Heiko Mell

Führungskraft in einer Beschäftigungsgesellschaft

Ich bin als Leiter … im Produktionsbereich eines …-Maschinenherstellers tätig. Unsere Firma kam leider in Turbulenzen und mußte den Konkurs eröffnen. Ein Interessent, pikanterweise unser Hauptkonkurrent, der das Unternehmen übernehmen wird, plant eine drastische Belegschaftsreduzierung und – dies ist jetzt mein persönliches Problem – er übernimmt meine komplette Führungsebene nicht.

Um die Arbeitslosigkeit abzufedern, wurde im Rahmen eines Sozialplanes eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet, in die die betroffenen Mitarbeiter eintreten können. Das gilt auch für meine Ebene. Man gilt dann nicht als arbeitslos und ist bis zu zwölf Monaten dort „beschäftigt“.

1. Wie reagiert der Markt (inkl. Personalberater), wenn ich mich aus einer Beschäftigungsgesellschaft heraus bewerbe bzw. wenn in meinem Lebenslauf eine Beschäftigungsgesellschaft auftaucht?

2. Soll ich (oder muß ich) in meinen Bewerbungen auf diese besondere Situation hinweisen?

3. Soll ich, da ich nun vom derzeitigen Arbeitgeber bzw. vom Konkursverwalter gekündigt werde, die Gründe im Zeugnis beschreiben lassen (mein Arbeitgeber kündigt mir ja nicht freiwillig, sondern auf Druck des Übernehmers)?

Ich setze alle Hebel in Bewegung, um aus dieser Misere wieder herauszukommen. Ich hoffe, daß für mich, da ich mit einem Alter von Anfang 40 unter den hier Betroffenen einer der Jüngsten bin, noch eine Chance besteht.

Antwort:

Zunächst muß ich eingestehen, gar nicht genau zu wissen, was eine Beschäftigungsgesellschaft ist, wer sie trägt, was die Mitarbeiter dort eigentlich machen etc. Der Sinn dieses Eingeständnisses liegt vor allem in folgender Überlegung: Viele andere Bewerbungsempfänger werden es auch nicht wissen. Planen Sie diesen Umstand also schon einmal ein bei Ihren Formulierungen – benutzen Sie diesen Begriff besser nicht ohne Erläuterungen.

Für Sie gilt: Sie müssen im eigenen Interesse die Zusammenhänge so „werbewirksam“ schildern, wie es nur geht – das diktiert schon der Selbsterhaltungstrieb. Und Sie dürfen nicht nachweisbar die Unwahrheit gesagt, insbesondere geschrieben haben. Das gilt übrigens bei allen Bewerbungen und unter allen Umständen.Wenn nun jemand diese Grundregeln aufmerksam liest, so wird er feststellen, daß da nicht steht: Sie sollen die Wahrheit, die ganze Wahrheit schreiben und sagen. Das ist volle Absicht.

Was ist Wahrheit? Bitte, das ist natürlich rein rhetorisch gemeint, philosophische Antworten jeder Art sind hier nicht interessant. Wahr ist aber, beispielsweise, daß Sie manchmal schlecht über Ihre Chefs denken, gelegentlich ein Auge auf Ihre Nachbarin werfen und daß Sie von Sachen träumen, die Sie nicht einmal Ihrem Kegelclub verraten. Dennoch würden Sie das nie in eine Bewerbung schreiben bzw. noch nicht einmal auf eine klare Frage (z. B. im Vorstellungsgespräch) hin zugeben.

Als Trost: Ich formuliere ständig Stellenanzeigen, was mir ebenso viel Spaß macht wie das Schreiben dieser Beiträge. Seien Sie versichert: Wir selektieren die Informationen in diesen Anzeigen ebenso. Es muß werbewirksam und es darf nicht nachweisbar falsch sein. Aber die ganze Wahrheit? Zu der gehören würde, daß dies der fünfte Besetzungsversuch in drei Jahren ist und daß der Chef intern den Spitznamen „Haustyrann“ trägt? Also.

Beide Seiten, so mein Resümee, sind einander würdig. Und „Wahrheit“ ist viel zu komplex, um in diesem Zusammenhang diskutiert zu werden. „Nichts nachweisbar falsch dargestellt, nie im Bereich klarer Fakten die Unwahrheit gesagt und nichts wirklich Bedeutendes verschwiegen“ zu haben, das reicht generell aus.Für Sie ergeben sich damit folgende Lösungsmöglichkeiten:

a) Sie schreiben schlicht, Sie hätten diese Führungsposition bei Ihrem langjährigen Arbeitgeber am … durch Konkurs verloren. Das ist eine völlig korrekte Information, die Sie zunächst total „entlastet“ in den Augen des Bewerbungslesers. „Zunächst“ bedeutet, daß zwischen Beschäftigungsende dort und Bewerbungsdatum nicht beliebig viel Zeit liegen darf. Drei Monate sind akzeptabel, vielleicht auch noch sechs. Aber bei zwei Jahren fragt sich der Bewerbungsempfänger, warum Sie in den vergangenen 24 Monaten wohl keiner der zahlreichen anderen Bewerbungsadressaten eingestellt hat – und verliert das Interesse an Ihnen.

Wenn der Bewerbungsleser Sie dann für arbeitslos hält, ist das am Anfang noch nicht problematisch – das wäre beim plötzlichen Konkurs normal. Die „Tätigkeit“ in einer Beschäftigungsgesellschaft könnten Sie bei dieser Variante dann im Vorstellungsgespräch „nachschieben“. Da es sich dabei wohl um kein „richtiges“ Arbeitsverhältnis nach üblicher Definition handelt, würde das vermutlich jeder Bewerbungsempfänger akzeptieren.

b) Sie berichten zusätzlich über die Teilübernahme der Belegschaft durch den Wettbewerber, „ausgenommen Führungskräfte der Ebenen X und Y, zu denen ich gehöre“. Das weckt aber dann doch schon Mißtrauen beim Leser („Der Konkurrent wird wohl sehr genau wissen, wer da vermutlich für die Misere verantwortlich war; in seinen Augen hat das Management halt pauschal wenig getaugt – der wird schon seine Gründe haben, schließlich kennt man sich in der Branche“).

Dann könnten Sie bei b noch die Beschäftigungsgesellschaft anführen. Der Begriff jedoch hört sich aber eher nach Sozialleistung an, weniger nach Leistungselite. Immerhin würde Sie dieser Hinweis etwas von der Vermutung entlasten, Sie stünden jetzt unter großem Existenzdruck und müßten vielleicht aus purer Verzweiflung irgendeinen Job annehmen. Aber Sie müßten komplizierte Erklärungen abgeben – und das ist generell nicht gut.

Damit Sie eine klare Empfehlung haben: In den ersten drei bis fünf Monaten nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses beim alten Arbeitgeber dürften mehr Argumente für Variante a, danach mehr für b sprechen. Es ist keine Frage, daß Ihre Chancen auf dem Markt in jedem Fall bei schnellem Handeln größer sind als sie es in sechs Monaten sein werden.Damit sind Ihre Fragen 1 und 2 beantwortet.

Zu 3: So wie ich die Dinge sehe, wäre folgendes empfehlenswert: Sie erhalten ein – möglichst gutes, natürlich – Zeugnis, in dem am Schluß steht: „Das Arbeitsverhältnis endet durch Konkurs des Unternehmens am ….“ Dann könnte das Unternehmen diesen Umstand noch bedauern, aber von einem Wettbewerber, der Teile der Belegschaft übernimmt, sollte dort ebenso wenig stehen wie von einer Beschäftigungsgesellschaft.

Es könnte keinesfalls schaden, sich zusätzlich um ein Schreiben des Unternehmens zu bemühen, in dem die Details der Übernahme durch den neuen Eigentümer dargestellt sind (“ … ausgenommen Führungskräfte der Ebenen X und Y, zu denen Herr … gehörte“). Dann könnten Sie auch später einmal eine Version belegen, die Sie dann vielleicht vertreten (müssen). Man weiß nie, wie das Leben spielt und was noch kommt.

Kurzantwort:

Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch Konkurs des Arbeitgebers ist im Zeitraum von max. sechs Monaten danach in Bewerbungen eine „gute“, allseits akzeptierte Begründung für den angestrebten Wechsel.

Bewerbungen dürfen nie die Unwahrheit (vor allem nicht im Zusammenhang mit Fakten) enthalten; die „ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ wird jedoch nicht in jedem Detail erwartet; das entspräche auch nicht der Lebenserfahrung im Hinblick auf das Verhalten von Menschen, die etwas „verkaufen“ wollen.

Frage-Nr.: 1204
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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