Heiko Mell

Behinderungen angeben oder nicht

Ich habe eine Behinderung im Bereich …. Wie soll ich damit während der Bewerbungsphase umgehen?

Antwort:

Ich habe eine Reihe von Zuschriften zu diesem Thema vorliegen. Eine der jüngeren war besonders eindringlich, also greife ich dieses Thema auf – unabhängig vom Einzelfall und von der Art der körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung.

Jeder Nichtbehinderte wird akzeptieren, daß im Interesse der Betroffenen der denkbare Toleranzrahmen bei den Empfehlungen so weit wie möglich ausgeschöpft wird.

Wichtig ist die Feststellung, daß gerade bei dieser Problematik die individuelle Einstellung des jeweiligen Entscheidungsträgers eine große Rolle spielt. Hat der im Bekannten- oder engeren Familienkreis einen solchen Fall, reagiert er ganz anders als der völlig Unbetroffene.

Fazit daraus: Der Bewerber kann nicht wissen, an wen er gerät. „Breite Streuung“ ist die daraus abzuleitende Empfehlung. Das betrifft den Empfängerkreis ebenso wie die Darstellung der Behinderung. Ich würde in möglichst vielen Bewerbungen alles Denkbare ausprobieren und nicht nur auf ein Prinzip setzen.

Generell gilt leider: Die Unternehmen, von ihren Eigentümern, von Wettbewerbern und Kunden generell zum Denken in höchsten Leistungskategorien unausweichlich gezwungen, reagieren überwiegend sehr zurückhaltend auf eine in der schriftlichen Bewerbung offen dargelegte Behinderung. Diese wird vom lesenden medizinischen Laien(!) leicht als eine Beeinträchtigung der persönlichen Einsatz- und Leistungsfähigkeit, als Basis für ein vermeintlich höheres Krankheitsrisiko oder als Grundlage für sonstige zu erwartenden internen Probleme (auch: mögliche Ablehnung durch Kollegen) interpretiert. Mit einer offenen Darlegung schon in der schriftlichen Bewerbung ist also ein extrem hohes Ablehnungsrisiko verbunden (die wahren Gründe erfährt der Betroffene natürlich niemals). Das Problem dabei: Da ja auch 99 % der nichtbehinderten Bewerber Absagen erhalten, weiß der Betroffene nie, ob nun die Behinderung oder schlechtere Zeugnisse maßgebend waren.

Mit aller Zurückhaltung und nach sorgfältiger Abwägung auch der moralischen Aspekte neige ich daher zu der Empfehlung, die Behinderung in der schriftlichen Bewerbung nicht zu erwähnen. Solange das Gegenteil nicht behauptet wurde, ist das ja auch keine Falschaussage. Ein vernünftiger Gesprächspartner wird keinen Vorwurf erheben, wenn er die Behinderung im Gespräch sieht – vorausgesetzt, diese hat keinen unbezweifelbaren Einfluß auf die angestrebte Tätigkeit.

Schwieriger ist eine Empfehlung im Hinblick auf den Umgang mit nicht sichtbaren Behinderungen im Vorstellungsgespräch. Unabhängig von der rechtlichen Betrachtung gilt: Auf eindeutige Falschaussagen bei direkten Befragungen oder in Personalfragebogen reagieren Arbeitgeber noch nach Jahren extrem kritisch. Außerdem wird im Rahmen des aufzubauenden Vertrauensverhältnisses erwartet, daß der Bewerber ggf. auch ungefragt für die Einstellung wesentliche Informationen gibt. Es bleibt mir daher nur, im Vorstellungsgespräch Offenheit zu empfehlen.

Dabei sehe ich mich keineswegs als Fachmann für dieses sehr komplexe Problem. Wenn jemand bessere Empfehlungen anbieten kann – oder andersgelagerte Erfahrungen gemacht hat -, schreibe er mir bitte. Die Betroffenen verdienen sicher jede Unterstützung.

Frage-Nr.: 1201
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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