Heiko Mell

Technischer Leiter mit Aufhebungsvertrag

Nach mehrjähriger Tätigkeit in anderen Unternehmen wechselte ich (Dr.-Ing.) vor ca. drei Jahren zu einem mittelständischen Familienunternehmen. Die neue Stellung als „Technischer Leiter“ sollte später noch ausgebaut werden.

Der Firmeninhaber, bis dahin selbst aktiv in meinem Aufgabenbereich, wollte sich altersbedingt allmählich zurückziehen. Es entwickelte sich schnell ein Vertrauensverhältnis, ich konnte bald Erfolge nachweisen.

Dann erkrankte der Inhaber und verstarb. Ohne seine Rückendeckung merkte ich, daß meine Situation sich verschlechterte. Die vorgesehene Übernahme zusätzlicher wesentlicher Aufgaben auf mich wurde von denverbliebenen Geschäftsführern erst einmal vertagt.Vor kurzem wurde mir dann mitgeteilt, daß aufgrund von Änderungen in der Firmenstruktur meine Position zukünftig entfalle. Der Beirat habe beschlossen, einen neuen Technischen Geschäftsführer einzustellen, der mein Gebiet mit abdecke. Es kam zumAufhebungsvertrag, der mich jedoch noch einige Zeit finanziell absichert.

1. Wie kann ich die Situation, die zumAufhebungsvertrag geführt hat, in Bewerbungen plausibel darstellen und dabei dem Grundsatz entsprechen, nichts Negatives über das Unternehmen zu sagen?

2. Ich habe mich bisher um gleichwertige Positionen (ohne Aufstieg) beworben, da ich dort die größten Chancen sehe. Dabei scheint mein derzeitiges Gehalt (ca. 200.000,- DM p. a.) in einer kritischen Höhe zu sein.

Antwort:

Zu 1.: Ihre Situation ist klar, eindeutig und nachvollziehbar. Schildern Sie dieselbe kurz und knapp, ohne alle „Verästelungen“ und durchaus wahrheitsgemäß. Nicht kompliziert, sondern einfach und schnell begreifbar. Sagen wir in einem einzigen Briefabsatz und in drei Minuten im Gespräch (üben!). Beispiel:

„Ich war vom Firmeninhaber (Seniorchef) als sein potentieller Nachfolger in technischen Teilfunktionen (nicht in der Firmenleitung) vorgesehen. Es gelang mir, sowohl Sacherfolge zu erzielen als auch sein Vertrauen zu gewinnen. Nach seinem plötzlichen Tod kam eine Gruppe innerhalb der Familie an die Macht, die offenbar einen anderen Kurs verfolgte und sich auch von mir als dem Vertrauten des früheren Chefs trennte. Ich akzeptiere diese Veränderung absolut, sie liegt innerhalb des üblichen Risikos bei den gegebenen Eigentumsverhältnissen. Nach Abschluß eines absolut fairen Aufhebungsvertrages (Zwischenzeugnis anbei) suche ich nun eine neue, adäquate Herausforderung.“

Dies ist mit positiver Grundhaltung gegenüber dem alten und den neuen Eigentümern sowie dem Wirtschaftssystem an und für sich vorzubringen (ich nenne das eine „staatstragende“ Haltung). Dabei brauchen Sie mit größeren Akzeptanzproblemen nicht zu rechnen.

Zu 2.: Das kann durchaus sein. Rechnen Sie doch noch einmal nach, vielleicht verdienen Sie ja heute auch nur 180.000,- DM p. a. Geschickt wäre der Zusatz: „Entscheidend ist jedoch die Aufgabenstellung.“ Selbst wenn Sie sich dabei verrechnet haben sollten (und das irgendwann einmal jemand merkt): Mir ist in 30 Berufsjahren niemand begegnet, dem man „Tiefstapelei“ vor-geworfen hätte. Das „Delikt“ gibt es gar nicht, nutzen Sie dieses Phänomen für Ihre Zwecke aus.

PS. Sie sind im richtigen Alter, Ihr Zwischenzeugnis ist absolut in Ordnung, Ihr letztes End-Arbeitgeberzeugnis ist brillant. Also dann los, es wird schon werden!

Kurzantwort:

Bei Bewerbern aus Familienunternehmen ist die Erklärung absolut glaubwürdig, sie hätten ihre Position nach dem plötzlichen Tod des Inhabers und durch die erbbedingt neu entstandenen Machtverhältnisse verloren. Wegen dieser Konstellation ist nicht mit Akzeptanzproblemen bei Bewerbungen zu rechnen (wenn es ein Einzelfall bleibt).

Frage-Nr.: 1168
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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