. Beispiel: Ist das die Tochter einer Gruppe, bei der man West-Know-how und -produktivität voraussetzen kann oder der Rest eines fortgeführten DDR-Betriebes? Ihre Bewerbung ging an ein Top-Unternehmen im Westen ….

Ich weiß, so viele Jahre nach der Wiedervereinigung sollte das ja nun alles keine Rolle mehr spielen, aber es spielt – ob ich das hier nun zart andeute oder nicht. Die Dinge haben halt noch in vielen Bereichen ihren Sonderstatus – siehe auch das Argument Nr. 4. Die Argumente Nr. 2 und 3 werden durch diesen Umstand eher verschärft, das Argument Nr. 5 wird es ganz gewiß.

7. Sie sind heute Leiter eines ganzen Fachgebietes (das ich hier nicht zitieren will; Sie nennen sich also etwa „Leiter Entwicklung“ oder „Leiter Einkauf“) – haben aber nur etwa drei Jahre Berufspraxis nach dem Studium. Sicher, es ist eine ganz kleine Firma, aber eine derart „große“ Position auf so kleiner Erfahrungsbasis bringt bei Bewerbungen stets Probleme. Weil die Bewerbungsempfänger Ihre Position und Ihre Praxis nach ihren Maßstäben nicht vereinbaren können.Soviel zum „Hund“. Was Sie tun könnten (nicht etwa zwangsläufig müssen!):

Also ich würde versuchen, in einem Unternehmen mit klarer Prägung nach westlichem Standard (ich weiß auch, wie das klingt und wie weh das vielen tun muß) weitere Erfahrungen zu sammeln. Das kann absolut die Tochter eines größeren Unternehmens sein, die ihren Standort in den neuen Ländern hat. Aber Ihnen mit der ausschließlichen Prägung (von der Geburt bis heute) durch eine einzige Stadt könnte ein bißchen frischer regionaler Wind ohnehin nicht schaden. Bewerben Sie sich um eine reine Sachaufgabe (ohne Führung). Und dann hängen Sie Ihre heutige Position „tiefer“. Sie sind also nicht „Leiter“, sondern haben z. B. „in einem sehr kleinen Unternehmen erste Berufserfahrungen im Bereich der … gesammelt. Fachliche Schwerpunkte waren ….“

Kurzantwort:

„Probleme“, von denen ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind, fallen als möglicher „persönlicher Makel“ zwangsläufig aus: Was alle tun, wird allein dadurch „normal“. Bewerbungen haben etwas von einem Heiratsantrag. Bei letzterem ist die Begründung „deine Wohnung liegt für meine Zwecke so günstig“ auch nicht sehr erfolgversprechend.

Frage-Nr.: 1207
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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