Heiko Mell

Als Mädel vom Land Fehler gemacht?

Trotz meiner Vorbildung habe ich mich zum Studium entschlossen und bin auch eine begeisterte Maschinenbauerin. Nach meinem Studium will ich auf jeden Fall als Ingenieur für Maschinenbau arbeiten.

1. Frage zur Diplomarbeit: In etwa acht Monaten möchte ich sie beginnen. Da mein Englisch zu wünschen übrig läßt (ich weiß, ich hätte das zweite Praxissemester im Ausland machen sollen, aber zurückzublicken hilft jetzt auch nichts mehr), überlege ich zur Zeit, meine Diplomarbeit bei derselben Firma zu schreiben, in der ich meine Praxissemester ableistete, diesmal jedoch in einer Niederlassung im Ausland, z.B. in England.

Würde dies meinen Marktwert so stark steigern, daß der Aufwand (evtl. längere Studienzeit, da zu Beginn der Arbeit im Ausland Sprachschwierigkeiten zu erwarten sind) sich lohnt, oder sollte ich versuchen, mit Sprachkursen (ich bin schon dabei) dieses Defizit zu minimieren?

2. Frage zur Bewerbung: Ich muß spätestens für die Bewerbung um einen Arbeitsplatz meinen Lebenslauf verkaufen. Wie sieht die andere Seite (im Moment stellvertretend Sie) diesen Werdegang (vielleicht sollte ich noch dazuschreiben, daß der Aufstieg von einer Fleischereifachverkäuferin zum Maschinenbauingenieur nicht eine der leichtesten Übungen ist)?

Kann man erkennen, daß ich hartnäckig, konsequent und eisern bin oder falle ich schon allein durch meine Vorbildung aus dem Netz heraus? Vor allen Dingen, wie soll ich meinen Lebenslauf verkaufen (als vierzehnjähriges Mädel vom Land macht man schon mal Fehler)?

Ich kenne Ihre oftmals schonungslose Art, Fragen zu beantworten, trotzdem würde ich mich freuen, Antworten auf meine Fragen zu bekommen, es ist wichtig.

Antwort:

Natürlich ist da die Versuchung (für mich), anzuspringen auf die Selbstbeurteilung einer jungen Frau als „hartnäckig, konsequent und eisern“. Allein, ich widerstehe. Weil es nicht nur unfair wäre, sondern auch das Thema nicht träfe. Vielleicht auch, weil ich die Erkenntnis mag neu für Sie sein die Fähigkeit bei Ihnen spüre, andere für sich einzunehmen. Sie schreiben in einer so seltenen Mischung aus entwaffnender Offenheit und nachdrücklichem Engagement, daß ein hartgesottener Profi wie ich hier schlicht nicht nur seine Pflicht tun, sondern Ihnen darüber hinaus auch persönlich helfen will. Das ist eine Gabe, die Sie nicht geringschätzen dürfen. Und die den Rat erlaubt: Machen Sie etwas daraus.

Stoßen wir einmal zu Ihrem Zentralproblem vor, das Sie erkennbar belastet. Da habe ich nun eine gute Nachricht für Sie: Lösen kann ich es zwar nicht, aber doch vom Tisch wischen. Klarer gesagt: Hören Sie auf, sich dieses Problem einzureden, dann haben Sie auch keines.

Oder noch einfacher: Sie waren Fleischereifachverkäuferin und werden nun Maschinenbauingenieurin. Na und? Ist doch toll. Probleme gibt`s dabei erst, wenn Sie welche daraus machen, sich verkrampfen und Erklärungen anbieten, die eigentlich niemand verlangt hat.Schauen wir in Ihren Lebenslauf. Da heißt es im Original:“von bis Ausbildung als Fleischereifachverkäuferin, Metzgerei Müller, Adorfvon bis Berufstätigkeit als Fleischereifachverkäuferin, Metzgerei Schulze, Bstadt“

Das ist korrekt, aber ein bißchen viel an breitgetretener Darstellung hier nicht hilfreicher Berufsbezeichnungen. Machen Sie doch folgende Formulierung daraus (die ja nicht unkorrekt wäre, Sie aber von einem Reizwort befreien würde, das Sie belastet):

„von bis Lehrausbildung im Einzelhandel, anschließend 11monatige Beschäftigung im erlernten Beruf“

Dabei ziehen Sie unter „von bis“ Lehre und Praxis zusammen. Das akzeptiert jeder, das klingt vor allem für Sie(!) viel harmloser und wirft in völlig korrekter Art und Weise 2x „Fleischereifachverkäuferin“ und 2x „Metzgerei“ aus Ihrem Lebenslauf.

Bei der Gelegenheit gebe ich Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste eine Ehrenerklärung für Metzgereien und Fleischereifachverkäuferinnen ab. Nichts liegt mir ferner, als etwa den Verdacht zu nähren, es sei aus der Sicht von Ingenieuren anrüchig, dieser Berufsgruppe anzugehören. Ganz im Gegenteil: Ich beispielsweise liebe gutes Fleisch und so weiter, nichts läge mir ferner als Verzicht auf Erwerb und Verzehr. Aber es hat schlicht keinen Sinn, bei Bewerbungen in völlig anderen Branchen die eigene frühere „Andersartigkeit“ unnötig breitzutreten. Ich würde umgekehrt auch einem gelernten „Zerspanungsmechaniker der Fachrichtung Drehen“ (oder wie immer das heute heißt) raten, diesen Tatbestand bei einer Bewerbung an die Metzgerinnung weniger pointiert auszudrücken („Ausbildung und anschließende Tätigkeit in einem metallverarbeitenden Beruf“). So, das dazu.

Sollten Sie, geehrte Einsenderin, beispielsweise Freude an einer Tätigkeit als Vertriebsingenieur haben, wären Ihre Ausbildung und die Praxis sogar eine ausgezeichnete Empfehlung. Und sie würden als Indiz für Verkaufsbegabung anerkannt. Sie hätten damit einen Vorsprung vor Mitbewerbern, die zwar in den Vertrieb wollen, aber noch nie mit Kunden zu tun hatten. Bei der Gelegenheit: Auch für eine Bewerbung beispielsweise als Konstrukteur bei einem Hersteller von Anlagen für die Fleischverarbeitung in großem Stil könnte Ihre frühere Tätigkeit durchaus von Nutzen sein.Und was den so wichtigen roten Faden angeht: Man will ihn erkennen in derKette Studium / erste praktische Tätigkeit danach / weitere praktische Tätigkeiten danach. Alles, was vor dem Studium war, wird mit größter Nachsicht gewertet. Eine nicht zum Studium passende Lehre ist kein wirkliches Problem junge Menschen suchen mitunter etwas herum, bis sie ihren Weg gefunden haben (Achtung, die Betonung liegt auf „jung“; bei manchen Bewerbern hat man den Eindruck, die Sucherei werde niemals abgeschlossen).

Natürlich, das muß man sehen, mag je nach angestrebter Startposition der eine oder andere Mitbewerber einen Vorteil dadurch haben, daß er eine besser passende Lehre absolviert hat. Aber vielleicht hat er andere Nachteile aufzuweisen. Jedoch schlechter dran als andere FH-Absolventen, die gar keine Lehre mitbringen, sind Sie absolut nicht.

Ein anderes, viele Leser ebenfalls betreffendes Thema darf ich noch anschneiden: Sie kommen vermutlich aus einem nichtakademischen Elternhaus, haben Hauptschulabschluß und sich dann Stufe um Stufe emporgearbeitet. Das ist anerkennenswert, kann aber auch besondere Schwierigkeiten begründen.

Häufig führt diese Prägung zu einer unbewußten inneren Einstellung, die den Weg bereits als Ziel definiert. Ich meine damit den Weg zum akademischen Abschluß, der so viel Mühe gekostet hat und in den Augen des ganzen familiären Umfeldes so viel bedeutet, daß auch der Betroffene schon „es ist erreicht“ denkt als sei dies das Ziel allen Strebens gewesen. Wenn man erst einmal Diplom-Ingenieur ist, gelten die wesentlichen Vorhaben im beruflichen Bereich als abgeschlossen, der Rest ergibt sich dann „von selbst“.

Bis man merkt, daß das so nicht richtig ist, daß der erfolgreiche Studienabschluß nicht mehr ist als eine Eintrittskarte in das anspruchsvollere Berufsleben, daß der Kampf eigentlich jetzt erst richtig beginnt, ist leicht schon wertvolles Terrain verloren.

Oft führt auch die jahrelange Konzentration auf das gesehen vom Startpunkt aus „hohe Ziel“ des Studienabschlusses, später zu einer gewissen „Verkrampfung“ bei der Ausübung der beruflichen Tätigkeit. Betroffene Mitarbeiter wachen oft argwöhnisch darüber, auch ja nur Aufgaben übertragen zu bekommen, die „zum Tätigkeitsinhalt eines Ingenieurs“ gehören und möglichst deckungsgleich mit den ehemaligen Studienschwerpunkten sind.

Auch in diesem Bereich sind Kinder aus akademischen Elternhäusern oft gelassener, reagieren sie praxisnäher. Da hat dann beispielsweise der Vater jahrzehntelang Geschichten aus seiner Studenten- und Berufsanfängerzeit erzählt woraus der Nachwuchs erkennen konnte, daß ein frischgebackener „Diplom-…“ in der Praxis nicht etwa „alles“ ist, sondern ein ebenso „kleiner“ Anfänger, wie er es bei Studienbeginn an der Hochschule, als Rekrut bei der Bundeswehr oder als Auszubildender im ersten Lehrjahr war. Und studiert haben Vater und/oder Mutter Fachrichtung A, sind jetzt aber zufrieden tätig in den Gebieten B und C wie das Leben so spielt (und eben fern aller Studienschwerpunkte).

Was das heißen soll? Nun, das, was hier steht. Nicht mehr und nicht weniger. Aufsteiger haben es halt schwerer als Menschen, die einen vorgeprägten Weg gehen. Aber sie haben auch mehr Chancen, Erfolgserlebnisse zu verbuchen und eines Tages besonders zufrieden auf Erreichtes zurückzublicken. Als Warnung: Einen Bonus für schwierige Ausgangslagen gibt es im Leben nicht. Gewertet werden jeweils nur Können und Fähigkeiten, Erreichtes und Angestrebtes.

Nun zu den konkret gestellten Fragen:

Zu 1: Schlechtes Englisch ist schlechtes Englisch. Ob das auf Prägung durch die Hauptschule oder Faulheit auf dem Gymnasium zurückgeht, spielt keine Rolle. Ihre Absicht, das jetzt abzustellen, ist in jedem Fall lobenswert.

Dabei gilt: Im Ausland erworben, zählen Fremdsprachenkenntnisse doppelt. Sie wohnen heute in einer mittleren Stadt, dort haben Sie auch bei dem wohl größten (namhaften) Industrieunternehmen beide Praxissemester absolviert. Andere Praktika tauchen im Lebenslauf nicht auf. Die zusätzliche Anfertigung der Diplomarbeit bei diesem Unternehmen am Wohnort könnte Ihren Lebenslauf arg „provinziell“ aussehen lassen. Das schiene mir die schlechteste Lösung zu sein.

Die beste bestünde darin, jetzt eine Diplomarbeit im Ausland bei einem ganz anderen Unternehmen zu bekommen. Diese Arbeit bei einer ausländischen Tochter des ortsansässigen Unternehmens auszuführen, wäre (mit nur geringem Abstand) die zweitbeste Wahl.

Bleiben Sie hingegen jetzt wieder am Ort, dann fehlt Ihnen erstens jeder Auslandsbezug und zweitens wird Ihre Verbindung zu diesem einen Unternehmen so eng, daß Sie schon sicher sein sollten, nach Studienende dort auch einen Vertrag zu bekommen. Sonst fragen sich später andere Bewerbungsempfänger: „Beide Praxissemester und die Diplomarbeit bei der XYZ AG warum hat dieses Unternehmen die Bewerberin dann nicht eingestellt?“

Wenn Ihr Studium insgesamt durch eine Diplomarbeit im Ausland etwas länger wird (10 statt 9 Semester), dann scheint mir dies das kleinere Übel zu sein. Nicht nur für die Startposition, sondern vor allem für die 35 bis 40 Berufsjahre danach gilt: Ohne gutes Englisch geht gar nichts mehr, ohne Auslandspraxis geht immer weniger. Schon heute fällt bei vielen Firmen die traditionelle Trennung Inland Ausland völlig weg. Man unterscheidet nach Geschäftsbereichen und innerhalb dieser nach Standorten. Früher lag davon einer in Hamburg und einer in München. Heute liegt einer in Manchester und einer in Budapest mit engerer Verzahnung, als sie früher zwischen Hamburg und München bestand. Wer selbst im Ausland war, macht es glaubhafter, ein „Kind dieser Zeit“ zu sein.

Zu 2: Der Kern ist beantwortet. Nein, schreiben Sie nicht dazu, daß der „Aufstieg von einer Fleischereifachverkäuferin zum Maschinenbauingenieur nicht eine der leichtesten Übungen“ ist. Sehen Sie, ich behaupte einfach einmal, u. a. auch ein freundlicher, netter Mensch zu sein. Das wird spätestens dann kritisch, wenn ich es hinschreibe. Lassen Sie die Leute selbst herausfinden, daß Ihr Weg für eine Menge guter Eigenschaften steht jeder Fachmann weiß das ohnehin. Und (siehe oben) vermeiden Sie folgenden Eindruck bei dem Leser Ihrer Bewerbung: „Mein Gott, ich will einfach einen ganz normalen, tüchtigen Ingenieur. Diese Bewerberin will wohl noch ständig ein Sonderlob für ihren speziellen Berufsweg vermutlich reagiert sie verkrampft und denkt wunder, was sie da jetzt Tolles geworden ist.“

Den meisten Leuten wird Ihr Weg besonders imponieren, wenn sie ihn einfach aus dem Lebenslauf herauslesen. Und dann, neugierig gemacht, Ihr Zeugnis der fachgebundenen Hochschulreife lesen. Mit einer sehr guten Mathematiknote. Das ist eine Menge für ehemalige Hauptschüler.

Nun machen Sie mal so weiter. Sie haben also gar kein spezielles Problem. Und sagen Sie bloß nicht wieder, Sie seien „eisern“. Das klingt so unerbittlich bei einer jungen Frau, da fürchtet man sich ja fast.

Na, war es so schlimm mit meiner „oft schonungslosen Art“?

Kurzantwort:

Eine vor dem Studium absolvierte, völlig „neben“ der späteren Fachrichtung liegende Lehre führt eventuell zu einem reinen Zeitverlust, bringt aber kaum andere Nachteile. Die übliche Forderung nach dem „roten Faden“ im Werdegang umfaßt vor allem Studium und anschließende Berufspraxis. Die Herkunft aus einem akademisch gebildeten Elternhaus kann durchaus das Studium und den Einstieg ins Berufsleben erleichtern.

Frage-Nr.: 1190
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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